L. Maschke u.a. (Hrsg.): Kritische Landforschung

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Titel
Kritische Landforschung. Konzeptionelle Zugänge, empirische Problemlagen und politische Perspektiven


Herausgeber
Maschke, Lisa; Mießner, Michael; Naumann, Mathias
Anzahl Seiten
148 S.
Preis
€ 19,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Inga Haese, Gesellschaftswissenschaften, Universität Kassel

Die Bedeutung des ländlichen Raums für die Entwicklung von Gesellschaften steigt im öffentlichen Bewusstsein. Diese Bedeutsamkeit betont Annett Steinführer in ihrem Vorwort, mit dem die neue Reihe zur „Kritischen Landforschung“ eingeläutet wird: Es sei Bewegung in die deutschsprachige Beschäftigung mit ländlichen Räumen gekommen, aber eine gesellschaftstheoretische Basis fehle ihr bisher; auch, weil es in der deutschen Landforschung eine mikrosoziologische Engführung gäbe (S. 9). An die international etablierten Rural Studies anzuschließen sei das Unterfangen dieses Bandes, das sich den Transformationen des Ländlichen widmet und politische Alternativen zur Weiterentwicklung ländlicher Räume aufzeigen will. Und so liest sich die Kurzstudie zur kritischen Landforschung von Lisa Maschke, Michael Mießner und Matthias Naumann wie ein Überblick über gängige internationale, hauptsächlich anglo-amerikanische Forschungen der Rural Geography. Der schmale Band ist in drei Teile gegliedert: Erstens die Vorstellung von theoretischen Konzepten zur Erfassung von ländlichen Räumen; zweitens die Beschreibung von ländlichen Transformationen in den Dimensionen ländliche Ökonomien, sozialer Wandel, Mensch-Umwelt-Beziehungen sowie Machtverhältnisse und drittens die Perspektiven für alternative Entwicklungsstrategien.

Als Ausgangspunkt einer kritischen Landforschung mit einem eigenen methodologischen Zugang dient den Autor:innen die emanzipatorische Stadtforschung, die seit den 1980er-Jahren die Perspektive marginalisierter Bevölkerungsgruppen einnimmt, sich gesellschaftlich engagiert zeigt und Bezüge zu allgemeinen gesellschaftlichen Prozessen herstellt (S. 19) – damit setzen sie dem herkömmlichen Verständnis des Ländlichen im Dreieck zwischen bedrohten „Resträumen“, der ruralen „‘Idylle‘ für großstadtmüde Mittelschichten“ (S. 17) oder als ökonomischem Produktionsort von Energie und Nahrungsmitteln ein anderes entgegen. Immer wieder ist auf diese Weise erkennbar, worauf die Studie abzielt: Sie ist auch eine politische Handreichung für eine europäische Linke, die zu sehr auf die Stadt fixiert sei und ländliche Regionen in Theorie und Praxis schmerzlich vernachlässige.

Im ersten Teil der Studie werden Theorien zur Entwicklung des ländlichen Raums vorgestellt. Die Autor:innen greifen auf die kritische Geographie zurück und bedienen sich einer sehr knappen Darstellung neomarxistischer Ansätze, die von der Stadt aufs Land umgemünzt werden – etwa das Konzept der räumlich ungleichen Entwicklung von David Harvey, das die Enteignung von Boden (Akkumulation) einbezieht; und das des „dreifachen ländlichen Raums“, entwickelt in Anlehnung an Henri Lefebvre. Letzteres berücksichtigt Konstruktionslogiken des Ländlichen durch Zuschreibungsmechanismen, die wiederum politische Entscheidungen zur ländlichen Entwicklung auslösen. Bei den beschriebenen Ansätzen kommt immer schon der Wandel einer produktivistischen, von EG/EU- und US-Politik geprägten Landwirtschaftspolitik zur Sprache, die seit den 1940er-Jahren eine Hochleistungsagrarindustrie des immerwährenden Wachstums hervorbrachte, zuungunsten kleinbetrieblicher Höfe, die den ländlichen Raum vormals strukturiert hatten. Die in den 1970er- und 1980er-Jahren einsetzende Deregulierung der Märkte durch die Globalisierung habe die Aneignung von Land durch transnationale (Agrar-)Konzerne bei gleichzeitiger Überproduktion begünstigt und weltweit die Enteignung von Kleinbäuer:innen ermöglicht (S. 33). Die ungleich verteilten globalen Folgen entsprechender Umweltbelastungen thematisieren die Autor:innen im Konzept der Umweltgerechtigkeit.

