G. Fertig: Ländlicher Bodenmarkt

Cover
Titel
Äcker, Wirte, Gaben. Ländlicher Bodenmarkt und liberale Eigentumsordnung im Westfalen des 19. Jahrhunderts


Autor(en)
Fertig, Georg
Reihe
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beih. 11
Erschienen
Berlin 2007: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
275 S.
Preis
€ 79,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claus Rech, Trier

Der Münsteraner Wirtschaftshistoriker Georg Fertig legt mit diesem Band neue Ergebnisse seiner Forschungen zu den Bodenmärkten in drei westfälischen Orten zur Zeit der Agrarreformen vor. Die Studie ist die grundlegend überarbeitete Fassung seiner Habilitationsschrift von 2001, die um Erkenntnisse aus zwei jüngeren Forschungsprojekten angereichert wurde. Georg Fertig möchte zwei Fragen beantworten. Es soll ermittelt werden, inwieweit die „Einführung von bäuerlichem Landeigentum zur Herausbildung eines Bodenmarktes“ führte und „wozu dieser gut war: für Agrarwachstum und 'Landeskultur' oder für Familienstrategien und soziale Mobilität“ (S. 26).

Nach der Einführung und der Vorstellung der untersuchten Orte behandelt das Buch einzelne Aspekte des Bodenmarktes in sechs thematischen Kapiteln. Einleitend wird betont, dass für die Untersuchung von Bodenmärkten grundsätzlich nicht nur Kriterien wie „Eigentum, Markt und Wachstum“ ausschlaggebend sein können. Auch die Sichtweise der Agrarreformer des 19. Jahrhunderts sei zu berücksichtigen. Die Reformer erstrebten nicht nur eine Erhöhung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Sie wollten auch durch die Mobilisierung von Boden die Lebenschancen der Landbevölkerung sichern und verbessern. Zeitgleich mit den Agrarreformen veränderte sich der Eigentumsbegriff, dessen rechtliche Facetten erst im 19. Jahrhundert terminologisch klar definiert wurden.

Eine methodische Schwierigkeit der Untersuchung liegt in der Abgrenzung von marktbedingten und familiären Transaktionen. Wie Georg Fertig feststellt, gibt es bei den beiden Allokationssystemen erhebliche Überschneidungen. Um die untersuchten Transaktionen klassifizieren zu können, unterscheidet er drei „Logiken“: Erstens gibt es die reinen Markttransaktionen. Als Kriterien sind hierfür ausschlaggebend das Vorhandensein von Preisen, die genaue Bezeichnung der getauschten Güter oder die Möglichkeit des Käufers, das erworbene Gut auch auf andere Weise zu beziehen bzw. darauf zu verzichten. Zweitens gibt es Eigentumsveränderungen, die durch Formen von Reziprozität und Redistribution veranlasst wurden. Bei Reziprozitätsbeziehungen bleiben „Inhalt und Umfang von Leistung und Gegenleistung“ offen, stellen aber „auf diese Weise eine dauerhafte Beziehung“ her (S. 29). Als wechselseitige Verpflichtungsbeziehungen sind sie eng verbunden mit den „Kategorien von Familie und Verwandtschaft“ (S. 30). Drittens schließlich gibt es Redistribution, die „Ansammlung und Neuverteilung von Gütern durch eine zentrale Autorität – einen Herrscher, eine Verwaltung, den Vorstand eines Haushalts“, wobei die Vergabe nach „politischen“ Kriterien geschieht (S. 30). Dies gilt vor allem für familiäre Transfers, die aus demographischen Gründen ohne Alternative sind.

Bei den Orten, deren Bodenmärkte untersucht wurden, handelt es sich um das ostwestfälische Löhne, dessen protoindustrielle Garnspinnerei sich in der ersten Hälfte des 19. im Niedergang befand, das in der Soester Börde gelegene Borgeln, in dem die Bevölkerung von einer exportorientierten Landwirtschaft lebte, und das sauerländische Oberkirchen, geprägt von einer handwerklich-kleinbäuerlichen Struktur.

