A.-B. Renger: Europa - Stier und Sternenkranz

Cover
Titel
Europa - Stier und Sternenkranz. Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund


Herausgeber
Renger, Almut-Barbara; Roland Alexander Ißler
Reihe
Gründungsmythen Europas in Literatur, Musik und Kunst, Bd. 1
Erschienen
Goettingen 2009: V&R unipress
Anzahl Seiten
656 S.
Preis
€ 77,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Teresa Pinheiro, Institut für europäische Studien, Technische Universität Chemnitz

Es sind schwierige Zeiten für Europa. Die Euro-Krise zieht immer weitere Kreise, die Europäische Union sucht nach politischen Lösungen, Politiker und Intellektuelle fordern einmal ein Mehr an gemeinsamen Regeln und Institutionen, ein andermal beschwören sie das Ende des vertrauten politischen Europa. Ein tiefes Nachdenken über Europa hat sich verbreitet.

Beim Nachdenken über Europa wird gerne auf die antike Mythologie zurückgegriffen. Denker und Gelehrte kommen überein, die gegenwärtige Situation sei mit Odysseus’ Irrfahrt zu vergleichen. Homers Epos wird ebenso zitiert wie die Entführung Europas durch Zeus, der europäische Gründungsmythos schlechthin. Die Geschichte der jungen, phönizischen Prinzessin, die von dem in einem Stier verwandelten Zeus nach Kreta gebracht wird – mit Faszination und Angst auf ihrer Seite vor der Gewalt und Behutsamkeit auf seiner – diese Geschichte bietet eine Reihe von interessanten Zutaten für freie Interpretationen der Lage Europas heute.

Der Mythos der Entführung Europas hat seit seiner Entstehung in der Antike eine unaufhaltsame Karriere durch die Jahrhunderte hindurch gemacht hat. Dass er dabei stets mit bestimmten Absichten instrumentalisiert wurde, bietet den Ansatzpunkt des vorliegenden Bandes. In jeder Epoche erfüllte die Mythisierung Europas bestimmte Funktionen. Danach zu fragen, zielt darauf ab, die politischen Zusammenhänge ebenso wie die Mentalität jener Zeit zu studieren.

Somit wollen die Herausgeber nicht etwa herausfinden, was die essenziellen Ingredienzien Europas ausmacht. Sie wollen aufzeigen, wie Europa jeweils dargestellt wird, und warum dies geschieht. Wenn also der Band mit der Frage beginnt „Was ist Europa?“ (S. 9), so soll dies nur deutlich machen, dass hier nicht nach dem Wesen des Kontinents, nach historischen, kulturellen, politischen oder geographischen Charakteristika gesucht wird, die vermeintlich die Einheit Europas ausmachen sollen. Vielmehr geht es darum, welche politische Botschaft hinter einer bestimmten Europa-Darstellung steckt und welche Eigen- und Fremdzuschreibungen Europa-Darstellungen transportieren. Dabei soll auch aufgeklärt werden, wie die Vorstellung entstanden ist, es handele sich bei Europa – entgegen jeglicher gängigen Definition – um einen Kontinent. Das Buch verfolgt kurzum eine diskursive Herangehensweise, die auf Repräsentationen Europas fokussiert.

Der Einstieg in die einzelnen Fallanalysen wird durch den einleitenden Beitrag „Stier und Sternenkranz: Europa in Mythos und Geschichte. Ein Rundgang“ erleichtert, der aus der Feder des Herausgeberteams stammt. Hier laden Almut-Barbara Renger und Roland Alexander Ißler zu einer Reise in die Geschichte des Mythos Europa ein. Es sind insbesondere die Verbindungen zwischen der Figur Europa aus der antiken Mythologie, der Bezeichnung des Erdteils und dem Kulturbegriff Europa, die hier nachgezeichnet werden. In einem groß angelegten Streifzug durch die Geschichte des Europa-Konzepts seit Herodot bis zur Einführung des Euro zeigen Renger und Ißler, dass der Mythos der Entführung Europas eine Vielfalt von diskursiven Traditionen aufweist (S. 94). Ihr Einfluss bringt in der Vorstellung von Europa widersprüchliche Elemente zusammen, etwa die Opposition zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Tier, zwischen Orient und Okzident. Gerade diese Ambivalenzen erklären die Beliebtheit des Europa-Stoffes für eine „reichhaltige Rezeption im erotischen ebenso wie, und ganz besonders, im politischen Sinne“ (S. 95).

Der einleitende Beitrag macht Appetit, mehr über die Geschichte des Mythos und ihre Funktionalisierung in den verschiedenen Epochen und diskursiven Kontexten zu erfahren. Die nachfolgenden Fallstudien enttäuschen diese Erwartung nicht. Die AutorInnen der Beiträge befassen sich mit zahlreichen Beispielen, die insgesamt fünf Mytheme der Europa-Darstellung erkennen lassen: Europa als die phönizische Prinzessin in ihrer Interaktion mit dem Stier; Europa als die Bezeichnung eines Erdteils; Europa als Kriegerin (promachos); die Personifikation Europas in allegorischer Frauengestalt; Europa als Staatenbund in Gestalt des Sternenkranzes.

