G. Jones u.a. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Business History

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Titel
The Oxford Handbook of Business History.


Herausgeber
Jones, Geoffrey; Zeitlin, Jonathan
Erschienen
Anzahl Seiten
717 S.
Preis
$ 150
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hartmut Berghoff, Deutsches Historisches Institut, Washington, DC

Die Unternehmensgeschichte hat sich in den vergangenen Jahren zu einem sehr dynamischen und fruchtbaren Feld entwickelt. Diese Forschungsergebnisse werden jedoch in der Regel in hochspezialisierten Zeitschriften und Büchern publiziert, sodass weder die Öffentlichkeit noch die angrenzenden akademischen Disziplinen von der allgemeinen Geschichte bis zur BWL, von der Politologie bis zur Soziologie die Ergebnisse der Unternehmungsgeschichte hinreichend zur Kenntnis nehmen. Diesem Misstand möchte das bei Oxford University Press soeben erschienene Handbuch abhelfen, das auf über 700 Seiten den aktuellen Forschungsstand der modernen Unternehmensgeschichtsschreibung zusammenzufassen beansprucht.

Die Herausgeber gehören zu den bekanntesten Vertretern der Disziplin. Die 27 Autoren sind ausgewiesene Fachleute ihrer Spezialgebiete und lehren mit der Ausnahme eines türkischen Kollegen an amerikanischen bzw. westeuropäischen Hochschulen. Allein schon an ihrer institutionellen und disziplinären Affiliierung lässt sich die Vielfalt und Offenheit der Unternehmensgeschichte ablesen. Es zeigt sich ferner, wie weit die internationale Vernetzung der engeren Fachdisziplinen mittlerweile vorangeschritten ist und in welchem Ausmaß komparative Fragestellungen behandelt werden.

Der Band zeichnet sich durch eine sehr klare Struktur mit vier Hauptkapiteln aus. Die ersten sieben Beiträge behandeln zentrale methodologische und theoretische Debatten. Es folgen sechs Aufsätze, die sich mit der Geschichte der Unternehmensorganisation befassen, wobei das Themenfeld von Groß- zu Familienunternehmen, von Kartellen zu Verbänden und Clustern reicht. Der dritte Teil enthält sieben Beiträge zu Kernfunktionen des Unternehmens, von der Finanzierung über die Innovation bis zu Arbeitsbeziehungen und der Corporate Governance. Der letzte, mit fünf Beiträgen jedoch kürzeste Teil, behandelt die Interaktion von Unternehmen mit ihrer sozialen, kulturellen und politischen Umwelt. Es stehen Fragen der staatlichen Intervention, des Ausbildungswesens, nationaler Kulturen sowie der Bedingungen für „entrepreneurship“ im Vordergrund.

Die Vielfalt der Themen ist enorm. Tatsächlich ist das Unternehmen ja auch die wichtigste Institution der Moderne, so dass die Unternehmensgeschichte immens viele Anschlussmöglichkeiten und Themenfelder hat, von der Entwicklungsökonomie bis zum Erziehungswesen, von der Militär- bis zur Geschlechtergeschichte, von der Kapitalmarkttheorie bis zur Globalisierungsforschung.

In welchem Ausmaß erfüllt der Band den hohen Anspruch der Herausgeber? Fast alle Beiträge sind nahe am aktuellen Forschungsstand, dicht geschrieben und mit langen Literaturlisten versehen. Ein ausführliches Register hilft bei der Orientierung. Jedoch gelingt es nicht allen Autoren, sich von ihren nationalen Forschungsschwerpunkten zu lösen und die jeweilige Thematik in ihrer internationalen Breite darzustellen. Insgesamt dominiert der Blick auf die angelsächsischen Länder. Westeuropa und Japan werden ebenfalls regelmäßig berücksichtigt. Dagegen ist Osteuropa praktisch nicht vertreten, ebenso Afrika, Lateinamerika und das übrige Asien.

Ein gelungenes Beispiel für eine wirklich globale Perspektive bietet der exzellente Beitrag von Geoffrey Jones und R. Daniel Wadhwani zum Thema „Entrepreneurship“. Gespickt mit Beispielen auch aus diversen asiatischen und lateinamerikanischen Ländern behandeln sie nacheinander Fragen der Rekrutierung, der Werte und der Motivation von Unternehmern, ihren sozialen und politischen Status sowie deren Zugang zu Kapital. Robert Millward, der ebenfalls diverse Länder vergleicht, gruppiert seine Analyse der staatlichen Interventionsintensität um die Kategorien geopolitische Ausgangslage, politische Strukturen, Ideologien und Technik. Er kann dabei zeigen, dass junge Nationalstaaten mit unsicheren Grenzen und feindlichen Nachbarn tendenziell eher zu einer hohen Interventionstätigkeit neigen. Wirtschaftspolitische Überzeugungen und Ideologien, aber auch technologische Veränderungen erklären weiterhin den Wandel der Interventionsdichte. Als Paradebeispiel führt er die Deregulierung des Telekommunikationssektors der 1980/90er-Jahre an, die ohne das Aufkommen neuer technischer Möglichkeiten nicht zu verstehen ist.

