M. Zückert u.a. (Hrsg.): Religion in den böhmischen Ländern

Cover
Titel
Religion in den böhmischen Ländern 1938-1948. Diktatur, Krieg und Gesellschaftswandel als Herausforderungen für religiöses Leben und kirchliche Organisation


Herausgeber
Zückert, Martin; Hölzlwimmer, Laura
Reihe
Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 115
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
433 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katerina Capkova, New York University in Prague

Die Geschichte der Kirchen und Religionsgemeinschaften im 20. Jahrhundert stand lange Zeit am Rande des historiographischen Interesses. Sozialwissenschaftler wie Historiker nahmen an, dass die Bedeutung der Religion im Zeitalter der modernen Nationalstaaten in den Hintergrund gerückt sei. Hinzu kommt, dass in den kommunistischen Staaten eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Religion Tabu war. Deshalb ist die Initiative des Collegium Carolinum in München zu begrüßen, vermehrt religiöse und kirchliche Aspekte der Geschichte der böhmischen Länder in den Fokus seiner Forschungsprojekte und Publikationen zu rücken.

Der anzuzeigende Sammelband umfasst Beiträge zweier Konferenzen, die 2005 in München und 2006 in Prag stattfanden. In ihrer Einführung umreißen Martin Zückert und Laura Hölzlwimmer die Themenfelder neuer religionsgeschichtlicher Forschungen. Sie sollen das wechselseitige Verhältnis von Religion, Nation und Staat analysieren, konfessionsvergleichende und -übergreifende Fragestellungen thematisieren, und sich nicht nur auf die institutionellen Entwicklungen der Kirchen beschränken, sondern auch Veränderungsprozessen innerhalb der Religionsgemeinschaften nachgehen. Mit Blick auf den eigenen Band geben die Herausgeber indes selbstkritisch zu, dass dieses Programm nur teilweise erfüllt wurde und dass man die darin versammelten Texte eher als eine Bestandsaufnahme betrachten möge.

Das Buch ist chronologisch in vier Abschnitte gegliedert. Während sich die Beiträge des ersten Themenblocks mit der Rolle der Religion und der Kirchen in der Ersten Republik auseinandersetzen, sind die drei nachfolgenden Blöcke dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit gewidmet, und hier insbesondere dem religiösen Wandel in der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft sowie der Religions- und Kirchenpolitik in der „Dritten Republik“ (1945-1948). Den Sammelband beschließt ein Dokumentenanhang, der die ersten Botschaften und Hirtenbriefe der drei größten christlichen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg beinhaltet.

Martin Schulze Wessel (München), der bereits vor seinem Amtsantritt als Vorsitzender des Collegium Carolinum mit Veröffentlichungen zum Thema Religion und Nation hervorgetreten ist[1], untersucht die Beziehungen zwischen Kirche, Nation und Staat in den böhmischen Ländern im Vergleich zu Frankreich und Deutschland. In seiner Analyse arbeitet er heraus, dass die katholische Kirche in der Tschechoslowakei einen Konsens mit dem neuen Staat eingehen musste, da der tschechische politische Nationalismus die protestantische Tradition bevorzugte. Gleichwohl kam es nicht zu einer völligen Trennung von Staat und Kirche. Aus diesem in der Zwischenkriegszeit eingeübten ‚Modus vivendi’ erklärt sich auch die später eher zurückhaltende Einstellung der Kirche gegenüber der wachsenden Rolle der kommunistischen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Seiten – Politiker wie auch Kirchenvorsteher – wollten einen offenen „Kulturkampf“ vermeiden. Dass tschechische und deutsche Katholiken zwischen den beiden Weltkriegen getrennt voneinander die Traditionen (zum Beispiel die Heiligenkulte) ausübten und separat in Vereinen und Zeitschriften tätig waren, zeigt Jaroslav Šebek (Prag). Die national bedingten Spannungen reichten bis in die Ordensgemeinschaften. Miroslav Kunštát (Prag) geht in seiner Analyse noch weiter und zeigt überzeugend, dass die Unterschiede zwischen tschechischen und deutschen Katholiken auch theologische Konsequenzen nach sich zogen. Während die tschechischen Katholiken die lateinische Liturgie behielten, entwickelte sich die Messe der deutschen Katholiken zu einer „reformorientierten deutschen Volksmesse, mit Gesängen und Gebeten in der Nationalsprache“ (S. 67).

Die neueste Historiographie zur Rolle der katholischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges analysiert Christoph Kösters (Bonn). Er geht auf vier verschiedene Aspekte des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus ein: nationalsozialistische Religionspolitik, Kirche und Katholiken in der Kriegsgesellschaft, kirchlicher Antisemitismus sowie christlicher Widerstand im Krieg. Emilia Hrabovec (Bratislava) beschreibt detailreich die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den böhmischen Ländern während des Krieges. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das „Protektorat“ und die tschechoslowakische Exilregierung in London, sondern sie nimmt ebenfalls das Verhältnis des Vatikans zu den Sudetendeutschen in den Blick. Der Beitrag von Jan Stribrny (Prag) gibt einen kurzen Überblick über die Rolle der Kirchen im „Protektorat“. René Küpper (Bonn) befasst sich anschließend mit dem kontroversen Thema der politischen Instrumentalisierung der katholischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges. Sein Beitrag zeichnet ein überzeugendes Bild vom katholischen Klerus, der den Nationalsozialisten zwar „propagandistisch partiell von Nutzen war, ohne aus innerer Überzeugung zu kollaborieren“ (S. 170f.). Martin Zückert (München) konzentriert sich in gleich zwei Beiträgen auf das kirchliche Leben und den religiösen Wandel in den Grenzregionen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Hierzu wertete er eine Fülle von bisher weitgehend unerschlossenem Archivmaterial aus. Er zeigt unter anderem, wie das Sudetenland nach dem Krieg im unterschiedlichen Kontext zum „Missionsland“ abgestempelt wurde. Wichtig ist seine Feststellung, dass die Beziehung der Sudetendeutschen zur Kirche und zum Glauben im Krieg und in der Zeit ihrer Vertreibung gestärkt wurde, wohingegen die Kirche bei den neu Zugezogenen aufgrund ihrer kirchlichen, sozialen und ethnischen Heterogenität eine eher untergeordnete Rolle spielte, was die kommunistischen Politiker auszunutzen wussten. Johann Großruck (Timmelkam, Österreich) folgt mit einer Fallstudie über das Prämonstratenser-Chorherrenstift Schlägl an der Grenze zwischen Böhmen, Bayern und Oberösterreich.

Der Beitrag von Árpád von Klimó (Potsdam) bietet eine allgemeine Einführung in die Problematik des religiösen Wandels durch Krieg und gesellschaftliche Transformation nach 1945. Im Zentrum seines Textes steht die These vom Aufschwung der Religion und Kirchlichkeit im Europa der Nachkriegszeit, der sich unter anderem in der Stärkung der christlich-demokratischen Parteien widerspiegelte. Wie die konkrete Situation in den böhmischen Ländern aussah, besprechen Jirí Hanus (Brno) für die tschechische katholische Kirche und Rainer Bendel (Tübingen) für die vertriebenen deutschen Katholiken.

Martin Teplý (Dresden) analysiert in seinem übersichtlichen Beitrag die Frage nach der Religionsfreiheit in der „Dritten Republik“. Einerseits war die Religionsfreiheit in der Verfassung garantiert, und die Regierung versuchte die Kirchen für den Zweijahresplan (größtenteils erfolgreich) zu gewinnen, andererseits beschränkte man erheblich den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche durch die Abschaffung des Religionsunterrichtes und einiger kirchlicher Feiertage, durch die Sendezeitkürzung im Radio, sowie ökonomisch durch die Bodenreform. Michal Pehr (Prag) beschreibt die Geschichte der christlichen Volkspartei bis zum Februar 1948 und Jaroslav Cuhra (Prag) die diplomatischen Beziehung zwischen Vatikan und der Tschechoslowakei; Jaroslav Šebek (Prag) analysiert die Zeitschrift „Katolík“ in den drei Nachkriegsjahren. Interessante Argumente bringt Jan Lata (Brünn) in seiner detaillierten Analyse der kirchennahen Presse hinsichtlich ihrer Darstellung der Vertreibungen. Er zeigt die zum Teil sehr weit auseinander gehenden Ansichten der einzelnen Kirchen, die von der sehr stark antideutschen Haltung der Tschechoslowakischen Kirche bis hin zu einzelnen prodeutschen Stimmen in katholischen und protestantischen Kreisen reichten. Schließlich behandelt Monika Hanková (Prag) in ihrem Beitrag den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden nach der Shoah. Die Tätigkeit der Gemeinden hat die religiöse Dimension weitgehend überschritten, da diese insbesondere auf die soziale und rechtliche Pflege der Überlebenden ausgerichtet war.

Der nur unzureichende Forschungsstand bringt es mit sich, dass einige der Autoren in der Sammlung einen faktographischen Zugang wählten und eine kritische Interpretation ausblieb. Hiervon zeugen auch die häufigen Hinweise der Autoren auf die zahlreichen Forschungsdesiderate am Ende ihrer Texte. Außerdem haben wenige Texte den in der Einführung formulierten Anspruch des vergleichenden und interkonfessionellen Charakters erfüllt. Auch geographisch gibt es Einschränkungen: Die Beiträge behandeln fast ausschließlich Böhmen. Gerade in Bezug auf die Religiosität gab es jedoch große Differenzen zwischen Böhmen und Mähren, die eine nähere Betrachtung verdient hätten. Zusammenfassend stellt aber der Sammelband einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der böhmischen Länder im 20. Jahrhundert dar, da er die von der Forschung bislang vernachlässigten Felder der Religions- und Kirchengeschichte aufgreift und absteckt.

Anmerkung:
[1] Schulze Wessel, Martin (Hrsg), Nationalisierung der Religion und Sakralisierung der Nation im ostlichen Europa, Stuttgart 2006; ders., Maner, Hans-Christian (Hrsg.), Religion im Nationalstaat in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen (1918-1939). Polen-Tschechoslowakei-Ungarn-Rumänien, Stuttgart 2002.