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Titel
FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation


Autor(en)
Weiner, Tim
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Fischer Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
695 S.
Preis
€ 22,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Fischer, Düsseldorf

Tim Weiner ist ein intimer Kenner der amerikanischen Geheimdienst-Szene. 2007 machte er mit dem Buch „CIA. Die ganze Geschichte“ von sich reden.[1] Nun hat er ein Werk über die amerikanische Bundespolizei vorgelegt und beleuchtet die Geschichte des Federal Bureau of Investigation – kurz: FBI. So viel sei bereits zu Beginn gesagt: Die Geschichte ist wieder einmal spannend und mitreißend erzählt. Dennoch stellt sich das ein oder andere Mal eine Art Déjà-vu-Erlebnis ein; man glaubt, dass man das alles so schon mal gelesen hat. Der Duktus ist dem Buch über die CIA zu ähnlich und der einzige Unterschied manifestiert sich oftmals doch nur in den drei Buchstaben und dem, was sie bedeuten.

Dies soll die verdienstvolle Arbeit von Tim Weiner aber nicht schmälern, denn wieder einmal hat er eine bemerkenswerte Materialfülle in einer beeindruckenden Dichte zusammengetragen. Dies verdankt sich dem Umstand, dass seine Studie über das FBI in einem Zeitraum entstanden ist, in welchem ein Großteil der seit dem Zweiten Weltkrieg unter Verschluss gehaltenen Dokumente freigegeben wurden. Auch das FBI selbst hat unter seinem Chefhistoriker John H. Fox Jr. die Geschichte der eigenen Institution aufgearbeitet und zu einem großen Teil online zugänglich gemacht.[2] Zum anderen stützt sich Weiner auf Zeitzeugenaussagen, die von der „Society of Former Special Agents of the Federal Bureau of Investigation“ zusammengetragen wurden. Darüber hinaus wurden ihm nach 26-jährigen Bemühungen die Geheimdossiers von J. Edgar Hoover zugänglich gemacht (S. 592).

Doch trotz dieser Fülle an Materialien, von denen man zurecht annehmen könnte, dass sie ein vollständiges Bild der Institution FBI zeichnen, zeigt sich auch hier wieder das Problem, mit welchem Tim Weiner schon bei der Erforschung der CIA zu tun hatte: Niemand kennt das gesamte Ausmaß der Operationen, die das 1908 zunächst als „Bureau of Investigation“ gegründete FBI durchgeführt hat. Zuviel ist in den so genannten Verbrennungstüten gelandet, wurde unwissentlich oder gar wissentlich vernichtet. Der berühmteste Fall ist wohl der des kommissarischen Direktors L. Patrick Gray: Dieser hatte am 28. Juni 1972 im Weißen Haus von John Dean, dem Rechtsberater von Präsident Richard Nixon, geheime Unterlagen aus dem Safe von Howard Hunt erhalten. Hunt war dem Sonderberater des Präsidenten, Charles Colson, unterstellt und führte Operationen als „Klempner“ aus, was hieß, dass er „Problemfälle“ für den Präsidenten der Vereinigten Staaten erledigte. Hunt hatte belastendes Material im Zusammenhang mit dem Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten im Watergate-Komplex zusammengetragen, welches nun durch einen Zufall dem FBI-Direktor zuging. Gray war mit der Situation nach dem Tode J. Edgar Hoovers restlos überfordert und verbrannte die Akten sechs Monate später in einer Mülltonne hinter seinem Haus – ein wertvolles Puzzlestück in der Geschichte um den Watergate-Vorfall ging damit verloren (S. 412).

Die Geschichte des FBI – so wie Weiner sie zeichnet – ist eine Geschichte des „Wissen Wollens“ im Gegensatz zum „Wissen können“. Die Aufgabe der Behörde war es, für die Sicherheit der USA Sorge zu tragen, diesbezüglich Informationen zu sammeln und Verdächtige festzunehmen. Bis heute besitzt das FBI, als Folgeinstitution des Bureau of Investigation 1935 eingerichtet, keine rechtliche Legitimierung. Groß geworden war die Behörde in einer Zeit der Umbrüche. In den USA entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine teilweise gut funktionierende kommunistische Bewegung. Die Regierung der Vereinigten Staaten sah diese Bewegung immer nur unter dem Gesichtspunkt der Gefährdung. Sie traf damit genau die Meinung einer Person, die sich aufschwang, die amerikanische Geschichte mit zu bestimmen: J. Edgar Hoover. Als junger Mann fing er beim „Bureau of Investigation“ an und erarbeitete sich durch Fleiß, Disziplin, Loyalität und Überzeugung seine spätere Position. Tim Weiner räumt dabei mit vielen Legenden und Mythen rund um die Person Hoover auf. Ein Fakt bleibt dennoch: Hoover war das FBI und das FBI war Hoover. Es gab und gibt wohl wenige andere Personen, die das Bild und Verständnis einer Institution bzw. Behörde so geprägt haben, wie J. Edgar Hoover. Jenseits aller Legenden hatte Hoover mit dem FBI eine Institution aufgebaut, die sich seit Anbeginn anschickte, amerikanische Sicherheitspolitik im In- und Ausland mitzubestimmen. Hoover ging dabei – wie spätere Direktoren des FBI auch – weit über die Aufgaben einer Bundespolizei hinaus. Da das FBI auch mit der Abwehr von Spionage und der Bekämpfung von Terrorismus beauftragt war, sah J. Edgar Hoover seine Kompetenzen auch in der internationalen Sicherheitspolitik.

