Titel
Policy Worlds. Anthropology and the Analysis of Contemporary Power


Herausgeber
Shore, Cris; Susan Wright, Davide Però
Reihe
EASA Series
Erschienen
New York 2011: Berghahn Books
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
€ 25,98
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Jens Adam, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Ende der 1990er-Jahre veröffentlichten die beiden britischen Sozialanthropolog/innen Cris Shore und Susan Wright den Sammelband „Anthropology of Policy. Critical perspectives on governance and power“, in dem sie das Forschungsprogramm für eine anthropologische Untersuchung von „Politiken“ (Policies) entwarfen. Politiken – so hieß es damals – seien in zunehmendem Maße zentrale Ordnungsprinzipien und Instrumente der Regierungsführung: Sie kategorisieren Individuen und Gruppen, setzen Schlüsselbegriffe in gesellschaftlichen Diskussionen und etablieren neue Technologien der Macht. Als Ansatzpunkte anthropologischer Forschung öffnen Politiken demnach den Blick auf grundlegende gesellschaftliche Machtfelder und somit auf zentrale Prozesse sozialen und politischen Wandels. [1]

In dem neuen Band „Policy Worlds. Anthropology and the Analysis of Contemporary Power“ setzen die beiden Herausgeber/innen zusammen mit Davide Però ihr Projekt einer parallelen Etablierung von „Policy“ als Untersuchungsgegenstand und analytischem Konzept innerhalb der Kultur- und Sozialanthropologie fort. Doch worin liegen die konzeptionellen und methodologischen Neuerungen einer solchen „Reprise“ nach knapp fünfzehn Jahren? Die programmatische Einleitung von Shore und Wright liefert zumindest vier Argumente:

Zunächst greifen die Autor/innen in der Konzipierung von „Policy“ stärker auf Überlegungen von Arjun Appadurai und vor allem Bruno Latour zurück. Politiken sind demnach nicht nur „produktiv, performativ und kontinuierlich umstritten“ (S. 1), sondern sie führen als „Aktanten“ „komplexe ‚soziale Leben‘, da Personen mit ihnen interagieren und da sie Beziehungen mit Institutionen und anderen Artefakten eingehen“. Politiken verfügen demnach über Handlungsvermögen: “they shift action; and, like machines, they perform tasks and are endowed with certain competencies.“ (S. 3) Mit ihrer kulturanthropologischen Konzeption von Policy grenzen sich Shore und Wright somit deutlich von eher politikwissenschaftlich geprägten Vorstellungen der Rationalität, Linearität und klaren Begrenzung von Politiken ab (S. 4f.).

Zweitens betonen die Herausgeber/innen, dass neoliberale Techniken der Deregulierung, Privatisierung und Fragmentierung von Staatlichkeit bei Erscheinen des ersten Bandes zwar bereits etabliert gewesen seien, ihr Zusammenwirken als eine umfassende Organisationslogik und Technologie der Macht sei aber erst allmählich deutlich geworden. „Policy Worlds“ erscheine insofern in einer neuen Phase, in der sich um die Schlüsselbegriffe „Sicherheit“ und „Anti-Terror-Kampf“ neue Formen intensivierter Kontrolle, Überwachung, Bevölkerungsregulierung sowie des Risiko-Managements bilden, die neoliberale Technologien nicht verdrängen, aber in deutlich veränderte „Assemblagen“ oder „Dispositive“ rücken. Das Buch lässt sich damit auch als eine Sammlung ethnographischer Einblicke in die Transformation neoliberaler Regierungsführung zu den autoritäreren Machttechniken des entstehenden „Sicherheitsstaates“ lesen (siehe hierzu explizit die Beiträge von Feldman, Hyatt, Wedel, Shore).

Drittens lenkt das Buch deutlich stärker als der Vorgängerband den Blick auf das Handlungsvermögen von Individuen, die sich mit den Kategorisierungen, Regulierungen und Ressourcenverteilungen von Politiken konfrontiert sehen. Individuen erscheinen dabei nicht als „durch die Mikro-Physik der Disziplinierungsmacht produzierte fügsame Körper“ (S.17), sondern sie werden als „skeptische“ und „reflexive Subjekte“ fokussiert, die unter bestimmten Umständen die Machtlogiken und Deutungsansprüche einer Politik durchschauen und oppositionelle Haltungen und Praktiken zu entwickeln vermögen. Entsprechend untersuchen einige der Beiträge, unter welchen Bedingungen, in welchen Allianzen und mit welchen Strategien „subalterne Gruppen“ erfolgreich Politiken widerstehen und beeinflussen können (siehe hierzu Zinn, Però, Kugelberg, Müller).

