J. Czaplicka u.a. (Hrsg.): Cities After the Fall of Communism

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Titel
Cities After the Fall of Communism. Reshaping Cultural Landscapes and European Identity


Herausgeber
Czaplicka, John J.; Gelazis, Nida; Ruble, Blair A.
Erschienen
Anzahl Seiten
384 S.
Preis
€ 50,88
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Antje Wischmann, Deutsches Seminar/Skandinavistik, Universität Tübingen

Die Anthologie Cities after the Fall of Communism versammelt elf soziologische Städteporträts über Vilnius, Wroclaw, Tallinn, Lódz, Szczecin, Novgorod, Odessa, Sevastopol, Kaliningrad, Kharkiv und L’viv. Die Beiträger nehmen zum einen in den Blick, wie sich die postkommunistischen Transformationsprozesse konkret auf das Stadtbild ausgewirkt haben. Zum anderen richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die entstehenden europäischen Städtenetzwerke und die Funktionalisierung der präkommunistischen Vergangenheit. Auf diese Weise berücksichtigen die Porträts auch Re-Inszenierungen der Nationalkultur und andere Akte der Selbstvergewisserung.

Über die bewährte Tradition, Städte als Konglomerate historischer materieller Einheiten zu konzeptualisieren, sei es etwa als archäologische Sedimente oder Palimpseste, geht die reichhaltige Anthologie weit hinaus: Durch die politisch-ideologische Sensibilität bei gleichzeitiger Wahrnehmungsverankerung gelingt es, den Ungleichzeitigkeiten nachzuspüren und dabei koexistierende Stadtentwürfe und konkurrierende Geschichtsrepräsentationen zu veranschaulichen. Eine Berufung auf historische Elemente, wie sie der Begriff „reshaping“ im Untertitel anzeigt, sollte dabei nicht überschätzt werden, denn die jeweiligen Re-Formulierungen politischer, städtebaulicher oder ästhetischer Art greifen auf komplizierte Weise ineinander. Sie treten in vorher unbekannten Kombinationen oder in neuartigen Kontexten auf, wie auch das Titelbild mit einer Skulptur, die einer Sandstrahlreinigung unterzogen wird, geradezu als Motto veranschaulicht.

Die Ungleichzeitigkeit und die prozessuale Erzeugung der Geschichte bilden Leitmotive der Einzelbeiträge, wie die Herausgeber in der Einleitung betonen: „Place and time are, simply put, only the coordinates of history, while making history and telling it are about projection and orientation, about historical models and models for the future. Buildings and redesigning, conserving, and renovating are political acts making history in these cities.” (S. 3) „What time is this place?“ (ebd.), wird zu einer Schlüsselfrage, auf die sich die Beiträger dann wiederholt rückbeziehen.

Die ausgewählten Städte ließen sich in Gruppen einteilen; die ersten fünf Städte in der eingangs genannten Aufzählung gehören EU-Ländern an. Deren Präsentationen belegen unter anderem, dass Europäisierungsbestrebungen, Annäherungen an den ‚Westen‘ und die Positionierung zur EU nicht unbedacht ineinanderprojiziert werden dürfen. Weitere mögliche Perspektivierungen für bestimmte Städtegruppen wären die frühere oder heutige Zugehörigkeit zu Polen, die deutsche Besatzung oder die Erfahrung des Holocaust.

Auf dem Wege des Städtevergleichs lässt sich weiterhin herausarbeiten, welche unterschiedlichen Stränge des „reshaping“ es gibt: von der Altstadtsanierung über die Denkmalskultur im öffentlichen Raum bis hin zu Strategien des Städtetourismus, bestimmte Ausdrucksformen und Ideologeme der vorsowjetischen Stadtgeschichte zu inszenieren. Gut dran sind diejenigen Städtepolitiker, die die nationale Geschichtsschreibung – und vielleicht sogar nicht allein diese – längst auf ihrer Seite haben: So ist der Novgorod-Mythos von der Blüte der Hanse-Handelsmacht mit einer besonders frühen, aus der urbanen Toleranz abgeleiteten demokratischen Kultur wohl das markanteste Erfolgsmodell unter den porträtierten Städten.

Die in der Anthologie untersuchten Re-Formulierungen setzen häufig die multiethnische Vergangenheit in ein positives Licht, nachdem dieses vielfältige Nebeneinander oder Miteinander in der sozialistischen Phase eher verdrängt bzw. vereinheitlichenden Bestrebungen unterworfen gewesen war. Am Beispiel von Vilnius lässt sich beobachten, wie sich die anhaltenden nationalen Homogenisierungsbestrebungen des ‚Litauischen‘ eigentlich im Widerspruch zu diesem positiv konnotierten Geschichtsentwurf befinden. Darüber hinaus wird deutlich, dass Stadt- und Nationalkultur auf charakteristische Weise voneinander abweichen mögen. Entwürfe einer multikulturellen Urbanität nehmen die Herausgeber ohnehin nicht besonders ernst, sondern betrachten sie als modisch und nostalgisch. Sie werten jene als eine rhetorische Strategie der Kompensation, die eine Zuordnung zum ‚alteuropäischen‘ Städtekanon begünstigen solle.

