Bromley, Roger; Göttlich, Udo; Winter, Carsten (Hrsg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg  1999. ISBN 3-924245-65-7

Engelmann, Jan (Hrsg.): Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader. Frankfurt a.M.  1999. ISBN 3-593-36245-7

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Tatjana Eggeling

Zwei Veröffentlichungen sind im letzten Jahr erschienen, die das Forschungsfeld Cultural Studies einer deutschen Leserschaft näher bringen und zur verstärkten Auseinandersetzung mit ihm anregen wollen. Schon die Titel beider Sammelbände verweisen auf ihre unterschiedlichen Perspektiven:

"Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung" enthält ausschließlich aus dem Englischen übersetzte Originaltexte von VertreterInnen dieser Forschungsrichtung aus den Anfängen der 1950er Jahre bis in die Mitte der 1990er Jahre. An ihnen lassen sich das Selbstverständnis dieses Forschungsfeldes, seine Themen, Intentionen, methodischen Ansätze und theoretischen Debatten und Ausgangspunkte mit ihren Veränderungen und Erweiterungen chronologisch nachvollziehen. Erklärte Absicht der Herausgeber ist es, die Entwicklungen der Cultural Studies vorzustellen, deren Rezeption ihrer Meinung nach im deutschsprachigen Raum erst am Anfang steht.

"Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader" hingegen konzentriert sich auf jüngere Auseinandersetzungen um den aktuellen Standort der Cultural Studies. Nach einem ersten Teil mit Texten zu grundlegenden theoretischen und methodologischen Entwicklungen werden zentrale Fragestellungen in einer dialogisch zusammengestellten Sammlung von Aufsätzen und Gesprächen beleuchtet und das "Warum" und "Wofür" der Cultural Studies thematisiert. Der dritte Teil stellt Überlegungen zum "Wie" der Cultural Studies am Beispiel verschiedener Kritiken und Debatten vor. Der mit "Bonus" betitelte Anhang gibt Hinweise auf Universitätsinstitute und Forschungsinstitutionen in Deutschland, Großbritannien und Dänemark, an denen (unter anderem) Cultural Studies betrieben werden. Für jede Institution sind Forschungsschwerpunkte, Studieninhalte und -programme sowie Zugangsvoraussetzungen und mögliche Abschlüsse aufgeführt. Der Anhang verweist zusätzlich auf gedruckte und Online-Zeitschriften sowie Websites mit Textarchiven und weiterführenden Links. Auch wenn dieser Teil in absehbarer Zeit zumindest teilweise an Aktualität verlieren wird, stellt er doch eine sehr hilfreiche Serviceleistung für all diejenigen dar, die sich über die Infrastruktur der Cultural Studies-Landschaft informieren möchten.
Nach dieser kurzen Charakteristik nun zu den Bänden im einzelnen:

