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Titel
Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen


Herausgeber
Brandes, Wolfram; Schmieder, Felicitas
Reihe
Millennium-Studien 16
Erschienen
Berlin 2008: de Gruyter
Anzahl Seiten
XIX, 435 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Eva Wannenmacher, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Auch einige Jahre nach dem Jahrtausendwechsel ist das wissenschaftliche Interesse an den Themen Millennium, Endzeit, Apokalyptik ungebrochen. Der vorliegende Band, dessen Aufbau und Beiträge wesentlich auf eine Tagung von 2005 zurückgehen[1], widmet sich ihnen in Verbindung mit dem vielleicht noch aktuelleren Blick auf die monotheistischen Weltreligionen.

Die kurze, fundierte Einführung der beiden Herausgeber über Konzeption und Zielsetzungen des Bandes ist sogleich einer seiner lesenswertesten und informativsten Beiträge. Die 20 Ausarbeitungen der einzelnen Autoren versuchen, den skizzierten Fragestellungen in unterschiedlichen Epochen und Regionen aus verschiedenen Perspektiven nachzugehen. Dabei kommen allgemeine und überzeitliche Überlegungen von Andrew Gow auf neuartige und überraschende Weise ebenso zur Geltung wie Einzeluntersuchungen wesentlicher Gestalten oder Motive und instruktive Studien eschatologischen Gedankenguts in unterschiedlichen Konfessionen, Religionen, Jahrhunderten und Gesellschaftsschichten.

Bruno Bleckmann beschreibt das Werk des um 425 schreibenden Kirchenhistorikers Philostorg als Ausdruck eschatologischer Hoffnung auf den Beginn einer neuen Zeit, deren konstituierende Elemente ebenso theologischen wie politischen Wandel implizieren.

Mitten im Zentrum der von den Herausgebern in den Blick genommenen Thematik ist der Beitrag von Mischa Meier angesiedelt, der gängige Theorien über den internationalen Dialog zwischen Ost und West und dessen Wandlungsprozesse im Europa des ersten Jahrtausends untersucht und mit eigenen Forschungen zunächst methodologisch und anschließend an einem exemplarischen Untersuchungsgegenstand für das 6. Jahrhundert konkret und spannungsreich kontrastiert. Nach Gerrit Jan Reinink erfüllt auch die syrisch-christliche Apokalyptik des späten 7. Jahrhunderts eine sehr politische Funktion, beantwortet antichristliche Polemik mit antiislamischer. Dabei ist in den Texten eine zunehmende Distinktion, ein ansteigendes argumentatives Niveau und gleichzeitig wachsender Respekt vor der anderen Religion zu beobachten: Der alleinige Wahrheitsanspruch der christlichen Religion wird zwar aufrechterhalten und der islamische Diskussionspartner erkennt regelmäßig die Überlegenheit des Christentums an, doch ist die Gesprächsatmosphäre höflich und achtungsvoll. Andrea B. Schmidt beschreibt die mögliche Genese einer zwar fiktiven, in der apokalyptischen Literatur über Jahrhunderte hinweg jedoch überaus präsenten Mauer, die der Legende nach Alexander der Große im Gebiet des Kaukasus gegen die in der Apokalypse genannten Völkerschaften Gog und Magog errichtet haben soll. Sie untersucht frühe Entwicklungen dieses Motivs in seinem syrischen Entstehungsmilieu, skizziert die unterschiedlichen Lokalisierungen des fiktiven Schutzwalls und kontrastiert damit das vollkommene Fehlen des Mauermotivs in der Literatur der tatsächlich im Kaukasus ansässigen christlichen Völker. Diese weisen zwar Alexander dem Großen in ihrer Literatur und ihren Mythen überragende Bedeutung zu, kannten aber offensichtlich niemals das Bedürfnis eines solchen nach Norden gerichteten Schutzwalls: Das apokalyptische Bedrohungsszenario verliert offenbar mit der realen Nähe zum unbekannten Norden zusehends seine Gefährlichkeit.

Der nächste Beiträger Wout Jac. van Bekkum ist der einzige, der sich im Rahmen des Tagungsbandes jüdischen Endzeitvorstellungen zuwendet. Er thematisiert die vier Reiche, die im Buch des Propheten Daniel beschrieben werden. Vor dem Hintergrund der Wirkungsgeschichte dieses Traumberichts und seiner verschiedenen Interpretationen (auch aus römischer und frühchristlicher Perspektive) diskutiert er Entstehungsbedingungen, Funktionen und Wandel jüdischer Apokalyptik in verschiedenen Epochen und politischen Konstellationen. Zur Zeit der Konstantinischen Wende und der theodosianischen Dynastie antwortete sie auf antijüdische Polemik. Als zu Beginn des 7. Jahrhunderts in Palästina ein politisches Vakuum entstand und Jerusalem eine Zeit lang in jüdischer Hand war, verursachte dies ein kurzes Aufflammen apokalyptischer messianischer Hoffnung, die sich erneut des Danielbuchs bediente. Die vielfachen Aktualisierungsmöglichkeiten des Motivs sind auch der Grund für die bedeutende Rolle, die das Motiv der vier Reiche in liturgischen Zusammenhängen bis ins 15. Jahrhundert hinein spielte.

