Cover
Titel
Topos Tatort. Fiktionen des Realen


Herausgeber
Häusler, Anna; Henschen, Jan
Reihe
Kultur- und Medientheorie
Anzahl Seiten
216 S.
Preis
€ 25,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Saupe, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam

Hinter dem von Anna Häusler und Jan Henschen herausgegebenen Band „Topos Tatort. Fiktionen des Realen“ verbergen sich Beiträge eines Workshops, der 2008 anlässlich des 65. Geburtstags von Alf Lüdtke im Rahmen des Graduiertenkollegs „Mediale Historiographien“ in Weimar stattfand. Der Leser lernt hier Alf Lüdtke – sicherlich einer der wichtigsten Querdenker der deutschen Geschichtswissenschaft, zentraler Wegbereiter der Alltagsgeschichte und Historischen Anthropologie in Deutschland und nicht zuletzt wegen seines Theorems des „Eigensinns“ vielfach rezipiert – in einem kurzen, essayistisch gehaltenen Ego-Dokument über „Haufen. Im Büro“ hinter seinen Papierstapeln sitzend kennen: „Es klopft; ob ich ‚Herein!’ sagte oder auch nur murmelte oder ganz schwieg – dies erinnere ich nicht. Dann öffnet sich die Tür […] und schaue nicht auf. Nun eine Frauenstimme: ‚Oh, er ist wohl nicht da!’, und die Tür schließt sich.“ Lüdtke, hinter dem „Sichtschutz“ gestapelter Artikel und Archivkopien, freut sich in der Erinnerung: „Wie herrlich, so kann man wirklich im Geheimen anwesend sein […]“ und natürlich auch – fast ungestört: „arbeiten“ (S. 11).

Aus Lüdtkes weiteren Ausführungen wird den Lesern nicht sofort ersichtlich, warum er gerade diese Episode seines Forscherlebens an den Anfang eines Bandes mit dem Titel „Topos Tatort“ gestellt hat, repräsentiert doch der Haufen hier zunächst einmal eine Wissensordnung, welche den Ort des Historikers und den Akt des forschenden Lesens und Schreibens überdeutlich sichtbar macht. Hätte man nicht eher eine Episode aus seinen Forschungen zur Geschichte der Polizei erwartet oder eine Reflexion seiner Vorliebe für den Fernseh-Tatort, von der wir an anderer Stelle des Bandes informiert werden? Zumal der von unüberschaubaren Papierstapeln umgebene Schreibtisch zunächst ein recht unspektakulärer Ort langwieriger Schreibprozesse ist und kaum etwas mit der mit der Epistemologie des Tatorts verbundenen Handlungsdynamik zu tun hat.

Selten ist wohl in einem Kriminalroman ein großer Haufen am Tatort zum Indiz geworden, auch wenn schon Hercule Poirot in einer kritischen Replik auf seinen Kollegen Sherlock Holmes darauf aufmerksam machte, dass nicht Zigarettenasche oder Stecknadel, sondern auch einmal das (viel zu offensichtliche) Bleirohr zur Lösung eines Kriminalfalls beitragen kann.[1] Der Haufen, das ist also nicht nur ein Ort des Verstecktseins, der die Suche des Verborgenen auslöst, sondern auch das Offensichtliche, hier der Signifikant einer Forscherbiografie und seiner Publikationstätigkeit.

So stellt das Ver- und Geborgen-Sein hinter den Quellen, das Nicht-Sichtbare des Alf Lüdtke auch eine – wie so oft bei ihm spielerische, aber hier auch etwas melancholisch anmutende – Selbstwahrnehmung Lüdtkes im Rückblick auf seine Arbeit als Historiker dar. Die Herausgeber und Teilnehmer des Workshops verzichten wohl nicht zuletzt aus diesem Grund darauf, die Schichtungen des großen Haufens, den Alf Lüdtke seinen interessierten Lesern zum Studieren aufgebaut hat – seine vielfältigen Monographien, Sammelbände und Artikel –, strukturierend vor Augen zu führen. Hier haben wir augenscheinlich eine Festschrift in der Hand, die eben nicht als solche daherkommen will. Stattdessen führt sie uns einen Forscher vor Augen, der sich am Ort der Zeit aufhält und sich konsequent mit den von ihm am Weimarer Kolleg betreuten Nachwuchswissenschaftlern über deren Projekte auseinandersetzt. Doch auch dies bleibt im Verborgenen, denn – wie konventionell gedacht – die Herausgeber verzichten darauf, in einem Nachwort die Kommentare des Jubilars zu den vorgestellten Projekten zu dokumentieren. Gab es sie? Anlass für spätere Ermittlungen.