Teil I von "Cultural Studies" enthält zwei Einleitungen. In der zeichnet Roger Bromley unter dem Titel Cultural Studies gestern und heute die Entwicklung der Cultural Studies von den Anfängen in den 1950er Jahren in Großbritannien nach und beleuchtet, wie sie sich im Lauf der Jahre inhaltlich und theoretisch veränderten und wie sie sich, ausgehend von der Gründung des Center for Contemporary Cultural Studies in Birmingham 1964, im akademischen Bereich etablierten und von dort aus auch international ausbreiteten. Er skizziert ihre Entstehungskontexte und hebt in diesem Zusammenhang die linke aktivistische Zielsetzung dieses politischen und pädagogischen Projekts hervor, das aus den Erfahrungen der Erwachsenenbildung entstanden war: Einem demokratischen und emanzipatorischen Bildungsideal verpflichtet, übten die ersten Vertreter der Cultural Studies offensive materialistische Kritik am politischen und kulturellen Selbstverständnis der damaligen britischen Gesellschaft. Vom Klassenstandpunkt aus stellten sie Kultur im weitesten Sinn ins Zentrum ihrer Untersuchungen, führten das Populäre als Kategorie in die Debatten um die Zusammenhänge von Kultur, Klasse und Macht ein und konzentrierten sich dementsprechend auf Phänomene der populären und Alltagskultur der Arbeiterklasse. Bromley umreißt die methodologischen und theoretischen Ansatzpunkte und Perspektiven der Anfangsphase der Cultural Studies am Beispiel dreier Texte, die bis heute als grundlegend gelten und, in Auszügen, auch im ersten Teil des Bandes "Zur Geschichte der Cultural Studies" enthalten sind: Richard Hoggarts "The Uses of Literacy" (1957), Raymond Williams' "Culture and Society" (1958) und Edward P. Thompsons "Review of Williams's The Long Revolution" (1961). Neben diesen "Pionieren" stellt Bromley spätere VerteterInnen dieser Forschungsrichtung vor, die für die weitere Entwicklung der Cultural Studies maßgebend waren. Hier nennt er vor allem Stuart Hall, der mit seinen Auseinandersetzungen mit dem Kulturalismus, dem Strukturalismus und postmodernistischen Theorien die Cultural Studies in den 70er und 80er Jahren besonders geprägt habe. Gerade ihm sei es zu verdanken, daß die Cultural Studies mit ihrem "links-humanistischen und kulturellem Populismus" gebrochen hätten (S. 19). Neue Fragestellungen und Begriffe wie etwa Differenz, Ethnizität oder Identität lösten in der Folgezeit die einstigen ab, ohne daß diese, so Bromley, vollkommen aufgegeben worden seien. Er geht ebenfalls auf KritikerInnen der Cultural Studies und die gewissermaßen "ideologischen" Debatten um den Stellenwert der politischen Ökonomie innerhalb der Forschungen zur Alltags- und Populärkultur ein. In diesem hätte er allerdings nicht nur der Vollständigkeit halber auch die Kritik am "männlichen Blick" nennen können, der Frauen und Mädchen außen vor gelassen hatte, wie sie etwa von Angela McRobbie in den 1980er Jahren formuliert worden ist.

In der zweiten Einleitung widmen sich Udo Göttlich und Carsten Winter unter der Frage Wessen Cultural Studies? der Rezeption der Cultural Studies im deutschsprachigen Raum, die hier noch am Anfang stehe. Dies begründen sie damit, daß bislang nur Teilaspekte der Cultural Studies rezipiert und grundlegende Texte noch nicht ins Deutsche übersetzt worden seien. Bevor sie auf die Situation in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft eingehen, nennen sie folgende Charakteristika der Cultural Studies: ihre Kulturauffassung, nämlich das "Verständnis von Kultur als gesamter Lebensweise" (S.27), und ihre disziplinatorische Offenheit bzw. ihre "Disziplinungebundenheit" (S. 28). Beides bezeichnen sie als notwendige Voraussetzung "für die angemessene Erforschung kultureller Praxen und deren unterscheidbaren Kontexten" (S. 28). Die Voraussetzungen für die Beschäftigung mit den Cultural Studies in Deutschland sehen Göttlich und Winter mit zweierlei zusammenhängend: zum einen mit der Disziplinarität des deutschen Universitätssystems, zu dessen Wissenschaftsverständnis die Cultural Studies in ihrer Offenheit quer lägen, und zum zweiten mit spezifischen Vorstellungen von Kulturwissenschaft. Ihre an kurzen Beispielen belegten Begründungen dessen, daß hiesige kulturwissenschaftliche Studiengänge und Projekte etwas anderes meinen als die Cultural Studies, werden jedoch nur den LeserInnen einleuchten, die sich in den Debatten um die Ausrichtungen und Perspektiven der deutschen Kultur- und Geisteswissenschaften auskennen. Neulingen oder StudienanfängerInnen auf diesem Gebiet werden sie weniger sagen, und gerade sie sind eine der wichtigsten Zielgruppen, die dieser Sammelband vermutlich ansprechen will.

Insgesamt würde ich diesen Bestandsaufnahmen zustimmen. Allerdings sehe ich die lückenhafte Rezeption der Cultural Studies in Deutschland vor allem in den genannten Voraussetzungen begründet und weniger in mangelnden Sprachkompetenzen und fehlenden Übersetzungen, denn ohne die Lektüre fremdsprachiger Texte können auch hierzulande Geistes- und Sozialwissenschaften nicht betrieben werden.

