Cover
Titel
The Cold War.


Autor(en)
Lamberton Harper, John
Reihe
Oxford Histories
Erschienen
Anzahl Seiten
335 S.
Preis
€ 23,89
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Tim B. Müller, Hamburger Institut für Sozialforschung

Die Geschichtsschreibung über den Kalten Krieg ist seit geraumer Zeit in ein neues Stadium eingetreten. Eine Epochenbezeichnung von unterschiedlicher Länge und Bedeutung – gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft wurden oft Phasen eines auf einen längeren Zeitraum angesetzten Ost-West-Konflikts damit bezeichnet – ist zu einer festen Größe geworden, zu einer definierten historischen Einheit, die zeitlich die Periode von 1945/47 bis 1989/91 umfasst und disziplinär ein eigenes Subfeld der Zeitgeschichte darstellt. Cold War Studies haben sich in der gesamten anglophonen Welt und darüber hinaus als Forschungszusammenhang etabliert. Es gibt eigene Zeitschriften für dieses Feld – am bekanntesten das in Harvard betreute Journal of Cold War Studies und die in London basierte Cold War History – und nun auch die großangelegten Bilanzierungs- und Kodifzierungsunternehmen, die deutlich anzeigen, wie groß und dabei in sich ausdifferenziert diese Subdisziplin mittlerweile geworden ist. Die Vielfalt des Feldes spiegelt sich auch in der Verschiedenartigkeit der drei großen Rahmensetzungen: Die zweibändige Enycyclopedia of the Cold War ist ein alphabetisch organisiertes Kaleidoskop mit stark kulturgeschichtlicher Prägung, die sechs Bände der Studien zum Kalten Krieg bilden jeweils thematisch in sich geschlossene Einheiten – über die kleinen Kriege im Kalten Krieg, die Krisen, Angst und Emotionen, die Wirtschaft, die Ideengeschichte und schließlich das Erbe des Kalten Krieges –, die dreibändige Cambridge History of the Cold War versucht einen Brückenschlag von chronologischer und inhaltlicher Gliederung mit einer ebenso großen Bandbreite der Ansätze wie die deutschsprachigen Studien – Kultur- und Diplomatiegeschichte, Wirtschafts-, Sozial-, Ideen-, Wissenschafts- und Umweltgeschichte sind vertreten.[1]

Das Wachstum des Feldes ist dabei von der Erschließung neuer Quellenbestände ebenso angetrieben wie von der theoretischen Reflexion und der methodischen Erweiterung im Zugang zu altbekannten wie neuen Dokumenten. Eine entscheidende Bedingung dieses disziplinären Booms war das Ende des Kalten Krieges selbst. In dem Maße, in dem Historiker lernten, den Kalten Krieg mit neuen Augen, nämlich aus der historischen Distanz zu sehen, formierten sich die Cold War Studies. Die politischen Auseinandersetzungen waren abgekühlt. Bei allem Streit um Einzelheiten sind die Historiker sich dabei in Grundsatzfragen näher gekommen. Die erbitterte Kontroverse um den Ausbruch des Kalten Krieges ist einer leidenschaftslosen Rekonstruktion gewichen, die kaum noch vom politischen Standort des Betrachters abhängt – von einzelnen Ausnahmen wie dem einstigen Pionier des „Post-Revisionismus“, John Lewis Gaddis abgesehen, der sich in den letzten Jahren immer mehr zum Hofhistoriographen des amerikanischen Konservatismus gewandelt hat.[2] Mittlerweile hat sich ein Konsens darüber herausgebildet, was für den Kalten Krieg in seinen politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Dimensionen charakteristisch war: Im Zentrum des Kalten Krieges stand die Konkurrenz von zwei Modernisierungsmodellen, die beide in unterschiedlichem Maße auf staatliche Steuerung vertrauten. Zwei Modernisierungsversprechen traten gegeneinander an, die erst auf Europa, dann auf die umworbene und umkämpfte Dritte Welt zielten und die sich auf Bildung, Technologie, Industrialisierung und die gesellschaftliche Ordnung überhaupt erstreckten. Die globale Attraktivität der beiden konkurrierenden Systeme hing wesentlich von ihrem Erfolg bei der wirtschaftlichen Stabilisierung und der materiellen Verbesserung der Lebensbedingungen ab, zunehmend aber auch von ihren Fähigkeiten, die Bürger an der Umsetzung der Modernisierungsverheißung zu beteiligen, von den Möglichkeiten politischer Partizipation und sozialer Integration. Das westliche Modell, das sich schließlich durchsetzte und größere globale Anziehungskraft entfaltete, war nicht das seit der Zwischenkriegszeit diskreditierte Modell des entfesselten Markts, sondern die Kombination von gezügeltem Kapitalismus, liberaler Demokratie und Wohlfahrtsstaat. Die Cambridge History hat diese Lesart zu ihrem Leitmotiv gemacht.

