Der Verleger Friedrich Justin Bertuch

: 'Dann wird es wieder ein Popanz für Otto...'. Das Weimarer Landes-Industrie-Comptoir als Familienbetrieb (1800-1830). Leipzig 2006: Leipziger Universitätsverlag , ISBN 978-3-937209-62-3, 448 S. € 32,00.

: "Die Bertuchs müssen doch in dieser Welt überall Glück haben". Der Verleger Friedrich Justin Bertuch und sein Landes-Industrie-Comptoir um 1800. Leipzig 2002: Leipziger Universitätsverlag , ISBN 978-3-936522-17-4, 396 S. € 22,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Moldenhauer, Hamburg

Dank des SFB 482 „Ereignis Weimar – Jena. Kultur um 1800“ der Universität Jena gehört der Weimarer Verleger Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) zu den mittlerweile bestuntersuchten Akteuren des deutschen Buchmarkts in der Goethezeit. Einen gewichtigen Anteil daran hat Katharina Middell, die mit ihrer zweibändigen Studie eine Rekonstruktion der Verlagsentwicklung mit dem Fokus auf den Zeitraum 1791-1831 liefert.[1] Um es vorweg zu nehmen: Die Autorin hat diese außerordentlich komplexe Aufgabe hervorragend gemeistert. Dabei stützte sie sich vor allem auf die reichen Quellenbestände des Goethe-Schiller-Archivs Weimar.

Bei genauerer Betrachtung beider Bände verbietet sich sowohl eine getrennte Lektüre als auch Besprechung. Zum einen gibt es keinen allzu scharfen Periodisierungsschnitt. Zum anderen finden sich bandübergreifend verschiedene Analyseebenen zur Gründung und Stabilisierung des Verlags (Band 1, I – IV), zum Verlagsprogramm (Bd. 1, VII), zu einzelnen Bereichen des Unternehmens (Druckerei, Sortiment, Geographisches Institut – Bd. 1, V; Bd. 2, IV, VI, VII), zu einzelnen Autoren und Projekten (Bd. 1, VIII – IX, Bd. 2, I), zu den Verlegerpersönlichkeiten (Bd. 2, I – III) und schließlich zur allgemeinen Geschäftsentwicklung (Bd. 2, V).

Der Frage nach den Motiven und Bedingungen der Verlagsgründung wird von der Autorin im ersten Band[2] ein großer Stellenwert eingeräumt. Dies ist sinnvoll, denn Bertuch war zwar ähnlich wie etwa seine Zeitgenossen F. A. Brockhaus, G. A. Reimer oder F. C. Perthes ein „Homo novus“ in der Branche, gründete sein Geschäft aber unter gänzlich anderen Voraussetzungen. Anders als die drei genannten Kollegen konnte er auf eine vorhergehende Karriere am Hofe seiner Landesherren und auf erste unternehmerische Erfahrungen zurückblicken, während ihm die eigentliche buchhändlerische Ausbildung fehlte. Auch in seiner vorhergehenden schriftstellerischen Tätigkeit (für Wielands „Teutscher Merkur“) unterschied er sich vom typischen Verlagsbuchhändler seiner Zeit. Hinzu kam eine weitere Besonderheit: Bertuch eröffnete sein Geschäft in einer Art „Reservat“ – das Wirken wichtiger potentieller Autoren in Weimar und Jena einerseits, die fehlende Konkurrenz andererseits erlaubten es ihm ganz besonders, die verlegerischen Aktivitäten von Anfang an planmäßig zu entfalten. Die anfängliche Konzentration auf nachfrageorientierte Periodika wie die „Allgemeine Literatur-Zeitung“, das „Journal des Luxus und der Moden“, aber auch der „Allgemeinen Geographischen Ephemeriden“ erwies sich als zusätzlicher Katalysator: Mit ihrer Hilfe konnte Bertuch rasch ein grenzüberschreitendes Netzwerk von Autoren und Multiplikatoren (z.B. Rezensenten wie C. A. Böttiger) aufbauen, das ihm die Ausweitung des Verlagsprogramms erleichterte. Middell gelingt es, diese spezifische Ausgangsposition aus den Quellen herauszuarbeiten. Sehr deutlich tritt dabei die zentrale Bedeutung des unternehmerischen Geschicks Bertuchs hervor, der mit dem Begriff des „(Literatur-)Kaufmanns“ (Bd. 1, S. 339) versehen wird. Dank seiner präzisen Marktbeobachtung und Entschlusskraft konnte Bertuch außerordentlich variabel auf die Nachfragesituation reagieren: mit verschiedenen Themen, Ausgabearten und Distributionswegen (Bd. 1, S. 343f.).

