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Titel
Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident


Autor(en)
Nagler, Jörg
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Finzsch, Universität zu Köln

Rechtzeitig zum Amtsantritt Barack Obamas und zum zweihundertsten Geburtstag von Abraham Lincoln erscheint dieses beachtenswerte Werk des wohl besten deutschen Lincolnkenners und eines der wichtigsten Historiker des amerikanischen Bürgerkriegs auf dem deutschen Markt. Dies ist kein Buch eines Wissenschaftlers für Kolleginnen und Kollegen; Jörg Nagler bemüht sich vielmehr in Sprache und Narrativ um informierte Laien und ist in diesem Bestreben überaus erfolgreich. Das Buch ist eine klassische Biografie in dem Sinne, dass es chronologisch aufgebaut ist und auf die Krisis des Bürgerkriegs mit der anschließenden Ermordung und der Apotheose Lincolns hinstrebt. Der Verfasser schätzt, ja bewundert Abraham Lincoln und dies wird auf jeder Seite deutlich, aber er verfällt nicht in den typischen Fehler etlicher Lincolnbiografen, aus ihm einen Heiligen oder gar eine christusähnliche Figur zu machen. Der Abraham Lincoln in Naglers gut geschriebener Biografie ist ein Mensch mit allen Fehlern und Widersprüchen, die zum Menschsein dazugehören, bisweilen sehr ehrgeizig, ohne die für die Politik wichtigen Bescheidenheitsgesten aufzugeben, mitunter um Worte verlegen, obwohl er als größter Rhetoriker seiner Zeit galt, pragmatisch, ohne die zutiefst ethische Fundierung seiner Politik zu verleugnen.

Die amerikanische Kongressbibliothek verzeichnet 3962 Titel zum Stichwort Abraham Lincoln, die meisten davon Biografien oder biografisch gehaltene Bücher. Schon 1860 erschienen drei Lincolnbiografien, zwei aus dem persönlichen Umfeld Lincolns, die andere offensichtlich eine Art Wahlkampfbroschüre, denn sie enthielt neben der Biografie Lincolns noch diejenige seines Vizepräsidentschaftskandidaten Hannibal Hamlin aus Maine und Lincolns berühmteste Reden.[1] Alleine 2009 erschienen bisher 16 Bücher zu Abraham Lincoln auf dem amerikanischen Markt. Dies bedeutet zum einen, dass die wissenschaftliche Forschung aufgrund der Masse an publiziertem Material nicht in den Griff zu bekommen ist, und zum anderen, dass es nicht einfach ist, etwas Neues und Gutes zu Lincoln zu schreiben. Jörg Nagler gelingt beides: Als einer der wenigen Lincolnbiografen kann er Lincoln neue Aspekte abgewinnen, indem er sehr fokussiert auf die Bedeutung Lincolns für die deutschen Immigranten (und vice versa) eingeht. Hier kommen vor allem Carl Schurz, aber auch andere Achtundvierziger zu Wort. Qualitativ bemerkenswert ist an Naglers Lincolnbild aber die Ausgewogenheit des Urteils, das bei aller notwendigen Sympathie für seinen Gegenstand immer die Standortgebundenheit Lincolns berücksichtigt. Dies kann man an drei Beispielen deutlich machen. Da wäre zunächst die in der Forschung der letzten Jahre heftig debattierte Frage, ob Lincoln ein „Rassist“ war, der die Herrschaft der Weißen über die Schwarzen auch unter den Bedingungen der freien Lohnarbeit sicher stellen wollte und sich damit kaum von Nordstaatendemokraten wie seinem Widersacher Stephen A. Douglas unterschieden hätte. Lincoln war – entgegen der auch in Deutschland verbreiteten Hagiographie – ursprünglich kein „Freund der Schwarzen“ oder ein entschlossener Abolitionist. Lincolns Verteidiger stellen seine progressiven Ansätze in Fragen der Gleichstellung von Schwarz und Weiß heraus und argumentieren, er habe – taktisch klug und politisch erfahren – seine Pläne vorsichtig und pragmatisch in die Tat umsetzen müssen. Sein Konservativismus sei dieser taktischen „Verstellung“ geschuldet. In der Forschung hat sich seitdem der Konsens herausgebildet, Lincoln als einen progressiven, tendenziell antirassistischen Präsidenten darzustellen, der, was seinen eigenen Rassismus anging, lernfähig war, so dass er sich persönlich und politisch rasch weiterentwickelte. [2] Nagler schafft es sehr überzeugend, diese ideologische Reise Lincolns von einem überzeugten Whig, der den Sklavenhalter Henry Clay verehrte, zu einem persönlichen Freund des ehemaligen Sklaven und radikalen Abolitionisten Frederick Douglass nachzuzeichnen, ohne dass die inneren Kämpfe, die Lincoln dabei ausgestanden haben muss, verschwiegen werden.

Das nächste Beispiel ist die Gretchenfrage der Religiosität Lincolns. Nagler verdeutlicht sehr schön den schmalen Grat, den Lincoln beschritt zwischen einer agnostischen Haltung, die ihm politisch sehr geschadet hätte, und der offiziellen Mitgliedschaft in einer Kirche, die gegen die innersten Überzeugungen Lincolns verstoßen hätte. Lincoln entwickelte sich auch hier – vom „predestinarian baptist“ zum „romantic intellectual“, wie Stewart Winger Lincolns Weg unlängst treffend umschrieb.[3] Die Erfahrungen des Krieges mit all seinen Schrecken und der Verlust seines Sohnes William Wallace Lincoln mögen ihn gegen Ende seines Lebens dem Christentum näher gebracht haben: An seiner grundsätzlich christlichen Orientierung bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber den moralinsauren Kampagnen der Temperenzler und christlichen Abolitionisten ist nicht zu rütteln, was Lincoln keineswegs davon abbringen konnte, die Bibel immer wieder als Reservoir für Bilder und Gleichnisse im politischen Tagesgeschäft einzusetzen. Auch dieser komplizierte Aspekt der Persönlichkeit Lincolns wird bei Nagler mit Takt und unter Berücksichtigung der Tatsache abgehandelt, dass seiner deutschen Leserschaft die doktrinären Auseinandersetzungen der Protestanten um die Mitte des 19. Jahrhunderts kaum bekannt sein dürften.

