P. Sprengel: Wer schrieb „Die wandernde Barrikade“?

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Titel
Wer schrieb „Die wandernde Barrikade“?. Heinrich Loose – Edmund Märklin Ludwig Pfau – Johannes Scherr und die südwestdeutsche Revolution 1849. Mit Textedition und Dokumenten


Autor(en)
Sprengel, Peter
Reihe
Vormärz-Studien (45)
Erschienen
Bielefeld 2022: Aisthesis Verlag
Anzahl Seiten
362 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Werner Hahn

Der zwischen Mai und Juli 1849 geführte Kampf um die von der deutschen Nationalversammlung beschlossene, von den mächtigsten Fürsten des Deutschen Bundes aber abgelehnte Reichsverfassung hat schon in der zeitgenössischen Literatur einen breiten Niederschlag gefunden, etwa in Friedrich Engels’ Schrift „Die Reichsverfassungskampagne“. Wenig Beachtung fand dagegen bisher eine mehr als 100 Seiten umfassende Versdichtung, die schon 1849 in Bern erschien und den Titel trug: „Die wandernde Barrikade, oder: die württembergische, pfälzische und badische Revolution. Wohl geleimt und wohl gereimt in drei Aufzügen, mit der ganzen türkischen Musik. Von einem Schock ungehenkter Hochverräther“. Dieses, mit einem Höchstmaß an „polemischer Energie“ geschriebene Werk zählt zu den „deftigsten satirischen Produktionen“, die das Scheitern der Revolution von 1848/49 hervorgebracht hat. (S. 15) Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass der durch zahlreiche Studien zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts hervorgetretene Berliner Literaturwissenschaftler Peter Sprengel nun nicht nur eine kommentierte Edition der „Wandernden Barrikade“ vorgelegt hat, sondern neben ihrer literatur-, politik- und sozialgeschichtlichen Einordnung auch ausführlich der bisher wenig beachteten Frage nachgeht, wer sich hinter dem „Schock ungehenkter Hochverräther“ verbirgt.

Die Autoren der wenigen Arbeiten, die zu dieser Versdichtung vorliegen, gingen bisher von einem Autorenkollektiv aus, wie es auch das Titelblatt vermuten lässt. In seinen ausführlichen textkritischen und biographischen Analysen kommt Sprengel allerdings zu dem Ergebnis, dass der Anteil anderer, an den politischen Kämpfen beteiligter Literaten wie Edmund Märklin und Johannes Scherr eher gering einzustufen ist. Etwas differenzierter ist die Rolle des Revolutionsdichters Ludwig Pfau zu sehen. Hier finden sich in Wortwahl, Motiven und Genres weitreichende Übereinstimmungen zwischen der „Wandernden Barrikade“ und Moritaten aus dem von Pfau redigierten „Eulenspiegel“ sowie aus den Gedichten „Badisches Wiegenlied“ und „Der Gottesgnadenfritz“, die Pfau nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 geschrieben hat.[1] Obwohl sich nach Ansicht Sprengels das Rätsel der Autorenschaft nicht vollständig lösen lässt, so spricht seiner Ansicht doch vieles dafür, dass Heinrich Loose der eigentliche Verfasser war. Zum einen hat Loose selbst von „meiner wandernden Barrikade“ gesprochen, zum anderen entsprechen die in der „Wandernden Barrikade“ erkennbaren politischen Positionen jenen Einstellungen, die Loose selbst in den Kämpfen des Jahres 1849 vertreten hat. Sprengel hebt deshalb hervor, dass das Werk „zweifellos als Rechenschaft Looses über seinen subjektiv als maßgeblich empfundenen Anteil an der revolutionären Bewegung angelegt“ sei. (S. 129) Verstärkt wird diese Sicht auch durch den Vergleich mit einer Rechtfertigungsschrift, die Loose 1847 über die Anfänge des schwäbischen Deutschkatholizismus verfasst hat.

