J. Eck: Deutschland und Frankreich in der Globalisierung

Titel
Deutschland und Frankreich in der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert. L'Allemagne, la France et la mondialisation aux XIXe et XXe siècles


Herausgeber
Eck, Jean-François
Reihe
Schriftenreihe des Deutsch-Franzosischen Historikerkomitees 8
Erschienen
Stuttgart 2012: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
213 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Großmann, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

„Wenige Wörter“, so konstatiert Jean-François Eck in der Einleitung dieses Bandes, „haben sich der öffentlichen Debatte so plötzlich aufgezwungen wie das der ,Globalisierung‘“ (S. 11). An einer wissenschaftlichen Analyse des Phänomens seien deutsche und französische Fachhistoriker daher lange nicht interessiert gewesen, obwohl bereits Werner Sombart und Fernand Braudel auf den Zusammenhang zwischen kapitalistischer Dynamik und globaler Verflechtung verwiesen hätten. Der vorliegende Sammelband, der auf den Beiträgen der 12. Tagung des Deutsch-Französischen Historikerkomitees basiert, nähert sich dem Thema ganz bewusst mit einer offenen Definition. Seine Herausgeber begreifen Globalisierung nicht als verallgemeinernden oder nivellierenden Prozess, sondern als einen, der Unterschiede klarer hervortreten lässt und zu einer Vermehrung von Transfers sowie einer Verflechtung von Perspektiven führt. Deutschland und Frankreich werden dabei gleichermaßen als Akteure und als Zuschauer von Globalisierung verstanden. Die Einleitung, die das Rahmenthema anreißt, die einzelnen Beiträge resümiert und eine kurze Bilanz zieht, wird von Étienne François ergänzt um eine Skizze des Forschungsfeldes und der methodischen Herausforderungen, vor denen die Geschichtsschreibung der Globalisierung steht. Die insgesamt zehn thematischen Beiträge zur deutsch-französischen bzw. europäischen Globalisierungsgeschichte verteilen sich auf drei Abschnitte – zu den wirtschaftlichen Aspekten der Globalisierung, ihren sozialen Implikationen und ihrer Bedeutung für die internationalen Beziehungen.

Der erste Abschnitt stellt vier unterschiedliche Bereiche der wirtschaftlichen Globalisierung in jeweils längerfristiger Perspektive dar. Béatrice Dedinger untersucht die Einbindung Deutschlands und Frankreichs in den globalen Handel des 19. und 20. Jahrhunderts, indem sie den Anteil des Außenhandels am Bruttoinlandsprodukt und seine jeweiligen regionalen Schwerpunkte anhand statistischer Metadaten analysiert. Ein erster Schub der Handelsglobalisierung seit Mitte der 1850er-Jahre sei dabei mit einem Anstieg des außereuropäischen Handels sowie – ab 1870 – mit einer Lockerung und Umstrukturierung des deutsch-französischen Austauschs einhergegangen. Ein zweiter Globalisierungsschub in den 1960er- und 1970er-Jahren habe einen relativen Anstieg des innereuropäischen und insbesondere des deutsch-französischen Handels nach sich gezogen. Guido Thiemeyer befasst sich in seinem Beitrag mit den Reaktionen auf den währungspolitischen Internationalismus zwischen 1860 und 1900 in Frankreich und Deutschland. Während Frankreich auf das Instrument einer von Paris aus kontrollierten Lateinischen Münzunion setzte, entschied sich das Deutsche Reich 1871/73 für die Einführung des Goldstandards. In beiden Fällen führte die monetäre Globalisierung also letztlich zu einer Stärkung nationalstaatlicher Konzepte. Françoise Berger vergleicht die Anpassungsstrategien der Stahlindustrie in Frankreich und Deutschland angesichts der Globalisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts. Vergleichbare handelsstrategische Reaktionen und technologische Innovationen sowie Kartellbildung und Kapitalkonzentration hätten dabei in Deutschland und Frankreich zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Jean-François Eck präsentiert schließlich ein Beispiel für unternehmerische Reaktionen auf den Globalisierungsprozess. Saint-Gobain habe seine internationale Expansion bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen und sei schließlich zu einem weltweit tätigen, multinationalen Unternehmen aufgestiegen, dem eine identitäre Selbstverortung jedoch zunehmend schwerfalle.

Der zweite Abschnitt des Bandes befasst sich mit den sozialen Implikationen von Globalisierung. Jakob Vogel zeigt, dass die transnationale Zusammenarbeit im Bereich der Kolonialmedizin und der Seuchenvorsorge trotz oder gerade wegen des imperialen Wettlaufs schon vor dem Ersten Weltkrieg stark ausgeprägt war. Während der als internes Druckmittel eingesetzte Verweis auf die koloniale Rivalität die Entwicklung der Kolonialmedizin zu einem eigenen Forschungszweig förderte, arbeiteten Kolonialmediziner unterschiedlicher Mächte beim Aufbau der öffentlichen Gesundheitsvorsorge in den Kolonien oft eng zusammen. Insbesondere die praktische Seuchenbekämpfung entwickelte sich zu einem Feld verstärkter internationaler Kooperation. Cécile Prat-Erkert widmet sich dem Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationalen Migrationsbewegungen. Der Schwerpunkt des Beitrages liegt dabei auf der Zeit seit Mitte der 1960er-Jahre, für die Prat-Erkert eine starke Diversifizierung der Herkunftsländer, beträchtliche sozio-kulturelle Umwälzungen und vergleichbare Reaktionsmuster in Deutschland und Frankreich konstatiert. Sylvain Schirmann untersucht schließlich die Reaktionen französischer und deutscher Gewerkschaften auf die Etablierung des Europäischen Binnenmarkts im Jahr 1985. Dass die Gewerkschaften dieser entscheidenden Öffnung gegenüber den Zwängen der wirtschaftlichen Globalisierung nichts entgegensetzen und sich nicht auf eine grenzüberschreitende Strategie verständigen konnten, führt Schirmann auf ideologische Gegensätze und unterschiedliche nationale Traditionen, aber auch auf eine grundsätzliche strukturelle Krise der Gewerkschaften zurück.

Der dritte Abschnitt zu den Folgen der Globalisierung für die internationalen Beziehungen fällt konzeptionell und qualitativ gegenüber den ersten beiden Teilen ab. Philippe Alexandre vergleicht mit der protektionistischen Loi Jules Méline und den Handelsverträgen des Reichskanzlers Leo von Caprivi zwei einschneidende zoll- und handelspolitische Entscheidungen der Jahre 1891/92. Die französische und deutsche Presseberichterstattung über diese gegensätzlichen Maßnahmen lassen die zeitgenössischen Wahrnehmungen, Deutungen und Visionen der mit der wirtschaftlichen Globalisierung verbundenen Chancen und Gefahren deutlich hervortreten. Stephan Martens versucht mit einer geopolitischen Analyse von Machtkriterien, die außenpolitische Schwäche der Europäischen Union zu erklären. Er konstatiert einen relativen Machtverlust der westlichen Welt, eine Verschiebung des globalen Fokus vom atlantischen auf den pazifischen Raum sowie eine anhaltende deutsch-französische Uneinigkeit über Zweck und Aufgaben der europäischen Gemeinschaft. Martens empfiehlt Europa daher eine stärkere politische Union, um auf gleicher Augenhöhe mit den anderen Machtblöcken verhandeln zu können. Jean Nurdin kritisiert in seinem kurzen abschließenden Beitrag den technokratischen und marktliberalen Charakter der europäischen Integration, die nicht dazu in der Lage sei, Europa vor den Gefahren der Globalisierung zu schützen. Um die kulturelle Vielfalt Europas zu bewahren, fordert er eine Rückbesinnung auf die Gründungsideale der europäischen Gemeinschaft.

Nicht alle Beiträge des Bandes überzeugen in gleichem Maße. Auch können die thematisch teils sehr breit angelegten, teils sehr eng gefassten Beiträge sicherlich kein rundes oder gar vollständiges Bild von der deutsch-französischen Globalisierungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zeichnen. Wenig trennscharf und daher kaum hilfreich ist außerdem die Untergliederung in wirtschaftliche, soziale und (außen-)politische Dimensionen der Globalisierung. Dennoch zeigt der Band einige interessante Perspektiven auf und strukturiert das Feld für künftige Forschungsarbeiten vor. Diesen ist dann aber in jedem Falle ein sorgfältigeres Lektorat zu wünschen als den deutschsprachigen Abstracts des vorliegenden Sammelbandes, die offenbar in aller Eile aus dem Französischen übersetzt und dann nicht mehr von deutschen Muttersprachlern gegengelesen wurden.