Das dritte Beispiel ist die Behandlung Mary Todd Lincolns. Kaum eine andere Präsidentengattin ist in der Geschichte der Vereinigten Staaten so dämonisiert worden wie sie. Sie galt als vom Ehrgeiz zerfressen, verschwenderisch, jähzornig, gewalttätig gegenüber ihrem Mann und wahnsinnig. Viel von dem negativen Bild Mary Todd Lincolns stammt aus der Feder William Herndons, Lincolns langjährigem Partner in der Rechtsanwaltspraxis in Springfield, IL und posthumen Biographen.[4] Nagler kennt alle diese Invektiven, ohne auf sie näher einzugehen. Er verheimlicht keineswegs die offensichtlichen Schwächen der First Lady, aber er begnügt sich mit dem Nötigen und lässt das Skandalöse und das Spekulative weg, obwohl William Herndon zu seinen wichtigsten Quellen gehört.

Gibt es etwas zu kritisieren an diesem Buch? Man muss sich schon anstrengen: Zum einen ist da vor allem im ersten Teil der Abhandlung die irritierende Angewohnheit, englische Begriffe, die keine Entsprechung im Deutschen haben, zu übersetzen. „Partei Freien Bodens“ als Übersetzung der Free Soil Party ist weder besonders gelungen, noch besonders elegant. Wörter wie „vorprogrammiert“ (S. 36), „Leibeigene“ (anstelle von Sklaven) (S. 40), „viertes Lebensjahrsiebt“ (S. 64), „Lynchjustiz“ (S. 70f.) oder „Freischärler“ (zur Kennzeichnung John C. Frémonts, S. 99) vergällen einem das ansonsten ungetrübte Lesevergnügen. Tatsächliche Fehler finden sich kaum. Das Emanzipationsgesetz zur Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien trat am 1. August 1834 in Kraft und nicht 1829 (S. 61f.). Es bedarf einer gewissen Bemühung oder Maliziösität, um etwas an diesem Buch auszusetzen. Einzig Naglers Behandlung der ökonomischen Konzepte von Lincoln scheint mir zu kurz zu greifen. Lincoln war Anhänger des Producerism, der für die Mitte des 19. Jahrhunderts typischen Vorstellung, dass menschliche Arbeit der Ursprung allen Reichtums sei und die zwischen Lohnarbeitern und Unternehmern, die in ihrer eigenen Manufaktur arbeiteten, keinen wesentlichen Unterschied machte, denn beides fiel unter das Rubrum der „freien Arbeit“. „Capital is only the fruit of labor“, sagte Lincoln in seiner Jahresbotschaft 1861.[5] Insofern war Lincoln weder „angelegt an die alten Whig-Vorstellungen“ noch „eigenartig realitätsfern“ (S. 197), sondern nahm mit seiner „Gospel of Work“ eine Mittlerrolle ein zwischen modernen Formen des sich herausbildenden Großkapitals und zeitgenössischen romantischen Vorstellungen. Diese kritischen Bemerkungen zielen aber nicht auf den Kern des Bildes von Lincoln, wie es von Nagler entworfen wird. Man kann Lincoln durchaus bescheinigen, dass seine wirtschaftlichen Ideen eher traditionell waren, ohne Lincoln als Präsident etwas von seiner Größe zu nehmen.

Jörg Nagler hat in seiner Biografie Lincolns geschafft, was wenige Historikerinnen und Historiker vermögen: Er hat eine Brücke geschlagen zwischen den Erkenntnissen der hoch spezialisierten biografischen Forschung und den Bedürfnissen eines Publikums, das an den Auseinandersetzungen der Disziplin wenig interessiert ist. Naglers „Abraham Lincoln“ ist ein überaus gelungener Versuch, das unrealistische Bild Lincolns in Deutschland zu modifizieren und wird auf absehbare Zeit die maßgebliche deutsche Biografie Lincolns bleiben.

Anmerkungen:
[1] Joseph H. Barrett, Life of Abraham Lincoln, (of Illinois.) With a Condensed View of His Most Important Speeches; also a Sketch of the Life of Hannibal Hamlin (of Maine.), Cincinnati, OH 1860; D. W. Bartlett, The Life and Public Services of Hon. Abraham Lincoln, New-York 1860.
[2] Brian R. Dirck, Lincoln Emancipated: The President and the Politics of Race, DeKalb 2007.
[3] Stewart Lance Winger, Lincoln, Religion, and Romantic Cultural Politics. DeKalb 2003, S. 159.
[4] Douglas L. Wilson, William H. Herndon and Mary Todd Lincoln, in: Journal of the Abraham Lincoln Association 22,2 (2001), S. 1-26.
[5] Abraham Lincoln, Annual Message to Congress, December 3, 1861, in: Roy P. Basler (Hrsg.), Collected Works, New Brunswick, NJ 1953, vol. 5., S. 35-53, S. 5.

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21.05.2009
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