Wie der 1812 in Stuttgart als Sohn eines Hofschlossers geborene Loose 1845 zum Deutschkatholizismus fand, wie er sich seit dem Ausbruch der Revolution radikalisierte und welche Rolle er in den südwestdeutschen Kämpfen des Jahres 1849 spielte, all das wird in einem ausführlichen, auf neu erschlossenen Archivfunden basierenden biographischen Abriss erläutert. Loose hatte sich nach seinem schwierig verlaufenden Theologiestudium in Tübingen vergeblich um eine feste Pfarrstelle in Württemberg beworben. Er setzte dann seine politischen und nationalen Hoffnungen auf die deutschkatholische Bewegung, für die er seit 1845 zunächst in Württemberg, dann in Schlesien und schließlich in der Pfalz tätig war. Sprengels biographische Ausführungen und die abgedruckten Dokumente geben einen anschaulichen Einblick in diese Entwicklungen und werfen zugleich neues Licht auf Looses lange unterschätzte Bedeutung für die demokratische Bewegung in der Pfalz. Als deutschkatholischer Prediger in Neustadt und Mitglied des dortigen Demokratischen Vereins und eines Arbeitervereins forderte er, wie vor allem seine Ende November 1848 in Kaiserslautern gehaltene Gedenkrede für Robert Blum zeigt, seit Herbst 1848 ein entschiedeneres Vorgehen gegen konterrevolutionäre Kräfte und die aus seiner Sicht halbherzige Politik der Liberalen und der gemäßigten Demokraten. Im Mai 1849 unterstützte Loose daher vehement die Forderungen, die von den Fürsten abgelehnte Reichsverfassung auf gewaltsamem Wege durchzusetzen. Er forderte jetzt die Loslösung der Pfalz von Bayern und propagierte den entschiedenen Kampf für eine republikanische Ordnung, in der auch jene sozialistischen Ideen verwirklicht werden sollten, denen sich Loose schon in den Krisenjahren des Vormärz angenähert hatte. Nachdem die pfälzische und badische Revolution von preußischen Truppen niedergeschlagen worden war, rettete sich der Revolutionsdichter und Kriegskommissar in die Schweiz, wo wenig später die „Wandernde Barrikade“ gedruckt wurde. 1850 stellte sich Loose den württembergischen Behörden und wurde zu Festungshaft verurteilt, die ihm 1852 unter der Bedingung erlassen wurde, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Dort nahm er zwar seine politischen und freireligiösen Aktivitäten wieder auf, war aber offenbar, wie vor allem ein Bittbrief an den württembergischen König zeigt, ein gebrochener Mann mit großen psychischen Problemen. 1862 starb Loose in einem New Yorker Armen- und Irrenhaus.

Looses Biographie gibt damit anschauliche Einblicke in die soziale Situation junger Akademiker am Vorabend der Revolution von 1848, in die Gründe ihrer politischen Radikalisierung und in die Rezeption neuer politisch-sozialer Ideen. Der von Sprengel vorgelegte biographische Abriss, die beigefügten Dokumente und die Edition der Versdichtung sind vor allem aus zwei Gründen als wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis der so genannten Reichsverfassungskampagne und ihres Scheiterns anzusehen. Zum einen bezeugen sie auf drastische Weise nochmals die Härte, mit der die gegenrevolutionären Kräfte die Erhebungen im deutschen Südwesten niederschlugen, und die Empfindungen der davon Betroffenen. Zum anderen aber werden sowohl im biographischen Teil wie im Versepos selbst die inneren Widersprüche einer Kampagne deutlich, die von Anfang an wenig Chancen besaß, ihre politischen und über die ursprünglichen sozialen Programme der Revolution hinausgehenden gesellschaftlichen Ziele durchzusetzen. Die „Wandernde Barrikade“ ist durchsetzt mit Spottversen über die halbherzigen Revolutionäre in der pfälzischen Volkswehr oder dem badischen Landesausschuss, denen das Wirken und Wollen der wahren Revolutionsführer wie Franz Sigel, August Willich und Heinrich Loose selbst lobend gegenübergestellt werden. Vor allem aber ist die „Wandernde Barrikade“ geprägt von einer massiven Kritik am vermeintlich feigen Verhalten großer Teile der Bevölkerung, vor allem des städtischen Bürgertums, das aus Angst vor Anarchie und Sorge um das Eigentum den Revolutionären die notwendige Unterstützung verweigert habe. Der Text der „Wandernden Barrikade“ belegt somit im Grunde die Einschätzung, dass die Reichsverfassungskampagne nicht nur am militärischen Eingreifen Preußens scheiterte, sondern vor allem auch an der Haltung weiter Teile der Bevölkerung, die zwar die von der Nationalversammlung beschlossene Verfassung begrüßte, den riskanten Weg einer gewaltsamen Durchsetzung aber nicht mitgehen wollte.[2]

Peter Sprengels Buch über die „Wandernde Barrikade“ erweitert mit der Edition des Versepos und der überzeugenden textkritischen Einordnung sowie den biographischen Ausführungen zum vermutlichen Verfasser nicht nur die Kenntnisse über die literarische Aufarbeitung der gescheiterten Revolution von 1848/49, sie bereichert auch die Debatte über die politischen und gesellschaftlichen Gründe für das Scheitern der Reichsverfassungskampagne.

Anmerkungen:
[1] Anton Philipp Knittel (Hrsg.), Ludwig Pfau. Revolutionsliteratur im deutschen Südwesten (Forum Vormärz Forschung, Vormärz-Studien, Bd. XLIV), Bielefeld 2022.
[2] Vgl. hierzu auch Klaus Seidl, „Gesetzliche Revolution“ im Schatten der Gewalt. Die politische Kultur der Reichsverfassungskampagne in Bayern 1849, Paderborn 2014.

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09.09.2022
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