Einen tieferen Einblick in die Verlagspraxis erlaubt die Übersicht über verschiedene Verlagsprojekte (Bd. 1, S. 231-338; Bd. 2, S. 25-93), bei der sich die Autorin auf die reichhaltige Autorenkorrespondenz stützen konnte. Dabei konzentrierte sie sich auf die wichtigsten Programmsegmente: Geographie und Geschichte, Naturkunde sowie Schöne Künste. Hier finden sich viele Details, die einen direkten Vergleich mit den Projekten anderer Verleger ermöglichen, so z.B. im Falle des Historikers Johannes von Müller (Bd. 2, S. 33ff), um den sich zeitgleich auch F. C. Perthes und J. F. Cotta bemühten. Die hier ausgewerteten Korrespondenzen erlauben eine außerordentlich dichte Beschreibung der Marktbedingungen, denen sich die (populär werdende) Geschichtsschreibung, Geographie und andere Disziplinen um 1800 zunehmend ausgesetzt sahen. Positiv hervorzuheben ist in diesem Abschnitt auch das intensive Eingehen auf heute weitgehend vergessene Multiplikatoren wie etwa F. A. Ukert (Bd. 2, S. 73-79).

Middell bringt in diesem Abschnitt und der Programmanalyse den Nachweis, dass die frühere Charakteristik „Journalverleger“ zu kurz greift. Vielmehr strebte Bertuch frühzeitig an, eine breite Palette gleichermaßen anspruchsvoller wie gut verkäuflicher Verlagsartikel anbieten zu können. In den Jahren 1790 bis 1800 erschienen 101 Titel, wobei die Anzahl der Neuerscheinungen pro Jahr rasch anstieg. Im darauf folgenden Jahrzehnt (1801-1810) verdoppelte sich der Titelausstoß auf insgesamt 236 Titel. Die vergleichende Perspektive macht deutlich, dass Bertuch ähnlich wie seine Kollegen auf die herrschende Absatzkrise und Geldnot reagierte: mit „kriegsnahen“ Themen und risikominimierenden Vertriebsmodellen, darunter einer eigenen Sortimentsbuchhandlung und externen Commissionären (Bd. 2, S. 207ff). Die in diesen Abschnitten enthaltenen Angaben zum Personal und zu den Arbeitsgängen ermöglichen einen Einblick in die tagtägliche Verlagsarbeit.

Wenn man den Untersuchungszeitraum des ersten Bandes unter das Motto „Genutzte Chancen“ stellen möchte, müsste man spätestens ab 1816 mit dem (unschönen) Etikett „Versäumnisse“ hantieren. Im Zeitabschnitt 1811 bis 1820 ist eine Stagnation – wenn auch auf hohem Niveau – zu beobachten: Insgesamt 224 Neuerscheinungen können aufgelistet werden. Um die Frage zu beantworten, warum dieses prosperierende Verlagsunternehmen nicht weiter expandiert, wechselt Middell die Analyseebene: Nun stehen die nachwachsenden Verlegerpersönlichkeiten im Fokus (Bd. 2, S. 94ff). Hierzu greift sie unter anderem auf bislang kaum beachtete Selbstzeugnisse, darunter die frühen Tagebücher Carl Bertuchs, zurück. Dieser Sohn und designierter Nachfolger des Gründers starb bereits vor diesem im Jahr 1815. Der fast 70jährige Senior nötigte seinen Schwiegersohn Ludwig Friedrich Froriep, der eigentlich Mediziner werden wollte, geradezu zum Eintritt in die Handlung. Das Schicksal des Seiteneinsteigers Bertuch scheint sich zu wiederholen, doch Middell gelingt es jedoch, einen wesentlichen Unterschied in der Motivation beider nachzuweisen: Bertuch hatte eine Vorliebe für den merkantilen Aspekt seiner Arbeit, Froriep nicht. In einer Zeit, in dem das Sortiment an Eigendynamik gewann, sollte sich dieser Punkt 30 Jahre später als Sargnagel des L.I.C. erweisen. Das Gegenbeispiel lieferte F. C. Perthes, dem es auf der Basis seiner jahrelangen Sortimentererfahrung innerhalb weniger Jahre gelang, einen erfolgreichen Spezialverlag für historische und theologische Werke aufzubauen.