Im Hauptteil des Buches geht es zunächst um den Wandel ländlicher Ökonomien, etwa die „Supermarketisierung“, untersucht von Guilio Iocco und anderen am Beispiel Italiens. Hierbei handelt es sich um einen Prozess der Vermarktung von Lebensmitteln über globale Lieferketten anstatt in kleinen, inhabergeführten Lebensmittelläden (S. 47). Die internationalen Akteure drückten die Preise, die Landwirte antworteten mit niedrigen Löhnen. Erntehelfer:innen im Süden Europas seien heute oft migrantische Arbeitskräfte mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Auch die Finanzialisierung, d.h. die Umwandlung von Agrarland, Forstwirtschaften und Agrarprodukten in handelbare Finanzprodukte (S. 48–51), veränderten ländliche Ökonomien. Die zweite Perspektive auf den ländlichen Strukturwandel zielt auf die Funktion des Landes als Versorger von Städten. Der Fokus liegt hier auf dem ländlichen Raum als Ressourcenlieferant von Rohstoffen. Der dritte Punkt ist die touristische „Inwertsetzung ländlicher Natur“, die in einem eigenen Kapitel zur Kommodifizierung ländlicher Räume erörtert wird. Dass dabei „die ästhetischen Reize ländlicher Räume als Produkt inszeniert und verkauft“ werden (S. 55), ist eine zentrale Erkenntnis, die aus geographischer Sicht als weiterer Aspekt einer Akkumulation durch Enteignung betrachtet wird, die im kapitalistischen Kreislauf von Vermarktung lokaler Lebensstile und Landschaften, wachsender Tourismusindustrie, Zuzug aus urbanen Regionen und steigenden Bodenpreisen aufgehe, denn sie verdränge durch Gentrifizierung wiederum ärmere Bevölkerungsschichten (S. 77).

Überhaupt ist das Kapitel zum sozialen Wandel in ländlichen Räumen eine Stärke des Buches, weil es neue Perspektiven ermöglicht: Hier kommt die versteckte Armut auf dem Land zur Sprache, die in der öffentlichen Aufmerksamkeit hinter der weitaus sichtbareren städtischen Armut zurücksteht, obwohl sie aufgrund geringerer Angebote und weiter Entfernungen stärker ausgrenzend wirkt (S. 60ff.), genauso wie Wohnraum auf dem Land stets in Form von modernen Eigenheimen imaginiert wird, sodass Knappheit an Mietwohnungen kaum politische Aufmerksamkeit erfahre – anders als in urbanen Räumen, wo sich Betroffene leichter zusammenschließen und medienwirksam artikulieren können (S. 77). Auch im Abschnitt über Rassismus wird die Wirkmächtigkeit von Zuschreibungen für das Leben auf dem Land deutlich: Ländliche Räume des globalen Nordens würden als „weiße Räume“ konstruiert, die für kulturelle „Tradition“ und „Bewahrung von Werten“ stehen. Diese Imagination diene rechten Bewegungen dazu, ländliche Räume für sich zu reklamieren, sich dort anzusiedeln und in verstärktem Maße politische Mobilisierung zu betreiben (S. 65f.).

Mit Blick auf die Dimension Gender und Sexualität arbeiten die Autor:innen heraus, dass die rurale Geschlechterforschung seit den späten 1970er-Jahren die Rolle von Frauen behandle; sie selbst konzentrieren sich hier aber auf Maskulinität und zitieren als Beispielstudie „Überlebensnarrative“, in der Männlichkeit mit dem Ländlichen assoziiert wird, die Stadt hingegen als Ort der Gefährdung etwa durch Homosexualität, Migrant:innen und verrückte Künstler:innen. Das Land würde als männlich dominierter Raum für weiße, heterosexuelle Angehörige der Mittelschicht imaginiert (S. 71). Den Punkt Migration und Mobilität füllen die Autor:innen mit der Frage, wer überhaupt abwandert – Stichwort Klasse und Migrationsfähigkeit. Im englischsprachigen Raum würden sogar Zuzugsprozesse in ländliche Regionen beobachtet, die „Counter-Urbanisierung“ (S. 73). So würden rurale Gebiete als mögliche neue Migrationsziele verhandelt, gerade Arbeitsmigrant:innen ließen sich im ländlichen Raum nieder. Der von den Autor:innen im Buch durchgehend zitierte Michael Woods beschreibt die entstehenden translokalen Netzwerke als „ländlichen Kosmopolitismus“ (S. 74).

