G. Ranner u.a. (Hrsg.): Czernowitzer Juden erinnern sich

Cover
Titel
... und das Herz wird mir schwer dabei. Czernowitzer Juden erinnern sich


Herausgeber
Ranner, Gertrud u.a.
Reihe
Potsdamer Bibliothek östliches Europa - Erinnerungen
Anzahl Seiten
226 S.
Preis
€ 14,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Heinen, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Ungewöhnlich ist es schon, wenn ein studentisches Projekt eine Buchpublikation hervorbringt. Mehr noch, wenn die Veröffentlichung in einer dritten Auflage erscheint. Ursprünglich gedruckt unter dem Titel „Czernowitz is gewen an alte jiddische Schtot“ (2. Aufl. Berlin 1999), haben die jetzigen FU-Absolventen ihren Band umbenannt, da Czernowitz nicht durch das Ostjudentum geprägt war, wie es der ursprüngliche Titel nahelegte, sondern durch eine spezifisch deutsch-österreichische Kultur des Zusammenlebens an der Grenze des Habsburger Reiches.

In Czernowitz gab es eine staats- und handelsorientierte deutschsprachige jüdische und „österreichische“ Oberschicht, eine eher auf dem Grundbesitz aufbauende rumänische und ukrainische Elite, multiethnische Mittelschichten und in den Vororten „schwäbische“ (deutsche), rumänische und ukrainische Bauern. Das 1775 an Österreich gefallene Buchenland war anfangs dünn besiedelt. So zog der Raum viele Unternehmungslustige an, ohne dass eine ethnische Gruppe dominiert hätte. 1918/19 erhielt Rumänien den Zugriff auf das Gebiet, in Anerkennung der Macht des Faktischen (Truppen hatten das Land besetzt) und weil die Rumänen inzwischen die (zweit)größte Gruppe darstellten. Die nun einsetzende Rumänisierung veränderte das Schulsystem und zugleich die Anstellungschancen im Staatsdienst. Aber erst mit der Machtübernahme Hitlers in Deutschland verhärtete sich auch das Zusammenleben der Menschen. Deshalb begrüßten einige der benachteiligten ethnischen Gruppen – Juden, Ukrainer – die Abtrennung von Territorien 1940, als die UdSSR ihren Anteil am Hitler Stalin-Pakt einforderte und Bessarabien, die Nordbukowina sowie Dorohoi von Rumänien wegnahm. Für die Mittel- und Unterschichten galt es jetzt, sich einzurichten in der realsozialistischen Gesellschaft, gewohnte Vereinsstrukturen aufzugeben und sich in der politisierten Gegenwart einzurichten. Den Familien der (jüdischen) Oberschicht und der Zionisten, die nicht nach Rumänien geflohen waren, drohte schon bald die Deportation nach Sibirien. 4.000 Menschen traf es schließlich, vier Fünftel von ihnen Juden.

Das war allerdings nur der Anfang. Im Juli 1941 eroberten deutsch-rumänische Truppen das Nord-Buchenland, zerstörten jüdische Wahrzeichen, plünderten jüdische Haushalte, nahmen Juden als Geiseln, töteten Rabbiner und folterten Vertreter der jüdischen Gemeinden. Jene, die die Kriegswirren überlebten, wurden einige Wochen später nach Transnistrien deportiert. Hart traf es vor allem die Juden Bessarabiens, denen der ganze Hass der Soldateska galt, weil sie nur Jiddisch und Russisch sprachen. Die Juden der Südbukowina verfügten zumindest über intakte Gemeindestrukturen, konnten Rumänisch und Deutsch. Und obwohl die Südbukowina gar nicht an die UdSSR gefallen war sondern nach wie vor zu Rumänien gehörte, mussten auch hier die Juden nach Osten gehen, anfangs zusammengepfercht in Viehwagen, später vorwärtsgetrieben in langen Fußmärschen. Viele starben in Transnistrien, an Fleckfieber, an Hunger oder weil sie außerhalb des Lagers gesichtet wurden, um zu betteln oder um auf anderem Wege Nahrungsmittel zu beschaffen. Niemand kontrollierte die Einsatzkräfte. Die deutschen und die rumänischen Wächter taten, was ihnen gefiel. In Czernowitz selbst durften anfangs 20.000 Juden verbleiben, da sie noch gebraucht wurden, wenn die Wirtschaft nicht vollends zusammenbrechen sollte. Da war es nur konsequent, dass, kaum waren die ersten Lücken geschlossen, im Sommer 1942 noch einmal 4.000 - 5.000 Menschen in den Osten deportiert wurden. Das Inferno endete 1944. Die überlebenden Männer wurden jetzt in die Rote Armee eingezogen, die Kinder, die Alten und die Frauen kehrten in ihre Heimatorte zurück. Dort fanden sie neue Bewohner in ihren Wohnungen und Häusern vor, Rumänen, die der staatliche Antisemitismus in ihre Position gespült hatte, Ukrainer, welche die Kriegswende ausgenutzt hatten und früher am richtigen Ort waren. Ohne Papiere konnten die Juden aber ihre Ansprüche nicht begründen. Und im Übrigen wandelte sich das Klima bald schon gegen sie, weil die Sowjetunion dem Antisemitismus neuerlichen Lauf ließ und den Opfern der ethnischen Säuberung und des Rassenwahns jegliche Möglichkeit nahm, das eigene Schicksal in die Öffentlichkeit hineinzutragen.