Keiner der Beiträger wäre so anmaßend, von einem postkommunistischen Wertvakuum zu sprechen, aber alle kreisen die Suche nach neuen Mythen und Stabilität gebenden Narrativen ein. Insbesondere die anschaulichen Beispiele zur Denkmalskultur regen die Betrachter zum Nachdenken über die Frage an, welche teilweise populärkulturellen Ästhetiken oder hoffnungsvollen Wunschbilder für die Zukunft hier zum Ausdruck kommen mögen: mittelalterliche Städtegründer im neuen Gewand, lokale/nationale Helden des 20. Jahrhunderts, Zwerge und Engel oder auch einmal ein Tannenbaum statt einer Leninstatue. Den Herausgebern zufolge können die (neo)nationalen Mythen schal erscheinen oder leicht ‚kippen‘. ‚Man merkt die Absicht und ist verstimmt‘, oder in den Worten der Herausgeber: „Myths put to ideological purpose can stifle the very future that is being embraced.“ (S. 6)

Eine weitere gemeinsam genutzte Maßnahme ist die Errichtung von Vergleichsskalen oder der Verweis auf Bezugsmetropolen, wie ihn auch Martina Löw in ihrem Buch „Soziologie der Städte“ (2008) behandelt. Städtenetzwerke entstehen oder vorhandene Relationen differenzieren sich neuartig aus. Nachdem die deutsche Vergangenheit Szczecins für die stadthistorische Reformulierung inzwischen Relevanz beanspruchen darf, tritt auch das nur zwei Stunden entfernt liegende Berlin wieder als Bezugsmetropole hervor. Für Tallinn sind die finnischen und skandinavischen Wechselbeziehungen mit Estland so bedeutsam, dass von „Tallsinki“ (S. 128) gesprochen wird. Vilnius darf sich „Rom des Nordens“, L’viv „Florenz der Ukraine“ nennen – mit Sicherheit sind dies Städtevergleiche, die für eine Verankerung in der alteuropäischen Städtetradition, mehr noch als für die Positionierung zur EU maßgeblich sind.

Ein mit der Verheißung des Erfolgs eng verknüpftes weiteres gemeinsames Anliegen der ausgewählten Städte ist die Inszenierung seit langem überlieferter oder neo-traditioneller Merkmale ‚westeuropäischer Orientierung‘ im weitesten Sinne („not in the East“ [S. 131]), die indessen kaum als proklamierte ‚Verwestlichung‘ oder ähnliches zu bezeichnen wäre, auch weil Entwürfe eines nordöstlichen Raums zum Tragen kommen, besonders prägnant in der Gebietsbezeichnung „Scandoslavia“ (S. 71) für die Region Novgorod. Für die Konturierung der jeweiligen ‚Eigenkulturen‘ werden schließlich gerade konzeptionelle Zwischenräume genutzt. Das Beispiel Odessa zeigt etwa, dass sich ein Regionalismus jenseits nationaler Kategorien bewähren könnte. Olga Sezneva stellt in ihrem Beitrag über Kaliningrad fest, dass Europäisierung und EU-Annäherung keineswegs gleichbedeutend sind, und dass die oben genannten neu geschaffenen Städterelationen und deren mentale Geographie zu wirkmächtigen Faktoren werden. Auf diese Art der Geographie sollte man übrigens auch verweisen, wenn man dem Leitsatz der Herausgeber misstraut, dass eine Erforschung postkommunistischer Städte den Lesenden Aufschlüsse darüber liefere, was die Europäer eigentlich miteinander verbinde (vergleiche den pointierten Schlusssatz der Anthologie).

In mehreren Beiträgen wird die Altstadtsanierung problematisiert: Die historische Bausubstanz, die zu Sowjetzeiten meist vernachlässigt wurde, und die innerstädtischen Grundstücke sind in die neoliberale Zirkulation geraten: Enorme Preissteigerungen für Grundstücke im Altstadtgebiet, ein Ausverkauf durch Investoren oder eine extreme Gentrifizierung sind die Folgen. Da auch der Denkmalsschutz selbst dereguliert bzw. teilweise privatisiert wurde, kommt es oft zu starken architektonischen Eingriffen, nicht zuletzt bei der Fassadengestaltung der sich vornehmlich an touristische Kunden richtenden Geschäfte. Selbst in Kaliningrad wurde mit einem historistisch-postmodernistischen Fischerdorf („Fish Village“ [S. 208]) ein Themenpark verwirklicht. Mitunter liegt es nahe, den Begriff der Geschichtsentleerung oder des Sich-neu-Erfindens (anstelle von nation building) zu bemühen, was zum Beispiel den ‚neuen Nachbau‘ des 1801 zerstörten großfürstlichen Palastes in Vilnius betrifft. Die Qualitäten dieses Simulakrum bestehen erstens darin, von der Sowjetzeit unberührt zu sein, und zweitens weder für das jüdische noch polnische Vilnius einstehen zu müssen. So kann das Gebäude zum Unabhängigkeitsmonument avancieren, das auf das multiethnische Großreich Litauens vor dem Beginn einer als entfremdet und gebrochen vorgestellten Geschichte verweist. Dieses trotz der Wirtschaftskrise nachdrücklich geförderte Vilniuser Großprojekt soll seinen Befürwortern zufolge der jungen litauischen Generation den Wert der Unabhängigkeit eindrücklich vor Augen führen, weshalb Irena Vaisvilaite sogar selbst den Ausdruck „Palace of the Sovereigns“ (S. 33) verwendet. Diese Beiträgerin erläutert auch, wie die Rekonstruktion jüdischer Viertel in Vilnius sowohl eine Revision der verdrängten Vergangenheit als auch eine Aufwertung von Altstadtimmobilien darstellt.

