J. Rychlík u.a.: Hospodářský, sociální, kulturní a politický vývoj Podkarpatské

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Titel
Hospodářský, sociální, kulturní a politický vývoj Podkarpatské Rusi 1919-1939 [Die wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Entwicklung der Podkarpatská Rus 1919–1939].


Autor(en)
Rychlík, Jan; Rychlíková, Magdaléna
Anzahl Seiten
183 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Paul, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung Marburg

Rychlík/Rychlíková nutzen das Vorwort ihrer kleinen Schrift für die Darlegung von geografischen und historischen Eckdaten über die „Podkarpatská Rus“ (im Text des Buches „P.R.“ genannt), einer im deutschen Sprachraum oft als Karpatenukraine bekannten Region, die im Dreiländereck von Slowakei, Ungarn und Rumänien liegt. Dieses Gebiet gehörte über Jahrhunderte zu Ungarn und bildete erst nach dem Ersten Weltkrieg als Teil der neugegründeten Tschechoslowakei eine zusammenhängende Verwaltungseinheit. Aus ihrer Randlage ergab sich auch die Vielfalt in der demographischen Struktur mit einer mehrheitlich ostslawischen (ruthenischen) Bevölkerung und Ungarn sowie Juden als die größten Minderheiten. Intensiv gehen Rychlík/Rychlíková auf den Umstand ein, dass die ruthenische Bevölkerung weitgehend national indifferent war und zu einem Aktionsfeld nationaler Unternehmer wurde, die versuchten die Deutungshoheit über deren nationale Zuschreibung zu gewinnen.[1] Je nach Positionierung tauchen in den Quellen daher Personen und Orte in jeweils eigenen sprachlichen Varianten auf, was von Rychlík/Rychlíková mit Recht als Quellenproblem erkannt wird, da durch die bewusste Nutzung bestimmter Varianten nationale Identitäten postuliert wurden (S. 5).

Es folgt eine umfassende Darstellung der Historiographie (S. 7–12), in der anschaulich herausgearbeitet wird, welchen ideologischen Einflüssen diese insbesondere ab 1945 unterlag. Bemerkenswert ist bei der umfangreich rezipierten Forschung, dass lediglich auf eine Enzyklopädie des Hauptvertreters der angloamerikanischen Richtung zu dieser Region, Paul Robert Magocsi, verwiesen wird, jedoch nicht auf dessen Hauptwerke (siehe Literaturverzeichnis, S. 143). Bei dem ausgewerteten Archivmaterial ist besonders hervorzuheben, dass auch die Bestände des Lokalarchivs in Berehove gesichtet wurden, das die Akten der Lokalbehörden aus der tschechoslowakischen Periode aufbewahrt. Ziel dieser Monografie sei es nicht „eine Apologie der tschechischen resp. tschechoslowakischen Politik in der P.R. in der Zwischenkriegszeit“ vorzulegen, sondern „ausschließlich eine Zusammenstellung und kritische Bewertung des Materials zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Gebietes“ zu liefern (S. 12). Diese thematische Verengung relativiert den Eindruck, den der Titel des Werks vermittelt, dass es sich hierbei um ein umfassendes Überblickswerk handeln könnte.

Rychlík/Rychlíková beginnen Kapitel 1 zunächst mit einer Darstellung des gegenseitigen Verhältnisses von Tschechen und Slowaken zur „Podkarpatská Rus vor 1914“, was irreführend ist, da es zu dieser Verwaltungseinheit während der Zugehörigkeit zum Königreich Ungarn keinen vergleichbaren Vorgänger gab und stattdessen von den „ruthenischen Komitaten“ gesprochen wurde, die jedoch ein weitaus größeres Territorium umfassten. Rychlík/Rychlíková verweisen auf die wenigen Beispiele, wo Tschechen oder Slowaken sich überhaupt mit diesem Gebiet beschäftigt haben, woraus sich ergab, dass es noch während des Ersten Weltkriegs in den Konzeptionen der tschechoslowakischen Auslandsaktion für einen künftigen Staat zunächst nicht auftauchte (S. 17). Rychlík/Rychlíková folgen dabei der aus der Literatur bekannten Erzählung, nach der die Initiative hierzu von US-amerikanischen Exilruthenen kam und vor Ort ab Herbst 1918 Nationalräte um politische Zukunftskonzepte stritten, wobei sich die protschechoslowakische Fraktion durchsetzte. Hier wird auch auf die internationale Dimension dieser territorialen Streitfrage Bezug genommen: nach dem Krieg gegen die ungarische Räterepublik und die Friedensverhandlungen von Trianon 1920 bekam die Tschechoslowakei dieses Gebiet zugesprochen. Zur Rolle der Bevölkerung, die in diese Prozesse kaum eingebunden war und sich weitgehend passiv verhielt (S. 32), merken die Autoren allgemein an, dass bei politischen Prozessen dieser Größenordnung ja ohnehin nur die Eliten letztlich entscheiden würden. Dies steht im Kontrast zu dem Bestreben führender tschechoslowakischer Politiker wie dem Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk oder Außenminister Edvard Beneš, die später die demokratische Legitimation ihres Vorgehens betonten.[2]