Wie die Versäumnisse im Einzelnen aussahen, beschreibt Middell beispielhaft vor allem im Abschnitt zum „Geographischen Institut“ (Bd. 2, S. 270ff). Während Bertuch diesen Teil seines Verlags seit 1804 ausbaute und damit in den Krisenjahren ab 1806 über eine neue tragende Säule, eine „CashCow“ für das gesamte Unternehmen verfügte, vernachlässigte Froriep diesen Bereich zunehmend. Middell arbeitet zwei Faktoren für den Niedergang dieses einstigen Kernsegments heraus: Der alternde Bertuch und Froriep, der das Institut seit 1820 leitete, versäumten es, fähige Kartographen wie Adolf Stieler oder Heinrich Berghaus dauerhaft an das Unternehmen zu binden. Beide wechselten zu Justus Perthes nach Gotha, der mit ihrer Unterstützung dem „Geographischen Institut“ um 1830 den Rang des führenden kartographischen Verlags ablief (Bd. 2, S. 318f.). Außerdem reagierte Froriep nicht auf die Internationalisierung dieses Geschäftszweigs und überließ somit seiner Konkurrenz wichtige Absatzmärkte (Bd. 2, S. 326f.). Die Erschließung des riesigen Verlagsarchivs von Justus Perthes wird in den kommenden Jahren vermutlich weitere Erkenntnisse im Hinblick auf den Konkurrenzkampf in diesem Programmsegment ergeben. Während der Buchmarkt nach einer stürmischen Konjunktur im Jahr 1843 mit einem vorläufigen Novitätenpik in eine Seitwärtsbewegung überging, trat ein Jahr später mit Robert Froriep (1804-1861) die dritte Verleger-Generation in das L.I.C. ein – welches kurz vor dem Konkurs stand. Um die finanzielle Dimension der Verlagsentwicklung erhellen zu können, wertet die Autorin eine weitere, wichtige Quellengattung aus: die glücklicherweise erhalten gebliebenen Bilanzen, Absatzlisten, Versandstatistiken und Ertragsaufstellungen zwischen 1800 und 1844 (Bd. 2, S. 236ff). Eine Zusammenfassung zur Abwicklung des maroden Verlags (Bd. 2, S. 353ff) schließt diesen analytischen Teil ab.

