M. Nitsch u. a. (Hrsg.): Agrarstatistik der Provinz Westfalen 1750-1880

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Titel
Agrarstatistik der Provinz Westfalen 1750-1880.


Herausgeber
Nitsch, Meinolf; Gudermann, Rita
Erschienen
Paderborn 2009: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XIV, 457 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Menning, Historisches Seminar, Universität Tübingen

In seiner Geschichte des Ebersdorfer Forsts hat Rainer Beck vor einigen Jahren gezeigt, wie sich um 1800 der Blick auf das Land wandelte. Von Reformern in den Staatsregierungen wurde die Effizienzsteigerung in der Land- und Forstwirtschaft diskutiert und ihre Umsetzung der Reformvorschläge vorangetrieben. Eine Entwicklung, die sich in vielen Regionen des Alten Reichs beobachten lässt. Es galt, den „alten Schlendrian“ auszutreiben und durch moderne Wirtschaftsweisen die agrarische und forstliche Produktion zu steigern.[1] Was allerdings als aufklärerisches Programm initiiert wurde, ließ sich auf dem Lande häufig nicht so schnell umsetzen, wie von den Reformern gehofft. Traditionelle Wirtschaftsweisen waren tief verwurzelt. Die Reformen brauchten oft Jahrzehnte, die Dreifelderwirtschaft verschwand nicht über Nacht. Dementsprechend waren auch die Klagen über den fortgesetzten „Schlendrian“ weiterhin vorhanden, obwohl für die deutsche Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von enormen Produktionssteigerungen ausgegangen wird. Der Forschung stellt sich daher das Problem, den Widerspruch zwischen qualitativen Aussagen und quantitativen Entwicklungen aufzulösen oder zu erklären.

Dazu wollen die Herausgeber mit dem rezensierten agrarstatistischen Werk beitragen und damit eine Reihe weiterer Forschungen anregen, zum Beispiel zu den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Agrarreformen, der Rationalisierung der Landwirtschaft und zum jeweiligen Ausmaß der Marktintegration der Landwirtschaft. Außerdem, so Gudermann, ließe sich der Beitrag der Landwirtschaft zum industriellen ‚take off’ und zur Leistung der Volkswirtschaft insgesamt auf Basis umfangreicher agrarstatistischer Angaben besser ermessen (S. 2-3).

Die Arbeit gliedert sich danach in vier Teile: Beim ersten handelt es sich um eine Einführung in das Projekt, den Untersuchungsraum, den Forschungsstand und die Quellen. Im zweiten Teil werden noch einmal Anmerkungen zu den Quellen und ihren methodischen Problemen gemacht, wobei hier ein konkreter Bezug zu den Erhebungskriterien besteht, die dann im dritten Teil, dem eigentlichen Tabellenwerk, als Gliederung dienen. Dabei handelt es sich um Fragen der Sozial- und Betriebsgrößenstruktur, der Kulturartenverhältnisse, der Anbau- und Erntestatistik, der Viehbestandsstatistik sowie schließlich der Löhne und Preise. Dies ist mit etwa 390 Seiten und 203 Tabellen der umfangreichste Teil des Bandes. Dabei musste auf Tabellen zur Entwicklung des Forstwesens mangels statistischer Quellen verzichtet werden (S. 2). Den letzten Teil bilden Angaben zu Maßen und Gewichten sowie verschiedene, den obigen Gebieten nicht zuzuordnende Tabellen, zum Beispiel Fruchtfolgen, die Umsetzung der Agrarreformen etc. Dabei haben sich die Herausgeber weitgehend darauf beschränkt, Statistiken so zu veröffentlichen, wie sie in den Archiven vorgefunden wurden.

Der Titel „Agrarstatistik der Provinz Westfalen 1750 bis 1880“ klingt zunächst verwirrend, war doch die „Provinz“ Westfalen als Teil der preußischen Staatsgliederung ein Produkt des 19. Jahrhunderts, die erst nach 1815 ihre Gestalt erlangte, als zahlreiche ehemalige Reichsländer Preußen zugeschlagen wurden. Aber ebenso wie es sich hier um die Vereinfachung des Titels gehandelt haben dürfte, und zahlreiche Statistiken zu den Vorgängerterritorien im Band enthalten sind, ist auch der Zeitrahmen nicht strikt gehandhabt worden. Die Statistiken reichen in Einzelfällen bis ins 16. Jahrhundert zurück bzw. über 1880 hinaus.

Der Untersuchungsraum wird im Einleitungskapitel auf etwa vier Seiten vorgestellt, und die Verfasser wünschen sich, mit ihrem Werk zu einem interregionalen Vergleich beizutragen. Wer sich aber nicht genauestens mit den vielfältigen Unterschieden der Wirtschafts- und Naturregionen der Provinz Westfalens auskennt, wird wohl auch andere Arbeiten zu Rate ziehen müssen. Eine etwas längere Einleitung hätte hier Abhilfe schaffen können. Auch auf eine Karte der Provinz und ihrer Vorgängerstaaten sowie der administrativen Gliederungen wurde verzichtet, was die Handhabung für Nichtwestfalen(forscher) erschwert. Bei der Darstellung wünschte man sich zudem, dass die Tabellen auch in Grafiken aufbereitet worden wären. In Anbetracht der Tatsache, dass manche Seite nur zur Hälfte gefüllt ist, wäre dafür durchaus Platz vorhanden gewesen und hätte es ermöglicht, Statistiken einfacher zu erfassen.

Dessen ungeachtet bleibt die Sammlung und geschlossene Publikation des hier veröffentlichten agrarstatistischen Materials eine sehr verdienstvolle Arbeit, die aber hoffentlich nicht nur zu den in der Einleitung von den Herausgebern selbst angesprochenen makroökonomischen Untersuchungen führen wird, sondern auch anhand der regionalen Unterschiede neue qualitative Untersuchungen und interregionale Vergleiche anregen könnte. Denn allein statistisch wird sich der Widerspruch zwischen reformerischer Wahrnehmung und quantitativer Entwicklung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert nicht erklären lassen.

Anmerkung:
[1] Rainer Beck, Ebersberg oder das Ende der Wildnis. Eine Landschaftsgeschichte, München 2003.