C. Schmitt: Tagebücher 1930 bis 1934

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Titel
Tagebücher 1930 bis 1934. Herausgegeben von Wolfgang Schuller


Autor(en)
Schmitt, Carl
Erschienen
Berlin 2010: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
XII, 519 S.
Preis
€ 59,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Blasius, Universität Duisburg-Essen

Die in einer schwer entzifferbaren Stenographie überlieferten Tagebücher Carl Schmitts galten lange Zeit als eine Geheimquelle für Biographie und historische Rolle dieses umstrittenen Staatsrechtslehrers. Nach Teilpublikationen für die Jahre 1912 bis 1915 und 1915 bis 1919 macht der von Wolfgang Schuller mit großer editorischer Sorgfalt herausgegebene Tagebuchband erstmals die gesamten schriftlichen Aufzeichnungen Schmitts für die Jahre 1930-1934 als eine „Leseausgabe“ zugänglich.[1] Der Wert der Edition liegt in ihrer Vollständigkeit. Zwar haben ältere und neuere Darstellungen bei der Beschreibung von Schmitts Aktionsradius in den entscheidenden Weimarer Jahren auf diese Quellengattung zurückgreifen können, doch ein klares Urteil über sein persönlich-politisches Verhalten ließ der eingegrenzte Blick auf Schlüsselstellen des historischen Prozesses, den „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 oder die Machteinsetzung Hitlers am 30. Januar 1933, nicht zu. Die ein halbes Jahrzehnt umfassenden Tagebücher sind Dokumente einer Persönlichkeitsentwicklung, die vom Geschichtsverlauf ebenso geformt wurde, wie sie in diesen formend eingriff.

Der Herausgeber dämpft allzu große Erwartungen an die Überlieferung und den Quellenwert der Schmittschen Tagebücher. In der Edition wird unterschieden zwischen einem Haupttagebuch, Notizen in einem Taschenkalender und so genannten Paralleltagebüchern, die Aufzeichnungen in nicht chronologischer Reihenfolge enthalten. Die Struktur des Gesamtkorpus weist viele historische Blindstellen auf. So notiert Schmitt zur Wiederwahl Hindenburgs im zweiten Wahlgang (10.4.1932) am 11.4.1932 nur: „Wahlergebnisse“ (S. 188); zu den Preußen-Wahlen heißt es am 24.4.1932: „Wahlresultate“ (S. 189); zu den Reichstagswahlen am 6.11.1932: „… im Siechenbräu zwei Glas Bier und Wahlergebnisse gehört“ (S. 232). Stufen der NS-Machtergreifung bilden sich in Schmitts Tagebuch nicht ab. Auch die Suche nach Signifikantem im ersten Herrschaftsjahr Hitlers bleibt ergebnislos. Der Zeitraum von Mai bis Ende Oktober 1933 wird durch unübersichtliche Vermerke in einem Terminkalender abgedeckt. Am 7.1.1934 schreibt Schmitt: „Tagebuch geführt, zum ersten Mal seit fast einem Jahr“ (S. 318).

Trotz dieser Lücken fällt auf bisherige Forschungsergebnisse ein schärferes Licht. Das Präsidialregime mit seinen den Kanzlern Papen und Schleicher erteilten Prärogativen hat Schmitt „groß“ werden und ihn die Nähe zu Entscheidungsträgern suchen lassen. Er war „stolz“ (S. 204) darauf, an der Vorbereitung des Leipziger Prozesses zwischen Preußen und dem Reich mitarbeiten zu können. Im Hochgefühl dieser Zeit wurde in seinen Kreisen der Vorschlag erwogen, Ernst Jünger zum Reichspräsidenten zu machen. Aus dem Tagebuch ergibt sich, dass Ernst Rudolf Huber eine weit stärkere Rolle beim Niedergang Weimars gespielt hat, als er sie später beschrieb. Die Befindlichkeit Schmitts in den Tagen der Machtergreifung ist schon oft in ein helles Licht gerückt worden. Das Tagebuch vermittelt hier einen eher diffusen Eindruck. Am 31.1.1933 heißt es: „Wurde allmählich munterer, tat nichts, konnte nichts arbeiten, lächerlicher Zustand, las Zeitungen, aufgeregt, Wut über den dummen, lächerlichen Hitler … so verging der Tag“ (S. 257).

