Delgado, Mariano; Leppin, Volker (Hrsg.): Der Antichrist. Historische und systematische Zugänge. Stuttgart 2011: Kohlhammer Verlag , ISBN 978-3-1702-1550-4, 615 S. € 69,90.

Brandes, Wolfram; Schmieder, Felicitas (Hrsg.): Antichrist. Konstruktionen von Feindbildern. Berlin 2010: Akademie Verlag , ISBN 978-3-05-004743-0, XVII, 292 S. € 98,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Eva Wannenmacher, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Das Böse zieht an. Dies beweisen nicht zuletzt zahlreiche Monografien und Sammelbände der philosophischen, theologischen und kulturgeschichtlichen Forschung der letzten Dezennien, beginnend mit Hannah Arendt über Carsten Colpe und Wilhelm Schmidt-Biggemann, Rüdiger Safranski, Peter-André Alt bis Jean-Claude Wolf. Ähnlich gilt dies in jüngster Zeit offenbar auch für die menschliche Personifizierung des apokalyptischen Bösen im nicht nur abendländischen Denken, zu der in den beiden letzten Jahren neben anderen noch laufenden Bemühungen gleich zwei in verschiedener Hinsicht gewichtige Bände erschienen sind, nachdem es seit den Standardwerken zum Thema von Wilhelm Bousset[1], Horst Dieter Rauh[2] und Bernard McGinn[3] um das Thema lange still geworden schien.

Um es vorauszuschicken: Diese beiden neuen Tagungsbände wollen die Klassiker weder neu schreiben noch ersetzen. Das gilt auch für das Verhältnis beider zueinander, die einander kaum wiederholen noch merkbar miteinander konkurrieren, sondern sich im besten Sinn ergänzen. Angesichts der Fülle der Beiträge (15 bei Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, 29 bei Mariano Delgado und Volker Leppin) und der Knappheit des Raums ist eine Besprechung einzelner Beiträge leider unmöglich, und so kann nur das Gesamtkonzept der beiden Volumina betrachtet werden. Beide Bände haben eine umfassende Gesamtschau des Antichristbildes im Blick, die sich über das jüdisch-christliche Denken hinaus und bis in die Gegenwart erstreckt; beide beginnen mit den frühesten Erscheinungen des Antichristen und verfolgen das Phänomen mit unterschiedlichen Akzentuierungen bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder lassen das Auftreten des Antichrist in chronologischer Abfolge vom antiken Christentum, der Armilos-Gestalt im frühmittelalterlichen Judentum (Lutz Greisiger, der mit diesem Thema in beiden Bänden präsent ist) über Antichrist(i) im Islam (so stellt Hannes Möhring die schillernde Gestalt des Sufyani als möglichen Vorläufer oder apokalyptischen Widerpart des islamischen Antichrist vor) und die christliche Auseinandersetzung mit dem Islam als Antichrist-Erwartung zunächst bis ins mittelalterliche Europa beobachten. Besonders instruktiv und differenziert erscheinen auch die Beiträge über jüdische Endzeiterwartung im 13. Jahrhundert (Michael Oberweis) und über den Antichrist im mittelalterlichen Schauspiel (Klaus Ridder/Ulrich Barton). Die drei letzten Beiträge widmen sich zunächst dem späten 16. Jahrhundert, sodann Friedrich Nietzsches ‚Antichrist‘, bis zuletzt Michael Hagemeister in einem interessanten Vergleich drei Antichrist-Texte aus dem Russland des frühen 20. Jahrhunderts vorstellt, von denen ‚Die Protokolle der Weisen von Zion‘ der bekannteste ist.

Mariano Delgado und Volker Leppin unterteilen ihren umfangreichen Band in sechs thematisch-chronologisch gegliederte Abschnitte, deren ersten Bernard McGinn mit einem faszinierenden Aufsatz einleitet, in dem der große Kenner der Antichristliteratur ‚die Lebensalter des Antichrist‘ im Kontext der Psychologie, der Geschichte und der Theologie entlang der sieben Lebensabschnitte des Menschen verfolgt, wie Shakespeares Jacques sie in einer Rede in ‚Wie es euch gefällt‘ beschreibt, und mit der Beschreibung der zukunftsweisenden Antichrist-Interpretation Joseph Ratzingers endet. Dieser fulminante Einstieg hat nicht nur, wie McGinn bescheiden vorschlägt, einen Rahmen für die folgenden Untersuchungen und die zu stellenden Fragen geliefert, sondern Maßstäbe für die folgenden Beiträge gesetzt; er wird kongenial ergänzt von Hans Joachim Hillerbrand in ‚Des Antichrists wundersame Reise durch die Geschichte‘.

Der zweite und der dritte Abschnitt widmen sich der Grundlegung des Antichristbildes in den drei monotheistischen Religionen (wobei vor allem Beate Kowalskis ausführliche Untersuchung des Antichrist im Neuen Testament eine gelungene Beschreibung des wichtigsten Ausgangspunktes abendländischer Antichristvorstellungen darstellt) sowie dem christlichen Antichristbild von der Spätantike über das Mittelalter (hier jeweils grundlegend: Martin Wallraff über antike Millenniumsvorstellungen und Volker Leppin über Adso von Montier-en-Der) und die Vorreformation (besonders lesenswert Wolf-Friedrich Schäufele über Wyclif und Hus, Christoph Burger über Johannes von Paltz) bis ins konfessionelle Zeitalter (Ingvild Richardsen). Der vierte Abschnitt stellt nationale Antichristkonzepte in der frühen Neuzeit in Frankreich, England und Spanien vor (wo vor allem Mariano Delgado kenntnisreich einen weiten Bogen spannt, der vom vorkolonialen Spanien bis ins Chile des 19. Jahrhundert reicht), bis im fünften und vorletzten Abschnitt schließlich das Antichristbild in Theologie, Philosophie und Politik, so etwa bei John Henry Newman (Roman Siebenrock), im christlichen Fundamentalismus und christlichen Randgruppen oder Sekten und bei Nietzsches ‚Antichrist‘ (Jean-Claude Wolf) thematisiert werden. Weitere Ausgestaltung erhält das Antichristbild neuerer Zeit durch seine Betrachtung im postsowjetischen Russland (erneut Michael Hagemeister), in der mimetischen Theorie René Girards (Wolfgang Palaver), in der gegenwärtigen muslimisch-apokalyptischen Sicht des traditionellen Dajjāl-Bildes (David Cook) und im aktuellen Dialog der beiden Großkirchen (Volker Leppin), sowie im sechsten und letzten Abschnitt mit drei Beiträgen zum Antichrist in der Literatur und im Film des 20. Jahrhunderts. Wie auch den vorigen, rundet diesen Band ein Register ab, das zwar anders als bei Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder nur ein Personen-, kein Namens- und Sachverzeichnis ist, dafür aber ein bei diesem Thema sehr wünschenswertes Bibel- und Koranstellenregister enthält.

Beide Bände versprechen unkonventionelle Einblicke und neue Zugänge, Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder bereits mit dem faszinierend schönen und sehr gelungenen Einbandbild des Sieneser Antichrist Luca Signorellis auf mattschwarzem Grund. Nur bei Mariano Delgado und Volker Leppin widmen sich verschiedene Autoren, unter anderem ausführlich der Renaissancehistoriker Volker Reinhardt, Luca Signorelli und dem Antichrist-Bild der Renaissance, während dieser im erstgenannten Band leider nur in einer Fußnote in einem Beitrag zum 20. Jahrhundert Erwähnung findet. Der in Titel und, mit dem roten Drachen des Beatus Hispalensis, Titelbild wesentlich weniger unkonventionell daherkommende Band Mariano Delgados und Volker Leppins bietet daher nicht allein, doch auch aufgrund seines größeren Umfangs ein breiteres, vielschichtigeres Portrait des Antichrist in der gegenwärtigen Diskussion, das den aktuellen Stand der Forschung in fast allen Bereichen repräsentieren kann.

Fragt man nach dem Gelingen eines solchen Projekts, so kann dies in beiden Fällen als Erfolg angesehen werden. Es ist zweifellos in beiden Fällen geglückt, dem uralten, vertrauten und schillernden Antichristbild neue Facetten hinzuzufügen, die bisher ungekannte Perspektiven eröffnen, zum Nach- und Weiterdenken anregen und teilweise auch echtes Lesevergnügen bieten – bei wissenschaftlichen Sammelbänden keine Selbstverständlichkeit. Exposition und Durchführung können besonders bei Mariano Delgado und Volker Leppin als nahezu vollkommen bezeichnet werden. Ungern, doch unvermeidbar hinzuzufügen ist, dass Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder ihren Beiträgen eine gründlichere Redaktion hätten gönnen sollen; die Vielzahl der Form-, aber auch grammatischen und sachlichen Fehler schmälert die Freude an einigen Beiträgen, wenn etwa ein Druck nach Seiten- statt nach Foliozahl zitiert wird, mindestens vier unterschiedliche Schreibweisen von ‚Corpus Christianorum Continuatio mediaevalis‘ auftauchen, teilweise sogar im selben Beitrag, wenn Autorennamen falsch geschrieben, Referenzwerke in zahllosen verschiedenen Weisen zitiert und Abkürzungen uneinheitlich verwendet werden. Für den fast genau doppelt so umfangreichen Band Mariano Delgados und Volker Leppins sind solche wohl nie zur Gänze vermeidlichen Lapsi in deutlich geringerem Maß zu verzeichnen.

Wer sich über den Antichrist im Christentum, Judentum und Islam, in Theologie, Kirchengeschichte und Philosophie Europas in Ost und West informieren möchte, wird künftig an keinem dieser beiden Bände vorbei gehen. Den Platz für Wilhelm Boussets, Bernard McGinns und vor allem Horst Dieter Rauhs Antichrist-Bücher soll und darf man sich deshalb aber keineswegs sparen – und kann sie gern auf gleicher Höhe anordnen.

Anmerkungen:
[1] Wilhelm Bousset, Der Antichrist in der Ueberlieferung des Judentums, des neuen Testaments und der alten Kirche, Göttingen 1895.
[2] Horst Dieter Rauh, Das Bild des Antichrist im Mittelalter. Von Tyconius zum deutschen Symbolismus, Münster 1973.
[3] Bernard McGinn, Antichrist. Two Thousand Years of the Human Fascination With Evil, San Francisco, 2. Aufl., New York 2000 (1. Aufl. 1994).

Redaktion
Veröffentlicht am
06.06.2012
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension