Cover
Titel
9/11 als Bildereignis. Zur visuellen Bewältigung des Anschlags


Autor(en)
Becker, Anne
Reihe
Image 58
Anzahl Seiten
325 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Grittmann, Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien, Leuphana Universität Lüneburg

Seit den terroristischen Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon bei Washington am 11. September 2001 ist über „9/11“ als globales Medienereignis international eine kaum noch zu überblickende Fülle an wissenschaftlichen Essays und Studien entstanden, die sich unter anderem mit der besonderen Rolle massenmedial verbreiteter Bilder beschäftigt haben. Die vorliegende Publikation von Anne Becker, die auf der Dissertation der Autorin beruht, widmet sich nun ebenfalls dem Thema mit Perspektive auf die Bilder und deren Bedeutung für die Wahrnehmung und „visuelle Bewältigung“ der Terroranschläge. So entsteht schon vor der Lektüre eine skeptische Erwartung, welche neuen Erkenntnisse diese Untersuchung bringt.

Becker setzt sich aus bildtheoretischer, philosophisch-ästhetischer Perspektive in fünf Kapiteln mit der Frage auseinander, wie die Bilder „die Erfahrung einer historischen Zäsur geprägt haben“ (S. 14). Als theoretischer Rahmen dient ihr die philosophisch-ästhetische Kategorie des „Schrecklich-Erhabenen“, wie sie von Immanuel Kant und Edmund Burke entwickelt und von Jean-François Lyotard neu theoretisch konzipiert wurde. Dabei geht es ihr zum einen um die Frage, wie durch massenmedial verbreitete Live-Bilder Schrecken erlebt, zum andern aber auch darum, wie dieser Schrecken durch Bildmotive und ihre populärkulturelle Verbreitung mittels Kalendern, Ausstellungen und Briefmarken nach den Anschlägen bewältigt wurde. Die Studie ist sehr gut strukturiert. In der Einleitung bestätigt sich allerdings zunächst die eingangs formulierte Skepsis. Aspekte der Fragestellung wurden bereits in anderen Studien thematisiert[1], die These einer „Ästhetik des Sublimen“ hat unter anderem Joachim Buttler mit Bezug auf die von Becker herangezogenen Theoretiker bereits 2003[2] aufgeworfen – ohne dass der Beitrag Berücksichtigung in der Bibliografie findet. Eine umfassende Aufarbeitung des Forschungsstandes hätte auch zur klaren Profilierung der eigenen Leistung beigetragen.

In Kapitel 2 begründet Becker auf der Basis postmoderner Medienkritik von Lyotard, Jean Baudrillard und Paul Virilio zunächst die Relevanz der Bilder von „9/11“ als globalem Medien- und Bildereignis. Das „Zu-Schnell“ der Bildübertragung in der Live-Berichterstattung (Virilio), die Auflösung von Fiktion und Realität (Baudrillard) in der Wahrnehmung und die Darstellung dessen, was nicht darstellbar ist (Lyotard), konstituieren nach Becker auch 9/11 als Bildereignis. Anhand der Live-Bilder diskutiert sie die Erfahrung des Schreckens aus visueller Wahrnehmungsperspektive eines verallgemeinerten Subjekts, das die Anschläge als „Zuschauer“ medial vermittelt erlebt.

Den Schwerpunkt der Arbeit bildet Kapitel 3, das sich der theoretischen Diskussion des „Schrecklich-Erhabenen“ nach Kant und Burke sowie Friedrich Schillers Dramentheorie widmet und die unterschiedlichen Ausdrucksformen anhand ausgewählter Fotografien analysiert. Am Beispiel von Thomas E. Franklins „Raising the Flag on Ground Zero“ und weiteren Bildmotiven der Feuerwehrleute als Helden von Ground Zero werden die visuellen Strategien der Verarbeitung des Traumas und die Funktionalisierung der Bilder als Instrumente einer Rückgewinnung von Kontrolle herausgearbeitet. Diese Analysen sind neben dem bereits wissenschaftlich thematisierten, von Becker wiederum ausführlich hergestellten Bezug zu Joe Rosenthals „Raising of the Flag on Iwo Jima“ (1945), ungemein erkenntnisreich. Becker zeigt nicht nur auf, wie sich Dimensionen des „Schrecklich-Erhabenen“ in den ästhetischen Bildfindungen manifestieren. Sie analysiert und diskutiert umfassend sowohl die Ikonisierung als auch die politische Bedeutung der Bilder in der amerikanischen Gesellschaft, die sich in der ikonografischen Verbindung religiöser und nationaler Symbolik und der – wiederum visuell verarbeiteten – Heroisierung der Feuerwehrleute in der Populärkultur zeigt. Dieser Heroisierung stellt sie im vierten Kapitel die Strategien der Verdrängung am Beispiel der fotografischen Aufnahmen des „Falling Man“ gegenüber, die sie wiederum konsequent aus der Kategorie des Erhabenen heraus zu begreifen sucht. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob diese theoretische Perspektive ausreicht, um die öffentliche Gebrauchsweise der Bilder zu verstehen. Becker weist zu Recht darauf hin, dass der Protest gegen die Publikation der Bilder nach Schillers Dramentheorie nicht zu erklären sei (S. 238f), wenngleich die Akte der Stürzenden als moralische Freiheit betrachtet werden könnten (S. 249). Sie geht zwar kurz auf die Tabuisierung des Freitodes in den USA ein, die politische Dimension und kulturelle Gebundenheit bleiben jedoch unberücksichtigt. Eine Analyse der Bilder des zerstörten Pentagons und deren Marginalisierung im öffentlichen Diskurs würde vermutlich zu ganz anderen Schlussfolgerungen führen.

