H. Hahn u.a. (Hrsg.): Erinnerungskultur und Versöhnungskitsch

Cover
Titel
Erinnerungskultur und Versöhnungskitsch.


Herausgeber
Hahn, Hans Henning; Hein-Kircher, Heidi; Kochanowska-Nieborak, Anna
Reihe
Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 26
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 318 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Springer, Deutsches Historisches Museum, Berlin

Das Jahr 1989 hatte für die deutsch-polnischen Beziehungen viele Facetten – eine davon war der Beginn eines Booms an Gesten der „Versöhnung“ zwischen den beiden seit über 50 Jahren nicht mehr im Krieg befindlichen Völkern. Landauf, landab versöhnten sich nun Deutsche und Polen in Form unterschiedlicher Gesten und Inszenierungen – die bekannteste war die Umarmung von Bundeskanzler Helmut Kohl und dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki in Kreisau. Der Historiker und Politologe Klaus Bachmann verschaffte seinem Zorn über die meist gut gemeinten, aber oftmals inhaltsleeren Rituale 1994 in einem Zeitungsartikel Luft. „Wenn jeder Kredit, jeder Schüleraustausch, jede politische Handlung zwischen Polen und Deutschland von den Deutschen dem Schlagwort von der ‚Versöhnung’ untergeordnet wird, wird diese zum Versöhnungskitsch“, heißt es in dem Text. Als ein Beispiel für „Versöhnungskitsch“ beschreibt Bachmann die Reise eines deutschen Landtagspräsidenten nach Auschwitz – nach dem Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge wollte dieser durch persönliche Arbeitseinsätze in der Gedenkstätte ein Zeichen setzen. Bachmanns noch immer lesenswerter Text wurde im vorliegenden Sammelband glücklicherweise erneut veröffentlicht und vom Autor mit einer – allerdings weniger erhellenden – Rückschau versehen.

Der von Bachmann geprägte Begriff „Versöhnungskitsch“ verschwand nach 1994 ebenso wenig aus der Öffentlichkeit wie das, was der Autor so wortgewaltig anprangerte. Und zugleich löste sich der Begriff von seinem deutsch-polnischen Kontext – heute findet sich „Versöhnungskitsch“ als Kategorie der Kritik genauso in Filmrezensionen zu „Der Vorleser“ wie in Reportagen über Rassenkonflikte in Südafrika. Im Sammelband „Erinnerungskultur und Versöhnungskitsch“ wird nun der lobenswerte Versuch unternommen, dem einst als polemische Beschreibung eingesetzten Begriff ein akademisches Fundament zu geben. Die Grundlage für den Band bildete eine interdisziplinäre Tagung, die das Herder-Institut, die Universität Poznan und die Universität Oldenburg im September 2006 veranstalteten.[1]

Die Herausgeber liefern in ihrer anregenden Einleitung die theoretische Basis für die folgenden 18 Beiträge; sie setzen sich insbesondere mit den Begriffen „Erinnerung“, „Versöhnung“ und „Kitsch“ auseinander. Analog zu Bachmann betonen sie die Verschiedenartigkeit kollektiver Erinnerung in unterschiedlichen Staaten und heben hervor, dass „nicht die Geschichte selbst problematisch“ sei, „sondern der Identitätsbezug der unterschiedlichen Erinnerungen und Erinnerungsbilder, deren interessenpolitische Instrumentalisierung sowie daraus abgeleitete Ansprüche den Knackpunkt der Auseinandersetzungen“ darstellten (S. 12). Das fehlende Bewusstsein für diese Unterschiede sei, darin sind sich die Herausgeber mit Bachmann einig, eine zentrale Voraussetzung für „Versöhnungskitsch“ – es könne zu offenen oder latenten Konflikten zwischen Gesellschaften führen. Mitherausgeber Hans Henning Hahn definiert in seinem Beitrag: „Wenn das Versöhnungsvorbild eine moralische Entlastungsfunktion haben und dahingehend wirken soll, dass unangenehmere Seiten der Beziehungsgeschichte vergessen werden sollen, wenn also die Wirkung des Versöhnungsvorbilds und die Erinnerung an sie nur mit Hilfe einer partiellen Amnesie möglich scheint, dann haben wir es mit Versöhnungskitsch zu tun.“ (S. 233)

Auf die Einleitung und die beiden Artikel von Bachmann folgen zunächst vier Aufsätze, die sich mit allgemeinen Fragen der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik beschäftigen. Hervorzuheben ist der Beitrag der Germanistin Anna Kochanowska-Nieborak, die mit einer Reihe historischer und aktueller Beispiele auf den Zusammenhang von „Versöhnung“ und „Stereotypen“ hinweist. Ihr Fazit, dass Stereotype „die Früchte des Versöhnungsprozesses [...] verderben, indem sie durch einen verzerrten Blick auf das Nachbarland die Kommunikation zwischen den beiden Nationen stören“ (S. 53), ist allerdings wenig überraschend. Auch die folgenden Beiträge kreisen um die von den Herausgebern hervorgehobenen Begriffe. Die Bedeutung eines vergleichenden Ansatzes in Fragen der Erinnerungskultur unterstreicht der Beitrag des Soziologen Valentin Rauer zur „symbolischen Repräsentation transnationaler Versöhnungsrituale“. Mithilfe einer Auswertung der internationalen Presseberichterstattung über für die Bundesrepublik Deutschland zentrale Versöhnungsrituale wie Reims 1962, Bitburg 1985 und Dresden 1995 bis 2004 (mit den ehemaligen Kriegsgegnern) kommt Rauer zu dem Schluss, dass für den „Erfolg“ eines derartigen Rituals der „erinnerungskulturelle Kontext im Bezug auf die traumatische Bedeutung des Holocaust maßgeblich“ sei (S. 67) – die Erinnerung an den Völkermord bildete in der Presse die notwendige Sperre gegen Versöhnungsrhetorik.