Aus politischen Differenzen wurden historiographische Probleme. Die gravierenden Distinktionen sind heute Fragen des Ansatzes, der Methode, der geographischen Perspektive. Gerade darum ist es so schwer geworden, in einem Band eine verlässliche Überblicksdarstellung über die Epoche, das Problem und die Weltordnung des Kalten Krieges vorzulegen. Die zwei Herausgeber der Cambridge History, Melvyn Leffler und Arne Westad, haben maßstabsetzende Referenzwerke vorgelegt[3], die allerdings als voraussetzungsreiche Monographien kaum der Orientierung von Studenten und interessierten „Laien“ dienen. Diese Gruppe kann nun zu John Lamberton Harpers konzisem Einführungsessay The Cold War greifen, aber auch Historiker des Kalten Krieges werden aus der Lektüre des Bandes Nutzen ziehen. Harper lehrt derzeit am Bologna Center der Johns Hopkins University; er ist mit Arbeiten über den Wiederaufbau Italiens, über Alexander Hamilton und den Anfang der amerikanischen Außenpolitik sowie besonders über das Europabild führender amerikanischer Politiker und Strategen der Jahrhundertmitte hervorgetreten. Was seinen Band so wertvoll auch für Fachleute macht, ist die Klarheit des Ausdrucks und der Argumentation; jeder sachkundige Leser kann in der Diskussion mit dem Autor die eigenen Deutungen und Einschätzungen überprüfen. Eleganz und Fairness zeichnen diesen Interpretationsessay aus, der Ausgewogenheit nicht mit einem vagen Sowohl-als-auch verwechselt, sondern in klare Thesen münden lässt. Sympathisch ist Harpers Offenheit für geschichtsphilosophische Reflexion, er kennt und zitiert Klassiker, die vielen Historikern selbst dem Namen nach kaum noch geläufig sind.

Harper stellt sich nicht außerhalb des Modernisierungskonsenses, lenkt jedoch den Blick auf die politischen Hauptaktionen während des Kalten Krieges. Dabei bewahrt er sich stets einen Sinn für die Offenheit des Handelns und die Zufälligkeit des Geschehens, bei aller strukturellen Bedingtheit. Seine Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Russland vor dem Kalten Krieg läuft nicht deterministisch auf einen unvermeidlichen Konflikt zu. Neben den Spannungsfaktoren werden auch die Ähnlichkeiten und die Traditionen der Kooperation und sogar Freundschaft zwischen den beiden globalen „Flügelmächten“ betont. Und auch nach 1917 – Harper schenkt hier der unglücklichen und von Präsident Wilson eher unwillig unterstützten alliierten Interventionen in Russland und ihrer Wirkung auf das bolschewistische Denken besondere Aufmerksamkeit – ist statt vom fundamentalen Gegensatz zwischen Kapitalismus und Kommunismus vielmehr von der Konkurrenz zweier messianischer Nationen und ihrer Gesellschaftsmodelle die Rede. Schon in den 1930er-Jahren wurde eine künftige Konvergenz der beiden Systeme vorstellbar – ein Kerngedanke der späteren Modernisierungstheorie.

