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Titel
Theorien der Gemeinschaft. Zur Einführung


Autor(en)
Gertenbach, Lars; Laux, Henning; Rosa, Hartmut; Strecker, David
Erschienen
Hamburg 2010: Junius Verlag
Anzahl Seiten
208 S.
Preis
€ 13,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger Graf, Institut für Geschichtswissenschaften, Ruhr-Universität Bochum / Minda de Gunzburg Center for European Studies, Harvard University

In der bewährten Reihe des Junius-Verlages haben der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa und drei seiner Mitarbeiter ein Einführungsbuch vorgelegt, das die unübersichtlichen „Theorien der Gemeinschaft“ historisch rekonstruiert und systematisch ordnet. Mit guten Gründen entscheiden sie sich dagegen, einzelne Gemeinschaftstheoretiker nacheinander zu referieren, und gliedern stattdessen systematisch nach 1. Begriffsgeschichte, 2. Zeitdiagnosen des Wandels gemeinschaftlicher Beziehungen, 3. Mechanismen der Vergemeinschaftung, 4. Funktionen der Gemeinschaft, 5. politisch-normativen Diskussionen über die Gemeinschaft und 6. Dekonstruktionen der Gemeinschaft. Dieses Vorgehen überzeugt nicht zuletzt deshalb, weil unter den systematischen Aspekten dann doch verschiedene Autoren genauer vorgestellt werden, ohne dass unnötig ausführlich auf Biographie oder Werkzusammenhang eingegangen würde.

Grundsätzlich unterscheiden die Autoren zwischen einer „ontologischen“ und einer „politisch-ethischen Ebene“: Fragen der Gemeinschaft werden entweder als Fragen nach dem sozialen Charakter menschlicher Existenz oder aber nach der Gestaltung konkreter Gemeinschaften verhandelt (S. 20). Schon die Herausbildung des modernen Begriffsverständnisses von Gemeinschaft in Soziologie und Alltagssprache zeigt aber, dass beide Ebenen eng miteinander verbunden sind. In der knappen Zusammenfassung der Theorien von Ferdinand Tönnies, dem Urheber des heutigen Begriffsgebrauchs, sowie anderer sogenannter Gründerväter der Soziologie zeigen sie, dass Gemeinschaft hier zumeist positiv konnotiert als eine Form der Soziabilität begriffen wurde, die im Modernisierungsprozess verloren zu gehen droht. Als prominenten Gegner falscher Gemeinschaftssehnsucht, die sich in den radikalen politischen Bewegungen im frühen 20. Jahrhundert auslebte, stellen die Autoren dann Helmuth Plessner ausführlicher vor.

Während die Theorien von Tönnies, Plessner und anderen kompetent analysiert und präsentiert werden, ist ihre historische Einordnung genauso wie die anschließende Untersuchung des Wandels gemeinschaftlicher Beziehungen weniger überzeugend. Zu holzschnittartig argumentieren die Autoren hier mit Großkategorien wie der „Krise der Moderne“ und ignorieren den historiographischen Forschungsstand, wenn sie behaupten: „im Rahmen der Krise der Moderne und der zunehmend radikaleren antimodernen Bewegungen kulminierte die Gemeinschaftsnostalgie schließlich in der nationalsozialistischen Politisierung.“ (S. 43) Auch die Abschnitte zur „Wiederkehr der Gemeinschaft in der Spätmoderne“ und den „posttraditionalen Gemeinschaften“ sind eher feuilletonistisch geraten, was zum Teil ihrer Kürze geschuldet sein mag (S. 58-65). Vielleicht hätte man zugunsten der stärker analytischen Kapitel auf sie verzichten können.

Denn in diesen liegt die eigentliche Stärke des Buches. Hier unterscheiden die Autoren zunächst drei grundlegende Mechanismen der Vergemeinschaftung, die in den Gemeinschaftstheorien genannt werden: das innere Erlebnis der Gemeinschaft, das sie mit den Begriffen „Rausch“ und „Ekstase“ beschreiben, die für Gemeinschaften konstitutive Abgrenzung nach Außen zum Anderen und Fremden sowie das notwendig Imaginäre von Gemeinschaften, in denen nicht alle Mitglieder miteinander in Kontakt treten können. Das Kapitel zu den Funktionen der Gemeinschaft diskutiert dann – vor allem in Auseinandersetzung mit in den 1980er- und 1990er-Jahren heftig geführten Debatten um Liberalismus und Kommunitarismus – die Bedeutung von Gemeinschaften für Identitätsbildungsprozesse, die Stabilität von Gesellschaften und den Bestand demokratischer Ordnungen. Hier schlagen die Autoren genauso hilfreiche Schneisen durch die Debatten wie in dem komplementären Kapitel zur ethisch-moralischen Debatte um Gemeinschaft, in dem sie die an John Rawls „Theory of Justice“ anschließenden Diskussionen, inwiefern aus Gemeinschaften Gerechtigkeits- und politische Ordnungsprinzipien abgeleitet werden können, untersuchen. Unter dem Titel „Dekonstruktion der Gemeinschaft“ stellen die Autoren schließlich vor allem die Arbeiten von Georges Bataille und Jean-Luc Nancy vor, die gegen die Ursprünglichkeitsidee und das „identitäre“ Verständnis von Gemeinschaften für ein „differenztheoretisches, relationales Gemeinschaftsdenken“ plädieren. (S. 158) Die Schlussbemerkung fällt gegenüber den theoriereferierenden Kapiteln wieder etwas ab, da sie letztlich nur deren Fragen als offene Fragen noch einmal rekapituliert, um dann festzustellen, dass die politischen und theoretischen Debatten um die Gemeinschaft weiter gehen werden.

