A. Rabinbach: Begriffe aus dem Kalten Krieg

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Titel
Begriffe aus dem Kalten Krieg. Totalitarismus, Antifaschismus, Genozid


Autor(en)
Rabinbach, Anson
Reihe
Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vorträge und Kolloquien 5
Erschienen
Göttingen 2009: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
114 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Kollmeier, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Wir brauchen den Begriff nicht mehr, wir können jetzt darüber schreiben“: Anson Rabinbach, Spezialist für die österreichische und deutsche Kulturgeschichte und Intellectual History an der Universität Princeton[1], wurde vor allem mit seiner anregenden Rationalisierungsstudie über eine Metapher für menschliche Arbeitskraft bekannt, „The Human Motor“.[2] Mit knappen begriffsgeschichtlichen Essays – sorgfältig edierte Vorlesungen am Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts[3] – läutet er nun die Historisierung des 20. Jahrhunderts anhand von drei zentralen, ethisch und ideologisch hochaufgeladenen Kernkonzepten ein. „Totalitarismus“, „Antifaschismus“ und „Genozid“ dienten sowohl der politisch-ideologischen Verortung im Verlauf des 20. Jahrhunderts selbst wie seiner historiographischen Erschließung. Als Kampfvokabeln prägten sie nicht nur den politischen Diskurs, sondern indizieren ihrerseits die Prägung der Geschichtsschreibung durch die „ideologische Last“ des Jahrhunderts (S. 73). Gemeinsam ist den theoretischen Termini eine Unschärfe zwischen Universalisierungsanspruch und Deskription, die zu ihrem breiten Erfolg freilich beitrug. Diese semantische Anschlussfähigkeit stellt Rabinbach heraus. Auf der Wirkungsebene verbindet die Begriffe ihre polarisierende Kraft, die während des Kalten Krieges kulminierte – dies begründet offenbar den etwas überraschenden Titel, da die Skizzen jeweils in der Zwischenkriegszeit ansetzen und ausdrücklich auf das gesamte „kurze“ 20. Jahrhundert im Sinne Eric Hobsbawms zielen.

Im ersten Beitrag zeichnet Rabinbach vier Konjunkturen des Totalitarismus-Begriffs nach. Entwickelt, um die neuartige politische Form der Systeme und Ideologien mit uneingeschränktem Herrschaftsanspruch theoretisch zu fassen, habe der elastische Begriff zweifach als Bindeglied gewirkt: In konsolidierender Abgrenzung ermöglichte er Allianzen über die politischen Lager hinweg. Zudem habe er die „inhaltsorientierte Logik“ der ihn konzeptualisierenden akademischen Disziplinen – Geschichte, Philosophie, politische Theorie – mit flexiblen Strategien öffentlicher Resonanz verbunden (S. 15). Rabinbach interessiert nicht die vielfach problematisierte geschichtswissenschaftliche Tragfähigkeit und Reichweite des Konzeptes[4], sondern er historisiert dessen Prägung in drei relevanten Phasen. Den Blickwinkel bestimmt eine vierte, paradoxe Phase, in welcher der Antitotalitarismus als gemeinsamer Nenner der sowjetischen und osteuropäischen Opposition genau zu dem Zeitpunkt politisch zurückkehrte, als seine wissenschaftliche Bedeutung verblasste. Im Antifaschismus der Zwischenkriegszeit erinnert Rabinbach an die Strategie der europäischen Linken, eine breite politische Allianz gegen den Nationalsozialismus zu schaffen. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde der Äquivalenzbegriff „Totalitarismus“ für Nationalsozialismus und Sowjet-Kommunismus wirkmächtig etabliert, der in der wesentlichen antikommunistischen Phase, beginnend mit der akademischen Kanonisierung des Konzepts, Antinazismus und Antikommunismus semantisch überbrückte, den Kalten Krieg begleitete und den „antitotalitären Grundkonsens“ der Bundesrepublik prägte.

Der fehlende Konsens über die historische Rolle des Antifaschismus als politische und kulturelle Bewegung motivierte den Essay über „Epochen“ dieses „Standpunkts“. Rabinbach liegt es am Herzen, die Vielgestaltigkeit des umfassenden Ansatzes jenseits der kommunistischen Verbände hervorzuheben: bei Intellektuellen, in der Publizistik und im alltäglichen Leben. Dazu unterscheidet er drei Phasen und Ausprägungen der wandlungsfähigen politisch-moralischen Position: Die Gründungsphase des Antifaschismus lag vor der Machtergreifung des italienischen und schließlich des deutschen Faschismus (1920–1933). Den breiten antifaschistischen Konsens der Volksfront-Ära und linker Bündnisse in den 1930er-Jahren würdigt er besonders als offene „antifaschistische Kultur“, deren Ideen, Bilder, Mythen und Symbole er aufruft. Der postfaschistische Antifaschismus im Kalten Krieg habe mit der Positionierung als Gründungsmythos und offizielles Geschichtsbild in den osteuropäischen Staaten und in der DDR hingegen den Niedergang des Konzeptes bedeutet. Ein authentisches antifaschistisches „Lebensgefühl“, wie es Rabinbach für die 1930er-Jahre skizziert, könne nach seiner Aufladung als Ideologie und staatlich sanktionierte Erinnerung nicht mehr vom Gewalterbe der kommunistischen Verbrechen getrennt werden (S. 41).

