M. Gehler u.a. (Hrsg.): Europa – Europäisierung – Europäistik

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Titel
Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte


Herausgeber
Gehler, Michael; Vietta, Silvio
Reihe
Arbeitskreis Europäische Integration. Veröffentlichungen 7
Erschienen
Anzahl Seiten
543 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ines Keske, Universität Leipzig

Studien über Europa und Europäisierungsprozesse haben längst Einzug in die Disziplinen der Geisteswissenschaften gehalten. Kaum ein Fach entzieht sich diesem Themenkomplex heute noch. Dabei ist nicht nur in den Geschichts- und Kulturwissenschaften vom sogenannten European Turn die Rede[1], sondern auch in anderen, bislang vor allem national geprägten Fächern gewinnt eine europäische Perspektive in Anbetracht der Inflation dia- und synchroner Studien immer mehr an Bedeutung. Mit den European Studies haben sich zudem neue, fächerübergreifende Studiengänge etabliert, und auch die Zahl „Europa“ thematisierender Konferenzen ist deutlich angestiegen. In universitären Europaforschungsprojekten wird zunehmend ein disziplinenübergreifender Zugang gewählt – in Deutschland spätestens seit Erscheinen des viel beachteten Sammelbandes „Europawissenschaft“ von Gunnar Folke Schuppert et al. (2005), in welchem nachdrücklich auf die Überfälligkeit einer interdisziplinären Europäistik (sprich: Europaforschung) hingewiesen wurde.[2]

Beispiel für diese fortschreitende Institutionalisierung und Vernetzung der Europäistik bzw. europabezogener Forschungen ist auch der vorliegende Sammelband, der auf eine Tagung von Sprach-, Kultur-, Geschichtswissenschaftlern, Philosophen, Didaktikern und Rezeptionsforschern an der Stiftung Universität Hildesheim im Frühjahr 2008 zurückgeht. Die Herausgeber, Michael Gehler und Silvio Vietta, zwei Hildesheimer Wissenschaftler der europäischen Neueren und Neuesten Geschichte Europas bzw. Europäischen Kulturgeschichte, haben sowohl jüngere Fachrichtungen der Europäistik versammelt, als auch Disziplinen, die als Pioniere für die Begründung dieses Wissenschaftsdiskurses gelten. Mit dieser im weitesten Sinne kulturwissenschaftlich orientierten Fächerauswahl hebt sich der Band von anderen Sammelwerken der Europawissenschaften ab, die bisher mehrheitlich die klassischen Fächer mit Europabezug wie die Politik-, Rechts- oder Sozialwissenschaften vereinen.

Die Autoren waren aufgefordert, dem Hildesheimer Projekt einer interdisziplinären Europäistik der Kulturwissenschaften im weiteren Sinne durch innovative Ansätze, Methoden und Forschungsinhalte neue Impulse zu geben. Den Herausgebern zufolge könne eine disziplinenübergreifende Europawissenschaft kritisch am „politischen Fundament einer europäischen Identitätsbildung“ (S. 17) mitarbeiten. Auch wenn das europäische Erbe – wie die Herausgeber einräumen – historisch vorbelastet sei, plädieren sie dafür, dem positiven Moment einen Stellenwert einzuräumen. In diesem Sinne lassen sich einige der Einzelbeiträge lesen, doch schließen sich nicht alle Autoren dieser Zielvorstellung bedingungslos an.

Der Sammelband gliedert sich nach den auf der Konferenz vertretenden Disziplinen in sechs Abschnitte. Die Sprachwissenschaften eröffnen den Band – der Europäistik-Begriff wurde zuerst 1976 von Harald Haarmann aus dem Bereich historische Linguistik verwendet.[3] Haarmann stellt in seiner detaillierten „interdisziplinären Expedition zu den Ursprüngen der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas“ die These von der Kontinuität der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas auf, die etwa 4.500 v.Chr. einsetzte und bis heute andauert. Geleitet durch den Prozess der Indoeuropäisierung seien Sprach- und Kulturschichten nie vollständig verdrängt worden, sondern hätten sich infolge von Transformation, Diffusion und Austausch erhalten. Dieses Plädoyer für die europäische Vielfalt findet sich auch im Abschnitt „Geschichtswissenschaften“ bei Wolfgang Schmale wieder, der in den 1990er-Jahren den Europäistik-Begriff für seine Disziplin prägte. Denn in der Vielfalt der historischen Erinnerungen und Erfahrungen liege der Kernpunkt einer europäischen Geschichtswissenschaft, insbesondere als Leitidee von Vernetzungsgeschichte bzw. Kulturtransfer. Anstatt einem Einheitsparadigma zu folgen, solle eine kritisch-dekonstruierende Historiografie zwischen den unterschiedlichen Erinnerungen und Gedächtnissen Kohärenz herstellen. In diesem Sinne schlägt Christoph Kühberger im Abschnitt „Geschichtsdidaktik“ für das Schulfach Geschichte vor, anstelle des integrativen ein transkulturelles Unterrichtsmodell einzuführen, das nicht zu einem starren und positivistischen EU-/Europa-Bild erziehe, sondern für das Erlernen historischer Orientierungskompetenz mehrere Identitäten mit Raumbezug als dynamische Erscheinungen diskutiere und so eine europäische Identität kritisch und optional der Sinnfindung des Schülers zuführe.