Paul Magdalino unternimmt es, Unterschiede und Eigenheiten byzantinischer Eschatologie im Vergleich mit derjenigen des lateinischen Westens herauszuarbeiten. Beide begannen mit denselben Voraussetzungen, beruhen auf denselben sakralen Texten und entstammen derselben religiösen Vorstellungswelt, im Wesentlichen auch demselben Kulturkreis. Doch nahm die Geschichte im byzantinischen Raum seit der Spätantike eine eigene, von derjenigen des Westens unterschiedliche Entwicklung. Politische Ereignisse wie die Eroberung Antiochiens durch die Perser 540, Naturereignisse wie zerstörerische Erdbeben, aber auch außergewöhnliche Beobachtungen am Sternenhimmel inspirierten eine Fülle prophetisch-eschatologischer Texte. Generell überwog eher die Naherwartung, während meistens nur eine relative, nicht aber eine absolute Chronologie der Ereignisse angegeben wurde. Die Kreuzzüge wurden gewöhnlich unter dem Aspekt möglicher Auswirkungen auf Konstantinopel interpretiert, kaum mit Blick auf Palästina. Schicksal und Ende Konstantinopels wurden in den apokalyptischen Texten thematisiert, bis letzteres zur prophetia ex eventu wurde. Die besondere Rolle, die die Stadt Konstantinopel in byzantinischen Endzeitvorstellungen spielt, behandelt Albrecht Berger in seinem Beitrag über Topographisches in apokalyptischen Schriften von frühen griechischen Übersetzungen des Pseudo-Methodius bis zu den „Oracula Leonis“ des 12. Jahrhunderts.

Wie dezidiert politisch Apokalyptik sein kann, zeigt Wolfram Brandes eindrücklich am Beispiel antikaiserlicher Propaganda im byzantinischen Kaiserreich im 9., 12. und 13. Jahrhundert, ihrer Vorläufer und Wirkungsgeschichte, vor allem aber – im Kontext des Tagungsbandes von besonderem Interesse – ihrer wechselseitigen Beeinflussung durch und auf lateinische Literatur. Mit diesem Hinweis auf einen bisher noch weitgehend unerforschten Wissenstransfer zwischen Ost und West zeigt er zugleich künftiger Forschung neue Wege auf.

Die Weltkaiserprophetie als Prophezeiung der Wiederkehr Kaiser Friedrichs II., die vom Zeitpunkt des Todes Friedrichs bis in die Reformationszeit abwechselnd erhofft und als erfüllt angesehen worden war, untersucht Hannes Möhring. Der erwarteten Endzeit unter dem wiedergekehrten Kaiser wurde dabei meistens, aber nicht immer in freudiger Erwartung entgegengesehen. Viele falsche Friedriche erklärten sie als gekommen, und nur der echte Friedrich III. wollte lieber nicht mit seinem Vorgänger gleichen Namens identifiziert werden.

Christian Jostmann vergleicht die politischen Funktionen und Wirkungsweisen apokalyptischer Prophezeiungen des 21. Jahrhunderts über die Zukunft der USA mit denen anonym veröffentlichter politischer Prophetien, die im 13. Jahrhundert in Italien und besonders an der päpstlichen Kurie Furore machten. Gian Luca Potestà betrachtet Apokalyptisches und Politisches in den Texten des kalabresischen Abtes Joachim von Fiore (†1202). Die apokalyptische Interpretation politischer Ereignisse und Verhältnisse wie der Fall Jerusalems, die Beziehung zu Konstantinopel und die Bedrohung durch den Islam war für Joachim von Fiore zwingendes Ergebnis seiner exegetischen Studien.

Felicitas Schmieder untersucht den „Liber Ostensor“ des wichtigen und in seiner Bedeutung nach wie vor eher unter- als überschätzten Johannes von Rupescissa, der nach der Mitte des 14. Jahrhunderts starb. Viele Motive laufen dabei im Leben und Werk des Franziskaners zusammen, wie in einem Brennglas fokussieren sich Gestalten und Themen der Vergangenheit wie auch der Zukunft apokalyptischen Gedankenguts.