Es stellt sich jedoch grundsätzlich die Frage, ob die Kategorien von Burke, Kant und Schiller auch nach über 200 Jahren gerade in Hinblick auf ein imaginiertes universales „Subjekt“ und die damit verbundenen weitreichenden Wirkungsannahmen so uneingeschränkt übernommen werden können. Um die These von 9/11 als ästhetischer Manifestation des Erhabenen zu begründen, macht Becker immer wieder die angeblichen globalen Erfahrungen der Zuschauerinnen und Zuschauer weltweit stark. Aus den schon kurz nach 9/11 zirkulierenden Vorstellungen eines „Scheiterns der Sprache“ (S. 11), der Entstehung einer „Weltgemeinschaft“, die „zu[m] Augenzeugen des Schreckens“ wurde (S. 24), oder der „Problematik“ der Bilder im „unauflösbaren Zwiespalt zwischen Realität und Fiktion“ (S. 56) formt sich ein imaginäres und universal gedachtes „Subjekt“ der Rezipierenden und Zuschauenden, dessen Wahrnehmung und Erleben unter anderem in Anlehnung an Burke als allgemeingültig konzipiert wird. Ikonisierung, Heroisierung und Verdrängung beziehen sich jedoch in der Analyse weitgehend auf die USA. Kulturelle, nationale oder politische Bedingungen, wie sie gerade bei der Heroisierung der Feuerwehrleute auf der Ebene der Ausdrucksformen deutlich werden, werden hingegen im Rezeptionsprozess nicht reflektiert.

Verstärkt wird diese Universalisierung durch die Rezeption der Arbeiten Baudrillards, Paul Virilios und Lyotards mit ihrem zuweilen unreflektierten technischen A-Priori. Lilie Chouliaraki hat in einem Beitrag aus dem Jahr 2008 argumentiert, dass die (kommunikationstechnische) Aufhebung von Distanz zwar eine notwendige Bedingung für die Entstehung von emotionaler Nähe darstelle, die Vorstellung, durch die mediale Routinisierung entstehe notwendig eine „Compassion fatigue“ (z. B. S. 70f), greife allerdings zu kurz.[3] Nähe und Distanz, Abgestumpftheit oder Betroffenheit hängen von weiteren ästhetischen und kulturellen Dimensionen ab, und zwar sowohl in Bezug auf die Ausdrucksformen als auch auf die Rezipierenden.

So ist es insgesamt aufschlussreich, wie Anne Becker die Kategorie des „Schrecklich-Erhabenen“ in so vielschichtiger Weise für aktuelle Fragen der Bildkommunikation ausgearbeitet hat. Gleichzeitig stellt sich jedoch die Herausforderung einer kritischeren Reflexion des Konzeptes angesichts der offensichtlichen Grenzen und neueren Diskussionen.

Anmerkungen:
[1] vgl. u.a. Barbie Zelizer, Photography, Journalism and Trauma, in: Barbie Zelizer/ Stuart Allan (Hrsg.), Journalism after September 11, London/New York 2002, S. 48–68.
[2] Joachim Buttler, Ästhetik des Terrors – Die Bilder des 11. Septembers 2001, in: Michael Beuthner u.a. (Hrsg), Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September, Köln 2003, S. 26–41; siehe auch im selben Band den Beitrag von Reinhold Viehoff und Kathrin Fahlenbrach, Ikonen der Medienkultur. Über die (verschwindende) Differenz von Authetizität und Inszenierung der Bilder von Geschichte, S. 42–59.
[3] vgl. z.B. Lilie Chouliaraki, The Media as Moral Education. Mediation and Action, in: Media, Culture & Society, 30 (2008), S. 831–852.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.03.2015
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