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Titel
Anthropologie im Anthropozän. Theoriebausteine für das 21. Jahrhundert


Autor(en)
Antweiler, Christoph
Erschienen
Darmstadt 2022: wbg
Anzahl Seiten
653 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Werner Krauß, artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit, Universität Bremen

Das Anthropozän hat eine noch junge Geschichte, und die Geologie ist sich uneinig, ob es sich tatsächlich um eine neue erdgeschichtliche Epoche handelt. Doch unabhängig davon hat sich das Anthropozän in den Erdsystemwissenschaften, in der Geologie und schließlich in den Kultur- und Geisteswissenschaften etabliert, und es wird in der Kunst oder im Feuilleton diskutiert. Diese Erfolgsgeschichte zeichnet Christoph Antweiler in seinem Buch „Anthropologie im Anthropozän“ nach und arbeitet grundsätzliche Argumentationslinien heraus. Als studierter Geologe und praktizierender Ethnologe untersucht er das Anthropozän als eine naturwissenschaftliche Sache und als einen Diskurs und lotet dabei die Möglichkeiten einer übergreifenden Synthese, einer Geo-Anthropologie, aus. Die Kernaussage ist, dass die Standortbestimmung der Menschheit und die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, von nun an einer tiefenzeitlichen Dimension bedürfen.

Unbestreitbar ist die Tatsache, dass Menschen Spuren auf dem Planeten hinterlassen, die weit in die Zukunft überdauern werden. Ob es ausreicht, die Gegenwart einst als den Beginn einer neuen geologischen Epoche zu deklarieren, das werden Generationen in ferner Zukunft zu entscheiden haben, als deren fiktive Vertreterin Antweiler zu Beginn seines Buches die „Kulturpaläontologin“ Amy auftreten lässt. Die Grundzüge einer solchen Kulturpaläontologie zu entwerfen und „Theoriebausteine für das 21. Jahrhundert“ zu liefern, wie es im Untertitel heißt, das ist das Versprechen dieses Buches.

Mit einem Umfang von 653 Seiten handelt es sich um ein Werk, in dem eine gewaltige Menge an Literatur zum Thema kritisch verarbeitet wird – die Bibliographie umfasst allein 82 Seiten. In sieben Kapiteln und versehen mit einem Glossar, einem Index und weiterführenden Literaturempfehlungen bietet das Buch einen Überblick über gängige Theorien zum Anthropozän und eignet sich auch als Nachschlagewerk. Große Erzählungen bergen immer auch großes Risiko. Antweilers Mut zur Kritik und sein leidenschaftlicher Diskussionsstil sorgen dafür, dass es dennoch immer wieder eine spannende und oft auch kontroverse Lektüre verspricht.

Im ersten Kapitel holt Antweiler weit aus, setzt die Themen und erklärt den Aufbau des Buches, vor allem aber auch dessen Relevanz. Wenn die Geologie in so kurzer Zeit ein neues Erdzeitalter auszurufen gedenkt, dann schrillen die Alarmglocken. Das gilt auch für die herkömmliche Wissensordnung, die Naturwissenschaften und die Geistes- und Kulturwissenschaften so säuberlich zu trennen weiß. Das Anthropozän als vom Menschen geprägtes Zeitalter erfordert es, geologische „deep time“ und Menschenzeit in Beziehung zu setzen. Hierin sieht Antweiler mit Bezug auf Chakrabarty und andere die Herausforderung einer zukünftigen Geoanthropologie, in der Naturgeschichte und historische Geschichte nicht mehr getrennt untersucht werden.

Als Geologe klärt Antweiler über verschiedene Strömungen in der Geologie auf und verdeutlicht den Unterschied zu den Erdsystemwissenschaften. Das Anthropozän ist weit mehr als Klimawandel oder globaler Wandel, es ist eine „geosoziokulturelle Megamakroepoche“ (S. 38) mit geologischer Tiefen- und planetarer Raumdimension. Zugleich ist es ein „Neologismozän“ (S. 35), ein sich ständig wandelnder Begriff, wie Antweiler im zweiten Kapitel darstellt. Mit großer Übersicht arbeitet er sich durch die wissenschaftliche Begriffsgeschichte seit Beginn des neuen Jahrtausends und die vielen Formen der Popularisierung des Anthropozäns. Daran schließt sich das dritte Kapitel über Metaphern und Narrative des Anthropozäns an, vom blauen Planeten über das Raumschiff Erde bis hin zur Einnistung in apokalyptische, juristische, ökologische, feministische und andere Sprachfelder, die über ein hohes Mobilisierungspotential verfügen und neue Weltbilder hervorbringen.