Weiner zeigt dabei eindrücklich, wie das FBI vorging: mit dem fast schon selbstverständlichen Einsatz illegaler Methoden. Von Anfang an beschaffte sich das FBI seine Informationen durch Einbruchdiebstähle, Unterwanderung und das Abhören von Versammlungen, später von Telefonen. Grenzen gab es für das FBI dabei nicht; ob Arbeiter, Kommunisten, Bürgerrechtler, Kriegsgegner oder Politiker – alle wurden, sobald sie sich aus der Sicht Hoovers und des FBIs abweichend verhielten, zur Zielscheibe von Überwachung und Denunziation. Für Hoover war es besser, alles zu wissen, auch wenn die Herkunft der Informationen nicht immer mit legalen Methoden verbunden war. Das FBI agierte in einer Kultur, die Sicherheit weit über Freiheit stellte. Hoover bestimmte dabei mit seinem FBI auch die internationale Politik der USA mit. Als 1965 die Dominikanische Republik drohte kommunistisch zu werden, setzte Präsident Lyndon B. Johnson auch auf das FBI: Den Kandidaten der USA für das Präsidentenamt, Joaquin Balaguer, wählte Hoover aus. Auch in anderen lateinamerikanischen Ländern war das FBI durch so genannte Rechtsattachés vertreten.

Um die Sicherheit der USA zu gewährleisten, oder das, was er unter Sicherheit verstand, hatte Hoover das FBI zu einer fast autonomen Behörde umgebaut. Im Prinzip war das FBI dem Justizminister unterstellt, Hoover verstand es aber, seinen Spielraum so weit als möglich auszudehnen. Ein schwerer Schicksalsschlag war für ihn die Gründung der CIA. Mit all seinen Erfahrungen und seinen gesammelten Erkenntnissen sah er stets „sein“ FBI als den eigentlichen amerikanischen Geheimdienst an. Die Erfolge des FBI waren jedoch stets zweifelhaft oder gar nicht existent. Das Schreckensbild einer zentral gesteuerten kommunistischen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten – von denen die Arbeiter, Studenten, die Bürgerrechtsbewegung, die Black Panthers, Fidel Castro usw. Teile waren – ließ sich durch das FBI nie beweisen. Das Verhältnis von Hoover zu den Präsidenten war stets wechselhaft und oftmals angespannt. Andere Probleme waren, dass das FBI immer wieder knapp davor stand, dass seine illegalen Methoden öffentlich wurden. Und auch die Methoden selbst waren problematisch: Als zum Ende der 1960er-Jahre die radikalen Linken in den USA durch FBI-Agenten unterwandert wurden, gefiel einigen Agenten diese neue Leben so gut, dass sie beschlossen die Seite zu wechseln.

Es waren jedoch im Rückblick zwei große, entscheidende Zäsuren, die das FBI fast an den Rand des Zusammenbruchs brachten: Der Tod J. Edgar Hoovers, in dessen Fahrwasser mit dem Watergate-Skandal eine vorher nie da gewesene Welle der Veröffentlichung von Abhörmethoden einherging; und der 11. September 2001, den auch das FBI nicht verhindern konnte. Tragischerweise hatten beide Ereignisse aber auch gezeigt, wozu das FBI in der Lage war. Weiner stellt eindrücklich dar, dass die kompromittierenden Erkenntnisse der Washington Post und der New York Times bezüglich des Einbruchs in den Watergate-Komplex mit seinen Hintergründen zu großen Teilen auf den Ermittlungsergebnissen einer kleinen Gruppen von FBI-Agenten beruhen. Und auch im Vorfeld des 11. September lieferte das FBI aufgrund des Wissens eines Insiders wertvolle Hinweise, die lediglich nicht die notwendige Beachtung fanden. Auch hier waren die Methoden das Problem: Entweder sie waren eindeutig illegal oder nicht auf der Höhe der Zeit.

Tim Weiner zeichnet das Bild einer Institution, die seit ihrer Gründung mit dem Widerspruch von Sicherheit und Freiheit zu kämpfen hatte. Er selbst stellt dabei an sich einen recht hohen Anspruch, wenn er schreibt: „Wir verspielen unsere künftige Freiheit, wenn wir es versäumen, unsere Geschichte zu deuten“ (S. 592). Diesem Anspruch wird er leider nur teilweise gerecht; zu oft erschöpft sich das Buch in lediglich anekdotischen Darstellungen. Diese lesen sich stets spannend und aufschlussreich. Es bleibt aber der Eindruck, dass Weiner oftmals eine Deutung schuldig bleibt.

Anmerkungen:
[1] Tim Weiner, CIA. Die ganze Geschichte, Frankfurt am Main 2008, vgl. Erik Fischer: Rezension zu: Weiner, Tim: CIA. Die ganze Geschichte. Frankfurt 2008, in: H-Soz-u-Kult, 20.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-050> (11.06.2012).
[2] Unter <http://vault.fbi.gov> (28.05.2012) findet man zahlreiche Dokumente zur Geschichte des FBIs und deren Ermittlungen.

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Veröffentlicht am
18.06.2012
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