Die Sowjetzeit als klar begrenzbare Parenthese zu begreifen mag dem zeitnahen affektgeladenen Umgang mit abgewickelten Diktaturen geschuldet sein. Von Seiten der Bevölkerung ist die Annahme einer epochalen Parenthese häufig dann zu beobachten, wenn beispielsweise Errungenschaften der vor- oder nach-sowjetischen Zeit heroisierend dargeboten werden, Schuldverstrickungen während der NS-Zeit angesichts der KGB-Verbrechen relativiert erscheinen oder Folkloristisches als pauschales Symbol für das Eigenste dient. Nichtsdestotrotz ist Folklore, das wird im Beitrag über Lódz deutlich, als markierte Revitalisierung der während des Sozialismus exkludierten Kulturen ernst zu nehmen. Die Aufhebung der ethnischen Homogenisierung während der Sowjetzeit vollzieht sich erst und immer noch in der Inszenierung kultureller Äußerungen einer (angeblich) nicht länger vereinnahmten Bevölkerung. Folklore verkündet – auch jenseits der Plausibilität –, dass die Selbstentfremdung ein Ende habe.

Der Topos einer Geschichtsentleerung (auf Seiten der Forschenden) bleibt indessen fragwürdig, nicht nur weil die Materialität der genannten Städte und die gegenwärtigen Praktiken ihrer Bewohner kontinuierlich Geschichte erzeugen, sondern auch weil das Aberkennen oder Verweigern ‚vollgültiger Geschichte‘ (die vorzugsweise mit dem Ideal alteuropäischer Städte assoziiert sein kann) Risiken für die Konzeptualisierung der sowjetischen Stadtgeschichte(n) mit sich bringt: Kontinuitäten sind jedoch mitzubedenken, wie zum Beispiel der von der Sowjetunion für Titularnationen lancierte Nationalismus, an den nach 1991 teilweise angeknüpft wurde. Ein Denken in abgeschlossenen Zeitfenstern hat sich nicht bewährt, wie etwa auch an der inzwischen verworfenen ‚Anti-Moderne‘ des Nationalsozialismus ablesbar wird. Insofern ist die metaphorische Wendung im Schlusskapitel, in Szczecin seien die Uhren nach 1991 in eine Zeit zurückgestellt worden, als die Stadt von Slaven bewohnt war, nicht konsequent (vgl. S. 339, 342), da sie das ‚Schwellen-Denken‘ ausdrücklich bedient. Ebenso wenig vermag nach Lektüre der elf differenzierten Darlegungen im, insgesamt gelungen, Beitrag von Jan Musekamp über Szczecin die berühmten Formel von einer Durchsetzung der Nation in der postkommunistischen Ära („triumph of the nation-state“ [S. 336]) und einer wiedererlangten räumlichen Verankerung nicht mehr recht zu überzeugen: „The urban narratives are now composed in closer alignment with the specificity of space.“ (S. 330) Selbst wenn hier ‚place‘ statt ‚space‘ gemeint sein muss, distanziert sich ein solches Resümee nicht genügend vom versöhnlichen Narrativ der ‚Heimkehr an den angestammten Ort‘ nach dem Ende einer Diktatur.

Betrachtet man die sogenannte Disneyfizierung der Altstädte vor diesem Hintergrund, berühren und vermengen sich touristische Vermarktung und eine Idyllisierung des Vorsowjetischen und Antikommunistischen. Zwischen den fortgesetzten Dynamiken der De-Sowjetisierung und anderen, sowohl unterschiedlich gespeisten als auch mehrdimensional wirksamen Entwicklungstendenzen genau unterscheiden zu können, erfordert Expertise.

Diese wohlüberlegt konzipierte Anthologie erfüllt ein Desiderat der vergleichenden Stadtforschung. Die Herausgeber haben bei der Auswahl des Korpus und der Beitragenden, bei der Abstimmung der einzelnen Kapitel und in der Gesamtdarbietung eine glückliche Hand bewiesen. Alle Beiträge sind passgenau auf die Einleitung des Bandes abgestimmt, der wiederum mit einer bündelnden Auswertung abgerundet wird. Indem die Anthologie erhellende Einsichten bietet und unterschiedliche kulturhistorische und stadtsoziologische Perspektiven – auch auf Städtemarketing und Branding – eröffnet, kommt ihr Pionierstatus zu.

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27.01.2010
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