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Titel
Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus


Autor(en)
Gerstner, Alexandra
Erschienen
Anzahl Seiten
590 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Seelig, Philipps-Universität Marburg

Während der Begriff des Adels heute vollständig aus öffentlichen Diskursen verschwunden ist und nur noch in der ,Regenbogenpresse’ – oder neuerdings in Fernsehshows – auf breiteres Interesse zu stoßen scheint, sah dies am Anfang des 20. Jahrhunderts ganz anders aus. Zwischen der Jahrhundertwende und dem ,Dritten Reich’ waren die Begriffe ,Adel’ und ,Aristokratie’ in Publizistik und politischer Diskussion in aller Munde. Welches semantische Spektrum dabei der schillernde Begriff des Adels besaß und wie sich Adels- und Neuadelsvorstellungen in der politischen Praxis äußerten, untersucht Alexandra Gerstner in ihrer 2007 an der Freien Universität Berlin eingereichten Dissertation [1].

Gegenstand der Untersuchung sind „aristokratische Elitekonzepte von Intellektuellen und ihre versuchte Umsetzung in intellektuellen Assoziationen“ von 1900 bis 1933 (S. 9). Dabei geht Frau Gerstner von der Annahme aus, dass ,Adel’ und ,Aristokratie’ als „Schlüsselbegriffe der Zeit um 1900“ (Rüdiger vom Bruch) (S. 10) zu verstehen seien und den Zeitgenossen als Deutungsmuster gedienten hätten, mit deren Hilfe Probleme des gesellschaftlichen Wandels diagnostiziert und geeignete Lösungswege aufgezeigt werden sollten. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, welche Bedeutung diese Deutungsmuster für das politische Denken und Handeln der betrachteten Intellektuellen hatten. Als Ansatz wählt Frau Gerstner einen von der ,Neuen Ideengeschichte’ inspirierten Zugriff. Sie möchte die Neuadelsvorstellungen nicht nur in ihrer begriffsgeschichtlichen Dimension erfassen, sondern auch nach ihrem Einfluss auf das politische Handeln der Protagonisten fragen. Ihr Ziel ist es, die ideengeschichtliche Betrachtung der Neuadelskonzepte in eine Analyse der sozialen und politischen Kontexte ihrer Urheber einzubetten, um so die „sozio-politische Relevanz“ (S. 43) der analysierten Ideen zu untersuchen.

Für ihr Sample sucht Frau Gerstner fünf Intellektuelle aus verschiedenen Generation aus: den nationalliberalen Unternehmer und Politiker Walther Rathenau, den völkischen Genealogen Bernhard Koerner, den sozialistischen Publizisten Kurt Hiller, den der ,Neuen Rechten’ bzw. der ,Konservativen Revolution’ zuzuordnenden Schriftsteller Edgar J. Jung sowie den Begründer der Paneuropa-Union, Richard Graf von Coudenhove-Kalergi. Indem die Auswahl auf Intellektuelle aus unterschiedlichen politischen, sozialen und religiösen Milieus fällt, wird eine große Spannbreite von Neuadelskonzepten abgedeckt. Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in fünf Teile: Nach der Einleitung stellt Frau Gerstner in ausführlichen „intellektuellen Profilen“ (S. 49) ihre fünf Akteure vor, analysiert anschließend anhand der „Leitkategorien“ (S. 49) ,Rasse’ und ,Tat’ sowie der politischen Gesellschaftsmodelle der Intellektuellen die einzelnen Neuadelskonzepte, um danach die jeweiligen Vorstellungen mit ihren Umsetzungsversuchen in der politischen Praxis zu vergleichen; den Abschluss der Arbeit bildet eine analytische Zusammenfassung der Ergebnisse.

Im Rahmen dieser Rezension ist es nicht möglich, die Neuadelsvorstellungen der Autoren einzelnen zu behandeln. Daher sollen zentrale Aspekte hervorgehoben werden, die für alle Diskurse von großer Bedeutung waren. Alexandra Gerstner betrachtet die Neuadelsdiskurse als eine Reaktion auf die allgemeine Krisenempfindung in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Beginn der nationalsozialistischen Diktatur. Um die vermeintliche Krise der bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden, seien Neuadelsmodelle als Visionen einer ,anderen Moderne’ entworfen worden, in denen die Utopie vom ,Neuen Menschen’ eine zentrale Rolle gespielt habe. Unter dem ,neuen Menschen’ habe man einen elitären Menschentypus verstanden, der als eine Art ,neuer Adel’ die Menschheit aus ihrer gegenwärtigen Misere erretten sollte. Eingebettet in die kulturkritischen und utopischen Diskurse seit der Jahrhundertwende, seien die Verfechter neuadliger Weltbilder und Gesellschaftsordnungen somit „als Repräsentanten ihrer Zeit“ (S. 538) zu verstehen.

In der diskursiven Auseinandersetzung um den ,neuen Adel’ habe sich die Adelssemantik von einem vormodernen, auf dem Gedanken der Abstammung basierenden Adelsbegriff (noblesse de race) zur modernen Vorstellung des Rassenadels verschoben. Durch die Verbindung von Rassen- und Adelsbegriff sei der traditionelle Begriff des Adels für vielfältige Interpretationsmöglichkeiten geöffnet worden. So habe sich die Möglichkeit ergeben, biologische und geistig-psychologische Kriterien für eine Zuschreibung (neu-)adliger Qualitäten auf unterschiedlichste Art und Weise miteinander zu verbinden. Zwar hätten Neuadelsvorstellungen oft auf das Vorbild des historischen Adels zurückgegriffen, letztlich seien sie aber dennoch ahistorische Konstrukte gewesen.

Aus Gerstners Analyse geht deutlich hervor, dass allen Neuadelsdiskursen zwei Prinzipien zur Erklärung (neu-)adliger Qualitäten zugrunde lagen: (1) ein biologisches und (2) ein geistiges Moment. Dementsprechend können nach Gerstner die Neuadelskonzepte analytisch in das Modell eines Geistes- und eines biologischen Adels unterteilt werden. Weiterhin sei eine Differenzierung zwischen der Vorstellung von einem Individualadel und einem Adelsstand möglich. Während das erste Konzept den neuen Adel als eine Ansammlung herausragender Individuen unterschiedlichster Herkunft ansehe, verstehe das zweite die neue Aristokratie als eine ständische Gemeinschaft. Allen Erklärungsmustern sei hingegen gemeinsam, dass sie ein „aristokratisches Seinsprinzip“ (S. 285) den bürgerlichen Prinzipien von Leistung und Bildung gegenüberstellten. Der Typus des ,neuen Adligen’ sei als Tatmensch verstanden worden, d.h. als ein aufgrund innerer Qualitäten und Handlungsbereitschaft zur Führung der orientierungslosen Massen berufener Führer. Da alle Neuadelsdiskurse auf den Prinzipien der Ungleichheit und Hierarchie basierten, seien sie in ihrer Stoßrichtung durchweg antibürgerlich, antidemokratisch, elitär-exklusiv und autoritär. Diese Tendenz spiegle sich nicht zuletzt in den politischen Modellen und Umsetzungsversuchen der aristokratischen Elitekonzeptionen wider, die voll und ganz einer elitären Führerauslese von oben verschrieben gewesen seien. In der soziopolitischen Praxis habe die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie und des Parteienwesens sowie der elitäre und exklusive Charakter der gegründeten Vereinigungen im Gegensatz zu dem Anspruch gestanden, eine Sammlungsbewegung auf breiter gesellschaftlicher Basis zu schaffen. Durch ihren antibürgerlichen und antidemokratischen Habitus auf Grundlage einer elitären Exklusivität hätten die betrachteten Intellektuellen selbst zu ihrer gesellschaftlichen Desintegration und Marginalisierung beigetragen. Auch wenn die untersuchten Neuadelskonzepte in Rezeption und Umsetzung langfristig nicht von Erfolg gekrönt gewesen seien, hätten sie dennoch zur Verbreitung autoritärer Führer- und Elitekonzepte beigetragen.

Alexandra Gerstner legt mit ihrer Dissertation eine detailreiche und in ihrer Argumentation überzeugende Untersuchung vor, die dem Anspruch gerecht wird, die behandelten Neuadelskonzepte in ihren ideengeschichtlichen und soziopolitischen Dimensionen zu analysieren. Dennoch leidet ihre Studie an einem Mangel: Bei der Untersuchung der einzelnen neoaristokratischen Modelle und ihrer Umsetzungsversuche verliert sich Frau Gerstner immer wieder in den Details der allgemeinen Weltanschauung und politischen Praxis der Protagonisten. Damit verliert sie über weite Teile der Darstellung den eigentlichen Gegenstand ihrer Untersuchung aus den Augen – die Neuadelsvorstellungen. Zur besseren Nachvollziehbarkeit der überzeugenden Ergebnisse hätte sich der Rezensent eine systematischere Aufarbeitung gewünscht.

Anmerkung:
[1] Gerstner kann dabei auf Studien für ihre Magisterarbeit aufbauen; siehe Gerstner, Alexandra: Rassenadel und Sozialaristokratie. Adelsvorstellungen in der völkischen Bewegung (1890-1914), Berlin 2003.