I. van't Spijker (Hrsg.): The Multiple Meaning of Scripture

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Titel
The Multiple Meaning of Scripture. The Role of Exegesis in Early-Christian and Medieval Culture


Herausgeber
Spijker, Ineke van 't
Reihe
Commentaria. Sacred Texts and their Commentaries: Jewish, Christian and Islamic 2
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 344 S.
Preis
€ 119,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Eva Wannenmacher, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Dass mittelalterliche Exegese längst nicht mehr an der Peripherie des Interesses der Mediävistik wie auch der Theologie angesiedelt ist, haben manche Neuerscheinungen der letzten Jahre bewiesen. Die Gründe für dieses Interesse sind vielfältig. Gewiss ist es Bestandteil einer trendbestimmten Rückbesinnung des lange Zeit im Wesentlichen christlichen Abendlandes auf seine kultur- und religionsgeschichtlichen Wurzeln, die sicher auch durch die neu akzentuierte Konfrontation mit anderen Buchreligionen initiiert und geleitet wird, wie nicht zuletzt etwa die emotionsgeladene Toleranzdiskussion, aber auch Fragen nach Kulturtransfer, Begegnung mit dem Fremden etc. bewiesen haben. Gleichzeitig haben die Millenniums- und Apokalyptikszenarien der Jahrtausendwende auch das Interesse am abwechselnd romantisierten und verteufelten Mittelalter und seiner Geistesgeschichte anhaltend neu entfacht. Ein zugegebenermaßen äußerer, aber äußerst wichtiger Grund ist schließlich, dass nicht nur durch neue Editionen mittelalterlicher Kommentare und die fortschreitende Erschließung ihrer Quellen, sondern vor allem durch die elektronische Datenaufbereitung relevanter Texte und die mediale Zugänglichkeit der handschriftlichen Überlieferung die Beschäftigung mit mittelalterlicher Exegese einfacher und effektiver sein kann als jemals zuvor. Ihre Ergebnisse, die auf einem Quellenmaterial von nie gewesener Fülle beruhen, können frühere Anschauungen geradezu revolutionieren.

Vor diesem Hintergrund mutet es fast erstaunlich an, dass in der Einleitung des Bandes die Beschäftigung mit Exegese als fakultativer Geschichtsquelle in beinahe apologetischer Weise vorgestellt wird. Daher ist es wohl folgerichtig, dass sich nicht wenige der 14 Beiträge des Bandes nicht nur in seinem ersten Teil unter den verschiedenen Schriftsinnen vor allem dem historischen oder Literalsinn zuwenden. Die Gliederung des Bandes in zwei Hauptabschnitte ist dabei insofern verwirrend, als die Überschrift des zweiten Teils mit dem Buchtitel identisch ist, während der erste sich mit „Exegesis as cultural framework“ zu befassen und gleichsam die Begründung nicht nur der mittelalterlichen Bemühungen um das rechte Verständnis der Schriften des Alten und Neuen Testaments, sondern auch der gegenwärtigen Untersuchung derselben verspricht. Und in der Tat verschafft die Blickrichtung auf christliche und jüdische Exegese als dasjenige Feld, auf dem während des ganzen Mittelalters theologische, philologische, aber auch politische Fragen diskutiert wurden, der Geschichte der Bibelauslegung eine neue und bisher noch kaum in systematischer Weise untersuchte Relevanz. Mit einer Ausnahme (Katja Vehlow: The rabbinic legend of the Septuagint in Abraham Ibn Daud’s writings) konzentrieren sich die sechs Beiträge des ersten Teils auf Themen und Autoren des 4. bis 9. Jahrhunderts. Es ist wohl kaum vermeidbar, dass angesichts der übergroßen Fülle der Möglichkeiten sowohl der biblischen Motive wie auch der christlichen und jüdischen Exegeten fast jede Auswahl bestimmter Themen und Exegeten schließlich doch den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit in der Wahl ihrer Gegenstände vermittelt, und dies zwangsläufig, je mehr Tiefenschärfe sie aufweist und sich so von bloßen Übersichtsdarstellungen und Allgemeinplätzen unterscheidet. So bietet die sowohl die Betrachtung bekannter und einflussreicher Autoren wie Haymo von Auxerre (dem drei von 14 Beiträgen gewidmet sind) als auch die selten untersuchter Schriftsteller wie Angelomus von Luxeuil oder (im zweiten Teil) Herbert von Bosham, die bedeutend und originell, jedoch kaum rezipiert sind, interessante Einblicke in die vielgestaltige Welt des vielfachen Schriftsinns und die kaum gedachten Einfluss- und Anwendungsmöglichkeiten dieses im Mittelalter durchaus nicht rein akademischen Themas.

Die Beiträge des ersten Teils befassen sich mit so unterschiedlichen Themen wie der überraschenden Nachwirkung von Textvarianten der Schrift im spätantiken Christentum und in der jüdischen Exegese des 12. Jahrhunderts, mit der gegenwartsrelevanten Interpretation der Könige Saul und David bei karolingischen Exegeten, in zwei Beiträgen mit der Repräsentation des Weltpriesters und Trinität und Christologie bei Haymo von Auxerre und schließlich mit dem Bild des Menschen bei Claudius von Turin – Themen, deren Behandlung ebenso vielfältige Auskünfte über die Gegenwartssicht des jeweiligen Autors erteilt wie über sein Schriftverständnis. Auch der zweite Teil beginnt mit Haymo (diesmal mit der Frage nach der Kirche in Haymos Jesajakommentar), fährt fort mit den Hoheliedkommentar des Anselm von Laon, um fortan das bewegte 12. Jahrhundert zu behandeln, nämlich bei Rupert von Deutz, Richard und Andreas von St. Victor, Herbert von Bosham und Isaak von Stella, und schließlich mit einem Beitrag über Kompositionstechniken jüdischer Exegese in Nordfrankreich im 12. Jahrhundert zu schließen.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag Alexander Fidoras über die Exegese des Zisterzienserabts Isaak von Stella, deren Neuheit er vor dem Kontext der Tradition, deren Konventionen sie immer wieder sprengt, und in engem Rekurs auf Vorarbeiten Henri de Lubacs bei großer Textnähe konzis und überblicksartig vorstellt. Wohl kaum jemals wurde die Vielfalt des Beziehungsgeflechts der exegetischen Tradition nicht nur des Christentums, sondern auch der Philosophie und Philologie des 12. Jahrhunderts und seiner Rezeption bis in die Neuzeit hinein mit solcher Leichtigkeit und Souveränität wie hier am Beispiel Isaaks von Stella skizziert. Ähnlich bemerkenswert ist der Betrag Eva de Visschers über die Exegese und Hebräischkenntnisse des englischen Klerikers Herbert von Bosham, der dem Umfeld des Thomas Becket angehörte und nach dem Tod seines Mentors einen Hohelied-Kommentar verfasste, der zwar kaum je rezipiert wurde, aber durch seine besondere Interpretation des Literalsinns unter Bezugnahme auf die hebraica veritas, die Hebräischkenntnisse seines Verfassers und seine Vertrautheit mit jüdischer Exegese und Gelehrsamkeit unter seinen Zeitgenossen hervorragt.

In manchen Bereichen des Bandes wäre eine stärkere Berücksichtigung nicht nur der bedeutenden älteren Literatur vielleicht hilfreich gewesen. Mit Hilfe der eingangs genannten neuen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts sind wir durchaus in der Lage, neue Zwerge auf den Schultern der Riesen des 20. Jahrhunderts zu sein wie Beryl Smalley oder vor allem Henri de Lubac, über deren Erkenntnisse wir heute so leicht hinausgehen könnten. Angesichts dessen scheint es kaum nachvollziehbar, wie die Untersuchung der Exegese eines Autors in manchen Fällen so gänzlich auf die Vergleiche mit seinen Vorgängern verzichten kann und sich so der Erkenntnismöglichkeit verschließt, wo der fragliche Autor wirklich originell ist, wo er traditionelle Exegese rezipiert und wo nicht. Dies sind Fragen, deren Beantwortung für die Beurteilung der jeweiligen Zitate oder Auslassungen durch einen mittelalterlichen Autor mitunter von ebenso großer Aussagekraft sein können wie diese Texte und ihre Interpretation selbst. Gerade Schlüsseltexte zum Verständnis der Schrift des Alten und Neuen Testaments sind in den gut zwei Jahrtausenden seit dem Beginn der Beschäftigung mit ihnen so oft interpretiert worden, die Autoren dieser Interpretationen waren so gut miteinander vernetzt, dass die Benutzung oder Nichtbenutzung der tradierten Exegese eine der Hauptfragen moderner Beschäftigung mit mittelalterlicher Exegese sein sollte – so wenig originell das auch klingt.

Damit sind schon die Stärken, aber auch die Schwächen des Bandes bezeichnet, welche letzteren – wie vor allem der Eklektizismus, aber auch die in mancher Hinsicht große Diversität der Beiträge – im wesentlichen durch seine Entstehungsgeschichte als Zusammenfassung verschiedener Vorträge aus Tagungen der Jahre 2004 bis 2006 an der Universität Leeds erklärbar sind. Eine stärkere Konzentration der Themenstellung hätte durchaus nicht als unzulässige Engführung, sondern eher als sinnvolle Orientierung für Beiträger und Leser gleichermaßen fungieren können. Für einen einzigen Band ist der Rahmen vielleicht zu weit bemessen, um die einzelnen Beiträge nicht wie verlorene Inseln auf einem Meer voller Abgründe und Untiefen wirken zu lassen. Aber einen Besuch lohnen diese faszinierenden Inseln allemal.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.12.2009
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