Im Kapitel über Mensch-Umwelt-Beziehungen konstatieren die Autor:innen, dass ländliche Regionen besonders betroffen sind – sowohl den Klimawandel und damit die Folge von Umweltbelastungen eines urbanen Lebensstils betreffend, als auch die Möglichkeit, Naturschutz zu praktizieren und Biodiversität zu schützen (S. 80ff.). Eine Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel sei der Schritt hin zu mehr Resilienz ländlicher Regionen, d.h. nicht nur die Widerstandsfähigkeit sei gefragt, sondern auch schnelle Regenerationsfähigkeit nach einem Schock: Diese liege in der Diversifizierung regionaler Ökonomien (S. 89) und ist damit politisch steuerbar. Die Dimension ist eng mit der letzten verwoben, den Machtverhältnissen, die sich auf verschiedene Akteursebenen und Paradigmen ländlicher Entwicklung erstrecken.

Eine Stärke des Buches ist das Kapitel zum autoritären Populismus, das nach Gründen für dessen Ausbreitung gerade in ländlichen Räumen sucht (S. 100f.). Herangezogen werden Trumps Wahlerfolg sowie die Erfolge einiger Populisten in Europa. Freilich stellt sich hier die Frage, warum auf deutschsprachige Ansätze verzichtet wurde, wo der Diskurs um Rechtspopulismus etwa in Österreich intensiv geführt wird. Was deutlich wird: Die Zuschreibung von ländlichen Räumen als rückständig erzeuge Reaktionen unter den Bewohner:innen, die politisch von Rechtspopulisten ausgeschlachtet würden. Einmal mehr verfängt hier der Impuls der Autor:innen, linken Aktivist:innen ihren städtischen Fokus in Abrede zu stellen und sie von einer Einbeziehung ländlicher Bewohner:innen zu überzeugen (S. 106).

Prägnant fällt das Kapitel zu den alternativen Entwicklungsstrategien aus – auf nur fünfzehn Seiten werden die emanzipatorischen Entwicklungsmöglichkeiten für den ländlichen Raum vorgestellt: Selbstorganisation, Gemeinschaftsgüter und Munizipalismus. Unter der Rubrik Gemeinschaftsgüter beziehen sich die Autor:innen auf die Bewegung zu den „urban commons“, einer Antwort auf die zunehmende Privatisierung öffentlicher Stadträume, die sich dem Wunsch nach lokaler Organisation gemeinschaftlichen Lebens verschreibt (S. 114f.). Die Aneignung von Raum in der Commons-Debatte wie auch im Ansatz eines neuen Munizipalismus würde bisher, so Maschke, Mießner und Naumann, zu stark als alleiniges „Recht auf Stadt“ (Lefebvre) verstanden, müsse aber ländliche Räume genauso einbeziehen (S. 120). Es empfehle sich, die kritische Erforschung ländlicher Räume hin zu einer alternativen Landpolitik weiterzuentwickeln, die auf Mitbestimmung Wert lege und im Sinne des Rechtes auf Teilhabe ausgeführt werde (S. 122).

Die Schwäche des kurzen Büchleins ist eindeutig seine, der Knappheit geschuldeten, ausschließliche Beschäftigung mit ruraler Geographie, die ohne aktuelle soziologische Theorie auskommen will. Hier wäre etwa die „Bereicherungsökonomie“ von Boltanski und Esquerre[1] zu nennen, die sich auf Patrimonialisierungsprozesse und Inwertsetzung von Räumen in Frankreich bezieht, oder ein Anschluss an Bruno Latours Werk[2], das für eine theoretische Weiterentwicklung der Mensch-Umwelt-Beziehung steht. Aber auch Bezüge zu einer feministischen Ökonomie des Versorgens, die Selbstorganisation und „Commonisierung“[3] zusammendenkt, fehlen in der Kurzstudie. In jedem Fall aber bietet sie einen aufschlussreichen Überblick, der auch Migration aus allen möglichen Blickwinkeln in den Fokus von Landforschung rückt. Ob es dabei einer eigenständigen kritischen Theorie ländlicher Räume bedarf, das wagen die Autor:innen am Ende ihrer Kurzstudie folgerichtig nicht zu beantworten. Hier setzen sie ganz auf den Charakter des Aufschlags in einer neuen Reihe, die in jedem Fall spannend zu werden verspricht.

Anmerkungen:
[1] Luc Boltanski / Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2019.
[2] Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, Frankfurt am Main 2010.
[3] Corinna Dengler / Miriam Lang, Feminism Meets Degrowth. Sorgearbeit in einer Postwachstumsgesellschaft, in: Ulrike Knobloch (Hrsg.), Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum, Weinheim 2019, S. 222–249, besonders S. 314–319.

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Veröffentlicht am
04.03.2022
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