M. Hohn, S. Moon (Hrsg.): Over There

Cover
Titel
Over There. Living with the U.S. Military Empire from World War Two to the Present


Herausgeber
Hohn, Maria; Seungsook Moon
Erschienen
Durham/London 2010: Duke University Press
Anzahl Seiten
480 S.
Preis
€ 23,89
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Kramm-Masaoka, Asien-Orient-Institut, Abteilung für Sinologie und Koreanistik, Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Sammelband „Over there: Living with the U.S. Military Empire from World War Two to the Present“, herausgegeben von der Historikerin Maria Höhn und der Soziologin Seunsook Moon, ist ein willkommener Beitrag zur Geschichte des „US-empire building“ nach 1945. Anknüpfend an postkoloniale Perspektiven zum US-Imperialismus, wie sie unter anderem von US-amerikanischen LiteraturwissenschaftlerInnen formuliert werden [1] und auch die geschichtswissenschaftliche Forschung zu den Internationalen Beziehungen der USA inspiriert haben [2], will „Over There“ den Machtasymmetrien nachgehen, die sich durch das weltweit systematisch ausgebaute Netz von US-Militärstützpunkten manifestieren. Exemplarisch wird das „empire of bases“ (S. 3) aus den Disziplinen Anthropologie, Geschichtswissenschaft, Soziologie sowie „Women und Gender Studies“ unter Anwendung der Analysekategorien Gender, Sexualität, „race“ und Klasse untersucht. Gegenstand der einzelnen Beiträge – die Hälfte ist von den Herausgeberinnen selbst verfasst – sind die sozialen Kontakte, Kooperationen und Konflikte zwischen Militärpersonal und Zivilbevölkerung in den „Gastländern“ in (West-)Deutschland, Japan und Okinawa sowie Südkorea. Ziel des Sammelbands ist es, das System von US-Militärstützpunkten als ein globales Phänomen zu behandeln, das in den einzelnen Beiträgen in den spezifischen, lokalen Manifestierungen untersucht wird. Methodisch angelehnt an die Arbeiten von Homi Bhabha und Ann Laura Stoler [3], stehen die „hybriden Räume“ (S. 4), die sich in und um die US-Militärstützpunkte gebildet haben, im Mittelpunkt der Untersuchungen. Dadurch sollen die nationalen Grenzen zwischen USA und „Gastland“, aber auch die scheinbar klaren Trennlinien zwischen Militär und der lokalen Zivilbevölkerung hinterfragt werden.

Die Aufsätze des Sammelbands sind in vier Themenblöcke gegliedert, die jedoch untereinander kaum in Beziehung gesetzt werden. In ihren Aufsätzen in Teil I, in denen die angestrebten transnationalen Vergleichsperspektivem gut funktionieren, untersuchen Seungsook Moon, Michiko Takeuchi und Maria Höhn die Beziehungen zwischen US-Militärpersonal und der Zivilbevölkerung in Südkorea, Japan und Westdeutschland während der Okkupationszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In allen drei Ländern waren diese hauptsächlich durch sexuelle Kontakte und Prostitution charakterisiert. Auffällig in allen drei Besatzungen sei, dass das US-Militär Frauen der besetzten Länder als generell verfügbar für die sexuellen Bedürfnisse der US-Soldaten verstand. Gleichzeitig bemühten sich vor allem die Behörden in Südkorea und Japan darum, Frauen für das US-Militär bereitzustellen, wobei sich in beiden Ländern Kontinuitäten zu dem japanischen System der Zwangsprostitution („ianfu seido“) aus der Kriegszeit erkennen lassen. In allen Ländern etablierten die militärischen Befehlshaber in Kooperation mit lokalen Eliten ein System zur Regulierung von Prostitution. Nach der frühen Phase der Besatzung unterschieden sich die Besatzungen der drei Länder vor allem dahingehend, dass in Japan und Südkorea trotz Wiedererlangung ökonomischer und politischer Souveränität – im Gegensatz zu Deutschland – die Militärprostitution nicht verschwand.