Carl Schmitt zählte in den späten Weimarer Jahren zur politischen und geistigen Elite. In den Tagebüchern trifft man auf die Spitzen der deutschen Gesellschaft. Diese bewusst gepflegten Vernetzungen spiegeln seinen geltungsbedürftigen Charakter. Nichts fürchtete Schmitt so sehr, wie übersehen zu werden. Nach 1933 führte ihn der Drang nach Beachtung in ein immer gefährlicheres Fahrwasser. Die Regimekrise um den Stabschef der SA, Ernst Röhm, spitzte sich im Laufe des Jahres 1934 zu und wurde von Hitler durch eine brutale Mordaktion gegen die SA-Führung und vermeintliche Verschwörer aus dem konservativen Lager beendet. Die Reichswehr unterstützte den Führer und kassierte mit der Zerschlagung der SA, eines sie bedrohenden Konkurrenten, die Prämie für ihr Verhalten. Carl Schmitts berüchtigter Artikel „Der Führer schützt das Recht. Zur Reichtagsrede Adolf Hitlers vom 13. Juli 1934“ erschien am 1. August in der Deutschen Juristen-Zeitung. Schon am 5. Juli, zwei Tage nach dem die Vorgänge legalisierenden „Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr“, begann Schmitt mit der Arbeit an seinem Rechtfertigungsaufsatz. Im Taschenkalender vom 22.7.1934 heißt es: „Der Führer schützt das Recht, guter Dinge“ (S. 350). Am 23.7. zeigte er den Aufsatz seinem Assistenten Gustav von Schmoller: „8 Uhr kam Schmoller und hat den Aufsatz, Der Führer schützt das Recht, [gelesen]. Erleichterung und Angst zugleich“ (S. 351). Die Wendung „Erleichterung und Angst“ bezieht sich auf das Urteil Schmollers und kann sich nicht, wie der Herausgeber ausführt, auf die Erleichterung beziehen, selbst der Verfolgung entgangen zu sein. Den besagten Artikel als Selbstschutz Schmitts zu deuten, überzeugt nicht. Seit seinem Vortrag über „Heerwesen und staatliche Gesamtstruktur“, gehalten am 24. Januar 1934 aus Anlass des Geburtstages Friedrich des Großen in der Berliner Universität, hatte sich Schmitt mit historischen Langzeitargumenten für die starke Stellung der Reichswehr im Führerstaat ausgesprochen. Großen Erfolg registrierte er bei den vielen Zuhörern, „besonders von der Reichswehr“ (S. 321). Schon vorher hatte er mit Walter von Reichenau, dem Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, das Verhältnis von Reichswehr und SA diskutiert und seinem alten Verbindungsmann in diesem Ministerium, Eugen Ott, den aktuellen Kern seines historischen Vortrags, „den Neutralitätsanspruch der Reichswehr gegenüber der SA“ (S. 320), dargelegt. Aus diesem Vortrag und aus weiteren ihm zugehörigen Publikationen im Vorfeld der „Röhm-Affäre“ ergibt sich, dass Schmitt um nichts fürchten musste; er stand längst auf der richtigen Seite. Zum 30. Juni 1934 hätte er schweigen können, es gab keine Notwendigkeit, der Führer-Aktion hinterher zu schreiben. Seine Persönlichkeitsdisposition ließ ihn zur Feder greifen.

Fragt man nach der Gewichtung von Politischem und Privatem in den Tagebüchern, so überwiegt eindeutig das Private. Schmitts verquere Liebesgeschichten und seine seltsamen Liebesbedürfnisse sind aus der Warte des historischen Interesses nicht lesenswert. Auch seine Selbstzerpflückungen und Ich-Quälereien geben wenig her. Ein tragfähiger Zugriff auf die Lebensgeschichte Carl Schmitts müsste eine Blickachse wählen, die seine Tagebücher als „Material“ für die Stufungen in der Werkbiographie dieses bedeutenden Gelehrten nutzt. Dieser Anregung Wolfgang Schullers ist unbedingt zu folgen. So kurios in der „subjektiven“ Quelle Tagebuch auch manches anmutet, sie regt auch differenzierte Lesarten Schmitts an. In seinen Tagebüchern trifft man auf einen rastlos Arbeitenden, der Vortrag auf Vortrag hält und mit ständigem Publizieren befasst ist.

