Cover
Titel
Sarajevo Under Siege: Anthropology in Wartime.


Autor(en)
Maček, Ivana
Reihe
Ethnography of Political Violence
Erschienen
Anzahl Seiten
250 S.
Preis
€ 44,38
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Jens Adam, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

„Nothingness has no form, so how can it be presented?“, fragt Ivana Maček im Vorwort zu ihrer ethnographischen Studie zur Belagerung Sarajevos, die – vor genau zwanzig Jahren – im April 1992 begann und das Leben der Stadt über 3 ½ Jahre grundlegend prägte und nachhaltig veränderte. „Nothingness“ steht dabei für die massiven Zerstörungen als Folge der Einkesselung, der Blockade und des Dauerbeschusses der Stadt, denen eine „Anthropologie in Kriegszeiten“ in ihren Darstellungsformen und Analysen gerecht werden muss. Die nachhaltige Beschädigung der materiellen Substanz und urbanen Infrastruktur bilden hierbei den weithin sichtbaren Rahmen; Ivana Maček fragt aber nach den tieferen Schichten der Zerstörung einer europäischen Stadt: etwa nach den destruktiven Auswirkungen auf die soziale Struktur, kulturelle Gewohnheiten und Lebensformen, auf politische Ideen, moralische Überzeugungen, selbst auf die Sprache und natürlich auf Vorstellungen von Zusammengehörigkeit. Wie also können die „Leerstellen“, die ein Krieg produziert, ethnographisch erforscht werden?

Mačeks Vorschlag lautet, primär „Prozesse der Kreativität“ zu fokussieren, denen sie im Rahmen ihrer Feldforschungen während und kurz nach der Belagerung in der Stadt begegnet ist. Entsprechend verfolgt sie „Artefakte, Praxen, Ideen und Sprechakte“, die die Bewohner im Zuge ihrer alltäglichen Umgangsweisen mit Gewalt und Bedrohung produzierten. Durch diese Konzentration auf entstehende Formen, Improvisationen des Alltags und kreative Prozesse möchte Maček die Destruktivität des Krieges sichtbar machen – ähnlich wie ein Fotonegativ ein Motiv vor den Augen des Betrachters entstehen lässt (S. xi).

Ihre ethnographische Untersuchung konzentriert sich folglich auf die unterschiedlichsten Facetten des Alltags der Menschen in der belagerten Stadt einerseits und auf die Effekte von Krieg und Gewalterfahrungen andererseits. So beschreibt sie im ersten Teil ihres Buches etwa eindrücklich die Vielfalt möglicher Umgangsstrategien mit der permanenten Bedrohung durch Heckenschützen, die Verbreitung spezifischer Formen magischen Denkens, die Entstehung eines besonderen Humors sowie die Aufrechterhaltung eines kreativen kulturellen Lebens als Reaktionsweisen auf die fremdbestimmten Lebensumstände, den Kampf um Essen, Wärme und Wasser als Leitmotive des Alltags, den Erfindungsreichtum der Bewohner/innen bei der durchgängig schwierigen Sicherung der Existenzgrundlagen sowie die vielschichtigen Auswirkungen des Krieges auf Familien, Freundschaften, Nachbarschaften und andere soziale Vertrauensverhältnisse.

Der zweite Teil des Buches konzentriert sich auf den folgenreichsten Effekt des Krieges für das Zusammenleben und die demographische Zusammensetzung der Stadt: das Eindringen von mächtigen ethnonationalen politischen Projekten in den Alltag einer traditionell multireligiösen Stadtgesellschaft, die zumindest bis zum Beginn der Belagerung ihr lokales Selbstverständnis und ihren urbanen Stolz primär eben aus dem routinierten und eingeübten Zusammenleben in einem von Diversität geprägten Umfeld zog. Mit dem Krieg kamen die nationalen Identitätspolitiken, die eben jenen Alltag zum Problem erklärten und Abgrenzung, Reinheit und Exklusivität forderten. Ivana Maček vertritt sehr deutlich die These, dass diese sich ausschließenden ethnonationalen Identitäten – in erster Linie der orthodoxen Serben, der katholischen Kroaten und der Muslime – vor der Belagerung in dieser Form nicht existierten, sondern erst durch die „reziproke Logik des Krieges“ ihre verfestigte Gestalt gefunden haben: „Differenz“ wird im Zuge eines gewalttätigen Konflikts entdeckt und zunehmend als „Norm“ etabliert (S. 124 und S. 209). Das zerstörerische Moment ergab sich demnach im Kontext der Systemtransformation nicht aus der Co-Präsenz und der Mischung unterschiedlicher ethnoreligiöser Gruppen und Identitäten in Sarajevo, sondern aus der politischen Produktion und der zunehmenden Verbreitung von Angst und Gewalt, die das Vertrauen, die sozialen Beziehungen und die Nachbarschaften zunehmend unterminierten.