Kapitel 2 über die politische Entwicklung in der Podkarpatská Rus beginnt mit einer detaillierten Darstellung des Aufbaus und der Weiterentwicklung der Verwaltungsstruktur. In den ersten Jahren stand die von oben neu eingesetzte Zivilverwaltung im Konflikt mit der parallel aufgebauten Militärverwaltung, wobei die entscheidenden Stellen nicht mit lokalen Akteuren besetzt, sondern in Prag ernannt wurden. Dies wiederum führte zu Reibungspunkten mit den lokalen Eliten, die auf die in den Friedensverträgen in Aussicht gestellte Autonomie pochten. Der von der tschechoslowakischen Regierung in Prag ernannte Gouverneursrat hatte eine rein beratene Funktion und konnte alleine nichts entscheiden (S. 35). Als deutliche Verbesserung zur ungarischen Administration stellen Rychlík/Rychlíková die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer und Frauen über 21 heraus, obgleich die Karpatenukraine von den Gemeindewahlen 1919 aufgrund der Kriegshandlungen ausgeschlossen war (S. 34). Dass dies auch für die Parlamentswahl 1920 galt, wird interessanterweise nicht erwähnt, obwohl es eben in diesem Gebiet 1924 eine Sonderwahl gab, die dann wiederum behandelt wird (S. 54).

Das mit fast 50 Seiten umfangreichste dritte Kapitel zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Podkarpatská Rus wird unterteilt in Sektionen zur Land- und Forstwirtschaft, dem Genossenschaftswesen, der Landreform, Industrie, Handel, Finanz- und Bankenwesen, Infrastruktur, Tourismus und den „sozialen Verhältnissen“. Rychlík/Rychlíková stützen sich hierbei auf eine umfangreiche Auswertung statistischer Daten und den zeitgenössischen Expertenmeinungen. Hier entfaltet sich das Bild einer Region, in der die Bevölkerung zu 60 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt war (S. 57), die als Wirtschafszweige jedoch im inländischen Wettbewerb nicht konkurrenzfähig waren (S. 61). Gleichzeitig konnte die Region, die als überbevölkert galt, durch die ineffektive landwirtschaftliche Produktion nicht selbstständig versorgt werden, was Anfang der 1920er- und 1930er-Jahre zu Hungersnöten führte (S. 97, 99). Der problematische Zustand der Infrastruktur erschwerte Hilfslieferungen sowie den innerstaatlichen Handel insgesamt, da die Transportwege zu weit und die Transportzeiten zu lange waren (etwa für einen Export von Obst, S. 63). Ein Export in das direkt angrenzende Ausland (Ungarn, Rumänien, Polen) war hingegen aufgrund von Handelsbeschränkungen limitiert (S. 64f.). Auch die Landreform zeigte nur begrenzte Wirkung, da es ausreichend verfügbares Land zum Verteilen lediglich dann gegeben hätte, wenn massiv Waldbestand gerodet worden wäre (S. 74). Der Tourismus konnte als Wirtschaftszweig nur mäßig genutzt werden. Eine touristische Infrastruktur war lediglich in den großen Städten des westlichen Landesteils wie etwa in Užhorod oder Mukačevo vorhanden (S. 94).

Das vierte Kapitel ist der Entwicklung des Bildungssektors gewidmet, in dem die demografische Struktur in der Frage der Unterrichtssprache deutlich wird. Laut Minderheitenschutzvertrag musste sie die der slawischen Mehrheitsbevölkerung sein. Deren Vertreter aber wurden sich nicht einig darüber, ob auf Russisch, Ukrainisch oder in den lokalen Dialektformen unterrichtet werden sollte. De facto entschied dies unter Tolerierung der Behörden der jeweilige Lehrer entsprechend seiner eigenen Sprachkenntnisse und nationalen Präferenzen (S. 108). Rychlík/Rychlíková erweitern den bisherigen Kenntnisstand der Forschung insbesondere dort, wo sie auf Archivmaterial zurückgreifen. Wir erfahren beispielsweise über die tschechischen Beamten in der Podkarpatská Rus, dass diese die ungarischen Staatsbediensteten von vor 1918 nicht ausnahmslos ersetzten, sondern diese lediglich im Polizeiapparat durch Tschechen ersetzt wurden (S. 121). Warum dies allerdings hier und nicht im Kapitel zur politischen Entwicklung erläutert wird, bleibt unklar.

Das als „Schluss“ betitelte letzte Kapitel ist mehr ein Ausblick, da hier eine knappe Darstellung der politischen Entwicklung von 1939 bis 1945 folgt, dem Karten, Statistiken und Fotografien zentraler Orte und Personen angehängt sind (S. 148–178). Während die Anfangs- und Schlusskapitel den vorhandenen Forschungsstand widerspiegeln, ist der Erkenntnisgewinn in den Ausführungen über die wirtschaftliche Entwicklung und gesamtstaatliche Einbindung sowie über das Bildungswesen am deutlichsten. Da hiermit Rychlík/Rychlíková ein zentrales Desiderat aufbereitet haben, leisten sie den beabsichtigten Beitrag zur Geschichte der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung dieser nach wie vor unterforschten Region. Dies gilt besonders, da hierfür die selten genutzten Materialien des Lokalarchivs in Berehove ausgewertet wurden.

Anmerkungen:
[1] Im Sinne von: Rogers Brubaker, Nationalism reframed. Nationhood and the National Question in the New Europe, Cambridge 1996.
[2] Vgl. etwa: Edvard Beneš, Řeč o problému podkarpatoruském a jeho vztahu k Československé republice [Rede über das karpatenukrainische Problem und seine Beziehung zur Tschechoslowakischen Republik], Užhorod 1934; Karel Čapek, Masaryk erzählt sein Leben. Gespräche mit Karel Čapek, Berlin 1935, S. 176f.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.07.2016
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