G. Kompatscher u.a. (Hrsg.): Tiere als Freunde im Mittelalter

Cover
Titel
Tiere als Freunde im Mittelalter. Eine Anthologie


Herausgeber
Kompatscher, Gabriela; Classen, Albrecht; Dinzelbacher, Peter
Anzahl Seiten
301 S.
Preis
€ 29,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Eva Wannenmacher, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Tiere, Frauen und anderen Randgruppen und -phänomene der Gesellschaft erfreuen sich seit einiger Zeit des vermehrten Interesses gelehrter Mediävisten. Dies ist erfreulich, doch auf den zweiten Blick kranken manche der Sammelbände und Aufsätze zum Thema nicht nur am Fehlen eines systematischen Zugangs, sondern vor allem auch an einem eklatanten Mangel an Quellenverweisen. Allzu oft beschränken sie sich zudem darauf, eine von wenigen Belegen beschwerte Realienkunde zu betreiben, die den Leser über die fremdgewordenen Fastengebote des Mittelalters aufklärt und die originellen Arten und Weisen, sie zu umgehen, über die Liebe zu Pferden und Falken, ihren Niederschlag in den Falkenbüchern Friedrichs II. und anderer und vielleicht auch noch über die innige und symbolhafte Beziehung zwischen Dame und Einhorn, alternativ auch Schoßhund. Doch über die Hintergründe und die Geschichte des Verhältnisses Tier-Mensch, über mittelalterliche Betrachtungsweise(n) des Tiers als Mitgeschöpf in theologischer und philosophischer Perspektive und vor allem über die emotionale Beziehung zum Tier, die zumindest optional immer mitgegeben ist, sagt dies bedauerlich wenig aus. Dem mittelalterlichen Menschen war das Tier, von und mit dem er lebte, das er aß, in dessen Haut er sich kleidete und von der er las, mit dem er spielte und das für ihn arbeitete, viel näher als uns die Tiere, von und mit denen wir leben. Dies allein legt nahe, dass es über das Verhältnis des mittelalterlichen Menschen zum Tier viel mehr zu sagen und zu erforschen gibt als bisher geschehen.

Um es kurz zu machen: All die Desiderate, die eben beklagt wurden, treffen auf das hier zu besprechende Buch nicht zu. Hier werden zum ersten Mal auf breiterer Basis Quellentexte über das Verhältnis Tier-Mensch gesammelt und im Original und in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht, die sonst in dieser Breite auch dem quellenkundigen Interessierten nicht leicht auffindbar und verständlich wären. So eindringlich wie hier ist die Frage nach dem Verhältnis Tier-Mensch im Mittelalter noch nie gestellt, und so eingehend und gründlich ist sie noch nie beantwortet worden. Dabei ist weder an eine abschließende Antwort gedacht noch soll diese aus der Quellensammlung und ihrer Kommentierung, die sich als einen ersten Schritt auf dem Wege verstehen, erschlossen werden. Doch es wird deutlich, dass es so wenig wie je ein eindimensionales Verhältnis war, das sich in einem Satz beschreiben oder erklären lässt, dass es – mit spezifischen mittelalterlichen Akzentuierungen – letzten Endes so verschieden und vielschichtig war wie heute.

Die 25-seitige Einleitung des Bandes besteht aus zwei Teilen, dessen ersten Gabriela Kompatscher und Peter Dinzelbacher verfasst haben, während der zweite von Albrecht Classen geschrieben wurde. Der erste Teil enthält nach einer allgemeinen Einführung zum Thema ein Kapitel über Heilige und Tiere, welches das Verhältnis von Heiligen, vor allem Einsiedlern, namentlich aber auch Franziskus von Assisi, zu Tieren beschreibt und reflektiert. Der zweite Teil untersucht Tiere in den Lebenswelten des Mittelalters wie ‚Tiere als Symbole der höfischen Welt‘, ‚Verfügbarkeit von Tieren‘, ‚Jagd- bzw. Greifvögel‘ et cetera.

Die insgesamt 28 gebotenen mittelalterlichen Texte bzw. Textgruppen sind chronologisch geordnet und umfassen die Zeit vom 6. Jahrhundert (der nordafrikanische Epigrammdichter Luxurius) bis zum 15. Jahrhundert (Les Cent Nouvelles Nouvelles für Herzog Philipp den Guten von Burgund). Ausgenommen hiervon sind zwei thematische Einheiten, nämlich Texte über Franziskus von Assisi aus frühen Viten (S. 185–202) und eine Sammlung von Erzählungen über Heilige des 4. bis 13. Jahrhunderts (S. 203–235). Besonders hervorzuheben ist, dass nicht nur lateinische Quellentexte herangezogen werden, sondern mit dem Eneasroman des Heinrich von Veldeke, dem Yvain des Chrétien de Troyes, Parzival und Willehalm Wolframs von Eschenbach, Partenopier und Meliur Konrads von Würzburg oder den Canterbury Tales, um nur die Bekannteren zu nennen, auch viele volkssprachige Texte aufgenommen wurden. Zu den bekannteren Namen treten viele hinzu, die ohne die Editoren wohl noch lange geblieben wären, wie sie die Einleitung (S. 9) beschreibt: „ein ungehobener Schatz“.