Mehr oder weniger mit diesen Mythemen korrelierend, werden die 33 Artikel in fünf verschiedene Sektionen eingeteilt: I – Europa und der Stier: Vom Mythos zu Literatur und Künsten; II – Die Reise der „Madame Europa“: Vom Mythos zur Kontinentalallegorie; III – Auf dem Stier zu den Sternen: Von der Vielfalt zur Einheit; IV – Konzert der Nationen: Von der Einheit zur Vielfalt; V – Die Wiedergeburt Europas: Erbe und Verantwortung.

Die erste Sektion – Europa und der Stier: Vom Mythos zu Literatur und Künsten – ist der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Mythos der Entführung Europas seit der Antike bis in die Gegenwart gewidmet. Die Sektion wird mit einer Studie zur Verschränkung zwischen dem Mythos der phönizischen Prinzessin und der Bezeichnung Europas für den Erdteil eingeleitet (Angela Kühr). Die folgenden Beiträge untersuchen den Niederschlag des Mythos Europa von seiner Etablierung in der antiken Literatur (Bernhard Kytzler, Thomas Poiss, Peter von Möllendorff) bis hin zur Verarbeitung des Stierkults in Europa (Karl Braun) und zur Adaption des Mythos in verschiedenen literarischen Werken Europas (Gerhard Poppenberg, Barbara Kuhn, Luisa Passerini).

Die Beiträge der zweiten Sektion – Die Reise der „Madame Europa“: Vom Mythos zur Kontinentalallegorie – behandeln die Entstehung der Personifikation Europas in europäischen Karten der Frühen Neuzeit. Sie deuten diese als Ausdruck der Vormachtstellung der europäischen Mächte in der ersten Phase der europäischen Übersee-Expansion. Dabei tritt nicht nur die triumphierende Pose der „Madame Europa“ auf den Laufsteg der Weltgeschichte, wie sie insbesondere in der allegorischen Karte Europa prima pars terrae in forma virginis von 1588 bekannt geworden ist (Odile Wattel-de Croizant, Sabine Poeschel, Bodo Guthmüller, Annegret Pelz). Auch die entgegengesetzte Repräsentation Europas als klagende und durch Kriege geschwächte Frau findet in der Literatur, vor allem aber in der Malerei, etwa in Rubens’ Gemälde Die Folgen des Krieges von 1637, ihren Ausdruck, wie der Beitrag von Elke Anna Werner sehr schön zeigt. Dass immer wieder versucht wurde, „Madame Europa“ bestimmte nationale Züge zu verleihen, macht der Beitrag von Ivana Rentsch deutlich. Die Autorin beschäftigt sich mit dem Versuch Frankreichs, die eigenen Formen von Tanz und Musik bei den europäischen Nachbarn zu verbreiten, um die französische Vormachtstellung in Europa zu etablieren. Monika Schmitz-Emans beschäftigt sich mit den Visionen Europas im Werk der in Japan geborenen und in Deutschland lebenden Schriftstellerin Yoko Tawada, in denen Europa und Japan aus einer unüblichen Innen- und zugleich Außenperspektive betrachtet werden.

Die nachfolgende Sektion – Auf dem Stier zu den Sternen: Von der Vielfalt zur Einheit – ist der kulturellen Vielfalt als eines Gründungsmythos Europas gewidmet. Dieser Linie verpflichtet, geht Alexander Demandt dem Diskurs um die Vielfalt Europas in seiner historischen Tiefe nach. Er zeigt, dass eine langfristige Einigung in Europa nur auf föderativem Weg möglich ist. Dem diskursiven Zuschnitt des gesamten Bandes entsprechend legt Immanuel Musäus eine überaus spannende Geschichte der Etymologien des Wortes „Europa“ vor. Im Vordergrund steht dabei nicht etwa die Erkundung des etymologischen Ursprungs des Namens, sondern vielmehr die Geschichte der im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich beschriebenen Etymologien von Europa. Denn ob etymologische Studien den Namen Europas aus eurýs (weit, breit) oder euróeis (modrig, faulig) ableiten – dahinter steckt nicht selten eine politische Deutung. Auch die weiteren Beiträge dieser Sektion beschäftigen sich mit sehr interessanten politischen Facetten der Konzeptualisierung Europas. Ob bei Herodots Darstellung Europas vor dem Hintergrund der Perserkriege (Linda-Marie Günther), bei Europas Verhältnis zum Meer in der Allegorie wie in der Politik (Elisabeth Lichtenberger), bei der Instrumentalisierung des Europa-Mythos im Dienste politischer Ambitionen europäischer Herrscherhäuser seit der Renaissance (Wolfgang Schmale) oder bei den politischen Symbolen der Europäischen Union (Roland Bieber) – stets ist die politische Dimension des Europa-Konzepts Gegenstand des Interesses.