In Teil II zeigt Donna Alvah in ihrem Aufsatz, wie sich am Beispiel der Militärgattinnen der jüngste Wandel in der US-Militärstützpunktpolitik aus geschlechtspolitischer Perspektive nachzeichnen lässt. Während des Kalten Krieges seien besonders US-Frauen zentrale Akteure der Annäherung gewesen, die jedoch zu einer Feminisierung des US-Militärs beigetragen hätten. Die Neuorientierung im „New Global Posture“-Programm des US-Militärs, das keine langen Auslandsaufenthalte für Militärpersonal mit ihren Familien vorsieht, sondern kurze Auslandseinsätze von Spezialeinheiten favorisiert, interpretiert Alvah als eine Strategie zur Re-Maskulinisierung des US-Militärs. Auch auf Okinawa funktionieren Militärgattinnen als zentrale Mittler zwischen dem US-Militär und der Gesellschaft Okinawas und tragen zur Normalisierung der US-Militärpräsenz in Okinawa bei. Hier sind es jedoch okinawanische Frauen, die mit US-Militärpersonal liiert sind. In seinem Aufsatz zu den komplexen Handlungsräumen dieser Frauen arbeitet Chris Ames jedoch sehr deutlich die Grenzen von Zweipoligkeiten wie Besatzer und Besetzte heraus, da okinawanische Frauen in einem vielschichtigen Feld zwischen der separatistischen Anti-Militärstützpunktbewegung, Japanerinnen, die ihre exotischen Fantasien in Okinawa ausleben und dem männlich dominierten US-Militär manövrieren und sich gegen verschiedene Formen der Marginalisierungen behaupten müssen. Robin Rileys Aufsatz zeigt am Beispiel von US-Frauen, die in der Rüstungsindustrie in den USA arbeiten, dass die „hybriden Räume“ nicht auf die besetzten Länder in Übersee beschränkt sind. Die von ihm interviewten „hidden soldiers“ (S. 203) verweisen auf die ambivalenten Rollen von Frauen, die eine ausgeprägte militarisierte Weiblichkeit praktizieren, indem sie Waffensysteme für das US-Militär produzieren, sich aber gleichzeitig gegen eine aggressive US-Außenpolitik positionieren.

Die Aufsätze in Teil III beschäftigen sich mit Formen von Widerstand in Südkorea, Westdeutschland und Okinawa. Moon zeigt in einer Analyse von Schriften von und über die „Korean Augmentation Troops to the U.S. Army“ (KATUSAS), wie koreanische Soldaten durch Fantasien über sexuelle Beziehungen zu weißen Soldatinnen zunehmend selbstbewusste Positionen gegen die Arroganz der GIs einnehmen und damit die rassistische Hierarchie im US-Militär destabilisieren. Höhns Aufsatz zeigt allerdings, wie US-Soldaten in den 1950er-Jahren eine neue, begehrte militärische Männlichkeit symbolisierten, die westdeutsche Teenager sehr inspirierte und der jungen Nachkriegsgeneration half, sich von Männlichkeitsformen ihrer Väter aus der Nazizeit abzusetzen. Jugendliche im gegenwärtigen Okinawa, so Nelsons Aufsatz, versuchen hingegen durch Aneignung kultureller Versatzstücke aus Okinawa und Japan, konkret durch die Aufführung des traditionellen Tanzes „eisā“ zum alljährlichen Fest „Obon“, scheinbar apolitische Widerstandsformen gegen die US-Militärpräsenz zu entwickeln und für eine Woche die sonst von GIs dominierten Straßen mit ihrer Kulturperformanz zu besetzen.

