K.-D. Herbst: Gottfried Kirch (1639–1710)

Cover
Titel
Gottfried Kirch (1639–1710). Astronom, Kalendermacher, Pietist, Frühaufklärer


Autor(en)
Herbst, Klaus-Dieter
Reihe
Acta Calendariographica – Forschungsberichte (10)
Erschienen
Jena 2022: Verlag HKD
Anzahl Seiten
734 S.
Preis
€ 75,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Böning, Deutsche Presseforschung, Universität Bremen

Es ist bedauerlich, dass eine Biographie wie die hier vorgestellte kaum einmal von den Feuilletons der Zeitungen wahrgenommen wird, dabei ist sie spannend und lehrreich auch für ein größeres Lesepublikum, zeigt sie doch an dem individuellen Beispiel eines aus kleinen Verhältnissen kommenden bedeutenden Naturwissenschaftlers, Astronomen und Mathematikers, durch welche Anstöße und Prozesse die Aufklärung entstand und welche Rolle dabei die neuen periodischen Druckmedien spielten. Die mühevolle Rekonstruktion der Lebensgeschichte und Lebensleistung Gottfried Kirchs basiert zum einen auf der gewichtigen dreibändigen Edition seiner Briefe durch den Autor[1], zum anderen auf einer seit Jahrzehnten geleisteten intensiven Forschungsarbeit, durch die unser Wissen über die historischen Kalender, deren Autoren, Verleger, Drucker und Leser eine vollständig neue Grundlage erlangt hat. Mehr als fünfzehntausend historische Kalender sind von Herbst gesichtet, teilweise bibliographiert und beschrieben worden[2] sowie – wenn auch nur ärgerlich umständlich bei der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek zugänglich – zu einem wesentlichen Teil digitalisiert worden.[3] Hinzu kommt endlich das 2020 erschienene von Herbst erarbeitete vierbändige „Biobibliographische Handbuch der Kalendermacher“, das auf fast 2.000 Druckseiten mit dem Anspruch auf Vollständigkeit bis für das Jahr 1700 781 Kurzbiographien von deutschsprachigen Kalendermachern bzw. Pseudonymen mit Quellenverweisen und Schriftenverzeichnissen bietet.[4] Als weitere Quellengrundlagen für eine erstaunlich detaillierte und durchgehend gut belegte Biographie zieht der Autor zahlreiche handschriftliche Dokumenten wie Kirchenbücher und Tagebücher, die gedruckte Leichenpredigt und autobiographische Einlassungen in Kirchs Kalendern hinzu, die systematisch ausgewertet wurden.

Schon die Briefe ließen erkennen, welche Bedeutung Kirch für die Wissenschaftsgeschichte sowie für den Prozess der Abtrennung der Astrologie von der Astronomie hat und welche für die Astronomiegeschichte wichtigen Leistungen ihm zu verdanken sind, entdeckte er doch 1680 – erstmals mit einem Teleskop – den Kometen C/1680 V1, 1681 und 1702 die Sternhaufen M11 und M5 sowie 1686 den Veränderlichen Chi Cygni. Auch erfand er 1679 ein Schraubenmikrometer und baute selbst Fernrohre. Von etwa 1680 an gewann er zentrale Bedeutung für den astronomischen Informationsfluss in den deutschen Ländern mit Verbindungen zum europäischen Ausland, sein Einsatz für eine „astronomische Societät in Teutschland” ist wissenschaftsgeschichtlich von Bedeutung, für die Literatur- und Publizistikgeschichte ist er als Kalenderautor seit 1666 mit zeitweise bis zu 18 Kalenderreihen pro Jahrgang einer der wichtigsten Kalendermacher seiner Zeit. Mit der Berufung zum ersten Astronomen der Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften nach Berlin wurden seine Leistungen gewürdigt. Die Biographie Klaus-Dieter Herbsts kann nun überzeugend belegen, dass Kirch im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts zu den herausragenden Kalendermachern und zu den führenden deutschen Astronomen gehörte, der nicht nur bei Leibniz große Anerkennung fand. Angesichts der weiten Verbreitung seiner Kalender, die in Orten wie Altenburg, Annaberg, Breslau, Brieg, Danzig, Erfurt, Gera, Jena, Königsberg, Leipzig, Nürnberg, Stargard, Zeitz und Zittau gedruckt wurden und ein hohes Bildungspotential mit aufklärerischen Akzenten boten, kann Kirch zu den wichtigen Vertretern der deutschen Frühaufklärung gezählt werden.