Eine Schwäche der Studie beruht in ihrer Aufteilung auf zwei – mit einem Zeitversatz von vier Jahren publizierte – Bände. Ob die hiermit einhergehende, nicht ganz scharfe Trennlinie ein Resultat der kontinuierlich fortgesetzten Forschung ist, bleibt leider unklar. Die Autorin deutet in an, dass vor allem in Kapitel I zu Bertuch eine Wiederholung des bereits im ersten Band Gesagten vermieden werden soll (Bd. 2, S. 16). Leider lassen sich aber doch einige Redundanzen beobachten, vor allem bei den Statistiken. So reicht die in im ersten Band untergebrachte Auswertung des Verlagsprogramms bis 1820 und nimmt dabei die Entwicklung ab 1806 vorweg, die eigentlich erst im zweiten Band thematisiert wird (Bd. 1, S. 207ff). Im dortigen Abschnitt über die „Konjunkturen“ (Bd. 2, S. 236ff) wird auf die Jahre ab 1801 zurückgeblickt, aber diesmal mit anderer „Skala“: wurde in Band 1 in Dekaden gemessen (1791-1800, 1801-1820), findet man in Band 2 ganz andere Zeitabschnitte: 1801-1814, 1815-1831. Eines der wichtigsten Diagramme: die Gesamtübersicht der Einnahmen und Aufwendungen des Verlags von 1791-1837, findet sich leider erst ganz am Schluss dieses Abschnitts (S. 269). Bei der statistischen Auswertung des Verlagsprogramms reicht es nicht aus, die Anzahl der Novitäten pro Jahr zu ermitteln. So kann ein „Spitzenjahr“ wie 1805 mit 42 Novitäten durchaus einen niedrigeren Herstellungsaufwand als ein Jahr mit „nur“ 30 Novitäten aufweisen, wenn sich Flugblätter oder Broschüren und mehrbändige Titel gleichstark gegenüber stehen. Die Aussagekraft dieses Parameters ist sehr begrenzt und sollte – wenn möglich – vom tatsächlichen Druckvolumen (Bogen pro Jahr) abgelöst und direkt mit den Werten zu Einnahmen und Ausgaben korreliert werden. Wären die Diagramme zum Titelvolumen (Bd. 2, S. 119) und zu Umsatz und Kosten (ebd., S. 269) nicht so weit voneinander entfernt abgedruckt worden, würde deren durchaus nicht kongruenter Verlauf sofort ins Auge stechen. Bei dieser Gelegenheit ist außerdem anzumerken, dass die zahlreichen Diagramme und Tabellen etwas übersichtlicher in den Text hätten eingebettet und mit besser unterscheidbareren Kurven versehen werden können – ein eher kleines Ärgernis, das wahrscheinlich einer möglichst ökonomischen Herstellung geschuldet ist.

Ein weiterer Kritikpunkt gilt den Währungsangaben. Wenn im Text über einen langen Zeitraum wie 1791 bis 1847 durchgehend von „Taler“ die Rede ist, wird dem Leser eine Beständigkeit suggeriert, die es nicht gab. Damit bleibt leider unklar, ob im jeweiligen Einzelfall der preußische oder der sächsische Reichstaler, ob Courant oder Buchhändler-Geld (mit jeweils unterschiedlicher Groschenzahl pro Taler) gemeint ist und was sich konkret hinter der „Wiener Währung“ (Bd. 2, S. 292) verbirgt. Umrechnungskurse wie Reichstaler zu Ld’Or bzw. zu Gulden sollten nicht erst spät bzw. versteckt untergebracht werden (Bd. 1, S. 239 oder in der Anmerkung 108 in Bd. 2, S. 231).

Dies sind jedoch – gemessen am reichen Ertrag dieser Studie – nur Kleinigkeiten. Der größte Gewinn liegt zweifellos in der schlüssig argumentierenden Synthese der zahlreichen Fakten, die erstmalig die Entwicklung des Bertuch’schen Landes-Industrie-Comptoirs hervortreten lässt und einen intensiven Vergleich mit anderen Verlagsunternehmen der Goethezeit ermöglicht. Mit der Veröffentlichung eines soliden Fundaments wie diesem ist ein weiterer wichtiger Schritt getan, um die Bedeutung der goethezeitlichen Verlage für die Formierung der Wissenschaften und der Öffentlichkeit in ihrer quantitativen Dimension, also unter Berücksichtigung der Marktmechanismen, erfassen zu können.

Anmerkungen:
[1] Ergänzend sollte der Leser auf die Studie von Julia Annette Schmidt-Funke zurückgreifen, in der die Dimension des „Homo politicus“ thematisiert wird. Vgl. Schmidt-Funke, Julia Annette, Auf dem Weg in die Bürgergesellschaft. Die politische Publizistik des Weimarer Verlegers Friedrich Justin Bertuch, Köln 2005 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Bd. 16).
[2] Vgl. die Besprechung von Böning, Holger in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 57, 2003, S. 382-385. Siehe auch Haug, Christine, Der Weimarer Verleger Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) – ein „merkantilistischer Bonaparte“ aus der Provinz, in: Leipziger Jahrbuch für Buchgeschichte 15 (2006), S. 359-393.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.06.2008
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Weitere Informationen
'Dann wird es wieder ein Popanz für Otto...'
Sprache der Publikation
"Die Bertuchs müssen doch in dieser Welt überall Glück haben"
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension