Riou, Jeanne; Petersen, Christer (Hrsg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien. Band 3: Terror. Kiel 2008: Verlag Ludwig , ISBN 978-3-937719-49-8, 361 S. € 26,90.

Irsigler, Ingo; Jürgensen, Christoph (Hrsg.): Nine Eleven. Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001. Heidelberg 2008: Universitätsverlag Winter , ISBN 978-3-8253-5445-9, 410 S. € 35,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Koch, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Forschungsliteratur zum Thema Krieg im Allgemeinen und zu den Ereignissen des 11. September im Besonderen hat sich in den letzten Jahren vor allem im angloamerikanischen Raum rapide ausdifferenziert. Eine Vielzahl von Studien beschäftigt sich aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven mit „Terror“ als spezifischer Zuspitzung von Politik und fragt nach historischen Genesen und sozialen Konstellationen von vergangenen und aktuellen Erscheinungsformen des Terrors. Dabei ist immer wieder herausgestellt worden, dass terroristische Gewalt auf bestimmte kommunikative Effekte abzielt und sie daher ihrem Wesen nach zumindest partiell als ein die symbolische Ordnung irritierendes Kommunikationsereignis beschrieben werden muss.

Zwei aktuelle Sammelbände widmen sich vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegungen konsequenterweise der Frage, wie terroristische Ereignisse in die öffentliche Kommunikation eingespeist werden und welche medialen bzw. ästhetischen Effekte dabei zu beobachten sind. Der Band von Petersen und Riou versammelt unter der interdisziplinären Frage nach der „mediality of terror“ (S. 5) insgesamt dreizehn Beiträge, die sich in Einzelstudien mit Aspekten des Terrors selbst und seiner diskursiven Verarbeitung auseinandersetzen. Angesichts der Vielgestaltigkeit des Themas geben sich die Herausgeber von vorneherein bescheiden und entsagen dem Anspruch auf Vollständigkeit. Um dennoch ein Mindestmaß an Kohärenz zu gewährleisten, gliedern sie ihre Textsammlung nach den Kategorien „Begriffs- und Ideengeschichte“, „Geschichte des Terrors“ und „Krieg gegen den Terror“. Diese Kategorisierung überzeugt jedoch nicht wirklich. Warum etwa der Beitrag des Neubrandenburger Systemtheoretikers Peter Fuchs (S. 122ff.) der Begriffs- und Ideengeschichte zugerechnet wird, erscheint dem Rezensenten ob seines dezidiert kommunikationspraktischen Inhalts ebenso wenig plausibel wie die Zuordnung von Christoph Jürgensens Aufsatz (S. 221ff.) zur literarischen Rekonstruktion des „Deutschen Herbstes“ unter die Oberkategorie „Geschichte des Terrors“. Vielleicht wäre hier eine prinzipielle thematische Differenzierung zwischen der analytischen Beschäftigung mit Beobachtungen erster und zweiter Ordnung weiterführend gewesen.

Die einzelnen Beiträge selbst sind von unterschiedlicher Qualität. Neben den gelungenen Texten von Fuchs und Jürgensen ist insbesondere Douglas Kellners Analyse der aktuellen Verarbeitung von 9/11 in US-amerikanischen Spielfilmen und TV-Produktionen (S. 281ff.) ein Highlight des Bandes. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt hingegen der Versuch von Mario Harz und Christer Petersen, die Unterscheidung von Terrorist und Freiheitskämpfer relationslogisch zu klären (S. 15ff.). Nachdem der Rezensent mit großem Interesse eine Vielzahl von formallogischen Formeln nachvollzogen hatte, war er letztendlich vom Ergebnis doch ein wenig enttäuscht: Es lässt sich einfach formuliert auf den Nenner bringen, dass die Akzeptanz der Sinnhaftigkeit eines Gewaltaktes darüber entscheidet, ob man in den Verantwortlichen Terroristen oder Befreiungskämpfer sieht und diese Wertung mithin differente Funktionspotenziale in der Figur des Täters realisiert, die kulturell und politisch imprägniert sind. Erscheint eine solche Ontologisierung des Trivialen nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Deutungsanspruch der Kulturwissenschaften wenig hilfreich, so bleibt unter dem Strich dennoch ein positiver Gesamteindruck. Petersen und Riou haben einen insgesamt lesenswerten Beitrag zur Terrorforschung geleistet, der in einzelnen Texten zu überzeugen weiß und für die Problemstellung einer interdisziplinären und historisch vergleichenden Beschäftigung mit dem Thema sensibilisiert. Dass hier allerdings nur ein erster Schritt gegangen wurde, bleibt kritisch anzumerken.

