S. Hahn: Historische Migrationsforschung

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Titel
Historische Migrationsforschung.


Autor(en)
Hahn, Sylvia
Reihe
Historische Einführungen 11
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Campus Verlag
Anzahl Seiten
233 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Frank Wolff, Universität Osnabrück

Die historische Migrationsforschung gehört zu den wachsenden Teilbereichen der Geschichtswissenschaft. In den letzten Jahrzehnten, und oft mit gewisser Verspätung in Deutschland, entwickelte sie sich von einer stark sozialhistorisch geprägten und auf Integrationsprozesse blickenden Teildisziplin zu einem integrativen Teil sowohl zahlreicher Nationalgeschichten als auch zum zentralen Gegenstand moderner Globalgeschichte. [1] Nach zahlreichen Fallstudien entstanden Anfang der 2000er Jahre erste Großdarstellungen, die sich vor allem mit Bewegung als omnipräsentem historischem Phänomen beschäftigen.[2] Historische Einführungen blieben jedoch aus.

Dem nimmt sich Silva Hahn nun im Rahmen der Reihe „Historische Einführungen“ des Campus-Verlags an. In erfrischender Art mischt sie Fallbeispiele und überblickende Teile mit einer Diskussion von Begriffen und Methoden der Migrationsforschung, was sie vor allem anhand von in Europa stattfindenden historischen Migrationsprozessen exemplifiziert. Darüber hinaus wagt sie jedoch auch Schwerpunktsetzung auf das Thema Gender und Migration. Daraus ergibt sich ein für eine solche Publikation ungewöhnlicher und anspruchsvoller Charakter, in dem die Argumente einer für lange Zeit sträflich vernachlässigte Perspektive mit dem Anspruch eines generellen Überblicks verbunden werden. Dazu kommt problematisierend, dass die Migrationsforschung sich seit Klaus J. Bades programmatischer Schrift durch methodologische Vielfalt und theoretische Heterogenität auszeichnet.[3] Als renommierte Migrationshistorikerin geht Silvia Hahn diese Herausforderung souverän und selbstbewusst an und legt ein dahingehend starkes Buch vor. Diese Fokussierung geht jedoch ebenso mit Chancen einher wie mit Kosten.

Anregend ist Hahns Perspektive auf den Stand der Migrationsforschung, den sie sowohl anhand des Bezugs zwischen „homo und femina migrans“ darstellt als auch mit einer ausführlicheren Reflexion über die Grundmotivationen und -formen, heute Migrationsgeschichte zu schreiben. Dabei greift sie die von ebenso prominenten Kollegen wie Dirk Hoerder, Klaus J. Bade und anderen Anfang der 2000er Jahre dargestellte Allgegenwart von Migration in der menschlichen Geschichte auf.[4] Sie kombiniert dies aber mit der von ihr zeitgleich und in dieser Art erstmals formulierten Frage, warum sich die gegenwärtige Migrationsforschung nur peripher mit dem großen Anteil femininer Migration beschäftigt.[5] Als Gründe hebt sie einerseits strukturelle Gegebenheiten hervor, wie die Relevanz von staatlich produzierten Quellen, wobei Staaten in erster Linie an den männlichen Familienoberhäuptern und Brotgewinnern interessiert waren. Andererseits betont sie aber forschungsinterne Gründe wie die frühere Vorliebe für klare Statistiken, weswegen qualitative Methoden lange Zeit vernachlässigt wurden. Die Abhängigkeit zu staatlichen Quellen wurde also zu einem guten Stück von der Forschung selbst produziert. Die aktuelle kulturgeschichtliche Öffnung der Migrationsforschung relativiert dies jedoch, sodass Hahn hier im Überblick nicht bei der Feststellung weiblicher Migration hängen bleibt. Vielmehr kann sie, aufbauend auf zahlreichen neueren Studien, Prozesse weiblicher Migration in Europa genauer bestimmen und in Beziehung zur männlichen Migration setzen. Damit argumentiert sie im Rahmen einer dichotom aber nicht allein kontrastierenden genderbasierten historischen Forschung. Die große Innovationskraft dieses Ansatzes zeigt sich in vielen aktuellen Studien. Kritisch wird dies derzeit jedoch durch weiterführende Fragen der Intersektionalitätsforschung, ganz besonders unter der Betonung der Überlappung mehrerer Ungleichheitskategorien im Migrationsprozess. Hahn hält hier also einen Stand fest, der derzeit von der umgebenden Forschung zumindest erweitert, wenn nicht hinterfragt wird.[6]

Dies jedoch ist eine entscheidende Errungenschaft, weswegen der Einführungscharakter hier auch einer Bestandsaufnahme der Forschung der letzten Dekade dient. Besonders deutlich wird dies in einem Kapitel zu Migrantinnen als Ernährerinnen ganzer Familien. Die Autorin stellt dieses breite und nach wie vor untererforschte Phänomen klar dar, wobei sie weniger auf diversen Statistiken aufbaut, sondern sich für eine Rahmung des Themas und die Illustration durch aussagekräftige Fallbeispiele entsprechender migrantischer Lebensläufe entscheidet. Dabei wird deutlich sichtbar, was Hahn von Beginn an unterstreicht: weibliche Migration war kein historisches Randphänomen. Sie kann zudem zweitens keineswegs nur auf die von älteren (und oft männlichen) Kollegen gerne angeführte familiäre Folgemigration reduziert werden. Vielmehr betont Hahn die Heterogenität von Migrationsprozessen und -motivationen, was insbesondere auch in einem Kapitel zur historischen Jugendmigration in diverse Dienstverhältnisse deutlich wird. Dieser Bezug wird eher selten untersucht, drängt sich nun aufgrund der genderspezifischen Fragestellungen aber geradezu als exemplarischer Forschungsgegenstand auf. Vor allem aber die sogenannte „Dienstmädchenwanderung“ war ein weit verbreitetes Phänomen, welches sich nur teilweise in staatlichen Quellen widerspiegelte. Hahns stärker kulturgeschichtlich inspirierter Ansatz hilft weiter, dieses Wanderungsphänomen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Daneben beschäftigt sie sich mit der Entwicklung des Forschungsfelds und mit primär binneneuropäischen Vertreibungen und Ausweisungen. Trotz der oft stark theoretischen Untermauerung aktueller Studien werden Theorien der Migrationsforschung aber allein in einem knappen Kapitel vorgestellt, zudem zusammen mit Typologien und zentralen Begriffen. Hahn beschäftigt sich also mehr mit spezifischen historischen Prozessen denn mit dem größeren und stark interdisziplinär geprägten Zusammenhang der Forschungslandschaft.

Hahns Einführung in die historische Migrationsforschung ist also keine Bestandsaufnahme des Forschungsfeldes. Vielmehr arbeitet sie mit einer expliziten und einer impliziten Schwerpunktsetzung. Explizit fokussiert sie auf Gender als aktuelle, jedoch nicht kontrastierende sondern korrigierende Erweiterung der Migrationsgeschichte. Das ist in einer Einführung gewagt, aber durchaus gelungen. Denn nach der Feststellung, dass Genderfragen in der Migrationsgeschichte sträflich vernachlässigt wurden, ist es ein souveräner Schachzug, eine der ersten historischen Einführungen konsequent als Gegenargument zu verfassen, ohne dabei umfassendere Argumente aus dem Blick zu verlieren. Hierbei ergänzt das vorliegende Buch die zweite verfügbare, zuvor publizierte und stärker theoretisch ausgerichtete Einführung in die Migrationsgeschichte von Christine Harzig und Dirk Hoerder an entscheidender Stelle.[7] Beide sollten als komplementäre Werke verstanden werden, was letzten Endes aber auch bedeutet, dass eine umfassende Einführung in die Migrationsgeschichte, die auch für die wachsende Zahl entsprechender Studienprogramme dienlich wäre, noch aussteht.

Das größere Problem liegt jedoch in der implizit vorgenommen Schwerpunktsetzung. Das einzige Manko des Buches entsteht nicht durch das, was es sagt, sondern durch das, was es weglässt. In Anbetracht keineswegs nur der aktuellen Entwicklungen der Migrationsforschung überrascht der großteils unhinterfragte Eurozentrismus. Die großen Innovationen der internationalen historischen Migrationsforschung beziehen sich derzeit auf zumindest teilweise außereuropäische Aspekte, wie asiatische und lateinamerikanische Migrationszusammenhänge, auf weitreichende transnationale Beziehungen diverser Räume oder auf oft global vernetzten Dynamiken der Konstruktion und Kategorisierung von Migranten.[8] Diese international bedeutenden Stränge der Migrationsforschung werden in dem Buch nicht aufgegriffen, vielmehr liegt der Fokus auf Zentraleuropa, oft gar auf dem Habsburger Reich und seiner Umgebung. Die aktuellen globalhistorischen Fragen jedoch mit der von Silvia Hahn vertretenen Gendersensibiltät zu verbinden, ist eine der großen Zukunftsperspektiven des Feldes. Dies brächte nicht nur die historische Migrationsforschung voran. Es würde auch helfen, den Platz der Migrationsgeschichte in der Allgemeinen Geschichte genauer zu bestimmen, da sie einer transnational erweiterten Geschichtswissenschaft konkret untersuchbare Themenfelder jenseits des „methodologischen Nationalismus“ anbietet.[9] Hahns Buch ist darum weniger als Einführung und vielmehr als ein anregender Schritt in diese Richtung zu verstehen.

Anmerkungen:
[1] Siehe einführend: Jan Lucassen / Leo Lucassen (Hrsg.), Migration, Migration History, History. Old Paradigms and New Perspectives, Bern 2005); Patrick Manning, Migration in World History, New York 2005); Jochen Oltmer, Globale Migration: Geschichte und Gegenwart, München 2012.
[2] Klaus J. Bade u. a. (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa: vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2., unveränd. Aufl., Paderborn 2008); Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert, München 2009.
[3] Klaus J. Bade, „Sozialhistorische Migrationsforschung“, in: Michael Bommes / Jochen Oltmer (Hrsg.), Sozialhistorische Migrationsforschung, Göttingen 2004, S. 13–26.
[4] Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000); Dirk Hoerder, Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium, Durham 2002); Harald Kleinschmidt, Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele historischer Migrationsforschung, Göttingen 2002; Manning, Migration in World History.
[5] Sylvia Hahn, „Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen“, in: Karl Husa / Christoph Parnreiter / Irene Stacher (Hrsg.), Internationale Migration: die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Frankfurt am Main 2000, S. 77–96.
[6] Vgl.: Marlou Schrover (Hrsg.), Gender, Migration, and the Public Sphere, 1850-2005, New York 2010.
[7] Christiane Harzig / Dirk Hoerder, What is Migration History?, Cambridge 2009.
[8] Siehe z.B.: José C Moya, A Continent of Immigrants. Postcolonial Shifts in the Western Hemisphere, in: Hispanic American Historical Review 1 (2006), S. 1–28; Adam McKeown, Melancholy Order: Asian Migration and the Globalization of Borders, New York 2008; Peter Schrag, Not Fit for Our Society: Nativism and Immigration, Berkeley 2010; Tobias Brinkmann, Migration und Transnationalität, Paderborn 2012.
[9] Andreas Wimmer / Nina Glick Schiller, Methodological Nationalism and Beyond: Nation–State Building, Migration and the Social Sciences, in: Global Networks 2 (2002) 4, S. 301–334; J. C Moya, Domestic Service in a Global Perspective: Gender, Migration, and Ethnic Niches, in: Journal of Ethnic and Migration Studies 33 (2007) 4, S. 559–579; Dirk Hoerder / Amarijt Kaur, Proletarian and Gendered Mass Migrations. A Global Perspective on Continuities and Discontinuities from the 19th to the 21st Centuries, Leiden 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.10.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/