A. Pinwinkler: Historische Bevölkerungsforschungen

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Titel
Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Pinwinkler, Alexander
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
537 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heinrich Hartmann, Department of History, Princeton University

In der Geschichte des Mit- und Gegeneinanders von Struktur- und Sozialgeschichte kommt den unterschiedlichen Konzepten von Bevölkerung und den Vorstellungen demographischer Entwicklung eine Schlüsselrolle zu, die etwa bei Verwendung von Begriffen wie „Volks- und Siedlungsgeschichte“ greifbar wird. Dass gerade in diesen semantischen Feldern ein Ort ideologischer Selbstverortung, aber auch ein Austragungsort fachlicher Kontroversen zwischen den verschiedenen Historikergenerationen liegt, konnte vermutet werden. Alexander Pinwinkler hat dies mit seiner Wiener Habilitationsschrift nun materialreich belegt, dabei methodisch ausgefeilt die historiographischen Brüche und Kontinuitäten über das kurze 20. Jahrhundert analysiert und ihren Weg in den Forschungskanon der Historischen Sozialwissenschaft nachverfolgt. Seine Arbeit verbindet damit zwei Forschungsfelder, die in den letzten Jahre äußerst aktiv waren: einerseits die kritische Aufarbeitung der ideologischen Verstrickungen deutscher Geschichtswissenschaften im 20. Jahrhundert[1], andererseits die verworrene Geschichte von Bevölkerungswissen und Demographie zwischen Wissenschaft und Politik.[2]

Das Ziel des Autors besteht darin, Bevölkerungskonzepte im historiographischen Diskurs zu verorten, nicht etwa eine Disziplingeschichte von Fächern wie der Historischen Demographie oder der Bevölkerungsgeschichte zu schreiben. Dabei fokussiert er gerade auf den transdisziplinären Bezugsrahmen, in dem historische Bevölkerungsforschungen stattfanden (und weiterhin stattfinden). Die Ambivalenzen des Bevölkerungsbegriffs, der gerade in der deutschen Wissenschaftslandschaft disziplinär nicht genau festzulegen ist, beschreibt der Autor als ein „Ensemble von Begriffen, Forschungsfeldern und Inszenierungen“ in einem thematisch breiten und hermeneutisch durchdachten ersten Teil. So macht er deutlich, wie in der ersten Jahrhunderthälfte Fragen europäischer Migration und der „Herkunft“ von Bevölkerungen dazu beitrugen, die Vorstellung einer historischen Wesenheit des Volkes zu verfestigen. Sozialwissenschaftliche Methoden hatten hieran ebenso einen Anteil wie die Erbbiologie oder – und das zeigt Pinwinkler sehr deutlich – die auf den Kanon der historischen Hilfswissenschaften zurückgehende genealogische Familienforschung. Dies fand nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzung in strukturgeschichtlichen Großthesen wie dem „European Marriage Pattern“. Doch in erster Linie war es die Raumforschung, die sich gerade im Sinne der Lebensraumideologie des Nationalsozialismus besonders nachhaltig auf Volks- und Abstammungsstudien einließ und sich damit in den Dienst politischer Ziele stellte. In der Dorf- und Siedlungsgeschichte prägten diese Konzepte vor allem im vermeintlich ideologiefreien Rahmen der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung die deutsche Strukturgeschichte bis weit in die Nachkriegszeit. Raum und Bevölkerung behielten ihre charakteristische „relationale Wechselwirkung“. Ein solches „Ineinanderblenden von Theoremen und Methoden“ (S. 103) kann Pinwinkler insbesondere anhand der Geschichte von Bevölkerungs- und Siedlungskarten darstellen.

Doch das Kernstück des Buches ist ein Set von acht Doppelstudien zu jeweils zwei prominenten, historisch arbeitenden Bevölkerungswissenschaftlern. Diese Methode erlaubt dem Autor viel weitreichendere Erkenntnisse, als bloß die Vielfalt deutscher Bevölkerungshistoriker auf knappem Raum zu komprimieren. In mehreren Fällen (etwa im Fall von Rudolf Kötzschke und Adolf Helbok oder bei Gunther Ipsen und Werner Conze) kann er Kontinuitäten und Verflechtungen in den Nationalsozialismus hinein und aus ihm hinaus aufzeigen. Durch den Vergleich kann er aber auch individuelle Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten sichtbar machen, die Entscheidungsfreiheiten und Handlungsspielräume erst erkennen lassen (etwa bei Hermann Aubin und Erich Keyser), die zugleich dauerhafte Methodendivergenzen in der westdeutschen Historiographie zu erklären helfen (insbesondere bei Wolfgang Köllmann und Arthur Imhof). In vielen Fällen geht Pinwinkler weit über eine pure Analyse der Werke hinaus und erschließt archivierte Korrespondenzen, aber auch Polizei- und Gerichtsakten. Der Mehrwert einer solchen Archivarbeit ist hier besonders offensichtlich: Mühelos gelingt es dem Autor, die Selbstinszenierungen und -verteidigungen einiger Wissenschaftler in der Nachkriegszeit als Phantasmen zu entlarven.

Insgesamt ergibt sich aus diesen gemischten Doppeln aber nicht nur ein Gespür für die Kontinuitäten einer historiographischen und sozialwissenschaftlichen Motivik der Bevölkerungsforschung, sondern auch der Eindruck einer Diskrepanz von Persistenz und Marginalisierung solcher Forschungsrichtungen. Vielleicht mit Ausnahme der Universität Königsberg, deren in Heidelberg überdauernde Netzwerke auch die Anfänge der Strukturgeschichte in der Bundesrepublik prägten, kristallisierte sich kein klares universitäres Zentrum heraus, das als dauerhafte Plattform einer historischen Bevölkerungsforschung in Deutschland fungiert hätte. Dennoch ist an der persistenten Vernetzung der Akteure nach der Lektüre von Pinwinklers Arbeit nicht zu zweifeln. Einzelne Lehrstühle und Fachorgane fungierten bis in die 1970er-Jahre als Transmissionsriemen von Schulen der bevölkerungshistorischen Forschung.

Etwas blass bleiben die Reflexionen über den Stellenwert des Transnationalen. Es ist zunächst unklar, nach welchen Kriterien in der Studie deutsche und österreichische historische Schulen nebeneinander gestellt werden. Ist das Kriterium die Sprache, die sicher prägend für methodische Ausrichtungen war? Aber warum macht Pinwinkler dann vor den Schweizer Historikern halt, mit Ausnahme von Arthur Imhof? Oder ist es die gemeinsame „generationelle“ Einbindung in den Nationalsozialismus? Dies würde allerdings wiederum keine ausreichende Begründung für den langfristigen Vergleich bilden. Auch die weitere transnationale Einordnung bleibt (vielleicht notwendig) bruchstückhaft. So erwähnt der Autor die vergleichsweise schwache Bedeutung von historischen Bevölkerungsstudien im deutschen Sprachraum im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien.[3] Glaubhaft belegt er, dass die Trennung von Bevölkerungswissenschaft, Bevölkerungsgeschichte und Historischer Demographie ein deutsches Modell ist, das seine Ursache in der mehrfachen historischen Marginalisierung dieser Fächer hatte. Dagegen fehlt der Raum, um die Unterschiede zu anderen Ländern auch methodisch klar herauszuarbeiten. Umso deutlicher wird, dass einige der beteiligten deutschen Forscher ihre Expertise gerade in Bezug auf Osteuropa im Sinne neuer modernisierungstheoretisch geleiteter Programme der Nachkriegszeit erfolgreich ummünzen konnten.

Pinwinklers Studie ist eine wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung des Bevölkerungsarguments. Die Grenzen der „zünftigen Geschichtswissenschaften“ (S. 21) dagegen überschreitet sie nur an wenigen Punkten. Die Einbindung der Historikerinnen und Historiker in das politische Feld wird zwar immer wieder als Argument genannt (etwa im Falle von Ipsen und Conze oder der Vorbereitungen eines „Demographic Engineering“ im Rahmen des Generalplans Ost), allerdings nicht immer ausgeführt. Dies mag man bedauern, sind akademische Schulen und Netzwerke durch die „Produktion“ von Absolventen und Doktoranden doch gerade in der Geschichte der Bundesrepublik auch mit Bereichen des Journalismus oder politischen Ämtern verknüpft. Erwähnt Pinwinkler etwa Heinz Wülker (S. 40), der sich 1940 in Hannover zur Volksgeschichte habilitierte, so wäre seine Frau Gabriele Wülker, die mit ihrem Mann zusammen in Hannover promoviert wurde, in der Nachkriegszeit im Migrationsrat, im Familienministerium und in der Entwicklungszusammenarbeit bevölkerungspolitische Akzente in der Bundesrepublik setzte[4], sicherlich nicht weniger interessant gewesen. Daneben hätte auch eine Einbeziehung von Schulbüchern als Quellenmaterial die Validität der Ergebnisse erweitern können. Es liegt allerdings auf der Hand, dass eine solche Vielzahl von Bezügen im Rahmen einer Monographie kaum mehr darstellbar ist.

Somit bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte und Inspirationen für weitere Forschungen, was keineswegs als Manko, sondern vielmehr als Verdienst einer solchen Arbeit zu sehen ist. Alexander Pinwinklers größte Meriten liegen aber darin, die Diskussionen über historiographische Kontinuitäten und Brüche über die Zäsur von 1945 hinweg, die die deutschen Geschichtswissenschaften nun seit fast 20 Jahren mal mehr, mal weniger intensiv beschäftigen, in ein neues Register geführt zu haben. Mit hermeneutisch treffsicherer Analyse unterfüttert er jenseits des Expliziten die sensiblen Brückenpunkte, die deutsche Volks- und Sozialgeschichte verbinden. Dabei fällt seine weitgehend nüchtern vorgetragene Analyse weder in rein formalistische Netzwerkanalysen noch in die Plattitüden einer anwaltschaftlichen Abrechnung mit der historiographischen Großelterngeneration zurück.

Anmerkungen:
[1] Stellvertretend seien hier die Diskussionen auf dem Frankfurter Historikertag 1998 genannt, dem einige Jahre später unter anderem die Veröffentlichung von Nicolas Bergs umfangreicher Dissertation folgte: Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
[2] Etwa Petra Overath / Patrick Krassnitzer (Hrsg.), Bevölkerungsfragen. Prozesse des Wissenstransfers in Deutschland und Frankreich (1870–1939), Köln 2007; oder auch die Ergebnisse des DFG-Schwerpunktprogramms „Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts ‚Bevölkerung‘ vor, im und nach dem ‚Dritten Reich‘“, an dem Pinwinkler selbst beteiligt war. Siehe außerdem die Sammelrezension von Sybilla Nikolow über Bevölkerungsdiskurse im 20. Jahrhundert, in: H-Soz-u-Kult, 06.10.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-013> (18.09.2014).
[3] Vgl. Paul-André Rosental, L’intelligence démographique. Sciences et politiques des populations en France, 1930–1960, Paris 2003.
[4] Vgl. Christiane Kuller, Familienpolitik im föderativen Sozialstaat. Die Formierung eines Politikfeldes in der Bundesrepublik 1949–1975, München 2004, S. 94ff.