Bettine Menke, die trotz aller Bescheidenheit der Herausgeber in ihrem Beitrag kurz das wissenschaftliche Werk Lüdtkes anreißt, gräbt im Anschluss an Oskar Negt und Alexander Kluge zum Theorem des „Eigensinns“ das Märchen „Von einem eigensinnigen Kinde“ der Gebrüder Grimm aus, welches sein Ärmchen wiederholt und immerfort ausstreckt, selbst nachdem es, von Gott bestraft, stirbt und begraben wurde. Seine Mutter schlägt auf das aus der Erde sich herausstreckende Ärmchen ein, bis alle Hinweise auf seine Existenz verschwunden sind und die Täterin/Mutter in aller Ruhe weiterleben kann. Die Geschichte des Eigensinns zeigt sich hier – über die von Menke besonders hervorgehobene medientheoretische Dimension des Eigensinns der Medien hinaus – als Geschichte des Untoten, als eine wirklich grauenhafte Erzählung über die Performativität des Nicht-zur Sprache-Gebrachten und des Nicht-zur-Sprache-bringen-Könnens.

Um das Spiel des Verbergens, der Sichtbarmachung und Praxen des Erkennens am Tatort geht es dann in den meisten Beiträgen, etwa bei Joke de Wolf, die sich auf die Spur des über- und ausgeblendeten Alltags der Boulevardgänger in der frühen Fotografie bei Daguerre, Atget und Talbot macht. Für die Herausgeber ist ein Tatort „eine Projektionsfläche für Spekulationen und Imaginationen“ (S. 8), die vom Verdacht bestimmt wird. Was wäre auch die Wissenschaft ohne übergreifende Metaphern? Dass die Metapher des Tatorts aus dem Arsenal der Kriminalistik stammt, ist wohlvertraut, schließlich gibt dies der historischen und natürlich auch der medienwissenschaftlich-kulturwissenschaftlichen Forschung eine empirisch-moralische Grundierung, an deren bestechender Relevanz sich kaum zweifeln lässt: Mord – Tatort – Versuch der Aufklärung – Spiel und Ernst der Wissenschaften.

Stephan Gregory verweist jedoch ganz entgegengesetzt anhand seiner Interpretation von Friedrich Schillers Fragment „Die Polizei“, in der er dieses in die zeitgenössische Praxis des Polizierens am Ende des 18. Jahrhunderts in Paris einordnet, auf die schmutzige Seite kriminalistischer Erkenntnis. Denn nicht die brillant durchgeführte Investigation steht am Anfang der Geschichte der Polizei, sondern das Spitzelwesen. Dass die Tätigkeit der Polizei „nichts mit einer metaphysischen oder wissenschaftlichen Suche nach der Wahrheit zu tun hat“, sondern auf der „Dreieinigkeit der Macht des Falschen“, nämlich „Denunziation-Korruption-Folter“ [2] beruht, wie Gilles Deleuze von Gregory zitiert einmal kritisch angemerkt hat, führt nun bei Gregory zu der Folgerung, dass „jede Erkenntnis […] immer schon korrumpiert, intrigiert, von einem Anderen besetzt ist“ (S. 69 und S. 72). Dass andererseits die kriminalistische Fahndung aber doch immer wieder zur Analogie für erkenntnistheoretische Fragen erhoben worden ist, hätte hier durchaus Erwähnung finden können.