Mit dem nächsten Beitrag wendet sich die Perspektive hin zum Islam, nun nicht mehr als Element eines apokalyptischen Bedrohungsszenarios oder einer andersgläubigen Umwelt, sondern als Kontext eigener Endzeitvorstellungen. Wim Raven beschreibt Genese und Charakteristika des Antichristmotivs in islamischer Überlieferung, das nicht auf den Koran, sondern auf unterschiedliche frühislamische Traditionselemente zurückgeht und dessen Herkunft und genaue Umrisse im Dunkeln bleiben. Ebenfalls aus muslimischer Perspektive beschreibt David Cook die apokalyptische, die Fremdvölker dämonisierende Interpretation der Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts. Auf messianische Erwartungen und apokalyptische Furcht, die die Mongolen nicht selten bald rechtfertigten, folgte eine Vielzahl apokalyptischer Texte, die jedoch bald nach dem Ende der realen Bedrohung zurückging. Mit ihrem Beitrag über den Philosophen und Mystiker Ibn Sab’in (†1270), der von seinen Zeitgenossen wie von der Nachwelt verschiedentlich als Mahdi proklamiert wurde, wendet sich Anna Akasoy dem islamischen Westen nach der Ablösung der Almoraviden durch die Almohaden des Ibn Tumart zu und diskutiert die Einflüsse von Sufismus, Schia, Sunna und Neuplatonismus auf das Bild der Prophetie und der Endzeit im Maghreb.

Volker Leppin skizziert knapp und pointiert die besondere Zuspitzung lutherischer Apokalyptik, das geradezu bildungsbürgerliche Umfeld ihrer Entstehung, ihre Funktion und Wirkungsweise. Als mediales Ereignis und sozialdisziplinierendes Moment, dem Luthertum schon seit Luther untrennbar zu Eigen, erlebt die apokalyptische Botschaft eine grandiose und sehr zeitgemäße Neuauflage. Als ähnlich weltzugewandt beschreibt Anja Moritz die Apokalyptik des Magdeburger Predigers Nikolaus von Amsdorff (1483–1565), nämlich als Aufruf zur – gerade auch politischen – Verantwortung, um die Schöpfungsordnung zu retten, wenn sie die weltliche Obrigkeit nicht mehr zu schützen vermag. Die Kürze, mit der Gerhard Podskalsky Thomas Malvendas barockes Werk über den Antichristen behandelt, steht in bedauerlichem Kontrast zu seinem Gegenstand, über den man gern mehr erfahren möchte, und es ist zu hoffen, dass künftige Forschung rasch hier anknüpfen möge.

Von enzyklopädischer Gelehrsamkeit sind die zu Beginn des 17. Jahrhundert entstandenen „Lectiones Memorabiles“ Johannes Wolffs, deren Gegenwarts- und Endzeitbezüge Sabine Schmolinsky darstellend interpretiert. Der besondere Schwerpunkt, den Wolff dabei auf die Sammlung prophetischen Materials legte, korrespondiert mit Tendenzen eschatologischer Verdichtung im zeitgenössischen Luthertum. Als „politisch-zeitgeschichtlich aufgeladene Endzeitprophetie“ (S. 414) vereinen die „Lectiones“ gelehrtes Nachschlagewerk und konkrete Handlungsanweisung

Bedauerlicherweise lässt der Tagungsband (außer der im Tagungsbericht aufgeführten Einführung von Johannes Fried) die beiden nur auf der Tagung vorgestellten Beiträge über Apokalyptik im koptischen Christentum und jüdische Endzeiterwartung im Mittelalter vermissen, die das Thema inhaltlich jedenfalls weiter abgerundet hätten. In allen Beiträgen augenfällig ist das meist gelungene Bemühen um Herstellung von Gegenwartsbezügen ins 21. Jahrhundert, die den historischen Themen zu größerer Aktualität verhelfen sollen. Die Unterschiedlichkeit der Beiträge (auch in der Länge), von der Überblicksskizze bis zur gelehrten Detailstudie, zeigt, wie aktuell und lebendig die im Tagungstitel angesprochenen Themen sind. Es ist ein Charakteristikum dieses wie vieler Tagungsbände, dass die eingangs genannten Fragestellungen nicht alle restlos beantwortet werden, während andere, zunächst unvorhergesehene an ihrer Stelle Beachtung und Antworten finden. Dafür, dass diese nicht minder interessant sein können, ist dieser Band in seiner Heterogenität und Vielfalt ein hervorragendes und jedenfalls lesenswertes Beispiel, das auf die Fortsetzung des Projekts gespannt sein lässt. Ein knapper, aber ausreichender Index rundet den Band ab.

Anmerkung:
[1] Vgl. Tagungsbericht: Endzeiten – politische und gesellschaftliche Implikationen universaleschatologischer Vorstellungen in den drei monotheistischen Weltreligionen (5. bis 16. Jahrhundert), 31.03.2005-02.04.2005, Frankfurt am Main, in: H-Soz-u-Kult, 23.04.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=761>.

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22.06.2009
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