Den Übergang von einer konfliktgeladenen Kooperation zum Kalten Krieg schreibt Harper, wie viele andere, eine Reihe von Missverständnissen und Zufällen zu – nicht zuletzt der Nachfolgeplanung Präsident Roosevelts. Denn während Roosevelt bei Harper alles andere als naiv gegenüber Stalin erscheint, sondern als realistischer Machtpolitiker, der sich nur den idealistischen Mantel Wilsons übergeworfen hatte, tritt Truman, „der Amateur aus Missouri“, als Elefant im Porzellanladen der internationalen Politik auf. Harpers Deutung, die am Ende Michail Gorbatschow die Hauptrolle an der Beendigung des Kalten Krieges zuschreibt, stellt dabei einige Kernpunkte heraus, die den Kalten Krieg charakterisieren: Erstens eine politische Wahrnehmung beider Seiten, die er „Hobbesianischen Fatalismus“ nennt – nicht zuletzt aufgrund des „Überraschungsangriffs-Syndroms“ wollten Amerikaner wie Sowjets stets auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein. Zweitens führt er die Dynamik des Kalten Krieges sehr überzeugend auf innenpolitische Bedingungen zurück und eben nicht auf die klassischen Fragen der Außen- und Geopolitik: Wahlen in den USA wurden stets mit einer harten Haltung gegenüber der Sowjetunion gewonnen, und auch im Politbüro war es gefährlich, allzu kooperativ zu erscheinen. Drittens betont er den Doppelcharakter der Akteure – einerseits messianische Modernisierungskonkurrenz ohne territoriale Grenzen, andererseits zwei rationale Akteure im klassischen Staatensystem. Dann weist er auf Nuklearwaffen als entscheidendes Merkmal hin, die den direkten Konflikt zwischen den beiden Supermächten stets „kalt“ bleiben ließen – allerdings zeigt Harper, dass nukleare Erpressungsversuche immer ohne Erfolg waren. Fünftens spricht er ohne Scheu aus, dass auf dem europäischen „Hauptkriegsschauplatz“ der Kalte Krieg von Anfang an entschieden war: Die sozialistisch-demokratischen Wohlfahrtsstaaten West- und Nordeuropas bildeten das Modell, nach dem alle strebten. Doch selbst in der „Dritten Welt“ war nach 1964 die Sache im Grunde klar, als Brasilien, Indonesien und der Kongo/Zaire sich faktisch dem westlichen Lager anschlossen. Darum nennt Harper – wie zahlreiche andere Historiker auch – Vietnam eine „tragische side-show“, den Krieg „einen Akt der Torheit und des Masochismus ohne Gleichen im Kalten Krieg“. Denn dieser Krieg wurde letztlich allein aus innenpolitischen Gründen geführt. Er war nicht nur selbst nach harten geopolitischen wie nach weichen kulturellen und gesellschaftspolitischen Maßstäben unnötig, er führte auch zu Inflation und Überschuldung. Damit verbunden ist ein weiterer Punkt Harpers: Er nennt Mao und China nicht nur einen Schlüsselfaktor, sondern einen der eigentlichen „Gewinner“ des Kalten Krieges.

Zwei weitere Leitmotive Harpers fügen sich in seine schlüssige, lesbare und empfehlenswerte Interpretation: Zum einen zeigt er, welche Anziehungskraft der Kommunismus haben konnte, wenn er sich mit dem Nationalismus verbündete, also kaum mehr als eine Organisationsstruktur für nationale Befreiungsbewegungen bot. Zugleich zerbrachen Idee und Herrschaft des Kommunismus daran, dass die sowjetische Ordnung eine imperiale Seite hatte – „die letzte und größte Kolonialmacht aller Zeiten“ war, in den Worten de Gaulles. Zum anderen äußert Harper mit Kennan tiefes Bedauern darüber, dass dieser eine Epoche definierende, die gesamte Menschheit bedrohende und unermessliche ökologische und ökonomische Ressourcen verschlingende Konflikt von Anfang an zu vermeiden, wenigstens zu entschärfen gewesen wäre. Es gab hier keine tragische Konsequenz. Ein klein wenig mehr guter Wille auf beiden Seiten hätte genügt. Und so wird Harper das Studium des Kalten Krieges zum Gegenmittel gegen alle Illusionen der Allmacht: Eine Botschaft, die methodisch nicht en vogue sein mag, dafür aber umso heilsamer ist und sich in die historiographischen Warnungen vor menschlicher Hybris seit Thukydides einreiht.

Anmerkungen:
[1] Ruud van Dijk u.a. (Hrsg.), Encyclopedia of the Cold War, 2 Bde., New York 2008; Bernd Greiner u.a. (Hrsg.), Studien zum Kalten Krieg, 6 Bde., Hamburg 2006–2013; Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, 3 Bde., Cambridge 2010.
[2] Vgl. etwa John Lewis Gaddis, Surprise, Security, and the American Experience, Cambridge 2004; oder den triumphalistischen und dem Realismus Kennans gegenüber kritischen Ton in seiner von dieser „Legende“ des Kalten Krieges autorisierten Biographie, George F. Kennan. An American Life, New York 2011.
[3] Odd Arne Westad, The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2005; Melvyn P. Leffler, For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union, and the Cold War, New York 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.05.2013
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/