S. Rode-Breymann u.a. (Hrsg.): Der Hof

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Titel
Der Hof. Ort kulturellen Handelns von Frauen in der Frühen Neuzeit


Herausgeber
Rode-Breymann, Susanne; Tumat, Antje
Reihe
Musik – Kultur – Gender 12
Erschienen
Anzahl Seiten
386 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Freyer, Historisches Seminar, Universität Osnabrück

Kulturelle Wirkungsmöglichkeiten von Frauen am frühneuzeitlichen Hof aufdecken – das ist das Ziel dieses bilingual angelegten Sammelbandes, der Beiträge aus der Musikwissenschaft, Geschichte, Germanistik, Literatur- bzw. Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte versammelt und in vier großen Themenblöcken dem höfischen Handeln von Frauen (I.), deren Rollen und Identitäten (II.), Raumkonzepten und Handlungsräumen (III.) sowie deren Netzwerken (IV.) nachspürt.

Eröffnet wird der Band mit zwei Beiträgen zum Forschungsstand der Geschichts- und der Musikwissenschaft: Heide Wunder charakterisiert pointiert die deutschen Reichsfürstenhöfe als hierarchisch organisierte, überständische Personenverbände, die durch Zeremoniell, Höflichkeit und „Muße“ eine besondere Lebensweise – eine Hofkultur – mit „äußerlichem Gepränge“ pflegten, sich dadurch von den Untertanen abgrenzten und „Ansehen im Lande, bei den fürstlichen Nachbarn und im Reich“ (S. 41) erwarben. Fürstinnen trugen als Autorinnen, Komponistinnen, (Innen-)Architektinnen, Büchersammlerinnen, Malerinnen, Förderinnen von Kunst und Wissenschaft und vielem mehr zur „permanenten Inszenierung fürstlicher Eminenz“ bei (S. 42). Dieses breite „Spektrum kulturellen Handelns“, das nie professionell, sondern stets standesgemäßer, das heißt dilettantischer Zeitvertreib sein sollte, eröffnete sich allerdings erst im 18. Jahrhundert (S. 48). Zuvor hatte die Fürstin als vorbildliche Hausmutter, Landesmutter und fromme Frau für „das Weiterbestehen und den Glanz der Dynastie“ zu sorgen (S. 35). Im Hinblick auf die Musik konzentriert sich Susanne Rode-Breymann auf künftige Forschungsperspektiven, da das „Wissen über musizierende Frauen“ an Höfen wegen der bisherigen Fokussierung auf das musikalische Werk verloren gegangen sei und erst wiedergewonnen werden müsse (S. 52).

Insbesondere die Qualität des musikbezogenen Handelns adliger Frauen sei zu hinterfragen, stehe aber vor einem Überlieferungsproblem, da die „tatsächlichen künstlerischen Potenziale“ in den Quellen oft hinter der Konstruktion repräsentativer Herrscherinnenbildern uneindeutig blieben (S. 53). Beide Aufsätze sind programmatisch: Im Mittelpunkt des Buches stehen (Hoch-)Adelige; nur vier von insgesamt 18 Beiträgen nehmen auch nicht-adlige Frauen in den Blick. Dass Bürgerliche jedoch ein wichtiges Element (weiblicher) Hofkultur waren, deutet Katrin Keller mit ihrer Analyse von Weißnäherinnen, Mundköchinnen und Kammerfrauen an. Der Bandtitel scheint daher etwas zu weit gefasst.

Unter den analysierten Rollenmustern besticht Pernille Arendfeldt mit ihrer sorgfältigen Reflektion über den Wirkungsgrad, mit dem eine Fürstin im 16. Jahrhundert als Landesmutter vorbildhaft agieren konnte. So betätigte sich zum Beispiel Anna von Sachsen (1532–1585) erfolgreich als Pharmazeutin und betrieb gewinnorientiert Landwirtschaft. Bisher wenig bekannt ist, dass das Engagement als landwirtschaftliche Unternehmerin kein Einzelfall war. Komplementär zum Fürsten übernahmen viele (protestantische) Fürstinnen auch außerhalb des Hofhaushaltes ökonomische Verantwortung. Da dies von der männlichen Geschichtsschreibung bisher ausgeblendet und vom Topos des luxusverliebten verschwenderischen Hofes verdrängt worden sei, plädiert Arendfeldt dafür, nicht nur die symbolisch-repräsentative Funktion von Fürstinnen, sondern auch deren materiellen Aktivitäten zu erforschen.