Viertens kommt der Diskussion und Ausarbeitung einer Methodologie zur anthropologischen Erforschung von Politiken ein besonderer Stellenwert zu: Policies – verstanden als komplexes Geflecht von Machtrelationen – verknüpfen unterschiedliche Orte, Akteursgruppen, Ressourcen und Wissensbestände und durchfließen lokale, nationale und globale Ebenen. Wenn man das Forschungsfeld entsprechend translokal, kaum eindeutig begrenzbar und vielfältig verflochten konzipiert, so stellt sich die Frage nach den strategischen Anknüpfungspunkten für ethnographische Methoden, die klassischerweise eher in Mikro-Feldern im Zuge von längerfristigen stationären Feldforschungen umgesetzt werden.

Die Bedeutung, die der Methodologie in diesem Buch beigemessen wird, spiegelt sich auch in seinem Aufbau wider: von den drei Sektionen, denen die insgesamt vierzehn Beiträge zugeordnet sind, widmet sich die erste unter der Überschrift „Studying Policies: Methods, Paradigms, Perspectives“ ganz der Diskussion möglicher Forschungsdesigns und methodischer Vorgehensweisen einer anthropologischen Policy-Forschung. Die zweite Sektion „Studying Governance: Policy as a Window onto the Modern State“ beschäftigt sich mit Regierungstechniken, Machtstrategien und neuartigen politischen Handlungsräumen, die sich durch den anthropologischen Fokus auf Politiken herausarbeiten lassen. Die abschließende Sektion „Subjects of Policy: Construction and Contestation“ fokussiert die Beschränkung bzw. Rückeroberung der Handlungsspielräume von Individuen oder Gruppen, die durch Machtoperationen von Politiken adressiert werden. Eine Stärke des Bandes liegt darin, dass es sich bei diesen drei Themenfeldern – Methodik, Regierungstechniken und Staatlichkeit, politische Subjekte und ihr Handlungsvermögen – tatsächlich um übergreifende Leitmotive handelt, die nicht auf die jeweilige Sektion begrenzt bleiben, sondern die meisten der Artikel durchziehen.

Thematisch decken die Beiträge ein breites Spektrum gegenwärtiger kultur- und sozialanthropologischer Forschung ab, das hier nur exemplarisch angedeutet werden kann: Es finden sich etwa Untersuchungen zum neoliberalen Umbau nationalstaatlicher Bildungs- und Rentenpolitiken (Nielsen, Schwegler, Nyqvist), zur Entwicklung eines „grassroots authoritarianism“ in den Vorstädten Nordamerikas (Hyatt), zu den Verflechtungen und Hintergründen eines Spionageskandals in der UN (Shore) oder zu migrantischen Allianzen und Strategien im Umgang mit nationalstaatlichen Politiken in unterschiedlichen europäischen Staaten (Però, Kugelberg). Geographisch sind die Beiträge fast ausschließlich in Westeuropa und Nordamerika angesiedelt. Der globale Süden wird nur als „Operationsgebiet“ internationaler Organisationen sichtbar (Schwegler, Randeria/Grunder, Müller). Die Artikel zeichnen sich durchgängig durch dichte ethnographische Darstellungen und ein hohes Niveau analytischer Aussagekraft aus. Der Band bietet somit Inspiration und Referenzpunkte für eine Vielzahl anthropologischer Forschungsfelder, von denen abschließend nur zwei Aspekte herausgestellt werden sollen:

Einerseits werden sich für Kultur- und Sozialanthropolog/innen die differenzierten Überlegungen und vielfältigen Beispiele zur methodischen Erschließung politischer Felder als besonders anregend erweisen. So diskutiert etwa Gregory Feldman in seiner Untersuchung zur Herausbildung eines europäischen Migrationsmanagements die Möglichkeiten einer „nonlocal ethnography“: also einer anthropologischen Forschung, die nicht den Alltag und die Handlungslogiken in Mikro-Feldern fokussiert, sondern einen Ort – beispielsweise eine Institution – als empirischen Ausgangspunkt wählt, um das Zusammenfließen von Politikbereichen und Machtfeldern zu einem wirkmächtigen „Dispositiv“ zu untersuchen. Susan Wright und Sue Reinhold entwickeln in ihrem Beitrag eine anregende systematische Darstellung der bereits im ersten Band kurz erwähnten Forschungsstrategie des „studying through“. Sie schlagen vor, einen politischen Prozess der Auseinandersetzung in seinen Entwicklungen und Verflechtungen durch unterschiedliche lokale Räume, Institutionen, Medien und Akteurskonstellationen zu verfolgen, um anhand des Bedeutungswandels von Schlüsselbegriffen sowie der Entstehung neuer diskursiver Formationen den Verlauf politischer Transformationen nachzeichnen zu können. Gregory Feldman, Gritt Nielsen und Birgit Müller nutzen in ihren Untersuchungen „Assemblagen“ oder „Dispositive“ als Analyserahmen und leisten hierdurch einen wichtigen Beitrag zur empirischen Operationalisierung dieser vielfach diskutierten Konzepte. Deutlich wird dabei die Analyse von schriftlichen Papieren – wie etwa Regierungsdokumenten, Politikerreden, Kommissionsberichten, Zeitungsinterviews und Artikeln – zur Erschließung von Machtfeldern betont, wodurch teilnehmende Beobachtung und andere Formen der Datenerhebung vor Ort als zentrale Methoden der Kultur- und Sozialanthropologie relativiert werden (siehe etwa Feldman, Wright/Reinhold, Wedel, Shore, Zinn).