Darüber hinaus widmet sich der Sammelband in zwei Abschnitten dem „Umgang mit Versöhnung und Erinnerung in der Literatur“ sowie „in der Geschichtspolitik“. Im Mittelpunkt stehen dabei die deutsch-polnischen Beziehungen, doch einige Aufsätze beschäftigen sich auch mit Erinnerungskulturen anderer Regionen – so etwa die Studie der Germanistin Patricia Cifre Wibrow über Günter de Bruyn und Miguel Delibes, die Untersuchung des Germanisten Andrzej Denka über individualisierte Erinnerung in den Reiseberichten von Wolfgang Büscher und Peter Handke sowie der informative Beitrag des Historikers Olaf Mertelsmann über den baltisch-russischen „Erinnerungsstreit“ und dessen politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Diese Erweiterungen der regionalen Schwerpunktsetzung des Sammelbandes erscheinen sinnvoll, da die Konzentration auf das schwierige, gut erforschte Verhältnis von Deutschen und Polen eine unter Umständen problematische Verengung der Analyse von Versöhnung und Erinnerung hätte verursachen können. Hier hätte man sich – gemeinsam mit den Herausgebern – durchaus noch eine größere Bandbreite wünschen können. Nur bedingt ertragreich ist demgegenüber die beanspruchte Interdisziplinarität des Sammelbandes: Ansätze, Methoden, Quellen und Untersuchungszeiträume liegen zum Teil sehr weit und ohne erkennbare Klammer auseinander.

Den Wert der Einzelstudien mindert dies jedoch nicht – insbesondere in denjenigen Fällen, bei denen sich die Autoren auf die Auswertung konkreter Erinnerungsrituale und Versöhnungsgesten konzentrieren. So berichtet der Historiker Christian Lotz detailreich über die deutsch-deutsch-polnische Geschichte der Helmut-von-Gerlach-Gesellschaft, Hans Henning Hahn über die problematische Vorbildfunktion der „Polenbegeisterung“ des Vormärz für Versöhnungsinitiativen der 1970er-Jahre und Heidi Hein-Kircher über das ihrer Analyse nach misslungene „Versöhnungs-Event“ zum Jubiläum des „Aktes von Gnesen“ im Jahr 2000. Hervorzuheben ist auch die Studie der Ethnologin Martina E. Becker über deutsch-polnischen Schüleraustausch – einer der wenigen Beiträge des Sammelbandes, in denen untersucht wird, was von der Versöhnungsrhetorik tatsächlich „unten“ ankommt. Auf der Basis von qualitativen Interviews unterstreicht Becker insbesondere die unterschiedliche generationelle Prägung von Lehrern und Schülern in diesem Kontext. Aufschlussreich ist darüber hinaus ihr Hinweis, dass der Begriff „Versöhnung“ in den Interviews nicht fiel: „Es scheint demnach [...], dass der Begriff [...] in der Praxis deutsch-polnischer Beziehungen […] einen unzeitgemäßen Charakter besitzt.“ (S. 280)

Insgesamt liefert der Sammelband eine Reihe erkenntnisreicher Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten der Erinnerungskultur – vor allem in vergleichender Perspektive. Die „Akademisierung“ des titelgebenden Themas „Versöhnungskitsch“ gelingt allerdings nicht wirklich – kann es vielleicht auch gar nicht und ist eventuell gar nicht notwendig. Zu wünschen wäre es, den „Versöhnungskitsch“ einmal anders und stärker in der Folge von Bachmanns zornigem Artikel aus dem Jahr 1994 aufzugreifen. Möglicherweise ließe sich das wichtige Anliegen der Herausgeber in Form von Essays und Polemiken, ungebremst durch Fußnoten und den Anspruch von Wissenschaftlichkeit, noch treffender verarbeiten und einer größeren Öffentlichkeit vermitteln, zumal die regionale und thematische Bandbreite an Beispielen für „Versöhnungskitsch“ so leicht erweitert werden könnte. Dies würde allerdings eine Gelassenheit und Ironiefähigkeit erfordern, die auf dem von Emotionen und erinnerungskulturellen „Minen“ geprägten Feld binationaler Geschichtspolitik oftmals noch kaum vorhanden ist.

Anmerkung:
[1] Vgl. den Call for Papers unter <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5141> (19.07.2009).

Redaktion
Veröffentlicht am
28.07.2009
Redaktionell betreut durch