Bemerkenswerterweise widmen sich gleich zwei Beiträge dem kulturellen Handeln von Fürstäbtissinnen. Während Ute Küppers-Braun allerdings betont, dass viele Fürstäbtissinnen ökonomisch stark eingeschränkt waren und sich ein standesgemäßes Hofleben ohne familiäre Unterstützung kaum leisten konnten, analysiert Ulrike Gleixner mit Elisabeth Ernestine von Sachsen-Meiningen (1681–1766) das Paradebeispiel einer Äbtissin, die wirtschaftlich erfolgreich ein weitgreifendes Mäzenatentum und einen glanzvollen Hof unterhielt, dazu aber ein beträchtliches Privatvermögen einsetzte. Finanziell weniger gut ausgestattete Fürstäbtissinnen hätten dagegen laut Küppers-Braun zum Beispiel im Bereich der Musik große Abstriche machen müssen oder es vorgezogen, ihr Stift für „kulturell interessantere“ (S. 155) Metropolen zu verlassen. Die Beiträge widersprechen sich nicht, doch wäre es wünschenswert gewesen, sie stärker aufeinander zu beziehen und Gleixners abschließendes Votum für eine differenziertere Erforschung des Mäzenatentums von Fürstinnen nach „Status, Stand, Zeit und Raum“ (S. 176) unmittelbar einzulösen.

Mit Blick auf den einleitend präsentierten Forschungsstand überrascht der Beitrag von Helen Watanabe-O’Kelly, die unter der Leitfrage „A successful job-share?“ untersucht, inwieweit die in der Frühen Neuzeit häufige Co-Existenz von Fürstengattin und Mätresse ein von allen Beteiligten wohlgelittenes Arrangement war. In ihrer beispielreichen Erörterung der Aufgaben von Fürstinnen und Mätressen zeichnet sie ein stark polarisierendes Geschlechterbild: Die Frauen hätten am Hof überaus instabile Positionen gehabt, mussten monogam leben und sich ihren übermächtigen (Ehe-)Männern unterordnen. Von dem „job-share“ habe daher nur der Fürst profitiert, die Frauen nicht. Dieses Fazit irritiert in seiner Absolutheit: Fürstinnen waren für politische Netzwerke essentiell und konnten gerade in dynastisch sorgfältig arrangierten Ehen nicht ohne Konsequenzen geschasst werden. Sie waren – so betont Wunder – „nicht allein von der Gunst des Gemahls abhängig“ (S. 35), sondern konnten selbst im Falle einer Affäre ihrerseits auf die Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie zählen. Es wäre daher aufschlussreich gewesen, wenn auch das politische Risiko des „job-sharings“ für den Fürsten erwogen worden wäre.

