K. M. Ziebart: Nicolaus Cusanus on Faith and the Intellect

Cover
Titel
Nicolaus Cusanus on Faith and the Intellect. A Case Study in 15th-Century Fides-Ratio Controversy


Autor(en)
Ziebart, K. Meredith
Reihe
Brill's Studies in Intellectual History 225
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 328 S.
Preis
€ 131,61
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan-Hendryk de Boer, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Welche Rolle Glauben und Vernunft im Denken des Nicolaus Cusanus spielen, ist eine viel diskutierte Frage, der K. Meredith Ziebart in ihrer, auf eine Freiburger Dissertation zurückgehenden, Studie neue Sichtweisen abgewinnen will. Durch einen problemorientierten und methodologisch reflektierten Zugang gelingt es ihr, eine weitgehend stimmige Deutung zu entwickeln, ohne einfach die Tendenzen der Forschung fortzuschreiben, entweder die Bedeutung der Vernunft zu Lasten des Glaubens zu privilegieren[1] oder Glauben und Theologie einen zentralen Platz im Denken des Cusaners zuzuweisen[2] und auf diese Weise das spannungsreiche Verhältnis zwischen fides und ratio zu entproblematisieren. Programmatisch heißt es in der Einleitung, der philosophische Beitrag eines Denkers sei nicht vollständig zu verstehen, ohne den Kontext zu berücksichtigen, in dem er lebte und arbeitete. Statt eine weitere Gesamtdarstellung des Denkens des Cusaners vorzulegen, stehen daher zwei Auseinandersetzungen um seine Koinzidenzlehre und seine Version einer mystischen Theologie im Zentrum der Arbeit. Damit soll eine Lücke in der reichen Cusanus-Forschung geschlossen werden: Sehr viel sei zwar zu seinen Lehren und Werken geschrieben worden, wie diese jedoch in spezifischen Kontexten zu situieren und wie sie als Teil von Diskussionen mit verschiedenen Zeitgenossen zu verstehen seien, sei nur selten ausführlich untersucht worden. Der engere Kontext, in den Ziebart die Thesen des Nikolaus von Kues stellt, bilden jene Auseinandersetzungen, in die er vom Heidelberger Theologen Johannes Wenck und dem Kartäuser Vinzenz von Aggsbach verwickelt wurde. Den weiteren, allerdings eher angedeuteten als genauer ausgeführten, Kontext bilden die spätmittelalterliche Diskussion um das Verhältnis von Glauben und Vernunft sowie die in diesen diskursiven Rahmen gehörende Debatte um die Rolle von Logik und Metaphysik in der Theologie.

In einer ausführlichen Einleitung weist Ziebart nach, dass das Nachdenken über das Verhältnis von Glauben und Vernunft sowohl die Predigten des Cusanus als auch seine Traktate und Dialoge durchzieht. Während er in den frühen Predigten dazu neigte, Vernunft und Glauben voneinander abzugrenzen und die Beschränkungen vernunftbasierter Erkenntnis hervorzuheben, veränderte sich sein Ansatz im Kontext von De docta ignorantia. Nun betonte er, wie sehr Vernunft und Glauben verschränkt seien. Mit diesen ersten Textanalysen sowie einem Forschungsüberblick sind die Grundlagen gelegt, um im ersten Hauptteil der Studie die beiden Auseinandersetzungen der 1440er- und frühen 1450er-Jahre zu untersuchen. Wencks De ignota litteratura deutet Ziebart überzeugend als Versuch, die cusanische Koinzidenzlehre dadurch zu diskreditieren, dass sie eher assoziativ als durch eingehende Auseinandersetzung mit verschiedenen Häresien, insbesondere derjenigen der Begarden und Meister Eckharts, in Verbindung gebracht wurde. Der Heidelberger Theologe fürchtete, dass die Lehre der coincidentia oppositorum den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf beseitigen und zugleich durch die vermeintliche Leugnung des Satzes vom Widerspruch jegliche wissenschaftliche Erkenntnis ihres Fundaments berauben könnte. In seiner Erwiderung, der Apologia doctae ignorantiae von 1449, fiel es Cusanus nicht schwer, Wencks Vorwürfe als Resultat einer oberflächlichen und voreingenommenen Lektüre darzustellen. Er revanchierte sich, indem er seinerseits De ignota litteratura vorwarf, jeglicher theologischen und philosophischen Kompetenz zu entbehren. Dass sich, wie Ziebart zu Recht unterstreicht, in der Auseinandersetzung zwischen Wenck und Cusanus ein Vertreter der universitären scholastischen Theologie und ein Vertreter einer nicht an die Universität gebundenen neuen Form des theologischen Denkens gegenüberstanden, dürfte ein zentraler Grund dafür sein, warum ihre Debatte als ein elaboriertes Aneinandervorbeireden erscheint. Die von Ziebart gelegte, jedoch nicht konsequent verfolgte Spur sollte weiter verfolgt werden: In einer breiteren Kontextualisierung war der Streit zwischen Wenck und Cusanus Teil eines das Spätmittelalter durchziehenden Konflikts zwischen einer institutionengebundenen scholastischen Universitätstheologie und philosophischen sowie theologischen Denkweisen, die dezidiert außerhalb der Universität und ihren Methoden des Lehrens, Schreibens und Forschens entworfen wurden.

Plausibel ist Ziebarts Vorschlag, auch die drei Idiota-Dialoge in die Debatte mit Wenck einzuordnen, da Cusanus hier durch die titelgebende Figur des Laien die Erkenntnisweisen von ratio (Verstand) und intellectus (Vernunft) darlegen lässt und dabei zeigt, wie das Übersteigen des strikt an das Widerspruchsprinzip gebundenen rationalen Denkens notwendige Voraussetzung für die mystische Theologie ist, die zur Erkenntnis Gottes führt, der jenseits der Koinzidenz der Gegensätze verortet ist. Der Idiota-Dialog wird auf diese Weise zum Exempel einer neuen Weise, Theologie zu treiben, die sich von der scholastischen Theologie, die Wenck personifiziert, grundsätzlich unterscheidet. Diese These hätte noch unterstrichen werden können, wenn Ziebart den dritten Dialog De staticis experimentis nicht, wie in der Forschung vielfach üblich, unberücksichtigt gelassen hätte. Wenn der Idiota-Dialog hier die Möglichkeit entwirft, Wissen zu erwerben, indem alle erdenklichen Dinge gewogen werden, mag dies zwar auf den ersten Blick kurios erscheinen, ist aber doch in der auf die Spitze getriebenen empirischen Fundierung des Wissens als komplementäre Ergänzung zur Elemente der philosophischen Mystik aufnehmenden Weisheitslehre von Idiota de sapientia und der Geistphilosophie von Idiota de mente zu lesen. Dass Ziebart die Bedeutung humanistischer Vorstellungen für die Idiota-Dialoge negiert und umstandslos den Idiota-Dialog mit dem Autor Cusanus gleichsetzt, führt dazu, die eng auf die vorgetragenen Gehalte abgestimmte, gegen die scholastische Tradition gerichtete literarische Gestaltung der neuen cusanischen Theologie zu übersehen.

Die zweite von Ziebart untersuchte Auseinandersetzung dokumentiert erneut die Verunsicherung, die die cusanische Lehre bei einigen Zeitgenossen auslöste. Kritik kam dieses Mal allerdings nicht aus dem universitären, sondern aus dem monastischen Kontext. Cusanus' Gegenspieler war der Kartäuser Vinzenz von Aggsbach, der mit Sorge beobachtete, wie im Kloster Tegernsee eine an Gerson und Cusanus geschulte mystische Theologie Anhänger fand, die er für gänzlich verfehlt hielt. Dessen Abt, Kaspar Aindorffer, hatte Cusanus im Jahre 1452 gebeten, den Brüdern gründlicher die mystische Theologie zu erläutern. Der Kardinal antwortete zunächst, indem er den Abt auf eine Predigt verwies, deren Abschrift er in Tegernsee zurückgelassen hatte. Der Gattung entsprechend akzentuierte Cusanus hier die Rolle von Liebe und Glauben im Rahmen seiner intellektualistischen Theologie stärker als in seinen Abhandlungen und Dialogen. Ausführlicher antwortete er im folgenden Jahr mit der Abhandlung De visione Dei, in der er anschaulich seine Methode entfaltete, von der sinnlichen über die rationale zur intellektualen Schau aufzusteigen und so endlich die Mauer der Koinzidenz zu durchbrechen. Dass die Tegernseer Brüder sich – wenn auch zögerlich – den cusanischen Ideen öffneten, alarmierte Vinzenz von Aggsdorf. Unter Berufung auf Pseudo-Dionysius Areopagita warf er Cusanus vor, die mystische Theologie statt auf die Liebe auf Wissen, statt auf die Affektivität auf den Intellekt gründen zu wollen. Dies hielt er ebenso wie die subtile Sprache des Cusaners für den Ausdruck einer fehlgeleiteten Intellektualisierung, zu der die Studierten mangels wirklicher mystischer Erfahrungen greifen mussten. Wie Ziebart zeigen kann, standen nicht nur theologische, sondern auch kirchenpolitische Motive hinter den Attacken des Kartäusers. Besonders erregte ihn nämlich die Reformtätigkeit des Kardinals, dem er, selbst überzeugter Anhänger des Konziliarismus, seinen Wechsel auf die päpstliche Seite und damit den Verrat am Basler Konzil verübelte. Einige Dokumente aus dieser Auseinandersetzung mit englischer Übersetzung sind der Studie als Anhang angefügt – ein Vorgeschmack auf einen zweisprachigen Quellenband zur Tegernseer Debatte, den Ziebart zusammen mit David Albertson für die Reihe „Dallas Medieval Texts and Translations“ vorbereitet.

Im zweiten kürzeren Teil der Arbeit widmet sich Ziebart zunächst der Bedeutung der aristotelischen Philosophie für das cusanische Denken. Ganz neu ist der Nachweis, dass Cusanus trotz wiederholter kritischer Bemerkungen zu Aristoteles insbesondere dessen Metaphysik keinesfalls pauschal verworfen habe, allerdings nicht.[3] Im Spätwerk habe er die Harmonie unter den antiken Philosophen betont und seine eigene Lehre als Fortsetzung nicht allein der neuplatonischen, sondern ebenso der peripatetischen Tradition begriffen. Zwar ist es sicherlich richtig, dass die Koinzidenzlehre den Satz vom Widerspruch als maßgebliches Denkprinzip im Reich des Verstandes in Kraft lässt, in seinen philosophisch-theologischen Abhandlungen wie in seiner (von Ziebart vernachlässigten) spekulativen Mathematik privilegiert Cusanus jedoch prinzipiell die umfassendere Erkenntnisleistung des intellectus gegenüber der ratio. Nur jener sei befähigt, die Koinzidenz der Gegensätze zu ermessen und über sie hinaus zur Erkenntnis Gottes vorzustoßen. Die cusanische Lehre versteht sich insofern als eine aemulatio der gesamten antiken Philosophie, indem sie unter dem Eindruck der christlichen Offenbarung das in jener Angelegte zu vollenden vermag. Das letzte Kapitel der Studie verfolgt schließlich die bereits in der Einleitung diskutierte Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Vernunft in einem raschen, recht schematischen Durchgang durch Predigten des Cusaners aus den späten 1440er- und 1450er-Jahren weiter. Cusanus gestalte hier konsequent aus, was er in den früheren Predigten angelegt habe. Er stelle eine enge Verbindung von Glauben und Intellekt her, die ein konstitutives Element seiner mystischen Theologie bilde. Da Cusanus laut Ziebart zwar in den Predigten häufiger explizit über den Glauben spreche als in seinen Abhandlungen und Dialogen, jedoch grundsätzlich die gleichen Gehalte vertrete, bestätigen sich die Ergebnisse des ersten Teils der Studie, die ein kurzer Schluss noch einmal zusammenfasst.

Dass Ziebart im zweiten Teil ihrer Studie zu einer traditionellen Weise zurückkehrt, Lehrinhalte aus Abhandlungen und Predigten zu extrahieren und sie gelegentlich mit großen Vorläufern der Geistesgeschichte wie Thomas von Aquin in Verbindung zu bringen, lässt erkennen, wie wichtig ihre eigene Prämisse ist, das Denken des Cusanus in seinen Kontexten zu studieren. Seine Schriften und seine Konzepte auf ihre institutionellen, ideengeschichtlichen und personalen Bedingungen zu befragen, wie Ziebart selbst es in den beiden Fallanalysen zur Auseinandersetzung mit Wenck und der Tegernseer Debatte unternommen hat, dürfte ein vielversprechender Weg sein, der mitunter etwas festgefahrenen Cusanus-Forschung zu neuer Dynamik zu verhelfen. Dabei wäre eine noch breitere Kontextualisierung wünschenswert, die gleichermaßen die verschiedenen Debatten und Diskurse, in die Cusanus sich einschrieb, sowie die personalen Netzwerke, in denen er agierte und die institutionellen Gegebenheiten, die sein Handeln und Denken formten, berücksichtigt. Hierbei wäre etwa an den von Ziebart mehrfach erwähnten Wegestreit ebenso zu denken wie an die Devotio moderna, den Konziliarismus und die Kirchenreform oder den von ihr in seiner Bedeutung für Cusanus marginalisierten Humanismus. So bleibt zu wünschen, dass Ziebarts wichtige Studie Anregung für weitere Forschungen gibt, die die cusanischen Überlegungen zum Verhältnis von Glauben und Vernunft konsequent als Teil einer das Denken des 15. Jahrhunderts prägenden Debatte über fides und ratio begreifen.

Anmerkungen:
[1] Karl Jaspers, Nikolaus Cusanus, München 1964; Thomas Leinkauf, Nicolaus Cusanus. Eine Einführung, Münster 2006; Kurt Flasch, Nikolaus von Kues. Geschichte einer Entwicklung. Vorlesung zur Einführung in seine Philosophie, 3. Aufl., Frankfurt am Main 2008.
[2] Albert Dahm, Die Soteriologie des Nikolaus von Kues. Ihre Entwicklung von seinen frühen Predigten bis zum Jahr 1445, Münster 1997; Ulli Roth, Suchende Vernunft. Der Glaubensbegriff des Nicolaus Cusanus, Münster 2000; Walter Andreas Euler, Die Versöhnung der Gegensätze. Eine Skizze der cusanischen Theologie, in: Harald Schwaetzer / Henrieke Stahl-Schwaetzer (Hrsg.), Explicatio mundi. Aspekte theologischer Hermeneutik, Regensburg 2000, S. 111–130; Martin Thurner, Gott als das offenbare Geheimnis nach Nikolaus von Kues, Berlin 2001; Werner Beierwaltes, Das Verhältnis von Philosophie und Theologie bei Nicolaus Cusanus, in: Klaus Kremer / Klaus Reinhardt (Hrsg.), Nikolaus von Kues 1401–2001. Akten des Symposions in Bernkastel-Kues vom 23. bis 26. Mai 2001, Trier 2003, S. 65–102.
[3] Franz-Bernhard Stammkötter, „Hic homo parum curat de dictis Aristotelis“. Der Streit zwischen Johannes Wenck von Herrenberg und Nikolaus von Kues um die Gültigkeit des Satzes vom zu vermeidenden Widerspruch, in: Jan A. Aertsen / Martin Pickavé (Hrsg.), „Herbst des Mittelalters“? Fragen zur Bewertung des 14. und 15. Jahrhunderts, Berlin 2004, S. 433–444.