L. Seegers u.a. (Hrsg.): Die »Generation der Kriegskinder«

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Titel
Die »Generation der Kriegskinder«. Historische Hintergründe und Deutungen


Herausgeber
Seegers, Lu; Reulecke, Jürgen
Reihe
Psyche und Gesellschaft
Erschienen
Anzahl Seiten
184 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Biess, Department of History, University of California-San Diego

Kriegskinder haben Konjunktur. Während anglo-amerikanische Historiker und Historikerinnen wie Nicholas Stargardt und Lynn Nicholas mit wichtigen Untersuchungen zur Erfahrung von Kindern im Zweiten Weltkrieg hervorgetreten sind, hat sich die deutsche Diskussion vor allem auf die angeblichen Langzeitfolgen von erlebter und erlittener Gewalt in Krieg und Nachkriegszeit konzentriert.[1] In zahlreichen Buchveröffentlichungen und Fernsehdokumentationen rückte somit eine Generation der “Kriegskinder” in den Blick der Öffentlichkeit, die – so die These – ihr Leiden am und im Krieg erst in den letzten Jahren artikulieren konnte. Ein wichtiges Ereignis war dabei der von über 600 Menschen besuchte Frankfurter Kongress „Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa 60 Jahre nach dem Kriegsende” im Jahr 2005.[2] Weitere Veröffentlichungen leiteten aus der vermeintlichen generationellen Erfahrung der Kriegskindheit gar Diagnosen über die mentale und emotionale Verfassung der Gegenwartsgesellschaft ab. So leide die Generation der Kriegskinder unter verstärkten Angstzuständen, ihre Befindlichkeit sei eine wesentlich Ursache für den Reformstau in der bundesrepublikanischen Politik.[3] Auch hat der Kriegskinder-Diskurs mittlerweile die Enkel erreicht. Im Zuge einer intergenerationellen Transmission von Trauma seien die psychischen Belastungen demnach auch an die Folgegeneration der „Kinder der Kriegskinder” weitergegeben worden.[4] Wie die Mitherausgeberin Lu Seegers in der Einleitung deutlich macht, ließ die Kritik an dieser Sichtweise freilich nicht lange auf sich warten. So sieht der Sozialpsychologe Harald Welzer im Konstrukt der „Kriegskinder” nur die neueste Variante eines deutschen Opferdiskurses, mit dem sich die ehemaligen 68er erneut ins Rampenlicht der Öffentlichkeit schieben wollten – dieses Mal allerdings nicht als Ankläger der Väter sondern als Leidtragende ihrer Abwesenheit wie auch der Kriegsfolgen insgesamt.

Der Vorzug dieses Bandes besteht darin, dass die meisten Beiträge keiner dieser polaren Sichtweisen verhaftet sind. Anstatt entweder den Kriegskinder-Diskurs fortzuschreiben oder aber das Phänomen als neueste Variante deutscher Selbstviktimiserung abzutun, versucht der Band, die Entstehungsgeschichte einer medial inszenierten Generation zu analysieren. Die Beiträge reproduzieren somit nicht schlichtweg die Diagnose einer generationell bestimmten “Kriegskindheit”, sondern versuchen stattdessen die Entstehung eines generationellen Deutungsschemas wie auch die Bereitschaft eines Teils dieser Kohorte, ihre subjektive Lebensgeschichte in dieses Narrativ einzuschreiben, zu erklären. Zentral ist dabei genau jenes Wechselverhältnis von sich verschiebenden überindividuellen Deutungsangeboten einerseits und Subjektivitäten andererseits, die sowohl die Abwesenheit von Kriegskindheit im öffentlichen Diskurs der Nachkriegsgesellschaft wie auch deren plötzliche „Entdeckung” erklären. Der Band verortet somit das Phänomen der „Kriegskinder” in größeren Kontexten von Sozialisationsmustern, Erfahrungsräumen und Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts und betont – dies erscheint mir als die entscheidende Einsicht – die potentiell irritierende und subversive Wirkung des Diskurses um die „Kriegskinder” im Hinblick auf ein nach wie vor dominantes und auch in jüngsten Synthesen wieder bestätigtes Erfolgsnarrativ der Bundesrepublik. In diesem Sinn schlägt der Band somit vielversprechende methodische und thematische Schneisen auf dem Weg zu einer Erforschung der Nachgeschichte extremer Gewalterfahrungen oder einer, wie dies Lu Seegers formuliert, „sich psychologisch öffnende[n] Gesellschafts-, Kultur- und Erfahrungsgeschichte des 20. Jahrhunderts” (S. 21).

In ihrem Beitrag zu „Vaterlosigkeit als kriegsbedingter Erfahrung” überwindet Lu Seegers die übliche Beschränkung des Kriegskinder-Diskurses auf männliche und westdeutsche Stimmen und analysiert, anhand von 20 lebensgeschichtlichen Interviews, auch die Selbstdeutungen von ostdeutschen, nicht-akademischen und weiblichen Betroffenen. Darüber hinaus wird deutlich, dass die jeweiligen „Normalisierungsprojekte” der Bundesrepublik und der DDR eine öffentliche Thematisierung kriegsbedingter Vaterlosigkeit kaum erlaubten – Alexander Mitscherlichs vielzitierte Studie zur „vaterlosen Gesellschaft” von 1963 kaprizierte sich bekanntlich gerade nicht auf die Kriegsfolgen. In privaten Erinnerungen ostdeutscher und westdeutscher Provenienz überwiegt dagegen die teilnehmende Erinnerung an die Leiden der Mutter, während die Leerstelle des Vaters zunehmend mit dem Bild des „guten Menschen“ ausgefüllt wurde, die jede Thematisierung einer Verstrickung in den Nationalsozialismus verbot. Gleichzeitig spornte diese Sichtweise aber auch zu jeweils spezifischen „Wiedergutmachungsprojekten“ an, die sich in der DDR über die Identifikation mit der antifaschistischen Meistererzählung, im Westen eher in privatisierten Aufstiegsgeschichten äußerte. Eine Selbstidentifikation als „Kriegskind“ blieb allerdings in der DDR aus, während sich im Westen dieses Deutungsmuster auch infolge wachsender Inanspruchnahme von Psychotherapien etablieren konnte.

Dass die Biografien der „Kriegskinder“ nicht nur von Kriegsfolgen geprägt wurden, geht aus den anderen Beiträgen dieser Sektion hervor. Miriam Gebhardts Beitrag diskutiert die Persistenz eines Erziehungsideals der „Lebensmeisterung“, das sich die „Beherrschung der eigenen körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zum Zwecke einer Immunisierung gegen die Härten des Lebens“ (S. 36) zum Ziel setzte. Dieses Erziehungsideal entstand bereits vor den 1930er-Jahren, erlebte aber in der NS-Zeit einen deutlichen Normierungsschub und setzte sich auch in der Zeit nach 1945 fort, allerdings nun mit einer deutlichen Betonung auf die Körperlichkeit und die Gesundheit des Kindes. Auch dieser Beitrag thematisiert anhand von Elterntagebüchern die subjektive Aneignung überindividueller Normen und zeigt die Wirkungsmächtigkeit wie auch die geschlechtsspezifische Interpretation des Ideals der „Lebensmeisterung“. Eva Maria Silies’ Beitrag über die „Pille als generationelle Erfahrung“ stellt dagegen die Bedeutung der privaten Intimsphäre und der Sexualität – im Gegensatz zu Großereignissen wie Krieg und Studentenrevolte – als prägend für die Formierung eines generationellen Bewusstseins heraus. Auch wenn die 1950er-Jahre bei weitem nicht so repressiv waren wie oft behauptet, so bedeutete die Einführung der Pille im Jahr 1961 für die Frauen der Geburtsjahrgänge 1935 bis 1950 das Ende einer allgegenwärtigen Angst vor ungewollter Schwangerschaft. Die Pille ermöglichte auch, wie Silies überzeugend argumentiert, eine Distanzierung vom Lebensmodell der Mütter, mithin die Formierung eines eigenständigen generationellen Selbstbewusstseins.

Im theoretisch interessantesten und methodisch anspruchsvollsten Beitrag des Bandes formuliert Ulrike Jureit ausgesprochen anregende Überlegungen zum „Generationen-Gedächtnis“ als Ort „kommunikativer Vergemeinschaftung“. Dem „enormen Erklärungsdefizit“ (S. 127) eines auf bloßer altersspezifischer Erfahrung aufbauenden Generationenbegriffs oder eines daraus abgeleiteten „Generationen-Gedächtnisses“ begegnet sie mit einem „relationalen Generationenverständnis“, der die dynamische Interaktion zwischen einem jeweils dominanten Generationenentwurf und „anderen, konkurrierenden, unterdrückten oder verwandten Selbstverortungen“ (S. 130) in den Blick nimmt. Ebenso unterstreicht sie die Bedeutung von Generationen als massenmedial inszeniertem „Gemeinschaftsideal“, das auf einem gemeinsamen „Identifikationsobjekt“ – wie eben der kriegsbedingten Vaterlosigkeit – basiert. Im Konstrukt der Kriegskinder sieht Jureit dann gerade keine apologetische Relativierung sondern eher eine irritierende Erinnerung, die die seit den 1970er-Jahren dominierende und zuweilen rituell erstarrte Identifikation mit der NS-Opfer- und Verfolgtenperspektive aufzubrechen vermag und somit die „Selbstbefragung der deutschen Gesellschaft“ (S. 136) eher befördert als behindert. Etwas hinter diesem methodischen Reflexionsniveau zurück bleibt der Beitrag von Barbara Stambolis zu Liedern aus der Kriegszeit als hoch emotional besetzten Objekten generationeller Vergemeinschaftung. Zwar ist hier der Hinweis auf diese bisher vernachlässigte Quellengattung und sich daraus ergebende methodische Perspektiven durchaus weiterführend. Doch wird hier im Gegensatz zu den anderen Beiträgen von der Analyse einzelner und disparater Erinnerungstücke zu schnell auf eine „generationelle Grundbefindlichkeit“ geschlossen. Das ansonsten in diesem Band durchweg thematisierte Wechselverhältnis von überindividuellen Deutungsmustern und subjektiven Einschreibungen bleibt hier etwas unterbelichtet.

Ähnlich wie der Beitrag von Jureit sind die letzten beiden Beiträge des Bandes wiederum der Perspektive der Nachwirkungen von Krieg und Gewalt als potentiell irritierender Erinnerung verhaftet. Dorothee Wierlings Beitrag liefert zunächst eine überzeugende sozialgeschichtliche Dekonstruktion des medialen Konstrukts der „Kriegskinder“, das seine Entstehung letztlich der öffentlichen Präsenz von etwa 50 männlichen, bürgerlichen und ausschließlich westdeutschen Aktivisten verdanke. Das Problem einer zu starken Identität von Forscher und Betroffenen ließe sich auch durch die Übergabe an nicht-betroffene Experten lösen, wie dies im vorliegenden Band ja bereits vorexerziert wurde. Darüber hinaus sieht Wierling im Diskurs der Kriegskinder aber auch eine „subversive Chance“, die die Leerstellen in der Nachkriegsgeschichte in den Blick rücken könne, vor allem das „Fundament von erlittener und ausgeübter und beobachteter Gewalt“ (S. 152-53). Ob die Abwesenheit der „Kriegskinder“ im Osten tatsächlich die Folge einer längeren und intensivieren Thematisierung der Kriegsfolgen in der DDR war, muss meines Erachtens weiteren Forschungen vorbehalten bleiben. Mir scheinen dafür eher kurzfristigere, kontingentere Faktoren relevant, zumal die öffentliche Diskussion der Kriegsfolgen in der DDR immer auch in das Aufbaunarrativ mit eingeschrieben war. Eine andere Art der Gewalterfahrung thematisiert Malte Thießen in seinem Beitrag über das Spannungsverhältnis von privater und öffentlicher Erinnerung des Luftkriegs in Hamburg. Prägend sei hier vor allem ein auf lokalen Gegebenheiten fußendes “kommunales Gedächtnis” gewesen, das sich in unterschiedlichen Meistererzählungen des Feuersturms als „Schicksalsgemeinschaft”, als „Gründungsmythos” sowie als „pazifistische Parabel” geäußert habe. Ähnlich wie Jureit und Wierling stellt aber auch Thießen die verstörenden Momente der Erinnerung an den Luftkrieg heraus, die von sinnstiftenden Narrativen verdeckt werden sollten und von einer „psychoanalytisch orientierten Gedächtnisgeschichte” rekonstruiert werden müssten.

Insgesamt leistet der Band eine gelungene Verbindung von Gedächtnisgeschichte und der Analyse kriegsbedingter Subjektivitäten. Er ist einem nuancierten Generationen-Begriff verpflichtet, der sowohl die mediale Konstruktion von Generationen wie auch die Notwendigkeit von deren subjektiver Realisierung berücksichtigt.[5] Gleichzeitig bietet der Band auch Hinweise darauf, wie sich das Phänomen der „Kriegskinder“ und die Frage der Nachwirkungen des Krieges überhaupt dazu nutzen ließen, historiographische Gewissheiten und dominante Narrative der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu hinterfragen und aufzubrechen. Die Beiträge zeigen, dass man nicht unbedingt auf einen letztlich ahistorischen und individualpsychologischen Trauma-Begriff rekurrieren muss, um die sich verändernden Sagbarkeitsregeln und Erfahrungsräume einer auf massiver Gewalt gegründeten Gesellschaft in den Blick zu bekommen. Insofern bietet das Buch nicht nur die derzeit besten Analysen zu den „Kriegskindern“ sondern eröffnet auch weiterführende Perspektiven zur deutschen Nachkriegsgeschichte im Allgemeinen.

Anmerkungen:
[1] Nicholas Stargardt, Witnesses of War. Children’s Lives under the Nazis, London 2005; Lynn H. Nicholas, The Children of Europe in the Nazi Web, New York 2006.
[2] Vgl. dazu den Tagungsbericht von Lu Seegers, „Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende“, 14.04.2005-16.04.2005, Frankfurt am Main, in: H-Soz-u-Kult, 01.05.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=766> (17.11.2009).
[3] Vgl. hierzu Sabine Bode, Die deutsche Krankheit – German Angst, Stuttgart 2004.
[4] Sabine Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation, Stuttgart 2009; Anne-Ev Ustorf, Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrieges, Freiburg 2008; “Der Körper vergisst nicht“. Spiegel Gespräch mit dem Münchner Psychoanalytiker Michael Ermann, Der Spiegel Nr.9/2009, S. 46.
[5] Vgl. hierzu auch Bernd Weisbrod, Generationen und Generationalität in der Neueren Geschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 8 (2005), S. 3-9.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.11.2009
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