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Titel
Der Wissenschaftsrat. Entwicklungslinien der Wissenschaftspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1957-2007


Autor(en)
Bartz, Olaf
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wilfried Rudloff, Universität Kassel

Auf die Frage, wer schuld sei an der ganzen Misere des Bildungswesens, glaubte Gerd Roellecke, ehemaliger Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Mitte der 1980er-Jahre an erster Stelle den Wissenschaftsrat nennen zu müssen. Es gebe „in den letzten zwanzig Jahren keine hochschulpolitische Torheit von einigem Gewicht, die der Wissenschaftsrat nicht wärmstens empfohlen hat.“ Die Hochschulen sollten „deshalb das größte Interesse an der Abschaffung des Wissenschaftsrates haben.“ Wie auch für Roellecke schon unschwer vorauszusehen war, sollte es zu einem solchen Exodus des Rates indes nicht kommen: „Denn für die jeweiligen Regierungen ist er das optimale Mittel, ihre jeweilige Bildungspolitik mit dem Segen der Wissenschaft unter das Bildungsvolk zu bringen.“[1] Roelleckes Perspektive ist nicht die Sichtweise von Olaf Bartz, dessen Monographie über den Wissenschaftsrat ein ganz anderes Porträt zeichnet. Es ist eher das Bild einer höchst verdienstvollen und lebenskräftigen Einrichtung.

Eine Studie über die Geschichte des Wissenschaftsrats führt ins Zentrum der bundesdeutschen Hochschulpolitik – sofern sich in dem an sich polyzentrischen Kräftefeld ein solches überhaupt ausmachen lässt. Die enge Verschränkung von Vertretern der Wissenschaft, der Verwaltung und der Politik, die den Wissenschaftsrat in seinen Bauprinzipien auszeichnet, bildet ein institutionelles Arrangement, das Planungsprozesse und Konzeptionsbildung in den Grenzen des politischen Möglichkeitsraums hält und exzentrische Ausschläge verhindert. Wie die Arbeit von Bartz verdeutlicht, handelte es sich gleichwohl um eine mitunter gefährdete Mittellage. Der Wissenschaftsrat stand mal ganz im Vordergrund der Hochschulpolitik, mal trat er zurück in die zweite Reihe, mal war seinen Empfehlungen ein durchschlagender Erfolg beschieden, mal blieben sie ohne die erhoffte Resonanz (häufig vor allem bei den eigenen Professorenkollegen an den Hochschulen). Im großen Ganzen repräsentierte er aber, verbürgt durch seine konsensorientierte Methodik der Meinungsbildung, die „ideelle Mitte“ der Hochschul- und Wissenschaftspolitik. Allerdings brauchte es manchmal Jahrzehnte, ehe eine einstmals gescheiterte und womöglich längst vergessene Empfehlung – wie die zur Studienreform von 1966 – eine späte Bestätigung erfuhr: in diesem Fall erst im Zuge des „Bologna-Prozesses“ seit 1999.

Die Arbeit fußt in Teilen auf der Dissertation des Verfassers[2], wurde in ihrem zeitlichen Rahmen aber bis in die Gegenwart hinein verlängert; sie umschließt damit die gesamte Lebensspanne des Gremiums von der Gründung 1957 bis zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum im letzten Jahr. Neben etlichen Regalmetern an Berichten, Empfehlungen und Stellungnahmen, welche die hochschul- und wissenschaftspolitischen Politikberater im Laufe der Jahre produziert haben, standen Bartz auch die archivalischen Schätze des Gremiums bis in die jüngste Zeit zur Verfügung. Im Mittelpunkt der Schilderung stehen die Empfehlungen und Gutachten selbst, die Wegweisungen der wissenschafts- und hochschulpolitischen Auguren. Die Konflikte um ihre Entstehung, die Wege und Irrwege der Rezeption und insbesondere die Anverwandlung der Ratschläge in den Kultusministerien und Hochschulen treten demgegenüber zwar etwas zurück, aber sie werden keineswegs ausgeblendet. Am Ende der Arbeit steht eine quantitativ angelegte, informative Gesamtauswertung der Mitgliederstruktur des Gremiums.

Der Schilderung erweckt streckenweise den Eindruck, als läge ihr eine versteckte Teleologie zugrunde – mit dem Zielpunkt der autonomisierten, funktional differenzierten und qualitativ hierarchisierten Wettbewerbshochschule (inklusiv gestufter Studiengänge), jenem neuen Leitbild also, das unter tatkräftiger Mitwirkung des Wissenschaftsrats in den letzten beiden Jahrzehnten allmählich Gestalt gewonnen und zuletzt auch Eingang in die universitäre Wirklichkeit genommen hat. Die Geschichte des Wissenschaftsrats wäre demnach als eine Suchbewegung zu verstehen, an deren Anfang der Übergang von der Elite- zur Massenuniversität stand und die durch die regelmäßig wiederkehrende Sorge des „internationalen Zurückfallens“ weiter bestärkt wurde. Die Frage lautet dann, ob und inwiefern es dem Gremium gelang, ein mit dem Massenstudium kompatibles, später auch auf internationale Wettbewerbsfähigkeit angelegtes Leitbild zu entwickeln.

Schon die Frühgeschichte des Wissenschaftsrats stand unter diesen Vorzeichen. Allerdings sieht Bartz den Blick der frühen Protagonisten durch die rückwärtsgewandte Idealisierung dessen getrübt, was er als „Humboldtianismus“ bezeichnet – das axiomatische Festhalten an den alten Grundideen der Einheit von Forschung und Lehre, der Lehr- und der Lernfreiheit, der „Ordinarienuniversität“, der Gleichwertigkeit und Einheitlichkeit aller Universitäten und der bewussten Distanz zum beruflichen Ausbildungsauftrag. Seine Interpretation schließt damit an die Deutung Sylvia Palatscheks an[3], führt zugleich aber auch über sie hinaus, indem der Mythos der „Humboldtschen“ Idee der Universität nicht nur als ein in höchst unterschiedlichen Kontexten zu Legitimationszwecken stets abrufbare „Erfindung“ gedeutet wird, sondern auch als ein sperriges Hindernis auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Verständnis des tertiären Bildungswesens nach 1945. Ein erster Ausbruchsversuch aus diesen Fesseln wurde in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren unternommen, auf dem Höhepunkt des Bildungsbooms. Treibende Kraft war der künftige Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Hans Leussink, bis 1969 Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Nachdem aber die Bemühungen um eine über Humboldt hinausweisende Programmatik – gestufte Studienabschlüsse, Integrierte Gesamthochschule, eventuell auch eine Neuordnung des Hochschulzugangs – nicht zu einem neuen, tragfähigen Konsens geführt hatten, kehrte der Wissenschaftsrat (wie die Hochschulpolitik insgesamt) schnell wieder zurück zu einem, wie Bartz schreibt, „Humboldt mit beschränkter Haftung“.

Neuerlich durchbrochen wurde diese Ausrichtung dann Mitte der 1980er-Jahre, als das Gremium seine „Empfehlungen zum Wettbewerb im deutschen Hochschulsystem“ vorlegte. Sie erlangten vorerst zwar kaum praktische Durchschlagskraft, gaben aber ein konzeptionelles Leuchtzeichen ab, das, aus der Retrospektive betrachtet, auf künftige Entwicklungen vorausweisen sollte. Wie auch mit anderen seiner Empfehlungen jener Jahre machte sich der Wissenschaftsrat nunmehr daran, neue Leitbegriffe und Instrumente zu konzipieren, die erst sehr viel später in aller Munde sein würden, Leitkonzepte und -gedanken wie Evaluation (in den 1980er-Jahren vom Wissenschaftsrat erstmals an den „Blaue-Liste“-Instituten erprobt), Qualität, Wettbewerb oder Effizienz. Zwischen dem Jahrzehnt dieser „Theoriearbeit“ und der Umsetzungsperiode im neuen Jahrtausend (an der er „eher in zweiter Reihe“ beteiligt sein würde) lag als Hochphase der Einflussmöglichkeiten des Wissenschaftsrats die gewichtige Rolle, die er beim Umbau der Wissenschafts- und Hochschullandschaft in den neuen Bundesländern spielte – einem Umbau nach dem Muster des zugleich immer mehr in die Kritik geratenden westdeutschen Modells, das Bartz indes als seinerzeit ohne tragfähige Alternativen ansieht. In den 1990er-Jahren wieder auf „Normalmaß“ zurückgestutzt und vornehmlich als Evaluationsagentur unterwegs, nach der Jahrtausendwende beim Anlaufen des „Bologna-Prozesses“ und bei der Föderalismusreform mehr in die Zuschauerrolle gedrängt, spielte der Wissenschaftsrat bei der Durchführung der Exzellenzinitiative zuletzt dann wieder eine wesentliche Rolle. Als vorläufiger Schlusspunkt der Entwicklung hin zum Wettbewerbsparadigma sieht Bartz in dem Exzellenzkonzept die Einlösung langer Vorarbeiten des Wissenschaftsrats, die immer wieder darauf gezielt hätten, an die Stelle der einheitlichen Universitätsidee die innere Differenzierung der Hochschullandschaft zu setzen.

Im Detail ließe sich über einzelne Deutungen des Werkes gewiss streiten. Das gilt etwa für die Frage, ob das Verfahren bei Erstellung der ersten Empfehlung des Wissenschaftsrats, der bald legendären, weil äußerst erfolgreichen Ausbauempfehlung von 1960, mit „basisdemokratisch“ angemessen bezeichnet ist, wenn es sich tatsächlich eher um die Addition von dezentralen Planungswünschen durch den Wissenschaftsrat handelte, nicht aber um eine Entscheidung über Planungsalternativen unter Beteiligung der einzelnen Hochschulen. Auch fehlte es den Universitätsgründungen der Boomjahre keineswegs immer an einem klaren Leitbild; der von Bartz nicht berührte „Gründungsausschuss“ des Wissenschaftsrats war an deren Modellierung anfänglich stark beteiligt. Schließlich wäre es wohl auch angemessener, die wie immer zu bewertende Kritik an der Umstellung auf B.A./M.A.-Studiengänge ernsthafter zu diskutieren, als sie einem „allgemeinen Kulturpessimismus“ zuzuschreiben oder gar in die Nähe von „antiamerikanischen Attitüden“ zu rücken. Solche vereinzelten Fragezeichen können aber den Gesamteindruck des rundum gelungenen Werkes keineswegs trüben.

Angesichts der eminenten Bedeutung, die der Wissenschaftsrat für die Entwicklung des bundesdeutschen Hochschulwesens besaß, enthält das Buch in der Tat sehr viel mehr als nur die Geschichte eines hochkarätigen Beratungsgremiums. Es gewinnt vielfach die Züge einer allgemeinen Geschichte des deutschen Hochschulwesens, betrachtet im Lichte wechselnder Leitbildkonjunkturen. Das Werk bildet damit eine vorzügliche Ergänzung zu älteren Werken über die bundesdeutsche Hochschulgeschichte nach 1945 – der nur bis in die 1980er-Jahre reichenden Schilderung der bundesdeutschen Hochschulentwicklung von Christoph Oehler etwa oder der mehr aus Sicht der Rektorenkonferenz verfassten Geschichte der Hochschulreform von Georg Turner (beide bleiben eigentümlicherweise ungenannt).[4] Allen bisherigen Darstellungen gegenüber besitzt das Werk jedoch den großen Vorzug, am konsequentesten historisch angelegt zu sein und gleichwohl bis in die Gegenwart hineinzureichen. Die hoch informative, kompakt strukturierte, plausibel argumentierende und auch gut lesbare Untersuchung bietet damit für jeden, der sich mit der bundesdeutschen Hochschulgeschichte nach 1945 befassen will, ein unverzichtbares Hilfsmittel.

Anmerkungen:
[1] Roellecke, Gerd, Schul- und Hochschulreform 1964-1984. Bestandsaufnahme und Perspektiven, in: bildung real 28 (1984), S. 211-218, hier S. 213.
[2] Bartz, Olaf, Wissenschaftsrat und Hochschulplanung. Leitbildwandel und Planungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1957 und 1975, Diss., Köln 2005 (http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2006/1879).
[3] Paletschek, Sylvia, Die Erfindung der Humboldtschen Universität. Die Konstruktion der deutschen Universitätsidee in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Historische Anthropologie 10 (2002), S. 183-205.
[4] Oehler, Christoph, Hochschulentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945, Frankfurt am Main 1989; Turner, Georg, Hochschule zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Zur Geschichte der Hochschulreform im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, Berlin 2001.

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29.07.2008
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