V. Bauer u.a. (Hrsg.): Die Entstehung des Zeitungswesens

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Titel
Die Entstehung des Zeitungswesens im 17. Jahrhundert. Ein neues Medium und seine Folgen für das Kommunikationssystem der Frühen Neuzeit


Herausgeber
Bauer, Volker; Böning, Holger
Reihe
Presse und Geschichte – Neue Beiträge 54
Erschienen
Bremen 2011: Edition Lumière
Anzahl Seiten
XVIII, 479 S.
Preis
€ 44,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Schröder, Institut für Germanistik – Linguistische Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Innsbruck

Dass die Entstehung der Zeitung die Welt verändert hat, steht aus heutiger Sicht außer Frage. Die Folgen sind aber nicht erst im 18. oder 19. Jahrhundert greifbar. Auch das Kommunikationssystem des 17. Jahrhunderts hat sich durch die Existenz des neuen Mediums bereits gravierend gewandelt. Was bedeutete das Aufkommen der Zeitung für die bereits existierenden Medien und welche Veränderungen wurden durch das neue Medium angestoßen? Diese Fragen stehen im Zentrum des vorliegenden Sammelbands, der im Kern die Erträge einer Tagung aus dem Jahre 2009 zusammenfasst.[1] Er steht damit in der Tradition einer presse- und kulturgeschichtlichen Forschung, wie sie vom Bremer Institut für Deutsche Presseforschung und von der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel seit Langem vertreten wird.

Die Gliederung des Bandes ist einleuchtend und orientiert sich an den genannten Leitfragen. Um einen Überblick über die Vielfalt der behandelten Aspekte zu geben, wird der Aufbau des Buches im Folgenden kurz skizziert und dabei zugleich auf einige ausgewählte Beiträge aufmerksam gemacht (ohne dass die nicht genannten damit zurückgestuft werden sollen).

Der erste Teil des Bandes besteht aus sechs Beiträgen, die sich mit dem Verhältnis der ersten Zeitungen zu ihren Vorgängermedien auseinandersetzen. Geschriebene Zeitungen, Einzeldrucke und Neue Zeitungen, Schreibkalender und Meßrelationen werden darin nicht nur als Vorläufer, sondern auch als Konkurrenten der gedruckten Zeitung, vor allem aber in ihren vielfältigen Verflechtungen mit der Presse vorgestellt. Sehr gut deutlich wird das beispielsweise in dem Beitrag von Daniel Bellingradt. Dieser befasst sich mit den (in der Tat immer noch viel zu wenig erforschten) Wechselbeziehungen zwischen periodischer Zeitung und akzidentieller Flugpublizistik und beschreibt diese in den Begriffen der Intermedialität, Interdependenz und Intertextualität.

Im zweiten Teil des Bandes sind zwei Beiträge zusammengefasst, die sich in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf Fragen des frühneuzeitlichen Nachrichtenwesens beziehen. Während Martin Welke sich (noch einmal) mit den Irrwegen der „Aviso“-Forschung beschäftigt, geht es Susanne Friedrich in ihrem höchst lesenswerten Beitrag um das wechselseitige Verhältnis von gedruckter Zeitung und Immerwährendem Reichstag. Sie fragt darin nicht nur (auf der Grundlage einer quantitativen Inhaltsanalyse) nach der „Sichtbarkeit“ des Reichstags in der Presse, sondern auch nach der Wahrnehmung der Zeitung durch die Gesandten und liefert damit – in aller „Bescheidenheit“ (S. 161) – einen interessanten Beitrag zur Debatte um die sich wandelnde „Öffentlichkeit“ im 17. Jahrhundert.

Gegenstand des dritten Teils sind Mediengattungen, die im Laufe des 17. Jahrhunderts neu entstehen. Fünf Beiträge beschäftigen sich hier mit der Reichspublizistik sowie mit seriellen Chroniken, Zeitungsextrakten und Zeitungsromanen. Auch wenn der Begriff eines „neuen Mediensystems“ in diesem Zusammenhang vielleicht ein wenig zu viel verspricht, verdeutlichen die Beiträge in diesem Teil doch sehr schön den Wandel der Zeitungskommunikation in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Gemeinsamer Nenner ist das Erschließen neuer Vermarktungsmöglichkeiten, das gleichzeitig aber auch als Eingehen auf die veränderten Ansprüche der Rezipienten und Rezipientinnen gesehen werden kann. Besonders deutlich wird das in dem Beitrag von Esther-Beate Körber, in dem sie die Entstehung und Bedeutung der Zeitungsextrakte funktional (also im Hinblick auf die Interessen von Produzenten und Rezipienten) analysiert und erklärt.

Die Beiträge des vierten Teils stehen unter der Überschrift „Zeitung und Wissensordnung“ und knüpfen damit an die vorher behandelten Entwicklungen an. So befassen sich die sechs Aufsätze einerseits mit den gegen Ende des 17. Jahrhunderts neu entstehenden Formen der (populärwissenschaftlichen) Zeitschrift, des Gelehrtenjournals und des Zeitungslexikons, andererseits mit Fragen der Wissensordnung und der Wissensvermittlung in der Zeitung. Einen gemeinsamen Bezugspunkt bildet dabei die veränderte gesellschaftliche Funktion der Presse, die immer wieder sichtbar wird – so auch im Beitrag von Astrid Blome, in dem es um die Bildungsfunktion der kommerziellen Publizistik geht. Anknüpfend an Kaspar Stieler und die „Zeitungsdebatte“ der zweiten Jahrhunderthälfte zeichnet sie darin nach, wie Zeitungen, Intelligenzblätter und andere Periodika zu einem anerkannten und selbstverständlichen Bildungsmittel wurden.

Thema des abschließenden fünften Teils sind die „Kontrolle und Instrumentalisierung der Zeitung“, die an zwei Beispielen untersucht werden. Wolfgang Duchkowitsch betrachtet die Zeitungskontrolle im Wien des 17. Jahrhunderts. Anuschka Tischer stellt mit der „Gazette de France“ das Beispiel einer Zeitung vor, die in ihrer Instrumentalisierung durch die französische Regierung als Gegenmodell zur kommerziellen Presse gesehen werden kann.

Abgerundet wird der Band durch ein Personenregister, das für das Auffinden einzelner Informationen sehr hilfreich ist. Schwer zugänglich ist dagegen die verwendete Literatur, die in den jeweiligen Fußnoten „versteckt“ ist. Alphabetische Literaturverzeichnisse zumindest am Ende der einzelnen Beiträge würden die Nutzung erheblich erleichtern. Und auch thematisch könnte man sich natürlich noch die eine oder andere Ergänzung vorstellen oder wünschen. Aufschlussreich wäre vor allem ein Blick, der über die Grenzen des Alten Reichs hinausgeht. Bedauerlich ist zudem (die Anmerkung sei einem Linguisten erlaubt), dass keine Beiträge enthalten sind, die etwa die Sprache der Medien oder die Textsortenentwicklung thematisieren.

Alles in allem bietet der Sammelband mit seinen verschiedenartigen Beiträgen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und mit differenten methodischen Zugriffen angehen, einen informativen und facettenreichen Überblick über die höchst lebendige Medienlandschaft des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts. Davon können unterschiedliche Zielgruppen profitieren.

Wer sich für die Geschichte der Frühen Neuzeit interessiert und die Forschung zu den Medien dieser Zeit schon länger verfolgt, findet in den Beiträgen eine Fülle von interessanten neuen Informationen. Vor allem die häufig sehr quellennahen Studien zu einzelnen Mediengattungen, Medienprodukten oder Protagonisten bieten vielfältige neue Forschungsergebnisse, die das Gesamtbild in vielen Aspekten erweitern und differenzieren. Wer in der Geschichte des 17. Jahrhunderts weniger bewandert ist und sich etwa aus medienwissenschaftlicher Perspektive für die Entwicklung der Presse in dieser Frühphase interessiert, gewinnt ein sehr buntes Bild von der Vielfalt des „Medienverbunds“ und seinem Wandel in dieser Zeit. Für diese Zielgruppe bietet der Sammelband einerseits einen guten Zugang zum Stand der aktuellen Forschung, andererseits die Möglichkeit, viele überraschende Entdeckungen zu machen.

Weniger zufrieden werden alle sein, die einen (stärker theoretisch ausgerichteten) Beitrag zu den größeren Zusammenhängen der mediengeschichtlichen Entwicklung erhoffen. Das ist schade, weil gerade die Entstehung und Etablierung des neuen Mediums Zeitung im 17. Jahrhundert auch paradigmatisch höchst interessant und lehrreich ist – gerade in einer Zeit, in der das Internet ganz ähnliche Prozesse anstößt. Mit dem Begriff der „Zeitungsöffentlichkeit“, der in der Formulierung des Tagungsziels noch im Mittelpunkt stand, war eine solche verbindende Kategorie zur Diskussion gestellt. Dass dieses Ziel verfehlt wurde, ist in Jorun Poetterings Rezension zur Tagung schon bedauert worden[2]; es war auch Anlass, den Titel für die vorliegende Publikation bescheidener zu formulieren (S. xvii).

Andererseits ist es gerade die sachorientierte und quellennahe Ausrichtung der meisten Beiträge, die die besondere Qualität der hier vorgestellten Art von Forschung ausmacht. Dass sie sich gegenüber großen und damit häufig auch „zeitgeistigen“ Interpretationskategorien Zurückhaltung auferlegt, muss in diesem Sinn kein Fehler sein, solange auf der Ebene der historischen Fakten noch so viele Fragen offen sind.

Anmerkungen:
[1] Die Tagung hatte den Titel „Zeitungsöffentlichkeit im 17. Jahrhundert – ein neues Medium und seine Folgen“ und fand vom 06.10. bis 08.10.2009 in Wolfenbüttel statt. Veranstalter waren die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, das Institut für Deutsche Presseforschung an der Universität Bremen und die Gesellschaft für Deutsche Presseforschung zu Bremen e.V. Vgl. den Tagungsbericht Zeitungsöffentlichkeit im 17. Jahrhundert – ein neues Medium und seine Folgen. 06.10.2009-08.10.2009, Wolfenbüttel, in: H-Soz-u-Kult, 06.11.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2838> (03.08.2011).
[2] Tagungsbericht Zeitungsöffentlichkeit im 17. Jahrhundert – ein neues Medium und seine Folgen. 06.10.2009-08.10.2009, Wolfenbüttel, in: H-Soz-u-Kult, 06.11.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2838> (03.08.2011).

Redaktion
Veröffentlicht am
04.10.2011
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