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Titel
Becoming Turkish. Nationalist Reforms and Cultural Negotiations in Early Republican Turkey (1923–1945)


Autor(en)
Yılmaz, Hale
Reihe
Modern Intellectual and Political History of the Middle East
Erschienen
Anzahl Seiten
328 S.
Preis
$ 39.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ellinor Morack, Hebrew University, Jerusalem

Seit der Jahrtausendwende erlebt die Forschung zur frühen Republikzeit in der Türkei (1923–1945), vor allem zur Periode der Alleinherrschaft der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, im Folgenden CHP), einen regelrechten Boom.[1] Ältere Standardwerke wie die von Bernhard Lewis oder Stanford S. Shaw und Ezel Kural Shaw folgten in ihrer Darstellung der Periode weitgehend der offiziellen Geschichtsschreibung in der Türkei, indem sie einen vollständigen Bruch der republikanischen Eliten mit der osmanischen Vergangenheit annahmen und den Staat als treibende Kraft gesellschaftlicher Veränderungen verstanden.[2] Arbeiten, die auch die dunkleren Seiten republikanischer Reformen in den Blick nehmen und Kontinuitäten zur osmanischen Zeit aufzeigen, konnten bis vor Kurzem keinen Gebrauch von unveröffentlichten Archivquellen machen.[3] Erst mit der Öffnung des Republikarchivs in Ankara (wo nur die Bestände einiger weniger Ministerien und untergeordneter Behörden verfügbar sind) im Jahr 2005 sind detaillierte Fallstudien zu diesen Themenkomplexen möglich geworden.[4]

Mit Becoming Turkish legt Hale Yılmaz nun eine erste umfassende, auf Archivquellen und Zeitzeugeninterviews gestützte Monographie zur sozio-kulturellen Wirkung frührepublikanischer Reformen vor. Das Buch, eine aktualisierte und erweiterte Fassung ihrer 2006 an der University of Utah vorgelegten Dissertation, behandelt „four specific sites of the state’s attempt to produce a new Turk and a modern Turkish nation“ (S. 2): die Kleidung von Männern (Kapitel 1) und von Frauen (Kapitel 2), die Latinisierung des Alphabets (Kapitel 3) sowie öffentliche Feiern an Nationalfeiertagen (Kapitel 4). Alle vier Themenfelder sind bereits recht umfassend bearbeitet worden, konnten jedoch bisher nicht anhand von Regierungsakten untersucht werden. Diese Lücke verspricht die vorliegende Studie zu füllen.

Yılmaz lehnt wie andere Autoren rezenter Arbeiten zum Thema eine auf den Staat und seine Agenda zentrierte Sichtweise ab. Zugleich argumentiert sie, dass für ein Verständnis der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft nicht nur gewaltförmige Konflikte, sondern auch alltägliche Begegnungen zu untersuchen seien. Die betrachteten Reformen seien einige von vielen „meeting grounds of […] state and society“ (S. 2), an denen sich komplexe Prozesse der Verhandlung, Kompromissfindung und Anpassung abspielten. Diese gelte es, unter Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Formen und Wirkungen in Stadt und Land, auf Männer und Frauen sowie auf Ober- und Unterschichten zu untersuchen. Yılmaz zeigt in allen Kapiteln zunächst den spätosmanischen Hintergrund der Reformen auf: Insbesondere im Bereich der Schrift und der Kleidung beider Geschlechter gab es schon in hamidischer und jungtürkischer Zeit intensive Diskussionen, die diese Fragen mit denen nach einer gemeinsamen osmanischen Identität und der zunehmend prekären staatlichen Souveränität verknüpften. Verwestlichung wurde hier meist noch als zu bekämpfendes Übel verstanden. Das CHP-Regime hingegen verbot zunächst 1925 den osmanischen Fez und führte gegen massiven, auch gewaltsamen Widerstand aus der Bevölkerung den europäischen Hut ein. In den 1930er-Jahren folgte eine strenge Reglementierung religiös und ethnisch konnotierter Kleidung. 1929 wurde die arabische Schrift zugunsten einer neuen, adaptierten Lateinschrift verboten. Traditionelle Frauenkleidung (der Gesichtsschleier peçe und die Umhänge çarsaf und peştemal) wurde, insbesondere in den 1930er-Jahren, zwar nicht landesweit, wohl aber in vielen Städten des Landes offiziell und unter Androhung von Geldstrafen abgeschafft. Neu eingeführte nationale Feiertage schließlich feierten und propagierten „the achievements and the goals of the nation“ (S. 183).