Ebenfalls sehr gelungen ist die komparative Analyse der Bank- und Finanzierungssysteme von Michel Lescure, der Aufsatz über die Kartelle von Jeffrey Fear und derjenige über die Ausbildungssysteme von Kathleen Thelen, was unter anderem auch an der Einbeziehung der nichtenglischsprachigen Literatur liegt. Hier gelingen die internationalen Vergleiche und tragen enorm zum besseren Verständnis der komplexen Materie bei. In vielen anderen Fällen bleiben die Beiträge auf die Auswertung englischsprachiger Synthesen angewiesen, was eine gewisse Oberflächlichkeit und eine Tendenz zur Simplifizierung erklärt. Ein Beispiel dafür ist der Aufsatz von Robert Fitzgerald zu „Marketing and Distribution“, der die Literatur zu den angelsächsischen Ländern konzise und klug zusammenfasst, dessen Ausführungen zu Japan und Kontinentaleuropa aber stark abfallen. Hier wird das deutsche Kaiserreich zu einer rückständigen „collection of regional economies“, in der moderne Marken- und Werbestrategien angeblich wenig Raum besessen hätten. Luca Lanzalacos Analyse des Lobbyismus bleibt oberflächlich und ohne klares Ergebnis. Zudem ist leider in seiner Liste deutscher und schweizerischer Verbände fast jedes deutsche Wort falsch geschrieben.

Bei den methodischen Grundsatzartikeln kommt Patrick Fridenson zu dem bemerkenswerten Urteil, dass die Unternehmensgeschichte zu den Hauptnutznießern des „cultural turns“ der Geschichtswissenschaft gehört und so ihren Gegenstandsbereich erheblich erweitert habe, umgekehrt aber der historiographische Mainstream die Unternehmensgeschichte oft noch mit Distanz und Misstrauen betrachte und damit viele Chancen vergebe. Naomi Lamoreaux, Daniel Raff und Peter Temin kritisieren die Unternehmensgeschichte dagegen für ihre angeblich zu große Distanz zur Ökonomie und fordern eine stärkere Hinwendung zu modellhaften Ansätzen mit einem höheren Grad der Mathematisierung. Im Kontrast dazu kommt Jonathan Zeitlin zu dem Urteil, dass man Abschied von linearen Entwicklungsmodellen nehmen solle, da es selbst unter völlig gleichen Voraussetzungen immer auch alternative Wege zum Erfolg gab. Modelle, die ja immer auch eine gewisse Vorhersehbarkeit implizieren, solle man daher ad acta legen. Matthias Kipping und Behlül Üsdiken sehen die Unternehmensgeschichte – nach einer langen Phase der Entfremdung – wieder stärker in einer Annäherung Richtung Management Studies begriffen. Eine Diskussion zum Verhältnis der deutschen Betriebswirtschaftslehre, für die dieser Befund sicher nicht gilt, findet leider nicht statt. Allein schon diese drei Aufsätze zeigen, wie weit, offen und umkämpft das Feld der Unternehmensgeschichte ist.

Wem wird dieser Band am meisten nutzen? Wahrscheinlich am Ende doch den Unternehmenshistorikern, die sich knapp über den neuesten Stand in einem Spezialgebiet, in dem sie selbst nicht zuhause sind, informieren wollen. Die ausführlichen Literaturlisten bieten dazu einen hervorragenden vertiefenden Zugang. Für Studierende, Praktiker und die Öffentlichkeit dürften sich die Artikel nur sehr schwer erschließen, da den Beiträgen jegliche didaktische Ausrichtung fehlt und sie schon recht viel Wissen voraussetzen. Insofern handelt es sich um ein typisches akademisches Fachbuch, das den Forschungsstand in den zentralen Arbeitsfeldern der Unternehmensgeschichte knapp zusammenfasst und zu vertiefender Forschung anregt. Deutlich wird dabei vor allem, wie hochgradig ausdifferenziert die Unternehmensgeschichte mittlerweile geworden ist und wie unterschiedlich die Herangehensweisen sind. Wer Interdisziplinarität sucht, wird sie in dieser ebenso kreativen wie kunterbunten Disziplin finden.

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Veröffentlicht am
09.05.2008
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