Der Band von Irsigler und Jürgensen führt die thematische Perspektive weg vom Globalphänomen „Terror“ hin zur Frage nach ästhetischen Verarbeitungen von 9/11 und versucht sich rund ein halbes Jahrzehnt nach den Anschlägen an einer Zusammenstellung ihrer künstlerischen Verarbeitungsformen. Ähnlich wie bei dem zuvor besprochenen Sammelband, so stellt sich auch hier die Frage nach der Überzeugungskraft der dem eigenen Anspruch nach „interdisziplinäre[n] und transkulturelle[n] Konzeption des Bandes“ (S.10). Zunächst einmal überrascht die im Vorwort vorgenommene strikte Trennung zwischen politischer Ursachenforschung und ästhetischer Verarbeitung der Anschläge (S. 9). Insbesondere vor dem Hintergrund amerikanischer Forschungsansätze, die unter Einbeziehung der populären Gegenwartskultur danach fragen, inwieweit seit 9/11 in den westlichen Gesellschaften zunehmend Gouvernementalität als Bedrohung organisiert wird, muss bezweifelt werden, dass eine dichotomische Gegenüberstellung von politischen Diskursen und ästhetischen Repräsentationen wirklich zielführend ist.

Jenseits dieser prinzipiellen Kritik überzeugt der Band mit einer Vielzahl an einzelnen Beobachtungen, die die insgesamt 17 Beiträge unter den Überschriften „Literarisierungen“, „Inszenierungen“ und „Visualisierungen“ zusammentragen. Christoph Deupmanns Reflexionen zu Ulrich Peltzers Text Bryant Park etwa zeichnen in genauen Analysen nach, welche literarischen Verfahren im deutschen Sprachraum relativ zeitnah zu Verfügung standen, um sich der vermeintlichen Zäsur der Anschläge narrativ anzunähern (S. 17ff.). Ebenfalls lohnend sind Anneka Esch-van Kahns Analysen zu 9/11 im amerikanischen Theater (127ff.) und Sascha Seilers Darstellung der von patriotischen Gesten bis hin zur subversiven Gegendeutung reichenden Reaktionen in der amerikanischen Popmusik (S. 167ff.). Auch der Bereich „Visualisierung“ besticht durch die Fülle von analysierten Bildensembles. Von einer allgemeinen Mediengeschichte der Anschläge (S. 195ff.) über Comics (219ff.) und filmische Repräsentationen (S. 251ff., S. 277ff., S. 313ff.) reicht das Spektrum des dargebotenen Materials bis hin zu architektonischen und fotografischen Beschäftigungen mit dem 11. September.

Angesichts des im Vorwort formulierten Anspruchs der Herausgeber, eine „breit kulturwissenschaftlich perspektivierte Bilanz“ ziehen zu wollen (S. 13), muss allerdings das Fehlen zweier zentraler kultureller Ausdeutungsinstanzen der letzten Jahre konstatiert werden. So erscheint es dem Rezensenten problematisch, dass im Kontext audiovisueller Beschäftigungen mit 9/11 die Serie 24 keine besondere Aufmerksamkeit findet. Das seit 2001 im amerikanischen Privatsender Fox produzierte Fernsehformat mit Kiefer Sutherland in der Hauptrolle kann aufgrund ihrer fortwährenden (und durchaus kontroversen) Beschäftigungen mit den Aspekten „Terror“, „Folter“, „Rechtsstaatlichkeit“ und der in den letzten Jahren manifest gewordenen „Krise des Politischen“ als ein Leitformat der Post-9/11-Ära gesehen werden, das zumindest im anglo-amerikanischen Raum die Deutung der Terroranschläge massiv beeinflusst hat. Gleiche Deutungskompetenz beansprucht im Bereich der Bildenden Künste auch die im Jahr 2002 veranstaltete documenta 11, die sich ganz der künstlerischen Beschäftigung des Ineinanders von Globalisierung, Postkolonialismus, Kapitalismus und Terror verschrieben hatte.

Gleichwohl gilt für den Band von Irsigler und Jürgensen Ähnliches wie für den von Petersen und Riou. Auch er erwirbt sich wichtige Verdienste in der Materialsichtung. Nimmt man zu den beiden hier vorgestellten Sammelbänden noch den von Sandra Poppe, Torsten Schüller und Sascha Seiler herausgegeben Band „9/11 als kulturelle Zäsur“ hinzu [1], so gewinnt man einen sehr guten Eindruck davon, inwieweit die Ereignisse des 11. September im Besonderen und das Phänomen „Terror“ im Allgemeinen unsere politischen und kulturellen Wahrnehmungskoordinaten irritieren und welche Anstrengungen die symbolischen Ordnungen des Westens unternehmen, um ihre gewaltsame Infragestellung zu entkräften. Eine kohärente Gesamtdeutung, die die sich in der Vielzahl von Einzelrepräsentationen (vielleicht) abzeichnende Repräsentationslogik mit kulturgenetischen Theorien – den Arbeiten Heiner Mühlmanns etwa [2]– verbindet, steht jedoch weiter aus.

Anmerkungen:
[1] Sandra Poppe/ Thorsten Schüller/ Sascha Seiler (Hrsg.), 9/11 als kulturelle Zäsur: Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien, Bielefeld 2009.
[2] Heiner Mühlmann, MSC. Maximal Stress Cooperation. Die Antriebskraft der Kulturen, Wien/ New York 2005.

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19.02.2009
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