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Titel
Wertschöpfung aus Tradition. Der Karneval von Binche und die Konstituierung kulturellen Erbes


Autor(en)
Tauschek, Markus
Reihe
Studien zur Kulturanthropologie, Europäischen Ethnologie 3
Erschienen
Berlin 2010: LIT Verlag
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Suzanne Chappaz-Wirthner, Neuchatel, Schweiz

„[…] das Echte ist nicht Postulat des Betrachters allein, sondern auch Proklamation der Akteure. Der ideologische Überbau bestimmt nicht nur die wissenschaftliche Sicht; er reproduziert sich auch, indem er den Gegenstand selbst induziert.“ Diese Definition des Authentischen, die Hermann Bausinger bereits 1969 formuliert hat[1], könnte als Motto über der herausragenden Studie stehen, die Markus Tauschek einem global gewordenen Phänomen gewidmet hat: der Transformation besonderer kultureller Güter und Praktiken in ein von der UNESCO anerkanntes Weltkulturerbe. Den Verfasser interessiert dabei insbesondere, wie die von der internationalen Organisation erlassenen Konventionen („Convention Concerning the Protection of the World Cultural and Natural Heritage“ von 1972, „Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage“ von 2005) auf die kulturellen Praktiken zurückwirken, die zunächst den Gegenstand eines Bewerbungsdossiers um die Anerkennung als Weltkulturerbe bilden und die diese Auszeichnung dann auch erhalten.

Markus Tauschek fasst die Patrimonialisierung einer Kulturpraxis als einen komplexen Prozess, der durch zwei miteinander verbundene Momente charakterisiert ist: zum einen gehört dazu die Formatierung einer kulturellen Praxis, wie sie im Erstellen eines mit den UNESCO-Richtlinien übereinstimmenden Bewerbungsdossiers verlangt wird; anderseits die Aneignung des zugewiesenen Labels Weltkulturerbe durch die Akteure vor Ort, die auf Grund der unterschiedlichen Positionen, Funktionen und Interessen variiert und daher in vielfältiger Weise auf die ausgezeichnete kulturelle Praxis zurückwirkt. Zusätzlich wird der Prozess durch einen weiteren Aspekt kompliziert: Denn auch wenn die UNESCO-Richtlinien potentiell uniformisierend wirken, sind die Kontexte sehr divers, in denen sie zur Anwendung kommen. Die Staaten, die die UNESCO-Konventionen ratifiziert haben, haben Geschichten, Verfassungen, Strukturen, die alles andere als homogen sind; im Verlauf ihrer Entstehung und im Bestreben, Plausibilität und Legitimität zu erhalten, haben sie häufig auch auf Begriffe wie „Kultur“ und „Tradition“ zurückgegriffen und so oft schon über lange Zeiträume strategische „Wertschöpfung“ betrieben.

Dies ist das Spannungsfeld, das Markus Tauschek ausgehend vom Karneval von Binche in Belgien analysiert. Dieser Karneval wurde 2003 zum „Masterpiece of the Oral and Intangible Heritage of Humanity“ erklärt. Er stellt ein exemplarisches und besonderes Forschungsfeld insofern dar, als der belgische Staat eine föderale Struktur besitzt, die auf der Koexistenz von Wallonen und Flamen basiert. In diesem Rahmen musste die Frage der Repräsentativität des Karnevals von Binche für das „Patrimoine“ zwingend verhandelt werden. Die beiden Gemeinschaften divergieren dabei in ihren Vorstellungen vom Begriff des „Erbes“ jedoch so sehr, dass zwei konkurrierende kulturelle Vereine entstanden sind, die die Verteidigung ihrer jeweiligen Sichtweisen vorangetrieben haben. So wurde 2003 das Bewerbungsdossier für die belgische Kandidatur von Vertretern der wallonischen Gemeinschaft – meistenteils Mitglieder der sozialistischen Partei, die um die Entwicklung ihrer Region besorgt waren – mit Erfolg eingereicht. Demgegenüber wurde ein konkurrierendes Dossier, das die flämische Gemeinschaft zwei Jahre später abgab, von der UNESCO 2005 negativ beschieden. Wie wurde nun aber die Repräsentativität des Karnevals von Binche auf nationaler und internationaler Ebene konstruiert? Welche Strategien wurden für diesen Zweck entwickelt, welche Kriterien aufgestellt, und wie wurden die in rhetorische Argumente verwandelten Begriffe „Kultur“ und „Tradition“ inhaltlich gefüllt?

Um diese Strategien sichtbar zu machen, hat Markus Tauschek eine sorgfältig durchgeführte Ethnographie mit einer historischen Analyse verbunden. Dies erlaubt ihm, die Daten, die er bei den Akteuren gesammelt hat, die in den Prozess der Patrimonialisierung auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene verwickelt waren, auch in historischer Tiefe zu beleuchten. Auf diese Weise ist es ihm möglich, die Schlüsselrolle herauszuarbeiten, die so genannten „cultural brokers“ zukommt, also den Akteuren, die einerseits tief in den Karneval verwickelt sind und die andererseits eine reflexive (metakulturelle) Haltung einnehmen, indem sie zwischen Politikern, Wissenschaftlern und Experten vermitteln – auch wenn die Grenzen dieser Gruppierungen keineswegs klar zu ziehen sind. Mit seiner Analyse kann Markus Tauschek so Facetten des Prozesses der Patrimonialisierung sichtbar machen, die gewöhnlich hinter der offiziellen Rhetorik und Selbstdarstellung der UNESCO verborgen bleiben.

Zwischen der Ansicht, die sich Experten von einer um den Titel „Welterbe“ sich bewerbenden Praxis bilden, und der, die die Akteure im jeweiligen Feld haben und beleben, existiert eine Kluft, ein Hiatus, wie am Beispiel der Rolle der Frau im Karneval gut illustriert werden kann. Die Gilles, die die emblematischen Figuren im Karneval von Binche darstellen, sind in der Praxis immer Männer. Dies würde jedoch die belgische Kandidatur kompromittieren, denn aus der Sicht der Experten müsste dann die „Frage der Menschenrechte“ gestellt werden. Um eine Chance auf Erfolg zu haben, musste daher das Bewerbungsdossier den Karneval in einzelnen Elementen so darstellen, dass die Rolle der Frau darin gewürdigt wird. Allerdings betrifft die durch die Abgabe eines solchen Dossiers induzierte Formatierung mehr die visuelle und textuelle Inszenierung des Karnevals im Dossier als dessen tatsächliche Praxis. Ziel ist es, die Jury von dessen unvergleichlicher Natur zu überzeugen. Die Akteure im Feld reagieren darauf oft mit Verwirrung und beklagen die mangelnde Transparenz des Bewerbungs- und Bewertungsprozesses. Sie zeigen sich hin und her gerissen zwischen der Sorge, das, was ausgezeichnet wurde, unverändert zu bewahren, und der Notwendigkeit, Neuerungen einzuführen, um der Konkurrenz die Stirn bieten zu können – den Städten in der näheren Umgebung nämlich, die ebenfalls auf den medienwirksamen Ruhm hoffen, der mit dem Label Weltkulturerbe verbunden ist. So kommt es, dass die mit dem UNESCO-Label ausgezeichnete Praxis zu einer zugleich wirtschaftlichen, symbolischen und politischen Ressource wird. Sie bildet den Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen den Akteuren im Feld der Patrimonialisierung. Es kommt zu Konflikten etwa darum, wer die Praxis sich wie aneignen darf. Auch die Frage, wer die exklusiven Nutzungsrechte besitzen soll, ist umstritten – die Konkurrenz divergierender Ursprungsnarrationen der Figur der Gilles in Binche illustriert dies eindrücklich.

Dank der Verbindung von Ethnographie und historischer Rekonstruktion kann Markus Tauschek auf der einen Seite zeigen, dass sich beim Karneval in Binche die Erlangung des UNESCO-Labels in dessen lange Geschichte einschreiben ließ. Deshalb betont Markus Tauschek, dass die Historizität des Prozesses der Patrimonialisierung in die Betrachtung einbezogen werden muss. Auf der anderen Seite kann der Autor belegen, dass die Auszeichnung einer Praxis als Weltkulturerbe keinesfalls zu deren Versteinerung führt, sondern im Gegenteil gerade zu ihrer Vitalität beiträgt. Denn wenn sich eine Praxis als „lebendige Tradition“ auszeichnen lässt, dann nur, weil sie definiert und übermittelt wird durch Spannungen und Konflikte, die zum Prozess der Patrimonialisierung dazugehören. So kann das kreative Potenzial einer Praxis von dieser konfliktuellen Dynamik nicht getrennt werden, im Gegenteil ist sie deren ureigenster Bestandteil.

Abschließend ist noch zu betonen, dass Markus Tauschek ethnographische und historische Daten gekonnt mit theoretischen Konzepten verbindet, was dieser Fallstudie eine anthropologische Dimension im ganzen Sinn des Wortes verleiht. Wie Marshall Sahlins formuliert, „ethnography is anthropology“[2] – und die Studie von Markus Tauschek erhält als Ganzes eine in mehr als einer Hinsicht exemplarische Tragweite.

Anmerkungen:
[1] Hermann Bausinger, Kritik der Tradition. Anmerkungen zur Situation der Volkskunde, in: Zeitschrift für Volkskunde 65 (1969), S. 233, zitiert nach Tauschek, S. 181.
[2] Marshal Sahlins, The Sadness of Sweetness. The Native Anthropology of Western Cosmology, in: Current Anthropology, Vol. 37, Number 3, June 1996, S. 425.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.05.2011
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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