Eine der großen Stärken des Buches besteht in dem exakten und differenzierten Nachzeichnen des allmählichen Verwebens dieser ethnonationalen Identitäten mit den individuellen Leben der Stadtbewohner/innen, das sich in einer Vielzahl von Alltagssituationen Schritt für Schritt vollzog: etwa in der Besinnung auf distinkte Gebetsformen in den Momenten existentieller Bedrohung; in der „Entdeckung“ und öffentlichen Registrierung der eigenen religiösen Identität, um hierdurch Zugang zu den Hilfsgütern religiöser Organisationen zu bekommen; in der zunehmenden Verbreitung der Vorstellung von unterschiedlichen Sprachen der Serben, Kroaten und Muslime in einem eigentlich monolingualen Kontext; in einer anwachsenden Differenzierung der Vergabe von Wohnungen, Arbeitsmöglichkeiten und Positionen in der Armee entlang von ethnoreligiösen Gruppenzugehörigkeiten; oder in der Durchdringung des Alltagslebens von zunehmend standardisierten Narrativen von den Kriegsursachen, die den unterschiedlichen ethnonationalen Kollektiven wechselseitig und pauschal die Rollen der „Opfer“, der „Angreifer“ und somit auch der „Schuldigen“ zuwiesen.

Ivana Maček zeigt aber auch, wie sich die Stadtbevölkerung eben gegen die Macht der ethnonationalen Identitätspolitiken zu wehren versucht und hierzu auf die Erfahrungen und Beziehungen des langjährigen, unhinterfragten Zusammenlebens im lokalen Raum zurückgreift: So differenzieren die Bewohner/innen etwa zwischen „Serben“, die während der Belagerung in der Stadt geblieben sind und „Serben“, die sie mit Ausbruch des Krieges verließen, und stellen somit die imaginierte Homogenität des ethnonationalen Kollektivs in Frage. So halten sie trotz der trennenden Botschaften der Differenzpolitiken vielfach an freundschaftlichen Loyalitäten und nachbarschaftlichen Vertrauensbeziehungen über die diskursiven Trennlinien hinweg fest. Und sie protestieren etwa gegen neue Formen der Beschränkung des Zugangs zu Moscheen für nicht-muslimische Bewohner/innen und verweisen hierbei auf die lokale Tradition der Offenheit und der interreligiösen Begegnung. Gleichfalls bemühen sich einzelne Individuen um die Positionierung als Angehörige einer „vierten Nation“, die sich eben auf diese besondere lokale Geschichte beruft, für einen heterogenen, multinationalen Staat eintritt und sich hierdurch der geforderten exklusiven Zuordnung zum kroatischen, serbischen oder muslimischen Kollektiv zu entziehen versucht. Im Ergebnis entsteht somit das fundierte Bild eines vielschichtigen symbolischen und politischen Machtkampfes zwischen unterschiedlichen nationalistischen Politiken einerseits und den Bezugnahmen auf die lokalen Traditionen der Vielfalt andererseits, der die Stadt auch nach Ende der Belagerung im großen Umfang prägt (S. 190) – ein Machtkampf, der in unzähligen Alltagssituationen ebenso sichtbar wird wie in Erinnerungspolitiken oder in städtischen und staatlichen Verwaltungsakten.