Andererseits zeigt sich die Stärke des anthropologischen Zugangs zu Policy-Feldern im exakten Nachzeichnen der Verknüpfungen, die eine Policy zwischen diversen lokalen und institutionellen Feldern, zwischen unterschiedlichen Politikbereichen und Wissenssystemen sowie zwischen verschiedenen Ebenen politischen Handelns (lokal, regional, national, global) herstellt. Hierdurch werden sowohl Machttechniken als auch Handlungsspielräume sichtbar, die sich gerade aus diesen translokalen Verflechtungen und Reibungen ergeben und die häufig jenseits klassischer politischer Ordnungsvorstellungen und politikwissenschaftlicher Analyseinstrumente liegen: So zeigen etwa Shalini Randeria und Ciara Grunder am Beispiel eines durch die Weltbank finanzierten Infrastrukturprojekts in Mumbai, wie aus dem Nebeneinander von nationalen und internationalen Regulierungsmechanismen gleichzeitig Rechtsunsicherheit und neuartige Handlungsspielräume für unterschiedliche Akteursgruppen entstehen. Janine Wedel verdeutlicht, wie Angehörige eines neokonservativen Elitenetzwerks in den USA durch das Jonglieren mit ihren professionellen Rollen innerhalb und außerhalb staatlicher Institutionen, durch die Umgehung klassischer Formen staatlicher Entscheidungsfindung sowie durch den Aufbau semi-offizieller Organisationsformen neu strukturierte Machträume zur Durchsetzung ihrer ideologischen und persönlichen Interessen etablieren. Clarissa Kugelberg arbeitet heraus, wie Beamte in einer schwedischen Kleinstadt über die Potentiale verfügen, nationalstaatliche gesellschaftspolitische Zielsetzungen in einen lokalen Kriterienkatalog zur Vergabe von Fördergeldern zu übersetzen, und hierdurch ethnische Vereine zur Veränderung ihres Tätigkeitsprofils nötigen können. Und Birgit Müller zeigt, wie die Welternährungsorganisation FAO anstrebt, die globalen Kontroversen um die Einführung und Nutzung von genetisch veränderten Organismen in „technische“ Problemlagen zu überführen und hierdurch politische Auseinandersetzungen um Ressourcenverteilungen oder Nutzungsrechte zu verhindern versucht.

Zum Schluss sei kritisch angemerkt, dass die Herausgeber/innen geschlechterkritische und postkoloniale Positionen kaum systematisch in die konzeptionelle Begründung einer Anthropology of Policy einbeziehen. Auch in den Beiträgen tauchen diese Diskussionslinien nur sehr vereinzelt auf. Dies erstaunt, da bereits vielfach herausgearbeitet wurde, in welch starkem Umfang gerade Geschlecht als Herrschafts- und Subjektivierungsinstrument einerseits und (post-)koloniale Hierarchien, Abhängigkeiten und Wahrnehmungsmuster andererseits politische Felder durchziehen und maßgeblich konstituieren. In ihrer Einleitung sprechen Shore und Wright von der „globalen Reichweite“ (S. 3) von Politiken und betonen die Gültigkeit der anhand der nordamerikanischen und europäischen Untersuchungsräume identifizierten „Taktiken der Macht und Regierungsführung“ auch für „nicht-westliche Gesellschaften“ (S. 17). In solchen Formulierungen klingen wissenschaftliche Traditionslinien an, die den „Westen“ fraglos als Fortschrittsraum und Maßstab vom „Rest“ der Welt abgrenzen. Aber lässt sich überzeugend für Policy als eine grundlegende Kategorie anthropologischer Forschung mit universeller Anwendbarkeit plädieren, wenn politische Felder in postkolonialen Gesellschaften nur als Zielregionen der Aktivitäten internationaler Organisationen in den Blick geraten? Dennoch diskreditieren solche aktuellen Leerstellen nicht grundlegend den hier diskutierten Ansatz, sondern eröffnen eher mögliche Perspektiven für seine konzeptionelle Weiterentwicklung in den kommenden Jahren. Denn es liegt mit dem Band ein unverzichtbarer Referenzpunkt für die methodische und konzeptionelle Planung und Durchführung kultur-/sozialanthropologischer Forschungen in politischen Feldern vor.

Anmerkung:
[1] Cris Shore, Susan Wright: Policy. A new field of anthropology. In: Dies. (Hrsg.): Anthropology of Policy. Critcial perspectives on governance and power. London/New York 1997, S.3-40.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2011
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/