Im Mittelpunkt von Teil IV stehen Formen körperlicher Gewalt: Höhn zeigt am Beispiel von „Rassenkonflikten“ im US-Militär in den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen schwarze GIs mit Unterstützung linker Studierender ihre Bürgerrechte einforderten, wie sich diese radikalisierten und in Militärstützpunkten und in den angrenzenden westdeutschen Gemeinden oftmals gewalttätig ausgetragen wurden. Im Vergleich zu Südkorea reagierte das US-Militär dort ganz anders. Dort wurden oft gewalttätige Konflikte in den Vergnügungseinrichtungen der „camptowns“ ausgetragen, sowohl zwischen weißen und schwarzen GIs im Kampf um Prostituierte, als auch zwischen GIs, Prostituierten und Zuhältern. Moon argumentiert, dass sich trotz strikter Regeln zur Kontrolle der Bordelle, die das „reibungslose Funktionieren des US-Empires“ sichern sollen (S. 29), weiterhin Fälle von Missbrauch, Vergewaltigung und anderer Gewalttaten ereignen. In dem thematisch und geografisch abweichenden Aufsatz zu den Folterskandalen in Abu Ghraib argumentiert Jeff Bennett, dass eben diese Praktiken körperlicher Gewalt keine Nebeneffekte seien. Vielmehr lasse sich körperliche Gewalt mit Blick auf die Kultivierung militärischer Hyper-Maskulinität und das Selbstverständnis kultureller und „rassischer“ Überlegenheit im US-Militär als ein integraler Bestandteil des US-Militärimperiums interpretieren.

Die hier kurz aufgezählten Beiträge funktionieren alle in sich sehr gut, sind gründlich recherchiert und äußerst anregend. Leider ist die versprochene Interdisziplinarität des Sammelbandes sehr begrenzt und die einzelnen Beiträge verharren mehr oder minder in ihren Disziplinen. Auch die transnationalen Vergleichsperspektiven könnten wesentlich stärker herausgearbeitet werden. Beides ließe sich durch eine pointierte Zusammenfassung überwinden, wo jedoch eine ergebnisorientierte Zusammenführung der einzelnen Beiträge nicht gelingt. Dazu muss leider auch bemängelt werden, dass der Sammelband trotz großer Ankündigungen in der Einleitung kein epistemologisches Rüstzeug zur Untersuchung des „empire of bases“ liefert. Das Modell der „hybriden Räume“ weist in die richtige Richtung; leider wird dieses Modell in den einzelnen Beiträgen nicht explizit angewendet, und auch die Trennlinien zwischen Besatzern und Besetzten bzw. Metropole und Kolonie werden oftmals lediglich reproduziert. Zur Überwindung gedachter Zweipoligkeit helfen auch die fortwährend bemühten Analysekategorien Gender, Sexualität, „race“ und Klasse nicht, wenn diese schlussendlich doch nur mit nationalen oder geschlechtlichen Attributen erklärt und gedacht werden. Dennoch: die verschiedenen Beiträge von „Over There“ verweisen auf die multiplen Dimensionen des US-Empire und zeigen vielmehr, wie wichtig es ist, globale Phänomene und Verflechtungen mit lokalen, alltäglichen Praktiken gleichzeitig zu erkunden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. bspw. die Arbeiten von Amy Kaplan/Donald E. Pease (Hrsg.), Cultures of United States Imperialism, Durham und London 1993; William Spanos, America's Shadow. An Anatomy of Empire, Minneapolis 1999; oder Anne McClintock, Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest, New York und London 1995.

[2] Siehe u.a. Vincente Rafael, White Love and Other Events in Filipino History, Durham, NC, 2000; Laura Briggs, Reproducing Empire. Race, Sex, Science and U.S. Imperialism in Puerto Rico, Berkeley 2002; und Paul A. Kramer, The Blood of Government. Race, Empire, the United States & the Philippines, Chapel Hill 2006.

[3] Homi Bhabha, Location of Culture, London und New York 1994; Ann Laura Stoler, Imperial Formations and the Opacities of Rule, in: Lessons of Empire. Imperial Histories and American Power, C. Calhoun u.a. (Hrsg.), New York 2006, S. 48-60.