Cover
Titel
Palimpsest Grodno. Nationalisierung, Nivellierung und Sowjetisierung einer mitteleuropäischen Stadt 1919-1991


Autor(en)
Ackermann, Felix
Reihe
Deutsches Historischen Institut Warschau: Quellen und Studien 23
Erschienen
Wiesbaden 2011: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
372 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Stach, Institut für Slavistik, Universität Leipzig

Felix Ackermann legt eine ambitionierte Monographie zur Stadtgeschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert vor. Dies gilt auch und vor allem vor dem Hintergrund der recht großen Zahl an Arbeiten, die in den letzten Jahren in diesem Forschungsfeld erschienen sind.[1] Mit der Studie, die die Geschichte der Stadt im „kurzen 20. Jahrhundert“ umfasst, will Ackermann Grodno „als exemplarischen Ort eines Mitteleuropas [...] lesen […], dessen Zerstörung und Neuerfindung im 20. Jahrhundert demographisch, wirtschaftlich und kulturell eng miteinander verwoben sind.“ (S. 10) Dies tut er in den Hauptkapiteln „Nationalisierung“, „Nivellierung“ und „Sowjetisierung“. Darin behandelt er die Auswirkungen der polnischen Nationalisierungsbemühungen nach dem Ersten Weltkrieg, die immense Eruption der Gewalt im Zweiten Weltkrieg und die Bevölkerungstransfers in seiner Folge sowie die Sowjetisierung seit Mitte der 1940er-Jahre, die er als Dreischritt ineinandergreifender Prozesse begreift.

Die Stadt Grodno, die gut achtzig Kilometer nordöstlich vom polnischen Białystok im äußersten Westen des heutigen Weißrusslands liegt, betrachtet Ackermann in zweierlei Hinsicht, nämlich als konkret physischen Raum und als imaginierten Raum, wie er in der Vorstellungswelt seiner Bewohner existierte. Die Arbeit basiert auf Dokumenten aus elf Archiven in vier Ländern, einer Reihe von Quellensammlungen und Memoiren sowie über dreißig Oral-History-Interviews, die er mit einstigen und gegenwärtigen Bewohnern Grodnos führte. Darüber hinaus nutzt er – im Sinne seines akademischen Lehrers Karl Schlögl – auch den Stadtraum selbst als Quelle. Ähnlich einem Palimpsest, also einem Pergament, dessen Text ausgeschabt oder -gewaschen wurde, um es neu zu beschreiben, untersucht er die verschiedenen historischen Einschreibungen bzw. deren Spuren im Stadtbild.

Im ersten Teil zeigt Ackermann auf, wie durch die Eingliederung des stark von den Folgen des Ersten Weltkriegs betroffenen Grodnos in den polnischen Staat die Kategorie Nationalität begann, das Verhältnis zwischen den staatlichen Institutionen und den Bürgern zu bestimmen. Dies geschah, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung sich selbst nicht oder nur schwach mit der Zugehörigkeit zu einer Nationalität identifizierte. Das Ziel der von der Warschauer Regierung entsandten Beamten, die Stadt mit ihrer starken jüdischen Bevölkerungsgruppe und das Umland, das von weißrussisch sprechenden orthodoxen Bauern dominiert wurde, mit dem Versprechen auf Modernisierung zu Polonisieren, konnte in den 20 Jahren bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht erreicht werden. Zwar bildeten sich in der jüdischen wie auch der orthodoxen Bevölkerung Milieus heraus, die sich polnisch akkulturierten, blieben jedoch in der Minderheit. Die einseitig an den vermeintlichen Interessen der Polen orientierte Politik der Verwaltung trug zugleich zu einer Vertiefung der Gräben zwischen den ethnischen Gruppen bei. Vor allem das polnisch-jüdische Verhältnis war nach einem Pogrom Mitte der 1930er-Jahre arg belastet. Dennoch gelang es den staatlichen und städtischen Behörden durch die Aneignung und Umgestaltung des Stadtraumes Grodno zu einem „Leuchtturm von Polonität“ (S. 90) werden zu lassen, also das Bild einer polnischen Stadt zu zeichnen, in dem Bezüge zu anderen ethnischen Gruppen in den Hintergrund traten.