In den Kapiteln zur Kleidungsfrage zeichnet Yılmaz anhand der Korrespondenz zwischen Ankara und den Provinzen zahlreiche Einzelfälle nach, in denen einfache Bürger mit den Behörden in Konflikt gerieten. Interessanterweise gab es häufig Meinungsverschiedenheiten zwischen Provinzbeamten und ihren Vorgesetzten, was Handlungsspielräume für die Betroffenen schuf. Mithilfe von Sekundärliteratur, Zeitzeugeninterviews und Fotomaterial geht Yılmaz hier auch der Frage nach, wie Angehörige der Oberschicht die Reformen erlebten. Besonders interessant ist ihre Beobachtung, dass selbst eifrige Reformer mitunter daran scheiterten, die eigenen Ideale zu erfüllen: „Advocates of reform were first and foremost transforming their own habits and identities.“ (S. 61) Reiche wie arme Gegner der Reformen in Stadt und Land dagegen fanden kreative Wege, die neuen Regeln zu beugen oder zu umgehen.

Yılmaz’ Diskussion der Reformbestrebungen im Bereich der Frauenkleidung macht deutlich, wie fundamental das republikanische Ideal einer europäisch gekleideten Frau populären Vorstellungen von Schicklichkeit zuwiderlief, ein Umstand, den sowohl „traditionell“ als auch „modern“ gekleidete Frauen auf der Straße zu spüren bekamen. Dass hier keine landesweite Gesetzgebung verabschiedet wurde, führt sie auf „unspoken fear of potential opposition“ (S. 101) innerhalb der Parteielite zurück. Hier geht Yılmaz auch kurz auf vergleichbare Reformversuche in Usbekistan, Ägypten und Syrien ein.

Die Einführung des lateinischen Alphabets im Jahr 1929 (nach einer nur halbjährigen Übergangszeit) stellt zweifellos eine der drastischsten Reformen des republikanischen Regimes dar – sie war ein „catastrophic success“[5], der zwar die Alphabetisierungsrate hob, die des Lesens kundige Bevölkerung aber nachhaltig von ihrer eigenen literarischen Tradition abschnitt. Yılmaz trägt zahlreiche Beispiele für die (allerdings wenig überraschende) Resilienz der arabischen Schrift in offiziellen Dokumenten und privater Korrespondenz zusammen. Mithilfe von Zeitzeugeninterviews untersucht sie auch individuelle Erfahrungen mit der großen Alphabetisierungskampagne von 1928/29. Leider geht sie nicht auf den machtpolitischen Faktor der Umstellung ein: eine Reform, die einen Großteil der gebildeten Eliten zwang, wieder die Schulbank zu drücken, muss maßgeblich zur Schwächung der religiösen Opposition beigetragen (und gedient) haben.

Mithilfe von Zeitzeugeninterviews und Berichten, die Bezirksgouverneure in den 1930er-Jahren nach Ankara schickten, zeichnet Yılmaz die Bandbreite regionaler Unterschiede innerhalb der Feierlichkeiten zu Nationalfeiertagen nach, insbesondere im Hinblick auf Partizipationsmöglichkeiten für die Bevölkerung. Diese reichten vom bloßen Zuschauen über die Teilnahme an Aufführungen bis zum Besuch von Bällen, was jeweils unterschiedliche Grade an Anpassung in Bezug auf Kleidung und Habitus verlangte. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass nationale Feiertage der Bevölkerung eine niedrigschwellige Gelegenheit boten, am Projekt der Nationsbildung teilzunehmen: Sie waren „generally inclusive and open to participation“ und „helped produce a generation of urban, educated Turkish citizens in the 1930s“ (S. 202).

Hale Yılmaz’ Monographie stellt zweifellos einen Meilenstein in der Erforschung der frührepublikanischen Reformen dar, der zudem einen aktuellen Überblick über die überwiegend türkischsprachige Fachliteratur bietet. Ihre Untersuchung der Korrespondenz zwischen Provinzgouverneuren und dem Innenministerium (ein Aktenbestand, zu dem bisher kein allgemeiner Zugang besteht) gewährt neue Einblicke in die internen Widersprüche und Konflikte des Regimes – und seine Grenzen: So arbeitet sie heraus, dass der kulturelle Einfluss der CHP auf die westlichen Provinzen, die Küsten und Grenzstädte begrenzt war. Ihre zahlreichen Belege für eine auf Verständigung und Deeskalation ausgerichtete Politik der Zentralregierung beziehungsweise der Partei stammen aus eben diesen Regionen. Hier hätte Yılmaz die kurdischen Aufstände und ihre Unterdrückung im Osten des Landes zumindest als Kontext berücksichtigen und fragen können, ob die versöhnliche Haltung in diesen Regionen nicht direkte Folge oder Kehrseite der militärischen Repression (nach dem Şeyh-Said-Aufstand 1925 und in Dersim 1937/38) im Osten des Landes war.[6]

Das Bildmaterial unterstützt die Argumente des Buches auf vorbildliche Weise. Leider sind die Übersetzungen mitunter etwas holprig, so etwa „air association“ (statt „aviation society“) für „tayyare cemiyeti“ (S. 209), „iron threads“ (statt „railroads“) für „demir ağları“ (S. 202). Viele andere Begriffe werden weder übersetzt noch in einem Glossar erklärt. Innerhalb der Kapitel folgt die Darstellung der einzelnen Fälle keiner Chronologie, und die Frage, ob und inwiefern sich der Charakter des Regimes im Untersuchungszeitraum veränderte, wird leider nicht gestellt.

Wirklich problematisch ist Yılmaz’ unkritische Verwendung zentraler Kampfbegriffe des Kemalismus. So setzt sie zwar „modern“ meistens in Anführungszeichen, spricht aber andernorts selbst vom „context of reactionary opposition“ (S. 131).[7] Sie unterlässt es weitgehend, auf die machtpolitische Funktion von Begriffspaaren wie „unzivilisiert/zivilisiert“ oder „modern/primitiv“ einzugehen. Hier bleibt sie weit hinter dem analytischen Horizont anderer Arbeiten zurück, die Orientalismus im Osmanischen Reich und in der Türkei als Herrschaftsdiskurs untersucht haben.[8]

Trotz dieser Kritikpunkte stellt das Buch einen wichtigen Beitrag zur Türkei-Geschichtsschreibung dar. Es gewährt neue Einblicke in die gesellschaftlichen Transformationsprozesse dieser Zeit und ist damit auch für Historiker anderer Regionen sowie für Laien lesenswert.

Anmerkungen:
[1] Für eine Diskussion aktueller Forschungstrends und -probleme, sowie einige Beispiele, siehe Gavin D. Brockett (Hrsg.), Towards A Social History of Modern Turkey. Essays in Theory and Practice, Istanbul 2011.
[2] Bernhard Lewis, The Emergence of Modern Turkey, Oxford 1961; Stanford S. Shaw / Ezel Kural Shaw, History of the Ottoman Empire and Turkey, Vol. 2: Reform, Revolution and Republic: the Rise of Modern Turkey: 1808–1975, Cambridge 1977.
[3] Diese entstanden zunächst in der Türkei und erst ab den 1990er-Jahren auch in westlichen Sprachen: Mahmut Goloğlu, Devrimler ve Tepkileri, 1923–1927, Ankara 1972; Mete Tunçay, Türk Cumhuriyet’inde Tek Parti Yönetinimin Kurulması, 1923–1931, Ankara 1981; Eric Jan Zürcher, Turkey. A Modern History, London 1997; Michael E. Meeker, A Nation of Empire. The Ottoman Legacy of Turkish Modernity, Berkeley 2002.
[4] Erste Beispiele hierfür sind: Murat Metinsoy, Fragile Hegemony. Flexible Authoritarianism, and Governing from Below: Politicians’ Reports in Early Republican Turkey, in: International Journal of Middle East Studies, 43 (2011), S. 699–719; Yiğit Akın, Reconsidering State, Party and Society in Early Republican Turkey. Politics of Petitioning, in: International Journal of Middle East Studies 39 (2007), S. 435–457.
[5] Geoffrey Lewis, The Turkish Language Reform. A Catastrophic Success, Oxford 1999.
[6] Yılmaz geht kurz auf die Unterdrückung der Aufstände von 1925 ein, ignoriert jedoch die sogenannten Dersim-Massaker von 1937/38. Für eine ausführliche Studie staatlicher beziehungsweise staatlich sanktionierter Gewalt in Ostanatolien siehe Uğur Ümit Üngör, The Making of Modern Turkey. Nation and State in Eastern Anatolia, 1913–1950, Oxford 2011.
[7] Dieser Begriff der „Reaktion“ (irtica) wird spätestens seit der Jungtürkenzeit (1908–1918) und bis heute verwendet, um politische Gegner mundtot zu machen. Umut Azak hat diese Vorstellung einer dunklen, irrationalen Bedrohung treffend als „specter of irtica“ bezeichnet: Umut Azak, Islam and Secularism in Turkey. Kemalism, Religion and the Nation State, London 2010, S. 16.
[8] So etwa Ussama Makdisis Begriff eines „Ottoman Orientalism“, mithilfe dessen spätosmanische Eliten die arabische Bevölkerung als der nachholenden Entwicklung bedürftig orientalisiert hätten: Ussama Makdisi, Ottoman Orientalism, in: American Historical Review 107 (2002), S. 768–796. Für die Republikzeit siehe Arus Yumul, Bitmemiş bir Proje olarak Beden, in: Toplum ve Bilim 84 (2000), S. 37–50; dies., Fashioning the Turkish Body Politic, in: Kerem Öktem / Celia Kerslake / Philip Robins (Hrsg.), Turkey’s Engagement with Modernity. Conflict and Change in the Twentieth Century, Basingstoke 2010, S. 349–369; Welat Zedanlıoğlu, The White Turkish Man’s Burden. Orientalism, Kemalism and the Kurds in Turkey, in: Guido Rings / Anne Ife (Hrsg), Neo-Colonial Mentalities in Contemporary Europe? Language and Discourse in the Construction of Identities, Newcastle 2008, S. 155–175.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.11.2014
Beiträger
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