Im vierten Kapitel lotet Antweiler „die Stärken und Schwächen des Anthropozän-Denkens“ aus. Er listet historische Vorläufer und prominente Interpretationsmuster auf und weist virtuos nach, dass es sich hier keinesfalls um alten Wein in neuen Schläuchen handelt, sondern um neue Öffnungen und Möglichkeiten. Besonderen Wert legt er auf das Zusammentreffen unterschiedlicher Wissenschaftskulturen und die Chancen, die eine Multidisziplinarität eröffnet. Er widmet sich auch ausführlich der Kritik am Anthropozänbegriff und führt in alternative Konzepte wie Technozän, Kapitalozän, Plantationozän oder Haraways Chthulucene ein, die jeweils den Beginn des Anthropozäns unterschiedlich datieren. Bei aller kritischen Distanz, die er an den Tag legt, anerkennt Antweiler die Berechtigung dieser Ansätze und arbeitet ihre Vorteile heraus. Der rote Faden, der sich durch dieses materialreiche vierte Kapitel (und durch das ganze Buch) zieht, verläuft weg von Ansätzen einer „Sozialisierung des Anthropozäns“ hin zu seinem zentralen Anliegen, der Geologisierung des Sozialen.
Ansätze dazu findet Antweiler in der Geschichte der Ethnologie. Das Anthropozän ist zwar als Ganzes nur schwer fassbar, aber es ist immer lokal manifest. In der Erforschung kleiner Einheiten und ihrem holistischen Zugang sieht er die Ethnologie als die notwendige Ergänzung zur Geologie. Die jeweiligen Anpassungsstrategien an unterschiedliche geologische Gegebenheiten waren immer Bestandteil ethnologischer Forschung, und Antweiler begründet aus ihrer Geschichte heraus die Möglichkeit einer anthropozänen Ethnologie. Diese Eignung liegt vor allem in der grundsätzlichen Offenheit einer materiellen Grundierung des Kulturbegriffs, die nicht zwischen einer Naturgeschichte auf der einen und einer Menschengeschichte auf der anderen Seite trennt. Tabellarische Aufzählungen der verschiedenen Richtungen in den Humanwissenschaften und ihrer Leitbegriffe geben hier einen guten Überblick (S. 301). Doch Antweiler sieht auch die Gefahr, dass sich die Protagonist:innen der post-human oder more-than-human Ansätze in der Ethnologie auf das Anthropozän setzen und fortreiten, ohne die naturwissenschaftliche Fundierung angemessen zu berücksichtigen, auch in methodischer Hinsicht. Er kritisiert den Jargon einer neuen Generation von Ethnolog:innen wie Anna Tsing, listet die Neologismen, die derzeit en vogue sind, fein säuberlich auf und beklagt deren mangelnde methodische Klarheit. Antweiler beharrt darauf, dass die Welt erkannt und wissenschaftlich objektiviert werden kann, und stellt sich damit gegen eine poststrukturalistische Ethnologie und ihre „situated knowledges“. Er bezieht hier Position und fordert, wohl auch im Hinblick auf eine neue Generation von Studierenden, Widerspruch heraus. Doch Antweiler präsentiert sich als fairer Sparringspartner, der seinen Kontrahent:innen immer auch Tribut zollt.

Auf die anthropozäne Ethnologie folgt in Kapitel 6 mit der Überschrift „Conditio humana – Die Geologisierung der Kultur“ (S. 387) der Entwurf einer Geo-Anthropologie. Die „conditio humana“ besteht in der grundsätzlichen Verschränktheit von geologischer Tiefenzeit und sozialer Zeit, wie er an klassischen Beispielen aus der Ethnologie aufzeigt. So unterscheiden die Nuer zwischen der ökologischen Zeit, die sich am Umgang mit ihren Tieren zeigt, und der strukturellen Zeit der Initiationsriten. Auf die Gegenwart bezogen zeigt er am Beispiel von jüngeren Theorien zur Extraktion von Rohstoffen, dass die Tiefenzeit in unserem subjektiven Leben, aber auch in der Geschichte des Kolonialismus und der Sklaverei allgegenwärtig ist. Im Unterkapitel 6.6 münden die vielen Pfade, die Antweiler in den vorherigen Kapiteln ausgelegt hat, in einem überzeugenden Entwurf einer „Paläontologie der Gegenwart“. Dies ist der Blick, den die eingangs einführte Kulturpaläontologin Amy aus einem fernen Erdzeitalter auf unsere Gegenwart werfen und feststellen wird, dass wir tatsächlich im Anthropozän gelebt haben. Antweiler legt hier, an fast versteckter Stelle, seinen großen Wurf vor, der den Umfang des Buches und auch manche Umwege mehr als rechtfertigt.

Im Schlusskapitel diskutiert Antweiler seine „Bausteine“ im Hinblick auf den Postkolonialismus, auf einen Öko-Kosmopolitanismus und plädiert für eine anthropozäne Reflexivität. Er zieht für ihn notwendige Grenzlinien gegen modische Auslegungen oder den Trend hin zu einer weiteren „Wende“, den er in den Geisteswissenschaften beklagt. Im Anhang liefert Antweiler noch eine Art Bekenntnis, ein „Credo für einen moderaten evolutionistischen Materialismus“, in dem er die Möglichkeit objektiver Erkenntnis der Welt durch die Wissenschaft verteidigt. Er schließt etwas überraschend mit einer letzten Liste der ganz zeitgenössischen Gefahren, die seiner Ansicht nach von Haltungen ausgehen, die gemeinhin mit political correctness gleichgesetzt werden. Auch hier bezieht Antweiler Stellung und fordert so Zustimmung oder Widerspruch der Leser*innen heraus.

Christoph Antweiler ist es mit diesem Buch gelungen, eine Einführung und ein Überblicks- und Nachschlagewerk zu verfertigen und dabei gleichzeitig eine eigene Theorie zu entwickeln, in der sich Geologie und Ethnologie, „deep time“ und soziale Zeit verschränken. Das Buch ist über weite Strecken ein Lesevergnügen, was auch an der offensiven Herangehensweise und der Lust an der Auseinandersetzung liegt. Man kann hier und da gut und gerne anderer Meinung sein, aber man sollte sich gut wappnen, wenn man zum Gegenargument ausholt: Dieser diskussionsfreudige Wissenschaftler hat viel gelesen, auch die Bücher derjenigen, die eine andere Auslegung einer Anthropologie im Anthropozän vertreten.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.12.2022
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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