Auch Tilman Borsche und Christian Stadler reflektieren im Abschnitt „Philosophie“ über die europäische Identität, ihre Bedeutung und ihr Aussehen, doch begrenzen beide Autoren ihre historische Dimension auf die EU. Ähnlich geht Michael Gehler vor, der die Europäistik einer europäischen Integrationsgeschichtsschreibung programmatisch beschreibt und damit ein Beispiel einer interdisziplinären Europäistik vorstellt. Im Gegensatz dazu plädiert der Geschichtsdidaktiker Jürgen Elvert (wie auch Schmale es tut) für eine europäische Geschichte, die mindestens die Neuere und Neueste Geschichte umfasse – und nicht nur die der europäischen Integration. Damit bleibt offen, ob die historische Europaforschung Teil einer die Vielfalt betonenden, dekonstruierenden Europawissenschaft oder Teil einer den Einheitsgedankens stützenden positivistischen EU-Wissenschaft sein soll.

Claudia Bruns, Claudia Derichs und Hans-Heinrich Nolte warnen zudem vor einer eurozentrischen Haltung der Europäistik. Ihr Plädoyer für interregionale bzw. interkontinentale Vergleiche in der geschichts- und politikwissenschaftlichen Europaforschung – unter Einbeziehung oder Ausklammerung Europas/der EU – könne der Europäistik ein gutes Maß an Selbstreflexion verleihen und Ergebnisse vor dem Hintergrund global orientierter Forschung ins rechte Verhältnis rücken.

Der Band enthält neben den bisher besprochenen Beiträgen, die grundlegende Fragen und Begriffe diskutieren und Grenzen bzw. Problembereiche der Europäistik aufzeigen, auch Artikel, die exemplarisch neue Forschungsinhalte oder Methoden vorstellen. Reiner Arntz untersucht Terminologien aus Technik und Rechtswesen als Spiegel einer gemeinsamen europäischen Sprachkultur. Sie seien aber zugleich ein Problem in der heutigen EU, da das Streben, diese Fachwortschätze auf griechisch-lateinischer Grundlage zu formen, infolge der Globalisierung und des Einflusses außereuropäischer Sprachen in den Fachgebieten in den Hintergrund geraten sei. Stephan Schickau stellt sprachliche Handlungsmuster als einen im Kontext von interkultureller Kommunikation geeigneten Forschungsgegenstand vor und zeigt mittels systematischer und linguistischer Methoden, wie die Benutzung von Sprache in bestimmten Handlungszusammenhängen vergleichbar wird. Wolfram Kaiser und Stefan Krankenhagen analysieren als Beispiel für eine europäische Museumsforschung die museale Konstruktion europäischer Geschichte durch das Brüsseler Musée de l’Europe, das eine pro-europäische Integrationsgeschichte als mögliche Meistererzählung der Zeitgeschichte entwirft. Ralf Elm schlägt vor, Martin Heideggers Theorien in der philosophischen Europäistik aufzugreifen, da gerade dessen Begriff des Seinsverständnisses (als was etwas jeweils epochal verstanden wird) enormes Anregungspotential für die Europaforschung habe, auch wenn Heidegger einer der umstrittensten Denker des 20. Jahrhunderts ist. Susanne Popp zeigt im Bezug auf die Frage nach dem Beitrag der historischen Bildung zur europäischen Identität anhand der Auswertung der 15 am häufigsten in Geschichtslehrbüchern abgedruckten Bilder mit Europabezug, wie sich europäische Aspekte anhand von Bildmaterial im nach wie vor nationalhistorisch dominierten Geschichtsunterricht entwickeln ließen. Silvio Vietta und Alexej Ponomarev führen die Romantikforschung als ideales Modell einer europäisierten Literatur- und Kulturgeschichte ein. Paul Michael Lützeler skizziert die Veränderungen des Europabildes US-amerikanischer Schriftsteller und Publizisten seit dem 19. Jahrhundert, das diese auf der Suche nach der Entgrenzung ihres zivilisatorischen Blickfeldes auf Europareisen entworfen haben.

Die verschiedenen Beiträge verdeutlichen das breite Themenspektrum des umfangreichen Bandes. Er zeigt neben neuen Aspekten und Forschungsfragen den Status quo der Europaforschungen in den einzelnen Disziplinen auf, wodurch allerdings wiederholt bekannte Forschungsinhalte oder bereits im Trend liegende Methoden beschrieben werden. Dass die Autoren immer wieder kritisch Position beziehen, Grenzen sowie Schieflagen der bisherigen Europaforschung aufzeigen, spiegelt den hohen Reflexionsgrad, den die Europäistik bereits erreicht hat, wieder. Die Untergliederung des Bandes in Fachwissenschaften erschwert allerdings dem Leser, sich ein Bild von einer möglichen kulturwissenschaftlich-historisch geprägten, interdisziplinären Europäistik machen zu können, zumal die Herausgeber ein die unterschiedlichen Meinungen zusammenführendes Fazit scheuen. Wäre man Schmales Definitionsangebot gefolgt, Europäistik als ein Fach zu verstehen, das sich mit Europa aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen befasst (vgl. S. 114), wäre diesem Anspruch hier umfassend nachgekommen worden. Solange die einzelnen Fachwissenschaften jedoch ausloten, wie eine europäische Perspektive in ihrer Disziplin zu entwickeln sei, scheint es vielleicht noch zu früh, von einer interdisziplinären Europäistik mit politischer Stoßrichtung zu sprechen, wie es die Hildesheimer Forscher anstreben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jörg Döring / Tristan Thielmann (Hrsg.), Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008.
[2] Gunnar Folke Schuppert, „Theorizing Europe“ oder Von der Überfälligkeit einer disziplinenübergreifenden Europawissenschaft, in: Ders. / Ingolf Pernice / Ulrich Haltern (Hrsg.), Europawissenschaft, Baden-Baden 2005, S. 3-35.
[3] Vgl. Harald Haarmann, Das geolinguistische Studium der EG-Sprachen als Modell einer vergleichenden Europäistik, Trier 1976.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2011
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