H. Kamp (Hrsg.): Herrschaft über fremde Völker und Reiche

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Titel
Herrschaft über fremde Völker und Reiche. Formen, Ziele und Probleme der Eroberungspolitik im Mittelalter


Herausgeber
Kamp, Hermann
Reihe
Vorträge und Forschungen (93)
Erschienen
Ostfildern 2022: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
484 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Mauntel, Fachbereich Geschichtswissenschaft, Eberhard Karls Universität Tübingen

Angesichts täglich neuer Meldungen über den Stand des Krieges in der Ukraine ist es ein leicht beklemmendes Gefühl, einen Band über „Formen, Ziele und Probleme der Eroberungspolitik im Mittelalter“ in den Händen zu halten. Die Aktualität des Themas war selbstverständlich weder im Herbst 2016 absehbar, als auf der Reichenau eine entsprechende Tagung stattfand, noch im Frühjahr 2022, als die Ergebnisse im Druck erschienen.

Der Herausgeber Hermann Kamp geht das Thema in der Einleitung (S. 9–28) historisch nicht von der Gegenwart aus an, sondern von der Vergangenheit: Das Mittelalter sei eigentlich nicht Teil des „Zeitalters der Eroberungen“ gewesen, das erst später seinen Lauf genommen habe (S. 9). Eroberungen seien eher selten gewesen, unter anderem weil dafür die materiellen und personellen Ressourcen gefehlt hätten. Wo Eroberungen glückten, ließen sie zumeist die lokalen sozialen Strukturen intakt. Dass die bekanntesten Eroberungen des Mittelalters mit Namen wie Karl dem Großen, Knut dem Großen, Wilhelm dem Eroberer und anderen verbunden sind, zeigt, dass damit zumeist großer persönlicher Ruhm einherging. Für die Gefolgsleute stand neben dem Ruhm vor allem die Bereicherung durch Beute im Fokus, deren Verteilungslogik mitunter weitere Kriegszüge bedingte. Nicht jeder Krieg aber brachte eine Eroberung mit sich, die hier als „militärisch erzwungene Übernahme der Herrschaft über ein fremdes Volk oder ein fremdes Reich“ (S. 18) verstanden wird.

Der Band nimmt im Folgenden in zwölf Beiträgen Fallbeispiele in den Blick, die durch eine Zusammenfassung abgerundet werden. Jeder Beitrag wird zudem durch ein englisches Abstract auch einem internationalen Publikum zugänglich gemacht.

Christiane Witthöft nimmt die Darstellung Alexanders des Großen und die Legitimation seiner auf Eroberung fußenden Herrschaft in der mittelhochdeutschen Dichtung in den Blick (S. 29–61). Der Fokus liegt dabei auf den mentalen Fähigkeiten und Intentionen Alexanders, auf seinem wille und seinem muot, der die Eroberungen überhaupt erst möglich gemacht habe. Aus christlicher Sicht ist für einen Helden dabei entscheidend, sich bei allem Erfolg nicht der Eitelkeit (vanitas) schuldig zu machen.

Eroberung aus der Sicht des Rechts widmet sich Bernd Kannowski (S. 61–91) und betrachtet dabei sowohl historiographische Texte als auch Rechtsquellen vom frühen bis ins späte Mittelalter. Zentral sei immer der Aspekt des Ordnungsdenkens, anhand dessen (legitime) Eroberungen von (illegitimer) Gewalt geschieden wurde. Gerade Eroberungen aber haben das Rechtsdenken immer wieder herausgefordert und zur Schärfung von Legitimationsstrategien geführt. Im Spätmittelalter haben Rechtsgelehrte dann sogar proaktiv über das Eroberungsrecht mit Blick auf künftige Eroberungen oder die Inbesitznahme unbewohnter Gegenden nachgedacht.

Mit Chlodwig und Theoderich thematisiert Verena Epp in ihrem Beitrag zwei prominente Eroberer (S. 93–113), die sich vor allem als erfolgreiche Heerführer an der Spitze gewaltaffiner Gruppen etablierten und auf die Kooperation der von ihnen beherrschten Gesellschaften zählen konnten. Während in Italien jedoch die verschiedenen Gruppen von Goten und Romanen eher separiert blieben, mischten sich in Gallien gerade die Elite aus Romanen und Franken. Der höhere Grad der Akkulturation sowie die größere Anzahl an Franken haben deren Reichsbildung letztlich erfolgreicher gemacht, so Epp.

Zwei weitere Eroberer stellt Rudolf Schieffer mit Karl und Otto dem Großen vor (S. 115–137), die auf eine unterschiedlich starke Integration der von ihnen besiegten Gruppen zielten: Karl wollte Franken und Sachen (in Einhards Worten) zu einem Volk werden lassen – eine Art der Bindung, die weder Otto I. noch seine Nachfolger mit Blick auf die Elbslawen so intendiert hätten. Sachsen wurde auf mittlere Sicht ein fester Bestandteil des Reichs, die Einbindung der Elbslawen gestaltete sich insbesondere nach dem Aufstand von 983 deutlich schwerer.

Aus byzantinischer Sicht beleuchtet Michael Grünbart die Phänomene von „Eroberung“ und „Herrschaft“ (S. 139–176), zwei Konzepte von zentraler Bedeutung sowohl für die Byzantinistik als auch für die zeitgenössischen Quellen. Die Eroberung von Gebieten war aus byzantinischer Sicht stets die Rückgewinnung alter römischer Gebiete, die in prächtigen Triumphzügen gefeiert wurde. Dass keine neuen Territorien erobert werden konnten, stand in einem Spannungsverhältnis mit der behaupteten (religiösen) Verantwortung des Kaisers für Völker auch jenseits der Reichsgrenze. Anspruch und Wirklichkeit lagen hier mitunter weit auseinander, so Grünbart.

Eine der wohl erfolgsreichsten Eroberungen des Mittelalters stellt Jörg Peltzer mit der normannischen Invasion in England 1066 vor (S. 177–213) und fokussiert dabei auf die Legitimationsstrategien der Normannen, die von zeitgenössischen Chronisten aufwendig dargelegt wurden. Neben der Darlegung des rechtlichen Anspruchs auf die Krone ist auch die Inszenierung der Krönung Wilhelms in London ein zentraler legitimatorischer Punkt, da diese einen ersten Endpunkt der Eroberung markierte – auch wenn die militärische Durchsetzung Wilhelm bis zu seinem Tod beschäftigen sollte.

Die zahlreichen Herrschaftsveränderungen in Süditalien nimmt Lioba Geis in den Blick, vor allem anhand der Klöster und Städte (S. 215–247). Dabei wird vor dem Hintergrund der jüngeren Forschung konstatiert, dass die Machtübernahme der Normannen im späten 11. Jahrhundert sowie die Heinrichs VI. in den 1190er-Jahren eher als Transformationsphasen denn als Eroberung zu deuten sind, weil es keine flächendeckende umwälzende Veränderung gegeben habe. Wie Geis zeigen kann, konnten Klöster und Städte im Gefolge der Herrschaftswechsel ihre Rechtsstellung zumeist wahren und teils sogar ausbauen.

Nikolas Jaspert steuert einen Vergleich der Konflikte in der Levante und auf der Iberischen Halbinsel bei (S. 249–290) und kann damit zeigen, dass Kriege bzw. Eroberungen, die als Rückgewinnung einstmals eigener Gebiete legitimiert wurden, keineswegs so selten sind, wie der Begriff der „Reconquista“ suggeriert, der sich einzig auf die Iberische Halbinsel bezieht. Für eine zusätzliche ideologische Aufladung sorgte in beiden Fällen die religiöse Grenzlage, die jedoch bei aller Diffamierung Andersgläubiger pragmatische Lösungen des Miteinanders nur wenig beeinflusste.

Den „Eroberer“ Philipp II. von Frankreich nimmt Thomas Foerster in den Blick (S. 291–339). Tatsächlich bringt die Regierungszeit Philipps für das französische Königtum einen enormen Aufschwung mit sich, der vor allem durch dessen Siege über das Anglonormannische Reich bedingt ist. Der Erfolg Philipps bedingt einen Wandel in der Art, wie der König von seinen Hofchronisten gefeiert wurde: Hatten sich die Kapetinger früher v.a. in fränkische Traditionen gestellt, wurde nun Rom der Maßstab herrscherlicher Fähigkeit und Pracht – und Philipp wurde zum rex semper Augustus.

Eroberer von der anderen Seite des Ärmelkanals thematisiert Jörg Rogge mit Blick auf Heinrich II. und Eduard I. von England (S. 341–368), deren Politik gegenüber Wales und Irland von der Forschung als imperialistisch, ja kolonialistisch gedeutet wurde – eine Einschätzung, die Rogge teilt, aber auch differenziert: Teile Wales’ seien unter direkte Kontrolle der Krone gekommen, was untypisch für Kolonien sei, ebenso wie der Umstand, dass es nicht um die Ausbeutung von Rohstoffen gegangen sei. Modern mutet dagegen an, dass die „Kolonisatoren“ sich selbst durchaus als „Modernisierer“ rückständiger Regionen gesehen haben.

Oliver Auge stellt mit den von dänischen Königen betriebenen Kriegen zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert ein weiteres Beispiel expansiver Politik vor (S. 369–410), durch die nach und nach Rügen, Pommern, Mecklenburg, Estland und Gotland unter dänische Herrschaft kamen – ein Vorgehen, das mit Augenmaß und in enger Abstimmung mit Papsttum und Adel umgesetzt wurde, so Auge. Dabei sei das „Imperium“ der dänischen Könige stark von der Person des Königs abhängig gewesen, was sich zum Beispiel eklatant zeigte, als König Waldemar II. 1223 in Gefangenschaft geriet.

Als letztes Fallbeispiel analysiert Jürgen Sarnowsky die Eroberung Preußens und Livlands (S. 411–441), zwei Gebiete, die gewaltsam an die christliche Welt angeschlossen wurden und in denen dann geistliche Institutionen dominierten, was Sarnowsky u.a. auf die Schwäche der lokalen weltlichen Akteure zurückführt. Entscheidend sei zudem die Präsenz (v.a. deutscher) Siedler gewesen, ohne die sich die kriegführenden Akteure kaum hätten halten können. Für eine langfristige Herrschaftsbildung sei aber auch die Integration der indigenen Bevölkerung in die neuen Strukturen wichtig gewesen.

Die Aufgabe der Zusammenfassung kommt Andreas Bihrer zu (S. 443–465), der sich an den Vortragsfassungen der Beiträge orientiert und gleich zu Beginn sowohl auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas verweist (freilich aus der Sicht von 2016) als auch auf die wissenschaftliche Lücke in der Forschung bei diesem Thema. Die Ergebnisse bündelt er in vier Thesen: Ersten sei ein offener Eroberungsbegriff für die mittelalterlichen Realitäten am nützlichsten; zweitens seien Zuschreibungen an Eroberer im Mittelalter besonders labil bzw. variabel, was u.a. an der auf Mündlichkeit basierenden Kommunikation gelegen haben könnte; drittens sei die Breite und soziale Vielfalt der an Eroberungen Beteiligten für das Mittelalter typisch; viertens habe die Integration besiegter Gruppen gerade im Mittelalter stark über deren Kooperation funktioniert, für die von Seiten der neuen Herren explizit geworben wurde.

Der Band bietet ein beeindruckendes Panorama, das zeitlich vom 5. bis zum 15. Jahrhundert und geographisch von der Iberischen Halbinsel bis Konstantinopel und von Skandinavien bis Süditalien reicht – so spannend und lohnend es wohl wäre, einen Vergleich mit der arabisch-islamischen Welt zu wagen, so vermessen wäre es, das Fehlen eines solchen Vergleichs diesem schon so umfassenden Band vorzuhalten. Die Beiträge sind durchweg auf hohem Niveau, wie es die Tagungsbände des Konstanzer Arbeitskreises auszeichnet. Gerade die Zusammenfassung von Andreas Bihrer macht zudem deutlich, dass viele Fragen offenbleiben oder nun anders gestellt werden müssten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass seit der Reichenau-Tagung drei weitere Konferenzen ganz ähnliche Themen aufgegriffen haben, die die Sicht der Eroberten bzw. der im Krieg Unterlegenen in den Blick nehmen oder sich auf spezifische Beispiele von Eroberungen fokussieren[1] – man darf hier auf die Ergebnisse gespannt sein.

Anmerkung:
[1] Sarah-Christin Schröder, Tagungsbericht: Ein(ver)nehmen? Eroberte als Diskursteilnehmer zwischen Selbstinszenierung und Sinnstiftung in der Vormoderne, in: H-Soz-Kult, 16.03.2021, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127459 (15.08.2022); Nina Straub / Bianca Baum, Tagungsbericht: Geschichte wird von den Besiegten geschrieben. Darstellung und Deutung militärischer Niederlage in Antike und Mittelalter, in: H-Soz-Kult, 09.11.2021, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127684 (15.08.2022); Rike Szill, Tagungsbericht: Conquerors and Conquered. Narrating the Fall of Constantinople (1453) and Tenochtitlán (1521), in: H-Soz-Kult, 14.07.2022, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-128430 (15.08.2022).

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07.09.2022
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