Titel
»Ein Proll mit Klasse«. Mode, Popkultur und soziale Ungleichheiten unter jungen Männern in Berlin


Autor(en)
Ege, Moritz
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Anzahl Seiten
531 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Kaspar Maase, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Einige Studien aus der Europäischen Ethnologie fragen in jüngster Zeit, wie soziale und kulturelle Positionierungen am ‚unteren Rand‘ unserer Gesellschaft vorgenommen und wie sie von den derart Bezeichneten wahrgenommen und aufgenommen werden.[1] Hier schließt die vorliegende Studie zum „Proll“ an. Was ist „prollig“? Während „Proletarier“ und „Prolet“ unterschiedliche Bilder des historischen „Arbeiters“ aufrufen, kann die Qualifizierung als „prollig“ heute neben „Unterschichtlern“ auch Verhaltensweisen und Accessoires von Mitgliedern der Oberschichten und des Bildungsmilieus treffen – Protziges und Degoutantes ebenso wie als unangemessen empfundene Männlichkeitsposen. Geschmack und Ästhetik scheinen im Vordergrund solcher Urteile zu stehen – in denen doch die Traditionen sozialer Hierarchisierung mittels kultureller Abwertung weiterhin präsent sind.

Am „Proll“ kann Moritz Ege anschaulich zeigen, wie sich soziale Zuordnung (Unterschicht, Prekariat), kulturelle Abwertung („unzivilisiert“, ungebildet) und ästhetische Stilbeschreibung (trägt Bomberjacken, hört Gangsta-Rap) verbinden – und wie sich die Bedeutungsebenen gegeneinander verselbständigen. Allgemeiner formuliert, geht es ihm darum, wie sich in der pluralen Postmoderne soziale Ungleichheit, kulturelle Legitimation sozialer Hierarchien und das freie Spiel mit Elementen ästhetischer Selbstinszenierung zueinander verhalten. Holzschnitthaft formuliert: Hat es noch irgendetwas mit der Verachtung von oder gar dem Ekel vor Unterschichten zu tun, wenn Begeisterung für Straßenrennfilme wie „Fast & Furious“ als „prollig“ bewertet wird? Und muss es sich dabei überhaupt um ein negatives Urteil handeln?

Zur Untersuchung dieser aktuell wie geschichtlich höchst komplexen Zusammenhänge kombiniert Ege in seiner „ethnographischen Kulturanalyse“ (S. 144) verschiedene empirische Zugänge: Einen historischen Durchgang durch Typisierungen jugendlicher Subkulturen; eine Skizze zu Stilen im „post-proletarischen Berlin“ (S. 133); eine Medienanalyse der diskursiven Verwendung von „Prolet“ und „Proll“ seit dem Zweiten Weltkrieg; schließlich eine ethnographische Studie zu jungen Berliner Männern, die einen als prollig qualifizierten Bekleidungsstil schätzen.

Verbunden werden die Einzelteile durch das analytische Konzept der „kulturellen Figur“ (S. 49), eine Art sozialen Stereotyps. Der „Proll“ ist eine solche Figur, deren Bedeutung sich nur in der fluiden Relation zu anderen Stilen und Typisierungen ergibt. Die ständige Arbeit kultureller Akteure an der Bestimmung, (Neu-)Facettierung und praktischen Inszenierung des „Prolligen“ versteht Ege als den kulturellen Grundprozess der „Figurierung“ – der erzeugt eigentlich erst die Collage sozialer, kultureller und ästhetischer Bedeutungen in der Figur des „Proll“. Die Ausgangshypothese lautet, dass die so verstandene Figurierung „einen wichtigen Beitrag zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten leistet“ (S. 37). Und die gesamte Arbeit ist der Konkretisierung – und das heißt in diesem Fall Ausdifferenzierung und Verflüssigung sowie Eingrenzung – dieses Zusammenhangs gewidmet.

An der Entwicklung öffentlicher Figuren, die wie die „Eckensteher“ und „Halbstarken“ des 19. Jahrhunderts unterschichtliche Jugendkulturen verdichten, arbeitet Ege deren ästhetische Verselbständigung und zunehmende Reflexivität heraus. Schon Punk war weit mehr kalkulierte Inszenierung einer „workingclassness“, die von Menschen unterschiedlichster sozialer Position vorgeführt wurde, als Ausdruck proletarischen Lebensstils. In dieselbe Richtung weist die Verwendung der P-Worte im westdeutschen Mediendiskurs. Der „Proll“ hat seit längerem den „Proleten“ abgelöst; „prollig“ wird immer seltener eingesetzt zur Charakterisierung der Lebensform sozialer Unterschichten, zunehmend häufiger hingegen zur Beschreibung von Verhalten und Geschmacksäußerungen, in denen jemand „den Proll gibt“ oder „heraushängen lässt“. Das Prollige erscheint sozial de-essenzialisiert zur allgemein verfügbaren stilistischen Ressource – und referiert laut Ege doch weiterhin auf kursierende und einflussreiche Negativbilder von „Unterschicht“.

Das Stichwort Punk weist schon darauf hin, dass seit Jahrzehnten Populär- und Konsumkultur (insbesondere Kleidung und Körperstyling) zentrale kreative Felder sind, auf denen und mit deren Ressourcen die Figuration „prolliger“ Figuren betrieben wird. In Berlin hat Ege dafür besonders reichhaltiges und ausdifferenziertes Material gefunden. Er erschließt die Beziehungs- und Diskursnetze zwischen „Prolls“, „Atzen“, „Möchtegerns“ und „Stylern“ von einem kleinen Modelabel, dessen Machern und ihrer Kundschaft her: Die Marke Picaldi hat sich profiliert mit Kleidung für junge Männer; sie wird als eng verwoben mit dem Berliner Gangsta-Rap der Bushido & Co. und deren Bezug auf eine männliche „Kultur der Straße“ in Kreuzberg oder Neukölln wahrgenommen. Für das vom Unternehmen erstrebte Image wie für Kunden und Fans, aber auch für die Gegner der Marke und ihrer Produkte ist die Auseinandersetzung mit dem Prolligen ein erstrangiges Thema, bei dem es um mehr als ästhetische Entscheidungen geht. Es geht stets auch um die „Authentizität“ des eigenen Auftritts als durchsetzungsfähiger und harter Mann – und zugleich als Mensch, der nicht zur erfolgreichen, materiell abgesicherten Mittelschicht zählt.

Darauf zielt das für den Titel gewählte Zitat aus einem der von Ege geführten Gespräche. „Yusuf“ bekennt, er sei ein Proll und er habe „kein Problem damit, Prolet zu sein“. Prolet sein bedeute „eine primitive Weise sich darzustellen … proletarisch darzustellen“. In diesem Kontext sagt der junge Mann, er selbst sei aber „ein Proll mit Klasse“ (S. 440). Hier laufen die je nach Kontext sich verschiebenden Beziehungen zusammen zwischen der sozialen Positionierung von außen, der Selbstwahrnehmung, der praktischen Performanz des eigenen Auftretens, den fraglosen Vorstellungen von dem, was „als zugänglich und als ansprechend ‚für Leute wie einen selbst‘“ (S. 414) gilt – zwischen milieuspezifischem Habitus und praktisch erschlossenen kulturellen Optionen mithin.

Hier stößt man an die Grenzen der Möglichkeit, mit einer konventionellen Rezension dieser herausragenden Studie gerecht zu werden. Ihre Qualität liegt nämlich keineswegs nur in allgemeinen Befunden zu historischen Veränderungen. Die Qualität einer komplexen ethnographischen Kulturanalyse, wie Ege sie versteht, liegt gerade in der Verknüpfung sozialanalytischer Perspektiven mit dichten Beschreibungen aus der Akteursperspektive. Eine wesentliche Leistung ist die materialnahe Ausdifferenzierung und Abschattierung der Nichtidentität zwischen den Ebenen und Situationen dessen, was die jungen Männer sagen, tun, anziehen, vorführen und auch (im Sinne sozialwissenschaftlicher Verortung) „sind“ – und das ist eben nicht knapp zusammenzufassen.
Am Material von Proll-Diskursen und Picaldi-Szene geht es Ege exemplarisch um die kulturwissenschaftliche Grundfrage, wie sich heutzutage in postproletarischen Lebenswelten sozial Benachteiligter die Zusammenhänge von Lebenslage, habituellem Geprägtsein, performativen Spielräumen und Reflexion der eigenen Handlungs- und Wertungsmuster herstellen. Allgemein konstatiert er ein vergleichsweise hohes Niveau reflexiver Praktiken und auch sprachlicher Bearbeitung dieser Zusammenhänge und des Verhältnisses zum „Prolligen“. Der eigentliche Erkenntnisgewinn liegt aber für den Rezensenten gerade in der Vielfalt der Varianten, Optionen, Binnendifferenzierungen, Unterscheidungen und Abgrenzungen innerhalb der auf eine harte, durchsetzungsbereite, männliche „Kultur der Straße“ orientierten Szenen.

In der Tradition der Cultural Studies beschreibt Ege das nicht nur unter Rückgriff auf ein umfangreiches und gut gewähltes Repertoire sozial- und kulturwissenschaftlicher Konzepte und Kategorien (zu manchen Aspekten wie denen von Figur und Figuration hat die Studie quasi Handbuchcharakter). Er nimmt, gerade im bilanzierenden Teil, immer wieder eine kritische Perspektive ein und bewertet Phänomene im Sinne einer Parteinahme gegen die Ungleichheits- und Ausschlussstrukturen, die das untersuchte Feld durchziehen. Bei allem Respekt vor der performativen Kreativität und den Selbstanerkennungsbemühungen der sozial eher am Rand Positionierten fragt er doch mehrfach (im Anschluss an die klassische Studie von Paul Willis zum Selbstausschluss proletarischer Jungs[2]), ob die Selbstinszenierung der Picaldi-Prolls als harte Typen mit Straßenkampfqualitäten sie aus Marginalität und Benachteiligung herausführt oder nicht doch eher ein Weg ist, sich darin ästhetisch einzurichten.

Die Studie verbindet empirische Dichte und Sensibilität für Uneindeutigkeiten und kulturelle Offenheit mit stupender theoretischer Kontextuierung, hoher Reflektiertheit und Transparenz des Forschungsprozesses sowie erfreulicher Fähigkeit zu Distanz und Kritik gegenüber der Welt der Untersuchten. Das ist nicht immer leicht zu lesen, belohnt aber in den theoretischen wie empirischen Abschnitten durch eine Fülle von Einsichten – Einsichten, mit denen sich alle zukünftigen Arbeiten im Feld der kulturellen Artikulation von sozialer Ungleichheit werden auseinandersetzen müssen. In anderen Worten: eine Referenzstudie, die mit der Realisierung einer ethnographisch „von innen“ wie sozialwissenschaftlich „von außen“ zugreifenden Kulturanalyse ebenso wie mit der Komplexität, Feinheit und Sensibilität ihrer dichten Beschreibung postproletarischer Stile Maßstäbe setzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Stefan Wellgraf, Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung, Bielefeld 2012; Ove Sutter, Erzählte Prekarität. Autobiographische Verhandlungen von Arbeit und Leben im Postfordismus, Frankfurt am Main 2013.
[2] Paul Willis, Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule, Frankfurt am Main 1979 [engl. Learning to Labour: How working class kids get working class jobs, New York 1977].

Redaktion
Veröffentlicht am
17.01.2014
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/