Die Einleitung des hier vorzustellen Bandes erzählt die Geschichte des Buchenlandes und der Stadt Czernowitz auf wenigen Seiten. Aber selbst dieser recht schmale, ja bewusst kurz gehaltene Text lässt erkennen, wie innerhalb von drei Jahren eine ganze Kulturlandschaft ausradiert wurde. Mehr als alle anderen Gruppen traf es die jüdische Bevölkerung der Stadt, Opfer stalinistischen Machtwahns, der Kriegswirren, ethnischer Säuberung, des Holocausts, antisemitischer Propagandafeldzüge. Wer die Kriegsjahre überlebt hatte, versuchte schon bald nach Israel zu emigrieren. Vielen gelang es, andere blieben zurück, weil sie ihre Heimat nicht verlassen wollten, weil ihnen eine Ausreise verwehrt blieb oder weil sie sich in ihre gemischt-ethnische Umgebung integriert hatten.

Mit einigen jener Überlebenden die noch in Czernowitz lebten, konnte die studentische Arbeitsgruppe 1996 ausführliche Interviews führen. Deren Erzählungen bilden den Hauptteil des vorliegenden Bandes, achtzehn Zeitzeugenberichte, die mal länger, mal kürzer die Jahre 1930 bis 1950 in den Blick nehmen. Die Gesprächspartner, Männer und Frauen, waren 1940 jung, manche nicht einmal volljährig. Für alle bedeuteten die Jahre des Holocausts einen tiefen Einschnitt, ein Ende ihres gewohnten Lebens in der alten Bukowina, den Verlust von Eltern und Verwandten, ein völliges Auf-Sich-Allein-Gestellt-Sein. „Meine Kindheit hat geendet, als ich neun Jahre alt war“, berichtet Rachel Filip. „Man trieb uns ins Ghetto und dann weiter nach Transnistrien. Von einunddreißig Leuten bin ich als Einzige übriggeblieben“ (S. 38). Die besten Chancen zu überleben hatte jene, die über besondere Kenntnisse oder Fertigkeiten verfügten. Die buchenländische Begeisterung für Bildung bot da verhältnismäßig gute Voraussetzungen. Manche konnten Schreinerarbeiten ausführen, andere beherrschten Fremdsprachen oder waren mathematisch begabt. Norbert Gottlieb retteten im transnistrischen Schargorod seine Rumänischkenntnisse „‘Woher kommst du? Wo bist du geboren?‘ Ich antwortete auf Rumänisch: Eu sunt născut la Câmpulung [...] Aber dann bist du ja mein Freund‘, sagte er. Zu meiner Nachbarin gingen sie hinein und – erschossen! [...] Es war gefährlich, man erschoss die Menschen einfach.“ (S. 73)

Authentisch wirken die Berichte, gerade weil sie selten erzählt wurden, kaum eingeübt sind, nur gelegentlich ausgeschmückt werden. „Mein Bruder war dreizehn damals. Er hat sich die Füße bis zu den Knien abgefroren. Und ganze Stücke Fleisch sind heruntergefallen. Er ist dort gesessen, bei der offenen Türe, und ist im Februar gestorben.“ (Anna Rosenberg, S. 124)

Die meisten Erzählungen bleiben ähnlich karg. „Man hat uns in einen Schweinestall geworfen, und dort sind alle meine Verwandten umgekommen, nur ich bin geblieben“. Das ist alles, was Rosa Roth-Zuckermann von der Vertreibung zu erzählen weiß (S. 146). Die Jugend, die 1930er-Jahre, die Sowjetzeit sind ihr deutlich mehr Worte wert als die Schicksalsmonate in Transnistrien. Vorstellen kann sich das ohnedies niemand und mitempfinden auch nicht. Wenn nicht einmal Literaten in der Lage sind, das Inferno in einfache Worte zu fassen, wenn Edgar Hilsenrath die transnistrische Hölle distanziert sarkastisch beschreiben muss, um die Leser mitzunehmen, wie sollen dann Ungeübte, die jahrzehntelang haben schweigen müssen, jungen Leuten aus Deutschland ihr Schicksal erklären?

Manches, was gefühlsmäßig weniger belastet ist, gelingt da besser: die emotionale Schilderung der Vorkriegsjahre, die Beschreibung des Ghettos in Czernowitz, der Kontakt mit den christlichen Bauern und den Partisanen in Transnistrien, Hilfe und Unterstützung durch deutsche oder rumänische Soldaten, schließlich die Rückkehr nach Hause und die stalinistischen Ärzteprozesse. Das „totale“ Schweigen hat unverkennbar Spuren hinterlassen. Das ist gewiss ein Grund für die beredte Sprachlosigkeit. Ein zweiter dürfte mindestens so wichtig sein, denn auch nach 1918 blieb Deutsch die Muttersprache der Gebildeten: „Ich kann die Deutschen nicht hassen. Auch wenn sie alle ausgerottet haben, ich kann sie nicht hassen, weil das hieße, mich zu hassen. Man verstand nie, dass ich innerlich ein Deutscher und den Dokumenten nach ein Jude bin. Ich müsste ja sozusagen verschiedene Komplexe haben, aber ich hab mich niemals gebeugt!“ (Severin Schrajer, S. 169)

Worin unterscheidet sich die Neuausgabe von der zweiten Auflage? Dem Band ist eine CD angefügt mit Tonmitschnitten; das Literaturverzeichnis wurde aktualisiert; ein Bildteil stellt die Stadt Czernowitz um 1910 vor, zudem enthält er einige Fotos von den Gesprächspartnerinnen und Interviewten. Für eine vierte Auflage wünschte ich mir zusätzliche geografische Karten mit den Orten des Geschehens (Berschad, Dschurin etc.), eine Kommentierung der Literaturliste und eine etwas ausführlichere Auswertung und Kontextualisierung der Gespräche. Vorbildlich sind schon jetzt das umfangreiche Glossar und die biografischen Notizen zu den Interviewpartnern.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.02.2010
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