Nicht zuletzt deshalb geraten folgerichtig Kriminalliteratur und Kriminalfilm, aber auch Tatort-fixierende Fotografien und Beispiele der „Vertatortung“ von Geschichte in den Fokus der Beiträge. – Etwa in der Form ihrer Parodie bei Rainald Goetz (Anna Häusler), anhand der Fernsehserie „Tatort“ (Daniel Eschkötter über Tatort-Verfilmungen von Dominik Graf und Rembert Hüser über die 25. Tatortfolge „Tote Taube in der Beethovenstraße“ von Samuel Fuller), über „Blood Simple“ von den Coen-Brüdern (Helga Lutz/Dietmar Schmidt) oder anhand eines frühen Tonfilms mit dem sprechenden Titel „Der Schuss im Tonfilmatelier“ (Jan Philip Müller). Den Konsequenzen, Geschichte als Tatort zu lesen, widmen sich Beiträge über Filmaufnahmen von Roman Brodmann, die in der Nähe des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg (Jan Henschen) entstanden, über Geschichtskrimis im Fernsehen (Wolfgang Struck) sowie der diskursiven Verortung von Riots in Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Tatort (David Sittler). Dabei ist der Tatort meist ausschließlich als topographisch-medialisierter Schauplatz von Interesse und im Rahmen der Analysen fiktionaler Tatortkonstruktionen, die sich auf ihre Narrativierung und Medialisierung konzentrieren, sollen die „Implikationen des Realen“ deutlich werden, wie die Herausgeber einleitend verdeutlichen (S. 8).

Erscheint also das Reale erst durch seine Medialisierung oder aber ist das Reale der Einschuss der Realität in das Medium, wie es etwa an den in dem Band abgebildeten Fotografien von Thomas Bachler deutlich werden kann? Nun, die Epistemologie des Tatorts und seiner fiktiven Konstruktion scheint so komplex zu sein, dass die Herausgeber es den Beiträgern überlassen, nach „Definitionen, Konstruktionen und Möglichkeiten eines Tatortbegriffs“ zu fahnden (S. 8). Sicher ist nach der Lektüre jedenfalls, dass dort, wo etwas als Tatort gelesen wird und damit derselbe zur Analogie für eine Wissenschaftspraxis wird, sich die Wiederkehr des Realen quasi wie von selbst ergibt.

Die Medialität des Realen am Beispiel des zum Topos gewordenen Tatorts aufzuzeigen, erscheint anhand des vorliegenden Sammelbandes insgesamt als lohnenswertes Projekt. Die Vielfalt der versammelten, teilweise recht assoziativen Perspektiven verweist allerdings auch darauf, dass eine kulturwissenschaftlich fundierte Epistemologie des Tatorts noch aussteht. Zu stärken wäre bei einem solchen Projekt eine Perspektive, die intensiver auf das Imaginäre realer Tatort-Praxen zielen würde – mithin also auf die Frage, welche Rückwirkungen fiktionale Tatortkonstrukte auf die Praxis des Recherchierens und Spurensuchens am Tatort haben. Zudem könnte man sicherlich die Frage aufwerfen, ob die Tatort-Semantik und die Tatort-Fiktion auch in anderen (Wissenschafts-)Sprachen von einem derart theoretischen Interesse sind. Denn während das Italienische und das Spanische (luogo del fatto, lugar des suceso) durchaus Ähnlichkeiten aufweisen, bieten das Französische und Englische (lieu du crime, crime scene) wohl weniger Raum für erkenntnistheoretische Spitzfindigkeiten. Sie verweisen vielmehr auf eine Praxis, die Fragen moralisierender Normierung aufwerfen. Gerade deshalb wäre zu überlegen, ob nicht insgesamt stärker auf die dem Tatort zugrundeliegende Handlung rekurriert werden müsste, also auf das Verbrechen und die Tat als gerichtlich zu bewertende Actio. Aufgrund des kulturwissenschaftlich derzeit so dominanten Raumparadigmas wird es in den vorliegenden Beiträgen oft genug überblendet, denn hier ist weniger die Tat als vielmehr ihr Ort von Interesse.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Agatha Christie, The Murder on the Links, London 1923, S. 117. Vgl. dazu auch: Achim Saupe, Der Historiker als Detektiv – Der Detektiv als Historiker. Kriminalistik, Historik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman, Bielefeld 2009, insb. S. 223; vgl. die Rezension von David Oels, in: H-Soz-u-Kult, 07.04.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-019> (29.08.2011).
[2] Gilles Deleuze, Philosophie der „Serie Noire“, in: ders., Die einsame Insel. Texte und Gespräche von 1953 bis 1974. Hrsg. von David Lapoujade, Frankfurt am Main 2003, S. 120-129, S. 122.

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11.10.2011
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