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Titel
New Yorker Intellektuelle. Eine politisch-kulturelle Geschichte von Aufstieg und Niedergang, 1930–2020


Autor(en)
Auberg, Jörg
Anzahl Seiten
310 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Obermüller, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Jörg Auberg widmet sich in New Yorker Intellektuelle dem Partisan Review, einem „Flaggschiff“ von New Yorker Intellektuellen wie Irving Howe, Dwight Macdonald, William Phillips und Philip Rahv. Letztere haben die Zeitschrift 1934 gegründet. Detailliert zeichnet Auberg die Kämpfe der zunächst links-bewegten Intellektuellen um das Verhältnis zu Trotzki, die, teilweise zu späte, Abgrenzung vom Stalinismus und die Ehrenrettung des Marxismus nach. Dabei spielen die Hinwendung der Intellektuellen zum Anti-Stalinismus, der Amerikanist Alan M. Wald spricht von der anti-stalinist left, und ihre Orientierung hin zum liberalen Anti-Kommunismus eine zentrale Rolle (S. 20). Neben den Herausforderungen, die das Leben im Nachkriegskapitalismus an die Intellektuellen stellte, barg laut Auberg ihr Verhältnis zum akademisch-universitären Betrieb besondere Sprengkraft. Howe, Macdonald und Rahv empfahlen sich „mit ihrer Weigerung, sich der akademischen Disziplin mit ihrem Fußnotenapparat und ihrer pedantischen Gelehrtenprosa zu unterwerfen, […] als Modelle der alternativen intellektuellen Praxis“ (S. 26). Doch selbst die standhaftesten Individualisten konnten sich nicht dauerhaft dem Druck des Marktes entziehen (S. 76, S. 184) und schließlich suchten viele als Lehrende an Universitäten Unterschlupf. „Die Untergrundlinge aus Brooklyn oder der Bronx“, so Auberg, haben sich „in Loftmenschen in der Upper West Side“ (S. 20) verwandelt und sind „zu geachteten Professoren an Elite-Universitäten“ (S. 23) aufgestiegen. Marktdenken, Optimierungsdruck und Unterfinanzierung trieben die freien Intellektuellen in die Konformität und der Partisan Review erschien 2003 zum letzten Mal.

Im ersten der beiden Hauptabschnitte des Buches widmet sich Auberg dem Aufstieg und Niedergang der New Yorker Intellektuellen. Ausgehend von den 1930er-Jahren zeichnet Auberg zunächst die Frühphase des Partisan Review sowie das Ringen um die Vorherrschaft zwischen den Gründern Phillips und Rahv nach. Minutiös und genüsslich beschreibt Auberg die späte Distanzierung der beiden vom Stalinismus (S. 63, S. 98f.). Den einzelnen Akteuren zu folgen, fällt nicht immer leicht, da Auberg detailliert auf Streitigkeiten und Vorwürfe, z.B. Philistertum oder Ausverkauf der Ideale, eingeht. Er macht deutlich, wie rechthaberisch und selberverliebt sich die Partisans gebärdeten (S. 132). Gleichzeitig trauerten sie einer romantisierten Vorstellung der 1930er-Jahre (S. 183) und dem vermeintlich freieren Gedankenaustausch nach. Vielen von ihnen attestiert Auberg die Unfähigkeit, sich der eigenen pro-stalinistischen Verstrickungen bewusst zu werden (S. 137). Die Partisans kultivierten das Bild des Intellektuellen als Außenseiter (S. 71f.), und das Stigma der Entfremdung (S. 78) diente ihnen als Legitimationsschein. Sie konnten ihren Elitarismus nicht ablegen (S. 74) und blickten suspekt auf die vermeintlich dumpfen Massen (S. 119).

Während Auberg im ersten Teil des Buches die Geschichte der Partisans bis zum Umbruchjahr 1968 detailliert ausrollt, widmet er sich im zweiten Abschnitt einem ebenso langen Zeitraum auf vierzig knappen Seiten. Auberg scheint dem Historiker Hugh Wilford zuzustimmen, wonach „die ‚Suburbanisierung und Akademisierung‘ der Partisan Review der letzte Akt in der Institutionalisierung der New Yorker Intellektuellen“ gewesen sei (S. 269). Entsprechend pessimistisch beurteilt Auberg die Entwicklung der Zeitschrift im Nachgang der emanzipatorischen Bewegungen der 1960er-Jahre. Im Zeitraffer streift Auberg Norman Podhoretz und dessen Bemühungen, der erstarkenden Rechten mit Zeitschriften wie Commentary einen intellektuellen Anstrich zu verpassen.

Zurecht betont Auberg die Wichtigkeit von Homophobie, Rassismus und Sexismus für die Neokonservativen um Podhoretz. Auberg merkt zwar in einer Fußnote an, dass Homophobie auch in linken Kontexten ein Problem darstellte, bleibt aber eine Analyse schuldig (S. 286). Auberg verwendet an einigen Stellen selbst veraltete bzw. abwertende Übersetzungen englischer Begriffe wie „negro“. Für James Baldwin, den Auberg wiederholt zitiert, war „negro“ sowohl zeitgenössischer Begriff als auch affirmative Selbstbezeichnung für Schwarze Amerikaner:innen (S. 290). Anstatt dem Beispiel Baldwins zu folgen und „negro“ mit „Schwarz“ zu übersetzen, entscheidet sich Auberg für einen sowohl zeitgenössisch und als auch aktuell abwertenden deutschen Begriff für Schwarze Menschen.

Aubergs Geschichte ist eine Geschichte männlicher Intellektueller. Auberg bezeichnet die Partisans als „männlich dominierte“ Clique und widmet sich nur wenigen Ausnahmen wie Mary McCarthy eingehender, während er Hannah Arendt und Susan Sontag lediglich streift. Dass die New Yorker Intellektuellen eine Männerrunde waren, sei kein Zufall, so Auberg, da die Ablehnung der als feminin geltenden Massenkultur zum konstitutiven Identitätsmerkmal dieser Intellektuellen avancierte (S. 120). Während Auberg hier einen wichtigen Punkt anspricht, ignoriert er zugleich die zentrale Rolle von Elitarismus und Intellektualismus in zeitgenössischen Männlichkeitskonstruktionen. Das Genie und der „intellectual lone wolf“ strotzen vor Männlichkeitsidealen, und Intellektuelle konnten sich, trotz ihres oft inszenierten Außenseitertums, ihrem Anteil an der „patriarchalen Dividende“ (R.W. Connell) sicher sein. Die Geschlechtergeschichte hat seit Jahrzehnten gezeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer gender besitzen und sich eine Analyse aus dieser Perspektive lohnt. Während Feminist:innen, Zeitgenoss:innen der New Yorker Intellektuellen, sich darum bemühten, Frauen in der Geschichte (des politischen Denkens) sichtbar zu machen, ignoriert Auberg die Rolle, die Männlichkeit für progressive New Yorker Intellektuelle wie Howe, McDonald oder Rahv spielte.

Die titelgebende Metropole, New York City, bleibt in Aubergs Analyse lediglich ein Nebenschauplatz. Er nimmt keine tiefergehende Verortung seiner Akteure in der Stadt vor, und das „heruntergekommene urbane Terrain New Yorks, zwischen dreckigen Cafeterias, U-Bahn-Kiosken und verfallenen Bürogebäuden“ (S. 65), fungiert zumeist als Kulisse. Die ärmlichen Tenements illustrieren die Herkunft jener Intellektuellen (S. 27, S. 116), die sich vorwiegend in Magazinen austauschen, ihrer Arbeit aber an nicht näher spezifizierten Orten nachgehen. New York bleibt ein mythisch verklärter Bezugspunkt, sowohl was die Gruppenidentität der historischen Akteure anbelangt – positive Selbstversicherung zur Avantgarde zu gehören als Abgrenzung zum ländlichen Pöbel (S. 112f.) – als auch innerhalb der Historiographie.

Auberg stützt sich in seiner 400 Seiten umfassenden Studie vor allem auf das essayistische und literarische Werk sowie die Memoiren der Partisans. Artikel, die im Partisan Review und den ebenfalls im New Yorker Biotop angesiedelten größeren Magazinen wie Commentary, Dissent, The New International, New York Review of Books und Politics erschienen, bilden den zweiten bedeutenden Quellenbestand. Veröffentlichte Briefwechsel etwa zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy runden das Quellenkorpus ab. Ob Auberg andere Sammlungen, etwa die Norman Podhoretz Papers in der Library of Congress oder die Sidney Hook Papers der Hoover Institution, konsultiert hat, ist nicht ersichtlich, da ein Verzeichnis der verwendeten Quellen fehlt. Eine umfangreiche Bibliografie steht am Beginn des Anhangs. Darin fehlt jedoch einer von Aubergs eigenen Texten über die Historikerin und Schriftstellerin Lucy Dawidowicz, aus dem er ausgiebig zitiert, ohne dies auszuweisen (S. 289–292). Mit einem detaillierten bibliographischen Essay gibt Auberg den Leser:innen ein Nachschlagewert zur Geschichtsschreibung über einzelne Akteur:innen zur Hand. Ein umfangreiches Glossar ordnet zentrale Begriffe ein und kurze biografische Skizzen der Akteur:innen beschließen den Anhang.

Auberg positioniert sein Buch in Opposition zur Mythenbildung der Partisans und anderen Arbeiten zur Geschichte der New Yorker Intellektuellen. Laut Auberg „hilft [es] wenig, den Intellektuellen zur mythischen oder comic-haften Figur in Gestalt eines Superhelden zu stilisieren, der über den Verhältnissen schwebt“ (S. 22). Der Amerikanist Alan M. Wald etwa habe die Partisans losgelöst von „gesellschaftlichen und ökonomischen Herrschaftsverhältnissen“ betrachtet (ebd.). Im Gegensatz zu Walds „polizeilichem Eifer“ und „penibler Faktenhuberei“ strebt Auberg danach, die Geschichte selbst zu erzählen (S. 25). Während es ihm gelingt, die Entwicklung und Handlungsspielräume der Partisans in die sich wandelnden geopolitischen Umstände (Stalinistische Schauprozesse, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, Wirtschaftsboom, Vietnamkrieg, Studierendenbewegung) einzubetten, lässt Auberg die Chance verstreichen, mit traditioneller Geschichtsschreibung über Intellektuelle zu brechen. In New Yorker Intellektuelle zeichnet Auberg das Porträt einer rein männlichen Gruppe an Intellektuellen, ohne eines ihrer wesentlichen einigenden Merkmale – ihre Männlichkeit – einer eingehenden Analyse zu unterziehen, und die titelgebende Metropole dient Auberg lediglich als Projektionsfläche.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2022
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