Ausgehend von den einleitenden Überlegungen grenzt das dritte Kapitel für die untersuchten Orte die auf Verwandtschaftsbeziehungen beruhenden, oft unentgeltlichen Transaktionen von denen des Marktes ab. In einem Drittel der Fälle kamen Eigentumsübertragungen durch Erbschaften zustande. Nach dem Erbgang gab es außerdem verschiedentlich Ausgleichszahlungen zwischen den Kindern, die je nach Fall als Übergabe oder Kauf einzuordnen sind. Ferner wurden Übergabeverträge unter Lebenden geschlossen. Erbschaften und die ihnen ähnlichen Übergaben sind nicht als Teil des Landmarktes zu bewerten. Zu den Verkäufen von Eltern an Kindern bemerkt Georg Fertig, dass sie niemals stattfanden, „ohne dass die bestehenden Beziehungen von Unterhalt und Erbschaft das Kalkül der Beteiligten“ berührten. Umgekehrt ist allerdings der Verkauf an Familienfremde als Bestandteil des Marktes zu bewerten. Nur ein Teil aller Eigentumsveränderungen geschah somit auf dem Landmarkt.

In welcher Weise sich die zunächst noch weiter bestehenden grundherrlichen Rechte auf die Bodenmärkte auswirkten, untersucht das vierte Kapitel. Diese Rechte bestanden in unterschiedlichen Abgaben, die auf den Grundstücken lasteten. Georg Fertig untersucht an reinen Käufen, Erbschaften und Übergaben, ob die Eigentumsveränderungen bei unbelastetem Land häufiger waren als bei grundherrlich belastetem Boden. Tatsächlich verringerten Abgabenpflichten die Wahrscheinlichkeit, dass Land ver- oder gekauft wurde. Allerdings glichen sich die Mobilitätsraten des belasteten und des unbelasteten Landes im Untersuchungszeitraum tendenziell an. Georg Fertig stellt fest, dass offenbar „nicht nur die grundherrschaftlichen Rechte am abgebenden oder verkauften Grundstück selbst Eigentumsveränderungen erschwerten“, sondern interessanterweise auch „die grundherrschaftliche Bindung der Käufer-Grundstücke“ einen „Eigentumswechsel weniger wahrscheinlich“ machte (S. 113). Auch bei Erbschaften und Übertragungen gab es keine größere Mobilität der unbelasteten Flächen. Ähnliches gilt für den durch Heimfallrechte gebundenen bzw. nicht gebundenen Boden bei Käufen in Borgeln und Löhne. Tatsächlich hemmten also grundherrliche Rechte die Ausbildung von Bodenmärkten. Durch die Grundentlastung wurde diese markthemmende Wirkung jedoch allmählich schwächer. Das Beispiel des Ortes Borgeln zeigt, dass die Bauern mitunter, unabhängig davon, keinerlei Motivation zeigten, „mit ihrem Kernbestand“ der Höfe am Markt teilzunehmen (S. 117).

Die Frage, wer überhaupt Zugang zum Bodenmarkt hatte, steht im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Ein Eigentumswechsel konnte auf unterschiedliche Art herbeigeführt werden. Die Zirkulation des Eigentums konnte entweder durch schriftliche Fixierung oder durch mündliche Vereinbarung über das Verfügungsrecht im familiären Rahmen festgelegt werden. Bei den Käufen fand der Eigentumswechsel meist innerhalb von Familien statt. Daneben wurden seltener Verkäufe an Nichtverwandte vorgenommen, was vor allem für Löhne gilt. Insgesamt waren Verkäufe und Käufe in Borgeln am seltensten.