Für die Rezeption der Cultural Studies in Deutschland heben Göttlich und Winter vier größere Kontexte hervor: 1. die Anglistik und Amerikanistik, 2. die Ethnographie und Alltagskulturforschung sowie die empirische Kulturwissenschaft bzw. Volkskunde, 3. die Medien- und Kommunikationswissenschaften und schließlich 4. die größtenteils außerakademisch geführte Populärkulturdebatte. Vor allem in den beiden ersten hat dem nach die Auseinandersetzung mit den Cultural Studies schon früh begonnen und im zweiten in den 1970er Jahren zu vergleichbaren Studien vor allem zur Jugend- und Arbeiterkultur geführt. Göttlich und Winter weisen ausdrücklich darauf hin, daß es in allen vier Bereichen Überschneidungen gibt, die sich in den 1990er Jahren im Zusammenhang mit Fragen des kulturellen Wandels, der Rolle der Medien und der Entwicklung von Jugendkulturen und kulturellen Identitäten verdichtet hätten.

Die in den Einleitungen skizzierten Perspektiven begründen die Auswahl der Texte: Der Sammelband will in einem historischen Längsschnitt die entscheidenden Entwicklungen der Cultural Studies aufzeigen. Jedem Text ist eine kurze Einführung mit biographischen Anmerkungen zur AutorIn, weiteren Hinweisen zu ihren/seinen Arbeiten und einer kurzen Vorstellung des Textes vorangestellt, die den LeserInnen die Orientierung erleichtern. Teil II Zur Geschichte der Cultural Studies enthält die oben genannten Texte von Richard Hoggart, Raymond Williams und Edward P. Thompson sowie Stuart Halls Text Kodieren/Dekodieren (1980).

Teil IV Studien zur Populärkultur gewidmet. Hier finden sich Simon Frith mit Das Gute, das Schlechte und das Mittelmäßige. Zur Verteidigung der Populärkultur gegen den Populismus (1991), Lawrence Grossberg mit Zur Verortung der Populärkultur (1992) und John Fiske mit Politik. Die Linke und der Populismus (1989).

Teil V enthält unter dem Titel Medien- und Publikumsforschung David Morleys Bemerkungen zur Ethnographie des Fernsehpublikums (1992), Kultur und Kommunikation. Auf dem Weg zu einer ethnographischen Kritik des Medienkonsums im transnationalen Mediensystem (1990) von Ien Ang und Medien- und Kommunikationsforschung vs. Cultural Studies. Wider die Trennung (1995) von Douglas Kellner.

Der Sammelband nimmt also seine LeserInnen an die Hand und führt sie durch fast 50 Jahre Cultural Studies. Auf diese Weise will er deutlich machen, wo sich dieses spannende Forschungsfeld am meisten verändert und neuen Theorien geöffnet hat und wo es sich theoretisch und politisch treu geblieben ist. Mit seiner Textauswahl bietet er einen guten Einstieg in die Cultural Studies und regt an, sie auch im deutschen Wissenschaftskontext neu und tiefer zu verankern. Zum Formalen möchte ich kritisch anmerken, daß ich mir an manchen wenigen Stellen eine flüssigere Übersetzung und eine sorgfältigere Fehlerkorrektur gewünscht hätte, und positiv hervorheben, daß das Namensverzeichnis im Anhang die Orientierung erleichtert.

"Die kleinen Unterschiede" gehen einen anderen Weg und interessieren sich vor allem für die aktuelle Lage der Cultural Studies, die in vielen Beiträgen des Bandes als krisenhaft wahrgenommen wird. Jan Engelmann führt auf diese Problematik in Think Different. Eine unmögliche Einleitung hin, in der er die einzelnen Texte kommentiert und in die Debatten um die Cultural Studies einordnet. Der Begriff, an dem er die Wandlungen und Perspektiven der Cultural Studies aufzeigt, ist, wie sein Titel andeutet, die Differenz. Sie ist für Engelmann die zentrale Kategorie, um die herum die Debatten über das Warum, Wie und Wozu der Cultural Studies geführt wurden. Und vor allem mit diesen Debatten will der Sammelband bekannt machen, indem er verschiedene interne kritische Bestandsaufnahmen nebeneinander stellt. Entsprechend diskutiert Engelmann beispielsweise, welche Fallstricke die Beschäftigung mit dem active consumer bereithält, wenn die ökonomische Macht in diesen Betrachtungen unterschätzt und die "be-deutenden Praktiken" (signifying practices) zu stark aufgewertet werden. Im schlimmsten Fall könnten so die Cultural Studies letztlich die "neoliberale Ideologie unter der Hand" legitimieren - ein Ergebnis, das ihren Intentionen widerspräche (S. 16).

Das gewachsene Interesse an "Kulturstudien" in Deutschland sieht Engelmann in der "teilweise selbstverschuldeten Krise der Geisteswissenschaften" begründet. Zugleich sieht er die Gefahr, im Ringen um Fördermittel oder im "globalen Standortwettbewerb der Bildungsanstalten" unter dem Label "Kultur" nur noch marktorientiert zu handeln. Auch warnt er vor der in der Intstitutionalisierung liegenden Tendenz zur Kanonisierung und einer "voreilige(n) 'Schließung' von Diskursen" (S.29), um die Cultural Studies als "spannendes Forschungsfeld" offen für Veränderungen zu halten. Engelmann betont abschließend noch einmal, daß sich dieser Band deshalb nicht nur als Einführung, sondern auch als Intervention versteht.

Den Basis-Teil eröffnet Rainer Winter mit Spielräume des Vergnügens und der Interpretation. Cultural Studies und die kritische Analyse des Populären. Nach einem Vergleich der theoretischen Ansätze von de Certeau, Fiske und Grossberg hebt er den Eigensinn der Cultural Studies hervor, die nicht von einer integrativen Funktion von Kultur ausgingen, sondern nach dem "Kampf um Bedeutungen" fragten. Kulturelle Formen und Prozesse gelten demnach als die Kräfte, die die Konstitution der Gesellschaft dynamisieren und produktiv sind.

Udo Göttlich beschäftigt sich in Unterschiede durch Verschieben. Zur Theoriepolitik der Cultural Studies mit der Problematik, wie sich die Cultural Studies aktuell theoriepolitisch positionieren können, um gesellschaftskritisch wirksame Macht- und Herrschaftsanalyse zu betreiben. Die aktuelle Position ließe sich allerdings nur in Kenntnis der Phasen verstehen, die die Cultural Studies zuvor theoriepolitisch bestimmt hätten: der linke Kulturalismus, der Materialismus und der Strukturalismus. Beim "Post-Poststrukturalismus" angelangt, schlägt er vor, auf das "Axiom der 'Artikulation'" zurückzugreifen. Es ermögliche es, die Bedingungen für gesellschaftliche Praxen in ihren jeweiligen historischen Kontexten zu verstehen, und stellt, so Göttlich, eine Fortführung einer angemessenen materialistischen Kulturtheorie dar.

Dominik Bloeder zeichnet in Differenz, die einen Unterschied macht. Geschichtlicher Pfad und Abweg der Cultural Studies nach, wie seit den 1970er Jahren in den Cultural Studies "Differenz" gefaßt wurde. Nacheinander diskutiert er die inhaltlichen und theoretischen Schwerpunkte von den Subkulturstudien des CCCS bis hin zu postkolonialistischen Theorien. Er kommt zu dem Schluß, daß die Cultural Studies als work-in-progress sich, genau wie andere potentiell politische Subjekte, stetig selbst konstituieren, selbst eine "Artikulation der Gegenwart" (S.79) darstellen und in ihrer Dynamik immer wieder vorläufige Orte einnehmen müssen, um von dort aus politisch zu intervenieren.

Der Teil Bewegung beginnt mit Stuart Halls Text Ethnizität: Identität und Differenz (1989), in dem er sein Konzept der "neuen Ethnizitäten" darlegt, das - entgegen der alten Logik wahrer, authentischer Identitäten - auf einem dynamischen, prozeßhaften Verständnis von Identität beruht.

Paul Gilroy plädiert in Der Status der Differenz (1995) dafür, sich den politischen Implikationen des Multikulturalismus zu stellen, um analytische Zugänge zur Problematik der Differenz zu entwickeln, die in vergleichendem Forschen sowohl biologistischen und dualistischen wie auch kulturrelativistischen Betrachtungsweisen produktiv begegnen.

Simon Frith wendet sich in Musik und Identität (1996) explizit gegen die Idee der Homologie, die eine Entsprechung von ästhetischer Praxis und sozialer Lage annimmt. Vielmehr geht er davon aus, daß Identität ein Ideal und zugleich in Musik real erfahrbar ist. Aus dieser Perspektive Musik zu betrachten heißt, sich mit sozialen Interaktionen und der Artikulation individueller und kollektiver Identität zu beschäftigen.

John Fiske begründet in Frauen und Quizshows. Konsum, Patriarchat und widerständiges Vergnügen (1990) die Popularität dieser Shows damit, daß sie einerseits die patriarchale Ideologie reproduzieren und andererseits Angebote für subversive Umwertungen und widerständige Lesarten bieten.

Angela McRobbies Bridging the "Gap". Feminismus, Mode und Konsum ist eine Gegenrede gegen Fiskes Position. Sie kritisiert am Beispiel der Mode(industrie), daß der Blick auf Bedeutungsproduktion im Konsum materielle und soziale (Arbeits-)Bedingungen von Frauen vernachlässige. Um politische Diskussionen um gesellschaftlichen Wandel zu befördern, plädiert sie dafür, Produktion und Konsum, dessen vergnügliche Seite sie keinesfalls leugnet, analytisch wieder zusammenzuführen.

Den Teil Barrieren eröffnet Ruth Mayer mit Vielbevölkerte Zone. Kulturwissenschaften zwischen Gutmenschentum und dem Glamour der Rebellion. Sie entwirft am Beispiel der Debatte um das "Gutmenschentum" und des als "Abweichler" gefeierten Dietrich Schwanitz eine Strategie gegen die Krise der Geisteswissenschaften und für die Entwicklung einer produktiven Kulturwissenschaft. Da es keinen fixierbaren Mainstream gebe, gegen den das Subversive zu verteidigen wäre, plädiert sie dafür, sich vom "Glamour der Rebellion" zu verabschieden und den unbequemeren Weg einzuschlagen: angesichts veränderter Realitäten politische Inhalte neu zu verorten.

Julia Griem beschreibt in Bittere Pillen und Placebos. Über einige Frontlinien zwischen Natur- und Kulturwissenschaften eine US-amerikanische Debatte darüber, ob KulturwissenschaftlerInnen sich in die Naturwissenschaften einmischen dürfen. Damit möchte sie ausloten, wo die beiden Bereiche einander bereichern könnten. Weil Natur und Kultur nicht voneinander isoliert zu betrachten seien und es aktuell darum gehen müsse, sich den "Quasi-Objekten" und Hybriden zuzuwenden, läßt Griem den ausschließenden Dualismus zwischen beiden Disziplinen nicht mehr gelten. Konsequenterweise heißt das, vernetzt zu denken und Science Studies nicht länger entlang disziplinärer Fronten zu betreiben.

Im letzten Aufsatz in diesem Band diskutiert Tom Holert in Der Flug der Pfeile. Cultural Studies-Stile zwischen Materialitäts- und Fiktionalitätsgebot theorie-ästhetische Fragen und Stellungnahmen zur Ästhetik des eigenen Schreibens. Er plädiert dafür, diese Reflexionen ernst zu nehmen und kommt zum Schluß, daß Fiktionalität und Materialität nicht zwangsläufig einander entgegenstehen müssen, sondern beide zur Beschreibung der Cultural Studies als Objekt und der Objekte der Cultural Studies genutzt werden können. Fiktionalität könne die Materialität "ädern" und letztlich auch die Analyse interessant machen und das Interesse zur Analyse befähigen.

"Die kleinen Unterschiede" fordern also zur stetigen Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun in den Cultural Studies heraus und rufen dazu auf, immer auch die Politikfähigkeit und das produktive gesellschaftskritische Denken in diesem Forschungsfeld lebendig zu halten. Anders als der Band "Cultural Studies" wendet sich dieser Sammelband somit eher an LeserInnen, für die die Cultural Studies kein Neuland mehr sind.

Schön, daß beide Bände beinahe gleichzeitig erschienen sind und die Cultural Studies aus verschiedenen Perspektiven engagiert für ein deutschsprachiges Publikum ins Gespräch bringen.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.07.2000
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Beitrag