Jedem Text bzw. jeder Textgruppe ist eine Einführung vorausgeschickt, die Text und, soweit nötig und möglich, Autor kurz vorstellt und den Kontext des gewählten Auszugs erläutert. Den Quellen folgen eine kurze Bibliografie, die Editionen und Sekundärliteratur nennt, sowie eine Übersetzung des Textes, oft mit erläuternden oder auch kommentierenden Anmerkungen oder Quellennachweisen in Fußnoten. Die Übersetzungen sind, soweit von hier aus überhaupt geurteilt werden kann[1], überaus sorgfältig, so dass sich etwa für die lateinischen Texte kaum ein Fehler bemerken ließe, der mehr als ein lässliches Versehen ist. Die zweisprachig gebotenen Texte sind sowohl für eine überblicksartige Lektüre (denn es dürfte nicht viele Leser geben, die im Altkatalanischen ebenso zuhause sind wie im Mittelhochdeutschen oder Lateinischen) als auch für Unterrichtszwecke sehr geeignet. Wollte man überkritisch sein, ließe sich allenfalls anmerken, dass gerade zum letztgenannten Zweck die Übersetzungen aus dem Lateinischen ein wenig stärker zielsprachenorientiert sein könnten – der lateinkundige Leser ahnt beim Lesen der Übersetzungen manchmal schon, welche Wendung hier im Original steht, während der des Lateinischen unkundige Leser sich beispielsweise über einen ihm unsinnig erscheinenden Komparativ („weicheres Futter“, S. 36) oder eine allzu hölzern wirkende Konstruktion wundert, die der Diktion des lateinischen Textes übergenau folgt („terram fluentem securitatis ex amne“ wird übersetzt mit „Land, das vom Fluß der Sicherheit bewässert wird“, obwohl, wie die beigefügte Fußnote beweist, die Anspielung auf Exodus 13,5 und das Land, das von Milch und Honig fließt, wohl erkannt, doch in der Übersetzung selbst nicht verdeutlicht wurde, S. 153f.). Aber es wäre vermessen, dies dem Band ernsthaft anzulasten – wer mag, kann die vorhandenen Übersetzungen durchaus durch Freiere ersetzen und sich hierzu an den sehr texttreuen Übertragungen bestens orientieren.

Eine umfangreiche Bibliografie, die Theologie, Kunst- und Kulturgeschichte ebenso in den Blick nimmt wie Biologie und Literatur zum Thema Tierrecht, ferner Portraits der drei Autoren und Herausgeber sowie ein kurzes Register der in den Texten genannten Tierarten runden das Werk ab.

Insgesamt ist die von den Herausgebern bescheiden „Anthologie“ genannte, kommentierte Sammlung überaus wohlgelungen, ein Desiderat, und ein Novum. Aus der immer größer werdenden Fülle der Publikationen zum Thema Tier im Mittelalter ragt der Band in mehrerlei Hinsicht heraus. Zum einen, weil kein anderes Werk Quellentexte in dieser Breite und Fülle liefert, die aus ganz Europa, aus dem ganzen Mittelalter und unterschiedlichen Originalsprachen gesammelt und ausgewählt wurden, um im Original und Übersetzung ein authentisches Bild zu vermitteln. Zum anderen – und dies scheint ein noch wichtigerer und interessanterer Aspekt zu sein – wirft der Band Fragen auf (und beantwortet sie teilweise auch selbst schon), die so bisher in keiner wissenschaftlichen Publikation zum Thema gestellt wurden: Emotionale Bindungen zum Tier, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen sind bisher kaum je Thema der Untersuchungen zum Thema gewesen. Das Tier als Nahrung, als Wertgegenstand, als Opfer-, Arbeits- oder Schoßtier, als Ausgangsstoff für Pergament, Wolle und Leder wie als Ausdruck höfischer oder ritterlicher Kultur, als Symbol für Gut oder Böse, Engel oder Dämon wurde schon oft und mit interessanten Ergebnissen untersucht. Das Tier als Freund, als Gegenüber, als Auslöser von Emotionen, Projektionsziel von Sehnsüchten, Konkurrent zur Gottesliebe, als Zuhörer von Predigten und als betrauerter Dahingeschiedener tritt hier erstmals in den Blick der mediävistischen Forschung. Das Bild, das aus den Texten entsteht, zeigt nicht nur den mittelalterlichen Blick auf das Tier als Freund und Gefährten des Menschen, sondern es zeigt uns auch ein neues Bild des mittelalterlichen Menschen, der uns selten so nah erschien.

Anmerkung:
[1] Zu den Übersetzungen der nicht lateinischen Texte vgl. die Besprechung Volker Honemanns, in: Archiv für Kulturgeschichte 92 (2010), S. 481–483.

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29.06.2011
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