Um ein Beispiel zu geben: Am 18. Januar 1930 hielt Carl Schmitt zur Erinnerung an den Tag der Reichsgründung in der Berliner Handels-Hochschule den Vortrag „Hugo Preuss in der deutschen Staatslehre“. Schmitt war der Nachfolger auf dem Lehrstuhl des 1925 verstorbenen Preuß. Er porträtierte diesen linksliberalen Wissenschaftler jüdischer Herkunft als einen Mann, der in seinen politischen Funktionen 1918/19 die „Staatsgewalt“ den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte entwunden habe und, die Geschichte des deutschen Bürgertums und seines staatstheoretischen Bewusstseins fortschreibend, „historisch gerecht und fast symbolhaft“ zum Vater der Weimarer Verfassung geworden sei. Schmitt reihte sich in „das Schicksal der deutschen Intelligenz und Bildung“ ein, die neben den „Mächten des Parteienstaates“ weiterhin auf die „Kräfte und Faktoren des neutralen Staates“ setzte.[2] Sein Vortrag erschien im Märzheft der „Neuen Rundschau“, und schon im April 1930 konnte der Verlag Mohr-Tübingen eine Überarbeitung mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat publizieren. Die Preuß-Arbeit ist ein kleines Meisterstück Schmitts – in Gedankenschärfe und Weite des Bildungshorizonts. Er investierte viel Zeit, und das mit Freude. Das Tagebuch hält für den 2.1.1930 fest: „In der Bibliothek gearbeitet, wie ein Student, glücklich und gelöst gelesen, den Vortrag über Hugo Preuß mit großem Eifer, aber unrichtig und unzufrieden vorbereitet. Guter Überblick über die Staatstheorie des 19. Jahrhunderts“ (S. 3). Zur akademischen Feier in der Handels-Hochschule erschien dann viel Prominenz, so auch Frau Preuß, und Schmitt notierte: „Ging zu Mittag etwas spazieren, kaufte Zeitungen, freute mich über den Erfolg meiner Rede“ (S. 7).

Die Überraschung der Tagebücher-Publikation liegt weniger in spektakulären Fundstellen als in der konzentrierten und fleißigen Arbeitsweise, mit der er in den Jahren 1930 und 1931 Bücher wie „Der Hüter der Verfassung“ abschließt. Freilich steht neben dem Pflichtmenschen Schmitt noch ein anderer. Wie eine alles entwertende dunkle Farbe überzieht der Judenhass den Schaffensprozess. Schuller spricht diesen „düstersten Aspekt“ der Tagebücher an. Schmitts Antisemitismus ist den Traditionen, Strömungen und Trägerschichten antisemitischen Denkens in Deutschland nur schwer einzuordnen. Die Tagebücher enthalten Formulierungen verwerflichster Art. Es ist, als ob ein Zwangsgedanke Schmitt beherrsche, jedenfalls haben seine Ausfälle etwas Anfallartiges. Als er beim Redakteur der „Neuen Rundschau“ mit dem Anliegen abblitzt, seinen Preuß-Vortrag schon im Februarheft zu veröffentlichen, schreibt Schmitt in sein Tagebuch: „Der Redakteur Kayser, ein scheußlicher Ostjude; sagte aber nichts“ (S. 4). Schmitts Antisemitismus, wie er in den Tagebüchern sprachlich zum Ausdruck kommt, könnte man auf eine Grundstimmung reduzieren, die jede Begegnung mit Juden im beruflichen und privaten Alltag als gespenstisches Vorkommnis auslegt. Doch aus einer undatierten Notiz, wahrscheinlich aus dem Jahr 1932, in dem 2. Paralleltagebuch ergibt sich die enge Verklammerung von Antisemitischem und Politischem. „Aus jedem Faden der Binde, die über den Augen der Synagoge liegt, ließen sich viele andere Binden weben. Eine von ihnen ist das marxistische System, der Liberalismus, das stinkige Zeug, das über den Augen der deutschen Sozialdemokratie liegt.“ (S. 417) Der NS-Rassismus wurde dann für Schmitt zu einer festen Weltanschauung, in der er sich geborgen fühlte. Der Staat Hitlers ermöglichte ihm eine steile berufliche Karriere. Sie fand ihren frühen Höhepunkt auf dem Leipziger Juristentag im Oktober 1933, als Schmitt vor großem Publikum in seinem Vortrag über den „Neubau des Staats- und Verwaltungsrechts“ das definitive Ende der Weimarer Verfassung verkündete. Schmitt sprach in der Leipziger Messehalle am Vormittag des 3. Oktober, Hitler am frühen Abend. Im Tagebuch steht unter dem 3.10.1933: „… wunderbare Rede Hitlers über den totalen Staat. Sehr getröstet“ (S. 305).

Die von Wolfgang Schuller verantwortete Edition der Tagebücher Carl Schmitts liefert nicht nur Informationen zu einer „historischen Persönlichkeit“. Diese Quellen können auch ein allgemeingeschichtliches Interesse beanspruchen, das sich immer erneut den Schicksalsjahren deutscher Politik im 20. Jahrhundert zuwenden wird.

Anmerkungen:
[1] Carl Schmitt, Tagebücher Oktober 1912 bis Februar 1915. Herausgegeben von Ernst Hüsmert, 2. Auflage, Berlin 2005; Carl Schmitt, Die Militärzeit 1915 bis 1919. Tagebuch Februar bis Dezember 1915. Aufsätze und Materialien. Herausgegeben von Ernst Hüsmert und Gerd Giesler, Berlin 2005.
[2] Carl Schmitt, Hugo Preuss. Sein Staatsbegriff und seine Stellung in der deutschen Staatslehre, Tübingen 1930, S. 4, 17, 24.

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Veröffentlicht am
23.02.2011
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