Das Kunstwort „Genozid“ konzeptualisierte ebenfalls die Gewalt der diktatorischen Regime, zielte jedoch auf Verrechtlichung. Die Skizze über die Genese des Begriffs öffnet den Gegenstandsbereich über politisch-akademische Diskurse hinaus auf die Entwicklung der internationalen Gesetzgebung und der Formalisierung der Menschenrechte. Das Konzept brachte nicht nur die neuartige eliminatorische Aggression gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen auf den Begriff, sondern schuf in der Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen 1948 die Grundlage der bis heute gültigen Rechtsnorm. Seine Entstehung erklärt Rabinbach aus dem unreflektierten Trauma von Raphael Lemkin, „Vater und Hebamme“ des Begriffs (S. 43). Mit Blick auf die Biografie des ehemaligen Warschauer Staatsanwalts[5] beschreibt Rabinbach die Spannung zwischen der tiefen individuellen Prägung durch das Gefühl der Unsicherheit als Jude und dem Streben nach einem verallgemeinernden Terminus. Hier liegt die Brückenfunktion der Semantik im Versuch, einen einzigen Begriff für unterschiedliche Formen zu prägen – ein Vorteil für historische Vergleiche, aber auch ein zentraler Kritikpunkt im Hinblick auf die Anwendbarkeit als analytische Kategorie.[6] Die Problematik des Genozid-Begriffs, der die durchaus verschiedenen juristischen und historischen Perspektiven und Ziele zu verbinden sucht, verdeutlicht für Rabinbach auch die Schwierigkeiten bei der Umsetzung supranationaler Grundrechte.

Anson Rabinbach hat seine Beschäftigung mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in drei lesenswerten Einzelstudien kondensiert, die sich in der Schilderung der antifaschistischen Gegenkultur der 1930er-Jahre eng berühren, analytisch aber unverbunden bleiben. Ihr Wert liegt in der pointierten und anregenden Verdichtung. Im Hinblick auf die politische Semantik des 20. Jahrhunderts zeigen gerade die schlaglichtartigen Skizzen, wie sehr sich der Fokus auf Begriffsbildungen eignet, um eine politisch-kulturelle Situation konzentriert zu erfassen und die Mythen und Meistererzählungen der politischen Diskurse wie der Deutungswissenschaften gleichermaßen zu historisieren.

Anmerkungen:
[1] Anson Rabinbach, The Crisis of Austrian Socialism. From Red Vienna to Civil War, 1927–1934, Chicago 1983, dt.: Vom Roten Wien zum Bürgerkrieg, Wien 1989; ders., In the Shadow of Catastrophe. German Intellectuals Between Apocalypse and Enlightenment, Berkeley 1997.
[2] Anson Rabinbach, The Human Motor. Energy, Fatigue, and the Origins of Modernity, Berkeley 1990, dt.: Motor Mensch. Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne, Wien 2001.
[3] Zwei der Essays wurden bereits an anderer Stelle veröffentlicht; eine Werkbiografie und ein lesenswertes Interview mit dem Autor über seine eigene kulturelle Prägung vervollständigen als editorische Beigaben die Würdigung Rabinbachs, der im Wintersemester 2007/08 als Gastprofessor in Jena tätig war.
[4] Vgl. z.B. Hans Maier, Deutungen totalitärer Herrschaft 1919–1989, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 349-366; Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Totalitarismus. Sechs Vorträge über Gehalt und Reichweite eines klassischen Konzepts der Diktaturforschung, Dresden 1999.
[5] Als kritische Würdigung von Lemkins Schriften: Dominik Schaller / Jürgen Zimmerer (Hrsg.), The Origins of Genocide. Raphael Lemkin as a Historian of Mass Violence, London 2009 (zuerst: Journal of Genocide Research 7 [2005], Heft 4).
[6] Vgl. z.B. Mark Mazower, Violence and the State in the Twentieth Century, in: American Historical Review 107 (2002), S. 1158-1178, hier S. 1160.