Sektion IV – Konzert der Nationen: Von der Einheit zur Vielfalt – enthält Beiträge zum spannungsreichen Verhältnis, das aus den Bestrebungen nach Einigung und Integration bei gleichzeitig bestehenden Partikular-Sichtweisen der einzelnen Nationalstaaten resultiert. I Deug-Su zeigt, dass im Mittelalter eine Vielfalt von Europa-Begriffen jenseits von der Vorstellung des karolingischen Reichs herrschte. Die folgenden Beiträge beschäftigen sich mit Ideen europäischer Einigung seit der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (Klaus Pietschmann, Andreas Musolff) und mit Visionen Europas aus der Sicht einzelner Nationen (Peter Hanenberg, Jacques Le Rider, Karin Sarsenov). Besondere Aktualität erhält der Beitrag von Michael Bernsen angesichts der vielerorts kritisierten oder als Phänomen Merkozy verspotteten deutsch-französischen Achse. Bernsen stellt bei seiner Analyse der im Umfeld der Rheinkrise von 1840 verfassten Texte fest, dass sie Frankreich und Deutschland als den Kern Europas sehen und entsprechend trotz des territorialen Konflikts die zivilisatorischen Gemeinsamkeiten hervorheben.

Die Beiträge der fünften und letzten Sektion – Die Wiedergeburt Europas: Erbe und Verantwortung – enthalten in jeweils eigener Perspektive eine Diskussion über die historische Verantwortung Europas als Ort der Demokratie und des Friedens. Die Autoren und Autorinnen (Ekkehart Krippendorff, Christoph Jamme, Ralf Witzler, Vera Hofmann und Rodolphe Gasché) erörtern diese Fragen in ihrer Auseinandersetzung mit Intellektuellen und Philosophen, die seit der Romantik über Europa reflektieren und heute noch zu den großen Europa-Denkern gehören – Novalis, Nietzsche, Husserl, Heidegger, Habermas, Gadamer und Derrida. Das Ergebnis dieser Sektion ist ein ebenso spannender Dialog wie eine anregende Aktualisierung von Europa-Reflexionen auf das heutige Nachdenken über die Zukunft der Europäischen Union.

Mit dem Sammelband wurde ein Referenzwerk von großer Qualität für all diejenigen geschaffen, die sich mit der diskursiven Konstruktion Europas beschäftigen. Der große Verdienst der hier versammelten Beiträge liegt in ihrer konsequent kontextbezogenen Suche nach der Funktion der jeweiligen Mytheme. Die einzelnen Fallstudien zeigen, dass es entweder Kriege waren – die Persischen Kriege, der Dreißigjährige Krieg, die Weltkriege des 20. Jahrhunderts – oder das Streben nach einer Vormachtstellung im politischen Tableau Europas, die Politiker und Intellektuelle zur Verwendung bestimmter Mytheme Europas veranlassten. In der Gegenwart wiederum bietet der europäische Integrationsprozess selbst Anlass, Symbole aus der reichen Mythologie Europas zu bemühen, um politische Botschaften zu vermitteln.

Aus der historischen Tiefe, die der Band bietet, wird jedenfalls deutlich: Europa existiert vor allem in unseren Köpfen. Die Ideen Europas, die zu dieser oder jener Epoche in ihrem jeweiligen Kontext zirkulieren, schöpfen aus dem anwachsenden Repertoire literarischer und künstlerischer Darstellungen, wissenschaftlicher Abhandlungen und politischer Äußerungen, die zuvor auf der Suche nach dem Wesen Europas Gestalt gewonnen haben.

Die Lektüre der immerhin 656 Seiten ist angenehm. Zusammenfassungen der jeweiligen Beiträge, die zu Beginn des Buches wiedergegeben sind und nicht – wie üblich – am Anfang jedes Beitrags, erleichtern das Verständnis des Gesamtskonzeptes des Sammelbands sowie bei Bedarf die gezielte Auswahl. Lediglich die Zuordnung der einzelnen Beiträge in die fünf Sektionen des Buches will nicht immer einleuchten. Auch lässt sich die konzeptuelle Unterscheidung zwischen Sektion III und IV („Von der Vielfalt zur Einheit“ und „Von der Einheit zur Vielfalt“) nur mit Mühe nachvollziehen. Im Kontrast dazu überzeugt die innere Kohärenz der ersten Sektion, die dazu verlockt, sich mit allen darin untergebrachten Beiträgen zu beschäftigen.

Das Buch wird zweifellos die Bibliothek derjenigen bereichern, die sich mit Konzepten Europas beschäftigen. Krisengeplagte Europäer aus Überzeugung finden darin womöglich Antworten auf die Frage nach der Zukunft Europas.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.04.2012
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