Die Lebensgeschichte Kirchs ist wie die mancher anderer Astronomen außergewöhnlich, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass das Interesse an der Himmelskunde bei großen Teilen insbesondere der bäuerlichen, eng mit der Natur verbundenen Bevölkerung anzutreffen war und hier Prozesse der Selbstbildung und nichtakademische Bildungswege nicht ungewöhnlich waren.[5] Geboren am 8./18. Dezember 1639 in Guben als Sohn eines aus Joachimsthal stammenden Schneiders, der als Protestant aus Böhmen vertrieben worden war, starb er am 25. Juli 1710 als Königlicher Astronom in Berlin. Seine Laufbahn begann mit dem Besuch der Lateinschule in Guben, es folgten Wanderjahre, die ihn vermutlich bis Amsterdam führten, und Jahre als mäßig entlohnter Schulmeister und Hauslehrer. Sein seit 1665 nachweisbares Interesse an der Herausgabe von Kalendern und die autodidaktische Aneignung der dafür nötigen astronomisch-mathematischen Berechnungen basierte sicherlich auf seiner Begeisterung für die Sternenkunde, wichtig wurde für ihn aber auch, dass er bei einem einfachen Bauern als Kalendermacher in die Lehre ging, dem berühmten gelehrten Bauer Nicolaus Schmidt, der ihn als Lehrer seiner Kinder anstellte. Ohne jemals eine Schule besucht zu haben, hatte Schmidt sich sein erstaunlich breites Wissen durch Selbststudium angeeignet, seine um die 600 Bände umfassende Bibliothek belegt breite Interessen und mit Latein, Hebräisch und Arabisch intensive Sprachkenntnisse. Sein als Kalendermacher erworbenes Ansehen in der Öffentlichkeit bescherte ihm Einladungen an verschiedene Fürstenhöfe, aber auch den Besuch des jungen Gottfried Kirch, der nach seiner Hauslehrertätigkeit bei dem gelehrten Bauern ab 1665 als Schulmeister in Langgrün wirkte. Intensiv und mit zahllosen Details erzählt Herbst den weiteren Bildungsweg Kirchs bis zum Beginn seiner Kalendermachertätigkeit im Jahre 1666, die es ihm nach einigen Jahren ermöglichte, sein Schulmeisteramt aufzugeben und zukünftig allein von seiner publizistischen Tätigkeit zu leben. Von Beginn an wollte er gegen die „Unwissenheit und Nachlässigkeit vieler Calenderschreiber“ angehen, woraus er „grosse Irrthume“ entstehen sah (S. 57), doch dürften auch die materiellen Aspekte nicht unwichtig gewesen sein, denn für einen gut verkäuflichen Kalender konnte man mit fünfzig Reichstalern durchaus einen Betrag erhalten, der das Gehalt eines Schulmeisters übertraf. Zugute kam Kirch auch, dass das Kalendergeschäft im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts einen großen Aufschwung erlebte. Hierbei zählen die seit 1667 erscheinenden von Kirch verfassten Kalender zu den frühesten Versuchen, durch die Reinigung von abergläubischen Inhalten und die zumindest weitgehende Absage an die Astrologie das Kalenderwesen zu revolutionieren, ohne dabei drastische Veränderungen vorzunehmen, die die Verkäuflichkeit beeinträchtigt hätten (S. 58f.).

Bemerkenswert ist, was Herbst zu den Kirchschen Kalendern alles an Informationen zu Verlegern, Buchdruckern, Buchhandlungen, Vertrieb, Preisen, Honoraren, Inhalten und Lesern zusammengetragen hat. Im Kapitel „Astrologiekritik und Frühaufklärung“ diskutiert Herbst die Bedeutung der regelmäßigen Zeitungslektüre für Kirch selbst, aber auch für dessen Absage an astrologische Vorhersagen, die mit der Aufforderung an die Leserinnen und Leser verbunden war, sich besser durch das Lesen von Zeitungen über die politischen, militärischen und diplomatischen Entwicklungen zu informieren (ab S. 354). Als einer der ersten Publizisten nutzte Kirch fiktive Gespräche zur Schulung des Urteilsvermögens (ab S. 360). Erhellend die Rekonstruktion der Bekannten-, Familien- und Freundeskreise sowie des intellektuellen Umfelds, in denen Kirch sich in den verschiedenen Orten und durch seine Korrespondenz bewegte. Ein ständiger Begleiter war die Sorge um die Bewältigung des alltäglichen Lebens und ein ausreichendes Einkommen als Kalendermacher und freier Publizist, von der die Familie erst durch die Berufung nach Berlin befreit wurde. Als kurfürstlicher und königlicher Astronom war er für die Kalenderreihen der Akademie verantwortlich, aus deren Verlag und Erlös die Akademie ihre gesamte Tätigkeit finanzierte. Er selbst bezog ein Gehalt von 500 Reichstalern und freie Wohnung, was eine erhebliche Summe darstellte, wenn man bedenkt, dass die beiden Wohnungen, in die die Familie zunächst einzog, 45 Reichstaler jährlicher Miete kosteten. Der spätere Kauf des Astronomenhauses belief sich auf 2.000 Reichstaler (S. 473).