Im zweiten Teil beschreibt Ackermann die aufeinander folgende sowjetische und deutsche Besatzung Grodnos. Die Politik beider Okkupationsmächte führte zu einer rasanten Vertiefung der ethnischen Grenzen in der Stadt. Zwar begründeten die sowjetischen Behörden Repressionsmaßnahmen nicht mit ethnischer Zugehörigkeit, sondern verfolgten vor allem jene Bevölkerungsteile, in denen Stützen des im September 1939 zerschlagenen polnischen Staates gesehen wurden. Doch waren dadurch Polen wesentlich stärker betroffen als Juden. Gleichzeitig sorgten sie durch die Einführung von Ausweisdokumenten erstmals für eine eindeutige und amtliche Festschreibung der Nationalität des Einzelnen.

Unter der noch im Juni 1941 beginnenden deutschen Besatzung Grodnos wurde die Nationalität, nun ‚Volkszugehörigkeit‘ genannt, zum bestimmenden Element über das Schicksal des einzelnen Stadtbewohners. Ungleich stärker als zuvor handelte es sich dabei um eine – nach vermeintlich wissenschaftlichen Kriterien vorgenommene – und somit fast unabänderliche Fremdzuschreibung. Während als „Volksdeutsche“ klassifizierte Personen in den Genuss von Privilegien gelangten, wurden alle, die nach nationalsozialistischen Kriterien als Juden galten, von den deutschen Besatzern entrechtet, in Ghettos gesperrt und schließlich ermordet. Die Ermordung fast der gesamten Grodnoer Judenheit war der brutalste Teil dessen, was Ackermann die „Nivellierung“ der Vorkriegsstadtgesellschaft nennt. Diese hatte schon unter der sowjetischen Besatzung mit der Deportation von vielen politisch unerwünschten Polen, aber auch Juden, begonnen. Nach der zweiten sowjetischen Besatzung der Stadt ab Juli 1944 fand sie mit der erzwungenen Aussiedlung der großen Mehrheit der als Polen betrachteten Katholiken ihren Abschluss. Das Zusammenspiel der sowjetischen, deutschen und wiederum sowjetischen Maßnahmen zerstörte das soziale Gefüge der Stadt völlig.

So wurde das Gelingen der planmäßigen Sowjetisierung der Stadt ermöglicht. Mit der forcierten Industrialisierung und dem daraus resultierenden Arbeitskräftebedarf strömten weißrussische Bauern in großer Zahl in die Stadt. Hier wurde ihnen durch Arbeitsplätze und Bildungsangebote eine Reihe von Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Aufstieg eröffnet. Zugleich pflegte man ihre dörflich-weißrussische Kultur als Folklore. In einer solchen Gemengelage akkulturierten sich die neuen Grodnoer schnell in die sowjetische Gesellschaft, was mit dem Ablegen der weißrussischen und der Annahme der russischen Sprache einherging. Die sowjetische „Neukonfiguration historischer Bezüge“ (so der Titel des Kapitels 3.3) blendete die polnisch-jüdische Vergangenheit der Stadt komplett aus und präsentierte Grodno als ur-russische Stadt, während der „Große Vaterländische Krieg“ lokal auch als Befreiung und Vereinigung des weißrussischen Volkes durch bzw. mit Sowjetweißrussland inszeniert wurde. Vor allem seit den 1980er-Jahren jedoch begannen die Bürger Grodnos damit, sich die Geschichte ihrer Stadt quasi von unten anzueignen.

Ackermanns Versuch, an Grodno die typischen Entwicklungen und Brüche „einer mitteleuropäischen Stadt“ im 20. Jahrhundert beispielhaft zu untersuchen, kann insgesamt als gelungen bezeichnet werden. Plastisch arbeitet er den Zusammenhang zwischen historischer Aneignung des Stadtraumes durch die polnischen Institutionen und dem Voranschreiten der Nationalisierung heraus, etwa am mehrfachen Umbau der Garnisonskirche zur Hervorhebung ihres polnischen Charakters in den 1920er- und 1930er-Jahren (82f.). Zugleich zeigt er jedoch auf, dass einige der von polnischer Seite betonten Bezüge auch für Nicht-Polen anschlussfähig waren, wie etwa das Werk der Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa.

Eine Stärke des Buches ist es zweifellos, dass Ackermann das Aufkommen und die Vertiefung der nationalen Gräben zwischen den ethnischen Gruppen im polnischen Staat schlüssig darlegt und zugleich der Versuchung widersteht, diesem Prozess für die Erklärung der extremen ethnisch motivierten Gewalt während des Zweiten Weltkriegs, unverhältnismäßig viel Bedeutung beizumessen. Im Gegensatz dazu fällt die Charakterisierung der interethnischen Beziehungen in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg eher farblos aus. So beschreibt er zwar die politische und soziale Ausdifferenzierung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, auf deren Interaktionen oder aber die Reaktion der Juden und Orthodoxen auf die Nationalisierungsbestrebungen, geht Ackermann jedoch nur am Rande ein. Umso eindrucksvoller hingegen vollzieht er an Grodno nach, wie die multiethnische Bevölkerung im Zusammenspiel von Deutschen und Sowjets mit jeweils unterschiedlichen Methoden und Zielen „entmischt“ und auf die ethnisch weitgehend homogenen Nationalstaaten aufgeteilt wurde. Hier ist vor allem hervorzuheben, wie er das – nicht unbedingt intendierte – Ineinandergreifen der Maßnahmen der beiden Okkupanten nachzeichnet, wie er deutlich werden lässt, dass beispielsweise die Tabuisierung der jüdischen Kultur und des Holocausts in der spätstalinistischen Sowjetunion die letzten Spuren der von den Deutschen ermordeten Juden fast völlig verwischte. Der Schilderung des Zweiten Weltkriegs aus Grodnoer Perspektive kommt darüber hinaus zu Gute, dass Ackermann auf englische, deutsche, polnische, russische und weißrussische Forschungsliteratur zurückgreift und deren verschiedene Perspektiven zueinander in Beziehung setzt.

Ärgerlich ist hingegen der starke Kontrast zwischen der schönen Aufmachung des mit einer Vielzahl an Abbildungen versehenen Buches und dem offensichtlich mangelhaften Lektorat. Am deutlichsten tritt dies auf den Seiten 280/281 zu Tage, wo neun (!) Mal Redaktionsanmerkungen im Text stehen geblieben sind und den Lesefluss behindern. Einem renommierten Verlag wie Harrassowitz hätte mehr Sorgfalt gut zu Gesicht gestanden. Der aus Felix Ackermanns Studie zu ziehende Erkenntnisgewinn wird dadurch glücklicherweise nicht geschmälert.

Anmerkung:
[1] Exemplarisch seien hier erwähnt: Gregor Thum, Die fremde Stadt, Breslau 1945, Berlin 2003; vgl. dazu die Rezension von Thomas Fichtner, in: H-Soz-u-Kult, 01.07.2005 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=6707> (08.02.2012); Christoph Mick, Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1947, Wiesbaden 2010; vgl. dazu die Rezension von Felix Ackermann, in: H-Soz-u-Kult, 03.11.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-085> (08.02.2012); oder Thomas M. Bohn, Minsk - Musterstadt des Sozialismus. Stadtplanung und Urbanisierung in der Sowjetunion nach 1945, Köln 2008; vgl. dazu die Rezension von Tanja Penter, in: H-Soz-u-Kult, 09.04.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-026> (08.02.2012).

Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2012
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag