O. Stieglitz: Undercover. Die Kultur der Denunziation in den USA

Titel
Undercover. Die Kultur der Denunziation in den USA


Autor(en)
Stieglitz, Olaf
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Anzahl Seiten
395 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Lüthe, John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, Freie Universität Berlin

NSA, PRISM, Edward Snowden – „Undercover: Die Kultur der Denunziation in den USA“ von Olaf Stieglitz hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt publiziert werden können, wenngleich das Buch die erneute, gegenwärtige „Verdichtung“ bzw. „Dynamisierung“ (S. 293) des Denunziationsdispositivs natürlicherweise nicht mehr in den Blick nehmen kann. Stieglitz’ Kulturgeschichte der Denunziation in den Vereinigten Staaten erhebt hier zu Recht den Anspruch einer historischen Diskurs-/Dispositivanalyse im Foucaultschen Sinne, also einer „Geschichte der Gegenwart, […] die in genealogischer Perspektive die Historizität gegenwärtiger Konstellationen machtanalytisch offenlegt“ (S. 282). Schließlich, soviel sei vorweggenommen, wird das sorgfältig recherchierte „Undercover“ diesem auch auf ganzer Linie gerecht. Stieglitz widmet sich vollauf überzeugend der Frage, warum und inwiefern in den USA „Denunziationen trotz weit verbreiteter und größerer Skepsis gegenüber staatlichen Autoritäten immer wieder wirkungsmächtig wurden“ (S. 17).

Hierfür analysiert Stieglitz in den zentralen Kapiteln des Textes eine Vielzahl kulturwissenschaftlich/kulturhistorisch relevanter Quellen – Gerichts- und Verhörprotokolle, Filme, Musik, (Auto-)Biographien, etc. – vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er-Jahre (vgl. S. 281), die er als besonders sinnstiftend und wirkungsmächtig für das interdiskursive Feld der Denunziation etabliert. Wenngleich weder strikt noch ausschließlich, ist die große argumentative Linie in „Undercover“ chronologisch organisiert. Jedoch wird man als Leserin dem Text nicht unbedingt gerecht, wenn man ihn auf sein primäres kulturhistorisches Narrativ reduziert; vielmehr besteht ein immenser Beitrag der Monographie darin, das Feld der historischen Denunziationsforschung kulturtheoretisch neu zu erfassen und somit frisch zu perspektivieren.

Stieglitz konturiert Denunziation einerseits in Anlehnung an Foucault als einen von Macht/Wissen oder von gouvernementalem Wissen und seinen Strategien des Regierens und Regiert-Werdens getragenen Komplex, andererseits erweitert er diesen Foucaultschen Zugriff auch im Sinne der jüngeren kulturwissenschaftlichen Performanzforschung um die spezifische Analyse von Sprechakten, Performanzen und Ritualen des Denunziationskomplexes. Zentrales theoretisches Erkenntnisinteresse von „Undercover“ im Bezug auf die Denunziation ist entsprechend „die Formierung des Wissens, sein Ausdruck in regulierenden Machtsystemen sowie die dadurch angestoßenen Subjektivierungsweisen“ (S. 47). Dieses Wissen von der Denunziation und somit auch der performative Spiel- bzw. Handlungsraum innerhalb des Denunziationsdispositivs, so zeigt Stieglitz imposant an mehreren Stellen, ist dabei nicht natürlich, fix oder absolut, sondern kontextgebunden, historisch wandelbar und konstrukthaft (S. 49ff.). Stieglitz schreibt hierzu: „Eine Analyse des Denunziatorischen hat vor allem dann Sinn, wenn man es auf größere Zusammenhänge und Begriffe bezieht, etwa das Geheime und seinen Verrat, die Loyalität und das Vertrauen in sie, die Sicherheit und ihre Kontrolle, das Subjekt und seine Stellung im Kollektiv“ (S. 49). Entsprechend beginnt der Hauptteil des Textes mit einem Kapitel, das drei für die Denunziation privilegierte Diskursfelder beleuchtet, nämlich den juristischen Diskurs zum Informanten/zur Informantin, den stetig „wissenschaftlicher“ werdenden polizeilichen Diskurs zur Denunziation als Teil der emergierenden Polizeiwissenschaften und schließlich dessen historisch spezifischen Sonderfall des nach dem Ersten Weltkrieg entstehenden Federal Bureau of Investigation (FBI). Konzise und überzeugend arbeitet Stieglitz heraus, wie im Zuge der „Red“ und „Lavender Scares“ Sicherheit, Denunziation, ethnisch Andere und sexuelle Devianz diskursiv-produktiv erzeugt und dabei gleichzeitig symbolisch miteinander verschmolzen werden konnten (S. 84–89).

Im folgenden Kapitel ändert „Undercover“ den Blickwinkel und fokussiert nun besonders die gouvernementalen Potentiale und Folgen der Genese der oben beschrieben Diskurstypen; also jene Subjektstrategien und Subjektivierungsmöglichkeiten, die solche Diskurse bereitstellen für die Selbstverwaltung und für die – flapsig formuliert – freiwillige Selbstkontrolle der gesellschaftlichen Subjekte der „Progressive Era“. Hierbei fasst Stieglitz die „Progressive Era“ als bedeutsamen Moment – vielleicht gar als epistemischen Nukleus – für die „neue Kunst des Regierens und dieses Zusammenspiel von Fremdführung und Selbstführung, Unterwerfung und Subjektwerdung“ (S. 101f.). Was folgt ist aus historiographischer Sicht nicht überraschend, wenn „Undercover“ im anschließenden Kapitel den „‚McCarthyism‘ und das dichte Geflecht der denunziatorischen Rede im frühen Kalten Krieg“ in den Blick nimmt und nachvollziehbarerweise als historischen Moment immenser „Zuspitzung“ (S. 160) und „Dynamisierung“ (S. 293) des Denunziationsdispositivs etabliert – so ähnlich resümiert Stieglitz schließlich auch den Stand der Denunziation zu Beginn des 21. Jahrhunderts und als Folge von 9/11. Vor allem aber vermag Stieglitz im Bezug auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zu zeigen, dass sich das, was wir „McCarthyism“ nennen, als „dichte kulturelle Melange von sich gegenseitig stützenden Strategien“ formieren konnte, „durch die scheinbar stabile Grenzen zwischen politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Subsystemen konsequent in Frage gestellt [wurden]“ (S. 163). Folgerichtig rückt „Undercover“ zunächst die heteronormative Kernfamilie und deren tragende Rolle im Denunziationsdiskurs der Zeit ins Zentrum der kritischen Analyse und schafft somit einen innovativen Blick auf diese schon gut recherchierte Phase denunziatorischen Redens in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die beiden abschließenden Kapitel erscheinen zwar auf den ersten Blick äußerst heterogen, etablieren dabei aber zunächst eine Perspektive auf die Denunziation „in Wahrnehmung und Erinnerung“ bestimmter politischer (Black Panther Party) bzw. sozio-kultureller Gruppierungen (Inhaftierte und Mitglieder der US-Arbeiterbewegung) und schließlich komplementär eine gegenwartsgerichte Perspektive auf die Denunziation in Popkultur, Wirtschaft und als Folge des „Patriot Act“ in Reaktion auf 9/11. Hier stellt Stieglitz einerseits – wie oben erwähnt – fest, dass wir es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mit einer gänzlich neuen Qualität des denunziatorischen Sprechens zu tun haben, wir aber gleichzeitig, gewissermaßen als postmodernen Effekt, die Auflösung des für die moderne Denunziation sinnstiftenden Seitenwechsels erleben, schlichtweg deshalb, weil es „nun nicht einmal mehr Seiten zu geben scheint“ (S. 293).

An einigen wenigen Stellen des Textes hätte die Privilegierung gewisser Felder oder Tropen der untersuchten Diskurse ausführlicher begründet werden können, zum Beispiel im Bezug auf den Gefängnisdiskurs. Dieser ist zwar im Denken Foucaults zentral verankert, wirkt aber in der sonst so konzisen Argumentation von „Undercover“ beinahe wie ein Exkurs an den Rand des Denunziationskomplexes. Im zweiten Teil des Textes scheint sich überdies – und das ist wahrlich nicht als Kritik zu verstehen – eine interessante theoretische Frage aufzudrängen nach dem komplexen Verhältnis von Diskursen und dem Feld der kulturellen Imagination bzw. seiner Erinnerung. Schließlich befragt Stieglitz hier in einem Kapitel spezifisch „Das Denunzieren in Wahrnehmung und Erinnerung“ und wirft damit gewissermaßen selbst die Frage danach auf, ob und inwiefern sich diese Formen der Imagination und Erinnerung von den ja ebenfalls konstrukthaften Diskursen im Sinne Foucaults unterscheiden, denen er sich im Rest des Textes widmet, oder wie genau sich dieser Komplex denken lässt. Anders formuliert: Was heißt „Wahrnehmung“ im Denken Foucaults?

„Undercover“ ist ein insgesamt äußerst überzeugender Beitrag zur gegenwärtigen kulturhistorischen Forschung einerseits sowie zur theoretischen Debatte um das Schreiben von Geschichte als Kulturgeschichte andererseits. Insbesondere die Verquickung von historischer Diskursanalyse mit performativitätstheoretischen Ansätzen erlaubt eine sinnvolle und notwendige Perspektive auf den Untersuchungsgegenstand der Denunziation. Stieglitz verdeutlicht im Zuge des Textes an sinnvoll ausgewähltem Material „wie prekär und ambivalent die Figur des Denunzianten historisch war und gesellschaftlich noch immer ist“ und darüber hinaus, dass und inwiefern in Geschichte und Gegenwart der Kultur der Vereinigten Staaten „die Figur des Denunzianten zugleich dynamisch-produktiv wie stabilisierend-repressiv“ (S. 280) gewirkt hat bzw. noch wirken kann. Edward Joseph Snowden und Bradley Edward Manning können ein Lied davon singen.

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Veröffentlicht am
23.09.2013
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