Obwohl die Autoren sich mit eigenen Urteilen eher zurückhalten, fordern einige ihrer Thesen Kritik heraus. Gleich zu Beginn behaupten sie: „Gemeinschaft „gibt“ es nicht: Man kann sie nicht sehen und nicht greifen.“ (S. 9) Was ist das für ein Realitätsverständnis? Wenn es nur die Dinge gibt, die man sehen und greifen kann, gibt es dann auch keine Beziehungen zwischen Menschen und keine internationalen Kapitalströme? An anderer Stelle beziehen sich die Autoren auf das „konstruktivistische Argument“, „dass Gemeinschaften nicht einfach da sind, sondern in komplexen kulturellen, diskursiven und symbolischen Prozessen erst als solche artikuliert und erzeugt werden müssen“ (S. 66). Dies klingt wiederum wie eine alte Einsicht der Nationalismusforschung, aber handelt es sich dabei schon um Konstruktivismus? Hier hätte man entweder genauer sein oder auf Schlagwörter verzichten müssen.

Im Kapitel zu den Mechanismen der Vergemeinschaftung stimmen die Autoren Émile Durkheim dahingehend zu, dass die „Dynamik gemeinschaftlicher Begriffe nur adäquat begriffen werden [könne], wenn dabei dem Moment des Außeralltäglichen und Sakralen ausreichend Raum zugestanden“ werde (S. 70f.). Während dies für bestimmte Gemeinschaften auf den ersten Blick plausibel erscheint (radikale politische Bewegungen, Fußballfanclubs etc.), ist es für andere fragwürdig: Welche Rolle spielen Rausch – ein weiterer Begriff, den die Autoren für zentral halten – Außeralltäglichkeit und Sakralität für die Konstitution von Tönnies‘ paradigmatischer Gemeinschaft, der Familie? Die Familie war eine wichtige Gemeinschaft übrigens auch für Margaret Thatcher, deren Diktum „there is no such thing as society“ im Band verkürzt zitiert und in den Kontext eines radikalen Individualismus gestellt wird, demzufolge Kollektiven „keine eigenständige Realexistenz“ zukomme (S. 25). Bei Thatcher heißt es aber weiter: “There are individual men and women, and there are families“. Auch bei Gemeinschaften, für die die Erklärung der Vergemeinschaftung mit religiösen Begriffen intuitiv plausibel erscheint, greift sie bei genauerem Hinsehen zu kurz: Hier müsste zunächst einmal gefragt werden, ob Religion Gemeinschaftsbildung oder nicht vielmehr Gemeinschaftsbildung religiöse Phänomene erklären kann. Auch wenn beide gleichursprünglich sind, können nicht einfach Sakralität, Außeralltäglichkeit, Ritus, Kult und Rausch als gegeben gesetzt werden, um dann über sie die Vergemeinschaftung zu erklären.

Diese Einwände sollen jedoch nicht die Leistung der Autoren schmälern, die eine unübersichtliche Debatte systematisch geordnet und in einer Einführung Studierenden zugänglich gemacht haben. Allerdings hätten Autoren und Verlag der sprachlichen Gestaltung des Bandes deutlich mehr Aufmerksamkeit widmen sollen. In vielen der stilistisch heterogenen Kapitel wird unnötig gestelzt und kompliziert formuliert: Hier wird nicht unterschieden, sondern „zwischen zwei distinkten Ebenen differenziert“ (S. 20), hier gibt es keine ethnisch pluralen Gesellschaften, sondern „Gesellschaften, in denen eine Pluralität ethnischer Gruppen existiert“ (S. 143); Menschen im 19. Jahrhundert verelendeten nicht, sondern es fand „eine Verelendung breiter Bevölkerungsschichten statt“, und „entscheidend für die kollektive Verarbeitung und Konsequenz dieser Umbrüche [war] die Erfahrungslage der Menschen“ (S. 32). Gerade Einführungsbücher, die, wenn sie erfolgreich sind, auch stilbildend wirken können, sollten sprachlich präziser sein und Verumständlichungen dieser Art vermeiden.

Noch störender als die sprachlichen Mängel sind die vielen Redundanzen, die die Autoren auf den nur 183 Seiten des Buches untergebracht haben. Die ausführlichen Regieanweisungen am Ende fast jedes Abschnittes sagen zumeist nicht mehr, als man der Überschrift des kommenden Abschnittes entnehmen kann. Einige Passagen werden so kurz nacheinander wiederholt, dass man sich fragt, ob das Buch vor der Publikation überhaupt noch einmal in einem Zug durchgelesen wurde. So wird auf einer Seite zweimal wortgleich erklärt, dass die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft bis weit ins 19. Jahrhundert „synonym und/oder in immer wieder vertauschten Rollen verwendet“ wurden (S. 30). Dass sich erst in dieser Zeit das uns bis heute vertraute Begriffsverständnis von Gemeinschaft herausbildete, kann man auf den Seiten 30, 31, 33 und 39 in mehr oder weniger identischen Formulierungen lesen. Diese Mängel mindern leider das Lesevergnügen des ansonsten informativen und nützlichen Bändchens.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.02.2011
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