Zur Entfaltung und Ordnung ihres ethnographischen Materials entwickelt Ivana Maček zwei Analysemodelle, die nicht nur die Darstellung der konkreten Fallstudie eindrucksvoll verdichten, sondern das Buch gleichzeitig als einen maßgeblichen Beitrag zu einer Anthropologie des Krieges ausweisen.

Einerseits erarbeitet sie die Perspektive der „Imitation des normalen Lebens“, um das ständige Oszillieren der Bewohner/innen im alltäglichen Überlebenskampf zwischen der notwendigen Akzeptanz der neuen Lebensbedingungen der Belagerung einerseits und dem Versuch eines Festhaltens an den Normen, Formen und Routinen der Vorkriegszeit andererseits zu beschreiben (S. 5ff. und S. 62ff.). Die Bewohner/innen reagierten demnach mit der „Imitation des normalen Lebens“ auf den Zusammenbruch der bisherigen Vorstellungen von „Normalität“ durch den Ausbruch der Gewalt und trugen hierdurch nicht nur zu einer gewissen Stabilisierung des Alltagslebens unter den chaotischen Bedingungen des Krieges bei, sondern bewahrten sich ebenfalls ein Gefühl für die eigene Würde und für Handlungsspielräume im Kontext weitgehender Fremdbestimmung. Sie sorgten gleichzeitig auch für eine gewisse soziokulturelle Kontinuität, da sich an die imitierten Formen von Normalität nach Ende der Belagerung anknüpfen ließ.

Andererseits identifiziert Ivana Maček drei „Modi“ – den „Modus des Zivilisten“, den „Modus des Soldaten“ und den „Modus des Desserteurs“ –, mit denen die Bewohner/innen Sarajevos den Krieg, seine Ursachen und seinen Verlauf auf eine jeweils unterschiedliche Weise wahrnehmen und deuten (S. 5 und S. 191ff.). Die Anwendung jedes dieser Modi führt gleichfalls zu sehr verschiedenen und sogar widersprüchlichen moralischen Haltungen, zu anderen Positionen zu Fragen nach Schuld, Verantwortung und nach der Wirklichkeit des Krieges. Maček zeigt, dass jede Person, die der massiven Gewalt des Krieges ausgesetzt ist oder von ihr berichtet, zwischen diesen Modi wechselt und somit selbst im Rahmen des gleichen Gesprächs zu sehr unterschiedlichen Positionen und Einschätzungen kommen kann. Dieses Umschalten deutet Maček nicht nur als eine Folge des chaotischen Charakters des Kriegs an sich, sondern gleichzeitig als Ausdruck der Versuche der Menschen, einem letztlich unverständlichen Geschehen Sinn abzuringen. Beide Analysemodelle beschreiben somit die zentrale Spannung, die Ivana Maček als wichtige Rahmenbedingung für die Gestaltung des Alltags der Individuen in der belagerten Stadt ausmacht: die Erfahrung der Irrationalität und Unverständlichkeit des Krieges einerseits und die Notwendigkeit unter diesen Umständen ein einigermaßen kohärentes Leben zu führen andererseits.

Das methodische Vorgehen Ivana Mačeks und die Konzentration ihrer Darstellung auf den alltäglichen Umgang mit Krieg und auf die Effekte von massiven Formen politischer Gewalt verweisen auf ihre grundsätzliche Haltung, die sich auch als eine programmatische Positionierung innerhalb einer Anthropologie des Krieges lesen lässt: Maček lehnt es ab, nach den Ursachen der Gewalt zu fragen oder eine eventuelle Logik oder Rationalität des Krieges herauszuarbeiten. Denn die Suche nach den Gründen führe zwangsläufig dazu, die Teilungen in unterschiedliche Kriegsparteien mit ihren jeweiligen Zielen und Rechtfertigungen von massiver Gewalt zu reproduzieren (S. 4). Mačeks Studie ist somit mehr als eine ethnographisch dichte und analytisch tiefgründige Dokumentation der Transformation einer europäischen Stadt durch Krieg und Belagerung. Sie ist ein wesentlicher und eindrucksvoller Beitrag zu der Diskussion der Herangehensweisen, Methodik und Fragestellungen anthropologischer Forschung in Feldern massiver politischer Gewalt.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.05.2012
Beiträger
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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