Diese Beobachtungen leiten über zur Frage nach Funktion und Logik der Verkäufe, mit denen sich das sechste Kapitel befasst. Während Übergaben und Erbschaften bloße Transfers darstellen, sind die zahlenmäßig geringen Käufe als Markttransaktionen einzuordnen. In Löhne fanden sie zwischen alten und jungen Familienangehörigen statt. Bei diesen Käufen lassen sich Parallelen zu den Übergaben und Erbschaften erkennen. Sie waren also „keine Anpassungsstrategie an die Familiengröße, sondern gehörten wie das Kinderbekommen und -aufziehen in die Lebensphase des aktiven Wirtschaftens“ (S. 180). Agrarkrisen hatten zur Folge, dass in Zeiten hoher Preise von Agrarprodukten weniger Land auf den Markt kam. Land wurde meist nur dann verkauft, wenn Getreide relativ billig war. Im Allgemeinen bestimmte das Verhalten der Verkäufer die Rhythmen auf dem Bodenmarkt, wobei der Zugang zu den Verkäufern häufig über Geschwisterbeziehungen zustande kam. Die familiäre Umverteilung bestimmte das Geschehen auf dem Bodenmarkt.

Wie das siebte Kapitel zeigt, waren die Preise auf diesem eingeschränkten Bodenmarkt höchst unterschiedlich. In wohl rund der Hälfte der Fälle nahmen die Verkäufer die Flächenreinerträge zum Maßstab für die Preisgestaltung. In den anderen Fällen fielen die Preise höchst unterschiedlich aus. Im Durchschnitt wurden nur einmal im Monat Käufe außerhalb der Kernfamilie getätigt. Georg Fertig folgert aus diesen Befunden, dass der „Zugang zum gefragten Gut [Boden] ohnehin nicht gewährt wurde“ und daher die Schwierigkeiten der Informationsgewinnung und Qualitätsmessung bezüglich des Bodens bedeutungslos blieben.

Drei Merkmale sind seiner Ansicht nach wesentlich für die bäuerliche Praxis auf den westfälischen Bodenmärkten (vgl. Kapitel 8): Es war üblich, dass das Land meist „im Bereich von Eltern und Geschwistern umhergeschoben“ wurde (S. 226), während Fernstehende nicht gleichermaßen am Markt beteiligt waren. Wenn auch Reziprozität in einigen Fällen für das Verkaufsgeschehen ursächlich gewesen sein mag, lag das Gewicht auf der Umverteilung (Redistribution). Die `Mischungsverhältnisse´ waren freilich in den drei Dörfern sehr unterschiedlich. Offenbar war es keine Frage „einer übergreifenden Mentalität im Sinne einer Subsistenz- oder Marktorientierung“; was genutzt wurde. Stattdessen „wurde gewählt, was passte.“ Diese Erkenntnisse stellen letztlich auch die Grundannahme in Frage, wonach im 19. Jahrhundert die Entwicklung auf geradem Wege „weg von der Familie und hin zum Markt“ verlaufen sei. Im Ergebnis lässt sich also sagen, dass in Westfalen während der Agrarreformen kein Bodenmarkt im heutigen Sinne entstand. Es war vielmehr ein „Restmarkt“ (S. 201), der in starkem Maße durch die Umverteilung des Bodens innerhalb der Familien und damit durch familiäre Strategien geprägt war.

Methodisch hat Georg Fertig neue Wege beschritten, um die Unmenge an gewonnenen Daten auszuwerten. Die Verknüpfung der Listen zu den erfassten Parzellen und Transaktionen mit den Daten aus Familienrekonstitutionen und Netzwerkanalysen mit Hilfe relationaler Datenbanken hat sich dabei als fruchtbar erwiesen. In Bezug auf die Endredaktion des Buches sei hier am Rande angemerkt, dass die Abschlussdiskussion zu Kapitel 6 („Der Bodenmarkt und die Zeit“) sich nicht, wie im Inhaltsverzeichnis angegeben, auf Seite 176, sondern auf Seite 179 befindet. Insgesamt ist festzuhalten, dass die vorliegende Studie einen detaillierten Einblick in das Verhalten von Akteuren auf dem Bodenmarkt einer ganzen Region liefert. Sie führt damit die Forschungen weiter, die im deutschsprachigen Raum seit den 1970er- und 1980er-Jahren für einzelne Orte mit den Pionierstudien von Jürgen Schlumbohm und David Sabean angestoßen wurden. Es wäre wünschenswert, wenn vergleichbare Studien zu den Bodenmärkten anderer Regionen folgten, um ein noch umfassenderes Bild von den Reaktionen der Menschen auf die Agrarreformen zu gewinnen.