F. W. Graf: Menschenbilderstreit in der Moderne

Cover
Titel
Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne


Autor(en)
Graf, Friedrich W.
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
208 S.
Preis
€ 18,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Werner Goetz, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Es ist nicht leicht, dem gedankenreichen neuen Buch von F.W. Graf in einer kurzen Rezension gerecht zu werden. Der Autor, evangelischer Theologe an der Universität München und DFG-Leibniz-Preisträger, hat hier nicht eine analytische Untersuchung, sondern einen Essay vorgelegt, um mit einer Fülle von Beobachtungen und Gedanken die „Bildlichkeit“ der menschlichen Sprache und die Vorstellungen von Gottes- und Menschenbildern zu kritisieren. Der Titel, „Missbrauchte Götter“, soll auf die Vielzahl unterschiedlicher Vorstellungen und die (bewusst oder unbewusst) über die Begrifflichkeit transportierten, ständigen Erweiterungen unserer „Gottes- und Menschenbilder“ aufmerksam machen, den inflationären Gebrauch der „Bildbegriffe“ anprangern und an das Bilderverbot Gottes erinnern. Zwar will Graf selbst seine Arbeit nicht als Kulturkritik, sondern als Glaubensanalyse verstanden wissen, doch liest sich das Werk wie eine einzige Kritik: an der Gesellschaft, an den Kirchen, am Umgang mit Begriffen und Vorstellungen.

In vier Kapiteln arbeitet sich Graf von den „Gottesbildern“ über „Ebenbilder“ und „Menschenbilder“ zur „Gottesgnadenwürde“ vor. Im ersten Abschnitt wird zunächst auf die höchst divergenten, kaum miteinander vergleichbaren Gottesbilder der einzelnen Religionen verwiesen. Die europäischen Divinaldiskurse der Moderne, so Graf, glichen einer Geschichte der Götterdämmerung, in der nicht nur immer neue Götter geboren würden, sondern, wie ein Überblick über Begriffe und Metaphern für das Göttliche zeigt – allein bei Schiller finden sich 21 verschiedene Bezeichnungen –, die Tendenz zum Pantheismus eine Abgrenzung des christlichen Gottes notwendig mache. Solche Metaphern (wie „Abgott“ oder „Stammesgötter“) illustrieren zweifellos unseren Umgang mit Begriffen. Belegen sie aber, so ließe sich dem entgegenhalten, tatsächlich auch unser Verständnis des Göttlichen, zumal sie sehr verschiedenen Kontexten entlehnt sind? Die vielen Divinaldiskurse der Neuzeit, das „divinalsemantische Universum“ unzähliger Gottesanspielungen (S. 45) und eine „moderne Götterkonjunktur“ (S. 52) stellen Graf zufolge jedenfalls den einen transzendenten Gott in Frage und führen zu einer Profanisierung der Gottesvorstellungen (wenn beispielsweise vom „Göttergatten“ die Rede ist). Dem strengen Monotheismus der Neuzeit Jan Assmanns hält Graf daher einen „Polymonotheismus“ entgegen, in dem jeder unter Gott etwas anderes versteht.

Die „Ebenbilder“ der Genesisvorgaben leiten zum Menschen über (der Mensch als Repräsentation des Schöpfers, als lebendiges Abbild des göttlichen Urbildes – neuplatonisch sollte das allerdings gerade die Differenz zum Schöpfer ausdrücken!). Mittelalterliche Theologen haben im Sündenfall auch nicht einfach den Verlust der Ebenbildlichkeit gesehen, wie Graf andeutet (der als Kronzeuge herangezogene Irenäus hat das Mittelalter weniger beeinflusst), so dass eine Rückkehr zur Ebenbildlehre nicht erst in den protestantischen Konfessionen und in der Aufklärung zu beobachten ist. Die Darlegungen zum Bilderverbot (und zu dessen Umgehung), welche die Entwicklung zur Bildkultur aufzeigen sollen, betreffen zudem erneut die Gottesbilder, und gerade nicht die (menschlichen) Ebenbilder. Das Ebenbild zeige sich aber in den Kaiserbildern byzantinischer Kaiser. Es sei immer riskant geblieben, so Graf, den unsichtbaren Gott sichtbar zu machen, wenngleich das eine theologische Rechtfertigung aus der Menschwerdung Christi erhalten habe. „Der fleischliche Leib des ebenbildlichen Menschen Jesus von Nazareth hat immer schon Anteil an der Göttlichkeit seines himmlischen Vaters“ (S. 121). Nicht erklärt (und wohl auch nicht diskutiert) aber wird die keineswegs selbstverständliche Umkehrung der göttlichen Ebenbildlichkeit des Menschen zur menschlichen Ebenbildlichkeit Christi. Jedenfalls erblickt Graf hier einen Zusammenhang mit der spätmittelalterlichen gigantischen Glaubensbildindustrie, der Luther gemäßigt gegenüberstand, während die Calvinisten Bilder aus den Kirchen verbannten („Sieg des Wortes über das Bild“) und die Gegenreformatoren den „usus didacticus“ der Bilder rechtfertigten. Graf selbst steht dieser Entwicklung wiederum skeptisch gegenüber („die Seele kann nicht visualisiert werden“, S. 131, und gerade sie drückt die Gottähnlichkeit aus). Die Folgerung freilich, dass Menschenbilder scheitern müssen (S. 132), ist allenfalls in diesem theologischen Sinn tragfähig.

Den Menschenbildern wendet sich das folgende Kapitel mit der Besprechung einzelner, theologischer und juristischer Positionen vor allem seit 1945 zu („neue Menschenbildmanie“). Bereits hier treten die Diskussionen um die Menschenwürde in den Vordergrund (Dürig, Wintrich). Die juristische Festlegung auf ein bestimmtes Menschenbild, so kritisiert Graf, aber entspricht nicht dem freiheitlichen Staat (S. 169), sondern ist seinerseits ideologieanfällig. Das Menschenbild erweist sich somit als ein wenig geeignetes Instrument. „Denn der ‚Menschenbild‘-Begriff ist nur eine Weltanschauungsformel von notorischer Unschärfe“ (S. 174). Die vieldeutigen Bildvorstellungen verhinderten ethische Einsichten durch Selbstreflexion; Menschenbilder werden zu Götzen, wo man ihnen eine ethische Sakralaura zuspricht; sie sind gefährlich, weil sie Ebenbild sein wollen, ohne es zu sein (S. 176).

Der vierte und letzte Teil über die „Gottesgnadenwürde“ befasst sich vor allem mit den Diskussionen über Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes (während Lexika einen Artikel „Menschenwürde“ erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgreifen). Graf ironisiert auch hier unangemessene Ausweitungen („Würde der Tiere“) und unzureichende kirchliche Stellungnahmen; die beiden Kirchen haben die Menschenwürde erst „entdeckt“, als sie im Rechtssystem bereits zur Grundnorm avanciert war (S. 199).

Das Buch bietet eine ebenso anregende wie teilweise verwirrende Lektüre und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite imponiert die Fülle der aus allen Epochen zusammengetragenen, aber auf die Moderne und die Gegenwart zulaufenden Hinweise, die viel Material für weiteres Nachdenken bieten. Ein Leseerlebnis ist auch die erfrischende Ironie, mit der sich Graf gegen „den inflationären Verschleiß“ der Begriffe wendet (S. 201). Das Anliegen des Autors ist theologisch und fasst sich im Schlusssatz zusammen: „Mit dem Bilderverbot schützt Gott sich vor unserer Bemächtigung. Und die Unantastbarkeit unserer Würde haben wir nicht selbst erarbeitet, sondern sie ist vom unantastbaren Gott selbst garantiert. Hüten wir uns also vor unserem Selbstbildzwang“ (S. 202). Dies ist eine theologische Warnung, die sicher nicht alle überzeugt, denn eine Beweisführung für einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Gottes- und Menschenbildern bietet Graf gerade nicht. Die vier Kapitel scheinen zwar logisch aufeinander aufzubauen, doch wird der Zusammenhang zwischen Götterbildern, Ebenbildern, Menschenbildern und Menschenwürde weit mehr vorausgesetzt als herausgearbeitet. Menschenbild, Menschenrechte, Menschenwürde verschwimmen immer wieder ineinander. So merkt man dem Buch an, dass es aus drei Vorlesungen (am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen) erwachsen ist.

Auf der anderen Seite verbleiben, neben wortverliebten Wortschöpfungen, daher oft nur bloße Hinweise und Anspielungen, bleibt der Autor eine Erklärung für seine Folgerungen letztlich schuldig. Schon der Bildbegriff bleibt schwammig, da er, als Synonym für menschliche Vorstellungen, vom Autor immer wieder auch wörtlich, im Sinne eines Kunstbildes, verstanden wird und die daran aufgehängte Kritik und Ironie („wer malt uns das Volksbild?“, S. 168) folglich mehrfach an der Sache vorbeizielt („Bilder entfalten ihre eigene Wirkmacht. Wer sie ikonoklastisch zerstört, kann doch nicht verhindern, dass bald neue wieder aufgerichtet werden“, S. 167). Der Historiker wird in dem Buch vor allem die mangelnde Kontextanalyse und die Einordnung in die historischen Zusammenhänge vermissen (aber das war auch nicht das Ziel dieses Essays). Der Theologe mag hinter den „missbrauchten Göttern“ eine Gefahr sehen, der Historiker kann sie als Ausdruck des Zeitgeistes würdigen. Vielleicht reizen der ohne Zweifel vorhandene Gedankenreichtum des Buches und die vielen, oft unverbunden nebeneinander stehenden Beispiele aber auch dazu, das Thema der Gottes- und Menschenbilder (und ihres Zusammenhangs) einmal in großem Rahmen auch von geschichtswissenschaftlicher Seite aufzubereiten.