Cover
Titel
Von Christus zu Odin. Ein Karolinger bekehrt sich


Autor(en)
Hack, Achim Thomas
Reihe
Jenaer mediävistische Vorträge 3
Erschienen
Stuttgart 2014: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
76 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Werner Goetz, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Trotz eines banalen Beginns („Wer Quellen liest […] macht bisweilen ziemlich verblüffende Entdeckungen“, S. 9) widmet sich der hier gedruckte Jenaer Vortrag einem ebenso interessanten wie tatsächlich erstaunlichen, bislang entweder übersehenen, herabgespielten oder angezweifelten Vorfall: Nach dem Bericht Hinkmars von Reims in den Annales Bertiniani beging der bedrängte Pippin II. von Aquitanien Apostasie, gab sein Mönchtum auf und wurde Laie, schloß sich den Normannen an und diente ihrem Ritus (ritum eorum seruat). Ein karolingischer König verließ demnach nicht nur das Kloster, sondern fiel vom Christentum ab. In zehn kurzen Kapiteln analysiert Hack den Vorfall, beschreibt die Person (Pippin) und die Tradition der − ausdrücklich unter Strafe gestellten − ‚Apostasie‘ und der von Hinkmar benutzten biblischen Allegorie des „zum Erbrochenen Zurückkehrens“ (2. Petr 2,22).[1] Im Folgenden erinnert Hack an Parallelfälle bei den Angelsachsen (633 n. Chr.) nach Bedas ‚Kirchengeschichte‘. Der Abfall eines christlichen Königs zum Heidentum ist also kein Präzedenzfall, aber dennoch höchst ungewöhnlich, denn bei den Angelsachsen handelt es sich schließlich um erst kürzlich bekehrte Völker, wie sich Ähnliches später mehrfach auch bei Dänen oder Slawen ereignete. Die Karolinger waren hingegen längst ein gewissermaßen ‚altchristliches‘ Geschlecht. Der Abfall sollte daher ähnliches Aufsehen erregen wie die Konversion des königlichen Diakons Bodo zum Judentum, auf die Hack ausdrücklich verweist und die in den Annales Bertiniani an zwei Stellen ausführlich geschildert wird, während die Apostasie Pippins sich eher in einem kurzen Satz versteckt. Am Fall Karlmanns, des ‚abtrünnigen‘ Sohnes Karls des Kahlen, verdeutlicht Hack sodann, dass per apostasiam eher auf das Verlassen des Mönchsstandes als des Christentums verweist, bei Regino von Prüm aber dennoch die Parallele zum römischen Apostatenkaiser Julian provoziert. (Hack nennt das, allerdings kaum quellengemäß, ‚Sekundärapostasie‘.) Das trifft nun auch auf Pippin zu, von dem es heißt: ex monaco laicus et apostata factus.

Deutlich wird an dieser Episode, dass christliche Könige und Fürsten keinerlei Scheu zeigten, mit Heiden politische Bündnisse einzugehen − dafür gäbe es tatsächlich zahlreiche Beispiele −, dass eine heidnische Herrschaft über Christen durchaus denkbar erschien − hier könnte man die Einladung Ludwigs des Deutschen 858 n. Chr. gerade nach Aquitanien im Bericht der Fuldaer Annalen anführen, nach dem die Aquitanier mit einem Abfall zu den Glaubensfeinden drohten[2] − und dass politische Motive bei Bekehrungen eine Rolle spielten; Hack verweist auf das Beispiel des Dänenkönigs Harald Klak, der allerdings zum Christentum übertrat und nicht umgekehrt. Ein Abfall ins Heidentum erscheint hingegen unwahrscheinlich. Hack bleibt bei seinen diesbezüglichen Urteilen daher entsprechend zurückhaltend und möchte Pippins Annahme des normannischen Ritus eher auf den Kult (Opfer und Prodigien) als auf die Glaubensinhalte beziehen. Noch im 10. Jahrhundert berichtet, von Hack nicht bemerkt, im Übrigen Flodoard gleich mehrfach, dass Christen während der Normanneneinfälle zum Heidentum abfielen, um ihr Leben zu retten.[3] Zwar handelt es sich dabei nicht um Könige, doch wäre das die deutlichste Parallele zu dem hier behandelten Vorgang. Auch hier gibt die Not und nicht die religiöse Überzeugung den Ausschlag. Ein notgedrungenes, zumindest äußerliches Bekenntnis zu heidnischen Riten erscheint also keineswegs ausgeschlossen. Allerdings wird man auch in Rechnung zu stellen haben, dass Hinkmar mit seiner Bemerkung Pippin, der nun nicht nur den König, sondern den Glauben verlässt, vollends ins Unrecht setzen will.

Ist die ‚doppelte Apostasie‘ (vom Mönchtum zum Heidentum) daher − und das will Hack aufzeigen − einerseits nicht völlig ungewöhnlich, so sind die Parallelen andererseits, wie er selbst feststellt, doch jeweils anders gelagert. Ebenso richtig ist die abschließende Feststellung, dass sich politische Bündnisse karolingischer Herrscher gern mit der Forderung einer Konversion zum Christentum verbinden. Hier aber ist die Richtung des Glaubenswechsels erneut entgegengesetzt. Denkbar wäre es meines Erachtens, dass die Normannen ihrerseits die Apostasie gefordert haben (wie man auch die Zerstörung von Kirchen als Reaktion auf die christliche Zerstörung heidnischer Kultstätten deuten kann). Der interessante Fall Pippins, auf den Hack hier aufmerksam macht, bleibt trotz allem rätselhaft. Es ist sicher angebracht und nützlich, wenn Hack damit abschließend der ‚Globalisierungsthese‘ einer Christianisierung der damals bekannten Welt entgegentritt. Den Gegenbeweis einer durchaus noch offenen historischen Entwicklung kann Pippins Einzelfall allerdings nicht liefern.

Anmerkungen:
[1] Zu den Belegen ließe sich später noch Frutolf von Michelsberg anführen, der die Wendung im Zusammenhang der Rückkehr zwangsgetaufter Juden bei den Pogromen des 1. Kreuzzugs verwendet: Frutolf von Michelsberg, Chronik a. 1096, ed. Georg Waitz (MGH Scriptores 6), Hannover 1844, S. 208.
[2] Annales Fuldenses a. 853, ed. Friedrich Kurze (MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum 7), Hannover 1891, S. 43f.
[3] Flodoard, Historia Remensis ecclesiae 4,5, ed. Martina Stratmann (MGH Scriptores 36), Hannover 1998, S. 380; ebd. S. 384; Ders., Annales a. 943, ed. Philippe Lauer (Collection de textes pour servir a l´étude et a l´enseignement de l´histoire 39), Paris 1906, S. 88.

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Veröffentlicht am
17.09.2014
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