Unter den drei Analysen (innen-)architektonisch ambitionierter Fürstinnen, tritt Veronica Biermann mit der forschungskonträren These hervor, Christina von Schweden (1626–1689) sei 1654 nicht zugunsten des katholischen Glaubens, sondern zur „unanfechtbaren Legitimierung ihres erbberechtigten Nachfolgers“ abgedankt. Die Konversion wäre somit „eine Konsequenz der Abdankung“ und nicht – wie bisher weitläufig angenommen – deren Ursache gewesen (S. 231). Vor diesem Hintergrund verstehe sich, weshalb sich die schwedische Königin auf ihrem Landsitz in Rom trotz beschränkter finanzieller Mittel keineswegs als eine zurückgezogene Privatperson, sondern weiterhin als irreversibel gesalbte Königin politisch klug kalkulierend inszenierte. Laut Helga Meise habe sich Elisabeth Dorothea von Hessen-Darmstadt (1640–1709) als emsige, auf Modernität bedachte Innenarchitektin ähnlich in den Dienst der (politischen) Repräsentation gestellt. Wilhelmine von Bayreuth (1709–1758) brach indes mit dieser Tradition und verstand sich mehr „als ‚intellektuelle‘ Person“ denn als repräsentierende Fürstin (S. 253). Die beinah geschlossene Raumfolge ihrer Apartments und Hängung nicht-dynastischer Damenbildnisse versinnbildlichten einen „Zug ins Private“ (S. 249), woraus Müller-Lindenberg schließt, dass Frauen ihre ästhetischen Aktivitäten am Hofe „an Orten und in Räumen […] [mit einer] eher geringe[n] repräsentative[n] Ausstrahlung“ auslebten (S. 255).

Dies könnte wohl auch für die englische Königin Maria II. (1662–1694) gelten, die ebenfalls einen Bildzyklus ohne dynastische Zeigefunktion in ihrem nur beschränkt öffentlichen Palast abseits des offiziellen Hauptschlosses hängen ließ. Michael Wenzel interpretiert die Situierung dieser Schönheitsgalerie (S. 267) als „Markierung eines weiblichen Handlungsraums“ (S. 257). Diese Zurückgezogenheit darf aber nicht als Handlungsunfähigkeit missverstanden werden. Christine Fischer unterstreicht dies in ihrem anregenden Beitrag über Komponistinnen am Hofe, die ihre Musik ausschließlich im Geheimen einem erlesenen Kreis vorgeführt und nur selten gedruckt veröffentlicht hätten.

Im vierten Abschnitt zeigen Jill Bepler, Beatrix Bastl und Judith Aikin, wie durch Briefe, Bücher und religiöse Lieder höfische Netzwerke zeit- und raumübergreifend gebildet und gepflegt wurden. Mit Blick auf künftige Forschungen ist besonders Beplers Beitrag aufschlussreich, da sie eindrücklich vorführt, wie weibliche, generationsübergreifende Netzwerke durch die Rekonstruktion persönlicher, separiert von der Hofbibliothek aufbewahrter Buchbestände von Fürstinnen erforscht werden können. Etwas irreführend ist unter Netzwerken auch die Studie von Mara Wade subsumiert, die im höfischen Balletttanzen eine soziale und geschlechtsspezifische Disziplinierung erkennt.

Der Band leistet einen wichtigen Beitrag zur (adligen) Frauengeschichte an der Schnittstelle zur Hofgeschichte – allerdings weniger mit neuen Ergebnissen, als mit teilweise sehr scharfsinnig abgewogenen „Resümees langjähriger Forschungen und zugleich Kondensate[n] des Forschungsstandes“ (S. 15). Eine besondere Stärke des Bandes liegt daher in der Gesamtschau, die übergreifende Thesen fassbar macht. Liest man alle – überwiegend biographisch angelegten – Beiträge konsequent auf die darin analysierten Selbstbilder, dann findet sich zum Beispiel der von Wunder behauptete Wandel der Rollenmuster einer Fürstin über die Jahrhunderte eindrücklich belegt. Bemerkenswert sind zudem die zahlreich benannten Forschungsdesiderate: So sind wohl unter anderem die „finanzielle Konsolidierung der Landgrafschaft“ Hessen-Darmstadt unter der Vormundschaft Elisabeth Dorotheas (S. 274), die Unterstützung der hallischen Waisenhausprojekte durch den Reichsadel ebenso wie das Bayreuther (Hof)Tanzensemble und das dänische Ballett kaum erforscht. Etwas problematisch ist die inhaltliche Erschließung des Bandes, da ein Register fehlt und die Aufsatztitel zum Teil wenig aussagekräftig sind. Das tut dem Ganzen jedoch keinen Abbruch.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.06.2016
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