Besonders zu erwähnen ist Kirchs zweite Ehefrau Maria Margaretha, die er im Juni 1690 zwei Jahre nach dem Tod von Maria Kirch im Mai 1692 heiratete. Kennengelernt hatte er sie bei einem Besuch des als Astronom bekannten Bauern Christoph Arnold. Ihr Interesse an der Himmelsbeobachtung war keine Folge der Heirat, sondern umgekehrt eher ein Grund für die eheliche Verbindung, hatte Maria Margaretha doch aus eigenem Antrieb bei dem gelehrten Bauern Arnold Unterricht in der Himmelsbeobachtung erhalten (S. 411). Als Ehefrau wurde sie Kirch nicht nur Gehilfin bei seiner astronomischen Tätigkeit, sondern von ihr gingen eigene Impulse aus, die sich nicht zuletzt in dem gescheiterten Versuch äußerten, sich – übrigens mit Unterstützung August Hermann Franckes – als erste Frau an der Universität Halle zu immatrikulieren, selbst Leibniz zeigte sich von ihrer Bildung sehr beeindruckt (S. 489). Sie galt in Berlin und am königlichen Hof als gelehrte Frau, die mehrfach zu Gesprächen über astronomische und astrologische Fragen an den Hof gebeten wurde (S. 497). Leibniz empfahl die Kirchin gar Königin Sophie Luise als Gesprächspartnerin und bezeichnete sie als „eine hochgelehrte Frau, die als Seltenheit gelten kann“, und als „eine Copernicanerin“ (S. 499). In die Astronomiegeschichte hat sie sich durch die Entdeckung des Kometen C/1702 H1 am 21. April 1702 eingetragen.

Klaus-Dieter Herbst ist mit seiner Biographie ein echtes Meisterstück gelungen, wozu seine Mehrfachqualifikation als Astronom, Physiker und Historiker einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, versteht er es doch, komplizierte Sachverhalte allgemeinverständlich zu vermitteln und die Bedeutung der Naturwissenschaften für neues Denken zu veranschaulichen. Hinzu kommt die Liebe des Forschers zu seinem ihm besonders wichtigen Gegenstand, die Leserinnen und Leser mitreißt: Die Kalenderliteratur, deren Bedeutung als erstes echtes periodisch erscheinendes Massenmedium regelmäßig stark unterschätzt wird, hat, wie Herbst überzeugend zeigt, die Missachtung nicht verdient, die ihr in den historischen Wissenschaften oft noch entgegengebracht wird. Kirch gewinnt Konturen nicht allein als Wissenschaftler und Publizist, sondern auch als Ehemann und Vater. Die Biographie zeigt ihn nicht zuletzt auch als religiösen Menschen, der um 1690 in Leipzig in die Auseinandersetzungen um den Pietismus verwickelt war. Er war ein Anhänger dieser Frömmigkeitsbewegung aus Traditionen, die mit bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückreichenden familiären Erfahrungen zusammenhingen. Ihn zeichnete aber keineswegs religiöse Enge aus, sondern bei seinen Kontakten gab es hinsichtlich der Bildung, des Standes und der Konfession keine Grenzen, reichten seine persönlichen und brieflichen Beziehungen doch von den Bauern Nicolaus Schmidt und Christoph Arnold bis zu den Gelehrten Jean-Dominique Cassini, John Flamsteed und Gottfried Wilhelm Leibniz, von dem Pietisten August Hermann Francke bis zu dem Jesuiten Adam Adamandus Kochanski.

Anmerkungen:
[1] Die Korrespondenz des Astronomen und Kalendermachers Gottfried Kirch (1639–1710). In drei Bänden herausgegeben und bearbeitet von Klaus-Dieter Herbst unter Mitwirkung von Eberhard Knobloch und Manfred Simon sowie mit einer Graphik von Ekkehard C. Engelmann versehen, Jena 2006.
[2] Klaus-Dieter Herbst, Verzeichnis der Schreibkalender des 17. Jahrhunderts (Acta Calendariographica – Forschungsberichte, Bd. 1), Jena 2008; ders., Kommentiertes Verzeichnis der Schreibkalender für 1701 bis 1750 im Stadtarchiv Altenburg (Acta Calendariographica – Forschungsberichte, Bd. 3), Jena 2011.
[3]https://zs.thulb.uni-jena.de/servlets/solr/find?qry=kalender&fq=journalType:%22jportal_class_00000200:calendars%22s%22 (29.11.2022).
[4] Klaus-Dieter Herbst, Biobibliographisches Handbuch der Kalendermacher, 4 Bde., Jena 2020. Siehe die Rezension von Günther Oestmann für H-Soz-Kult, 27.04.2021: https://www.hsozkult.de/review/id/reb-96094 (29.11.2022).
[5] Beispiele in: Holger Böning / Iwan-Michelangelo D’Aprile / Hanno Schmitt / Reinhart Siegert (Hrsg.), Selbstlesen – Selbstdenken – Selbstschreiben. Prozesse der Selbstbildung von „Autodidakten“ unter dem Einfluss von Aufklärung und Volksaufklärung vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Mit 600 Kurzbiographien von Autodidakten im deutschen Sprachraum bis 1850 und Verzeichnissen von Bauernbibliotheken (Philanthropismus und populäre Aufklärung – Studien und Dokumente, Bd. 10), Bremen 2015.

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Veröffentlicht am
09.12.2022
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